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Die Zukunft bauen

Schwerpunkt: Einkommen
Projektgebiet: Dano
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Vielen jungen Äthiopiern fehlen grundlegende Berufskenntnisse. Menschen für Menschen organisiert daher praktische Job-Trainings, in denen sie Imkern, Töpfern oder Mauern lernen. So können sich die jungen Erwachsenen auf dem äthiopischen Arbeitsmarkt behaupten und sich eine Existenz aufbauen.

Wer Buzuna Tasisas schmächtige Statur sieht, würde kaum denken, dass der 26-Jährige Maurer gelernt hat. Doch auf der Baustelle der neuen Schule, die Menschen für Menschen in der Gemeinde Kemeso Arere im Projektgebiet Dano errichtet, ist er in seinem Element: Zusammen mit etwa 20 jungen Frauen und Männern schippt er Sand in Eimer und schleppt Tragbahren voller Kiesel zu einem röhrenden Betonmischer. “Wir brauchen noch Wasser”, ruft er gegen das Rattern der Maschine an. Zwei Männer eilen mit Kanistern herbei.

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Nach seinem Schulabschluss hat Buzuna Tasisa lange Zeit als Tagelöhner gearbeitet – eine unsichere Einkommensquelle. Heute freut er sich über sein festes Einkommen von Menschen für Menschen.

Buzuna arbeitet im Auftrag von Menschen für Menschen auf der Baustelle der Schule. Er hat das Handwerk in einem 30-tägigen Maurer-Training erlernt, das die Äthiopienhilfe im Jahr 2018 in der Kleinstadt Seyo, unweit von Kemeso Arere, angeboten hatte.

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Für die Stiftung kontrolliert er auf der Baustelle die einzelnen Arbeitsschritte, prüft die Mischung aus Zement, Sand, Kies und Wasser, stellt sicher, dass die Gräben für das Fundament der Grundmauern tief genug sind.

Dabei arbeitet er eng mit dem Bauleiter der lokalen Firma zusammen, die von Menschen für Menschen mit dem Schulneubau beauftragt wurde. “Noch liegt einiges vor uns. Ist das Fundament fertig, fangen wir an, die Außenwände zu mauern”, erläutert Buzuna. “Dass die Schüler dann endlich in einer besseren Schule lernen, motiviert mich jeden Morgen.” Nur wenige Schritte entfernt hocken die Grundschülerinnen und -schüler dicht gedrängt in windschiefen Lehmhütten. Bei schlechtem Wetter regnet es in die Klassenräume. Durch die zu kleinen Fenster dringt kaum Licht.

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Unsicheres Leben

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Buzunas Schulabschluss liegt neun Jahre zurück. Seitdem schlug er sich mit Gelegenheitsjobs durch, arbeitete tageweise auf Baustellen, half in der Baumschule von Menschen für Menschen aus. In guten Monaten verdiente er umgerechnet 39 Euro. Doch sicher war dieses Einkommen nicht. “Ich hatte keine Ausbildung, keine Qualifikationen und nie eine Festanstellung”, erzählt Buzuna, inzwischen Vater von zwei Kindern. War ein Job beendet, fragte er in den Straßen von Seyo nach möglichen Auftraggebern oder wartete in klammen Morgenstunden frierend mit dutzenden anderen Tagelöhnern auf dem Marktplatz, wo Bauherren nach Arbeitskräften suchen. Oft ging Buzuna leer aus. “Ich konnte häufig nicht einschlafen, da ich nicht wusste, wie ich meine kleine Familie in den nächsten Wochen ernähren sollte”, sagt er.

Um junge Menschen wie Buzuna aus dem Kreislauf der Unsicherheit zu befreien, organisiert Menschen für Menschen in den Projektgebieten praktische Handwerkskurse und Berufstrainings. In Imkerseminaren lernen Teilnehmer, wie sich mit Bienenvölkern Honig und Wachs gewinnen und verkaufen lassen. Andere lernen, kunstvolle Vasen und Schüsseln zu töpfern oder Teppiche zu weben. Oftmals lädt die Äthiopienhilfe erfahrene Praktiker als Trainer ein – aus Addis Abeba oder wie im Fall des Maurer-Kurses direkt aus Seyo. “Unser Trainer war ein erfolgreicher Bauunternehmer aus der Stadt”, erzählt Buzuna. “Was ich von ihm gelernt habe, kann mir keiner nehmen. Ich bin sicher, dass ich in Zukunft von meiner Arbeit leben kann.”

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Ziel Selbstständigkeit

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Menschen für Menschen hat mit Buzuna für die gesamte Zeit des Schulneubaus einen Vertrag geschlossen und zahlt ihm umgerechnet rund 60 Euro monatlich. Außerdem wurden ihm eine Vertragsverlängerung und der Einsatz auf einer anderen Baustelle in Aussicht gestellt. Eine erfreuliche Entwicklung für Buzuna, der sich zwar später selbständig machen möchte: “Aber jede Erfahrung, die ich bei der Stiftung sammle, wird mir dabei helfen.”

Einer, der den Schritt in die Selbständigkeit schon gewagt hat, ist der 31-jährige Berhanu Teshome, der mit Buzuna den Maurer-Kurs absolvierte. Mit hellgrauem Muskelshirt und Schlapphut steht er auf einer wackeligen Holzleiter, klatscht mit seiner Maurerkelle grauen Putz an die Wand vor sich und streicht ihn glatt. Seit einigen Monaten saniert Berhanu ein Privathaus im Stadtkern Seyos. Außerdem hat er eine hohe Betonmauer um den Hinterhof des Hauses errichtet.

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Wie Buzuna hielt sich auch Berhanu früher mit Aushilfsjobs über Wasser, wechselte Reifen in einer Autowerkstatt und arbeitete als ungelernter Zimmermann auf dem Bau. Das brachte ihm kaum mehr als einen Euro am Tag. Wie hoch sein Verdienst heute ist, hängt vom Umfang und Aufwand seiner Aufträge ab. Allein für den Bau der Mauer um den Hinterhof kann er dem Hausbesitzer umgerechnet etwa 180 Euro berechnen.

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“Meine Arbeit ist mein Aushängeschild”

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Bald sind die Sanierungsarbeiten abgeschlossen, dann muss er sich um einen neuen Auftrag kümmern. „Ich mache mir keine Sorgen“, sagt Berhanu. Seyo wächst. Immer mehr Menschen zieht es aus den umliegenden Dörfern in die Kleinstadt. Hatte Seyo 2011 noch 10.000 Einwohner, sind es heute um die 15.000. “Solange das so bleibt, wird es immer Arbeit für mich geben.”

Werbung für sein Ein-Mann-Unternehmen braucht er nicht. “Das beste Aushängeschild ist meine geleistete Arbeit”, sagt er. Mauer für Mauer, Haus für Haus, Auftrag für Auftrag möchte er sich in den nächsten Jahren als Maurer einen Namen machen. Langfristig träumt er davon, sein eigenes Bauunternehmen zu leiten und beispielsweise Aufträge von Menschen für Menschen, wie einen Schulneubau, umzusetzen. Bis es soweit ist, freut er sich, dass er für seine Frau und seinen knapp einjährigen Sohn sorgen und ihnen sogar ab und an ein Geschenk mit nach Hause bringen kann. “Das wäre früher undenkbar gewesen.”

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Das Gold der Bienen

Schwerpunkt: Einkommen
Projektgebiet: Dano
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Durch das Grüne Innovationszentrum in Seyo haben die Menschen vor Ort nun direkt an der Wertschöpfung teil. Für junge Unternehmer wie Imker Shuguti ergeben sich so ganz neue Perspektiven.

Im Garten hinter Shuguti Shalamas Hütte summt es. Unzählige Bienen schwirren um elf Bienenkästen, sie landen auf sattgelben Blüten und fliegen zum nahe gelegenen Fluss, um zu trinken und Wasser zum Kühlen ihres Stocks zu sammeln.

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Langsam schreitet Shuguti an den Kästen entlang. Er prüft, ob sich irgendwo Termiten, Spinnen oder Ameisen angesammelt haben – die natürlichen Feinde seiner Bienen. Eine Imkerjacke schützt ihn dabei. Der schmale 22-Jährige hat sie von Menschen für Menschen nach einem Imkertraining der Stiftung erhalten. Dort lernte er, wie er verbesserte Bienenkästen aus Holz bauen kann. Sechs hat er bisher gefertigt. Sie stehen, vor der Sonne geschützt, unter einem mit trockenem Gras bedeckten Dach. Genauso wie weitere direkt einsatzbereite moderne Bienenstöcke, die Shuguti zu einem vergünstigten Preis von der Äthiopienhilfe gekauft hat.

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In einem Imkertraining hat Shuguti gelernt, wie er bessere Bienenstöcke bauen kann, die deutlich mehr Honig einbringen.
In einem Imkertraining hat Shuguti gelernt, wie er bessere Bienenstöcke bauen kann, die deutlich mehr Honig einbringen.
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Schon früher hat er sein Glück als Imker versucht: Mit den geflochtenen Körben, die er in die Bäume hängte, um wilde Bienen anzulocken, gewann er damals maxi­mal zwei Kilo Honig pro Stock. Die erste Ernte aus seinen neuen Bienenkästen steht ihm noch bevor. “Ich rechne mit mehr als 200 Kilo.”

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Start-ups und Wertschöpfungsketten

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Diese Ernte wird Shuguti an die Kooperativen im Grünen Innovationszentrum in Seyo verkaufen: Eine von ihnen verarbeitet den Honig weiter, andere Jungunter­nehmer füllen ihn ab und ein weiteres Unternehmen vermarktet ihn. 2015 hat Menschen für Menschen das Zentrum gemeinsam mit der Deutschen Gesell­schaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) in der Kleinstadt im Projektgebiet Dano ins Leben gerufen.

In dieser Gegend gedeihen Nigersamen, Mais, Sojaboh­nen besonders gut, doch bislang wurden diese Roh­stoffe von den hier lebenden Bauern kaum weiterver­arbeitet. Großhändler kauften sie zu einem sehr günstigen Preis an und transportierten sie ab. Das Zentrum dient dazu, diese Abschöpfung von Gewinnen zu verhindern: Ziel ist es stattdessen, Wertschöpfungs­ketten vor Ort aufzubauen und Einkommen vor allem für die vielen arbeitslosen jungen Menschen zu schaffen.

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Gesellschaftliche Entwicklung und Einkommen

Äthiopien ist ein Land, das in die Zukunft blickt: Rund 60 Prozent der Menschen sind unter 25 Jahre alt. Fehlen den Jungen jedoch Chancen, vor allem auf dem Arbeitsmarkt, steigt ihre Frustration. Sie wandern aus oder lehnen sich gegen die Regierung auf – im schlimmsten Fall mit Gewalt. Im Projektgebiet Dano haben wir deswegen in Kooperation mit der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) ein „Grünes Innovationszentrum“ geschaffen, das landwirtschaftliche Produktions- und Vertriebsgemein­schaften fördert. So wollen wir auf dem Land lokale Wertschöpfungsketten schaffen und vor allem jungen Frauen und Männern Zukunftsperspektiven bieten.

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Über 400 Frauen und Männer haben sich bislang in Start-ups organisiert. In der Gründungsphase erhielten sie ein Startkapital und Maschinen. In Trainings lernten sie, wie sie Honig weiterverarbeiten, Tierfutter herstellen und aus den Nigersamen wertvolles Öl produzieren können. Mittlerweile arbeiten die Kooperativen selbstständig. “Wir wollen jetzt noch mehr Menschen eine Perspektive bieten und die Produktion von Honig und Tierfutter weiter ausbauen”, beschreibt Tesfalidet Gebrekidan, stellvertretender Leiter des Projektgebiets Dano, das Ziel der bis 2021 angesetzten zweiten Projektphase, mit der 800 Frauen und arbeits­lose Jugendliche erreicht werden sollen.

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Imkerei – ein kostbarer Wirtschaftszweig

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Allein in Shugutis Gemeinde hat die Äthiopienhilfe 37 junge Imker geschult. Wie er beliefern sie die Kooperativen in Seyo und werden noch mehrmals die Woche von Entwicklungshelfern der Äthiopienhilfe besucht. “Das Imkern ist vor allem für die Menschen, die kein oder wenig eigenes Ackerland besitzen, eine gute Möglichkeit, Einkommen zu erwirtschaften”, sagt Tesfalidet. “Shugutis kleiner Garten reicht, um mit den Bienen genug Geld zu verdienen.”

Noch wertvoller als der Honig ist dabei das Bienenwachs. Pro Kilo bezahlen seine Abnehmer am Grünen Innovationzent­rum umgerechnet knapp 5,50 Euro. An einem Kilo Honig verdient der Jungimker etwa 4 Euro. “Früher habe ich das Wachs einfach weggeworfen. Ich wusste nicht, wie viel es wert ist”, sagt Shuguti. Mit dem Erlös der ersten 18 Kilo hat er sich zwei Schafe gekauft. “Wenn ich etwas Geld gespart habe, kaufe ich mir einen Ochsen”, sagt Shuguti.

Nach der dritten Klasse brach er die Schule ab, um seiner Familie auf dem Feld zu helfen. Dass er als An­alphabet in dem Training der Äthiopienhilfe einen Beruf erlernen konnte, macht ihn stolz: “Früher habe ich ir­gendwie versucht, Honig zu gewinnen, heute bin ich professioneller Imker”, sagt Shuguti grinsend. Er hat einen zweijährigen Sohn. “Elias soll lesen, schreiben und rechnen lernen und später studieren”, sagt er. “Für seine Zukunft werde ich hart arbeiten.” Die Bienen werden ihm dabei helfen.

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Selbstgewebte Zukunft

Schwerpunkt: Einkommen
Projektgebiet: Wore Illu
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In der Gemeinde Hochecho im zentraläthiopischen Hochland mangelt es an vielem: Immer mehr Menschen müssen sich das knappe fruchtbare Land teilen. Es fehlt an Nahrung, an Jobmöglichkeiten, an Geld zum Leben. Junge Frauen und Männer zieht es daher häufig nach Addis Abeba oder sie flüchten vor ihrer Ausweglosigkeit ins Ausland. Menschen für Menschen setzt hingegen auf neue Perspektiven in ihrer Heimat – ein Besuch bei den Teppichwebern in der Projektregion Wore Illu.

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Als ihr Sohn drei Jahre alt wurde, traf Aysha Mohammed die bisher schwerste Entscheidung ihres Lebens. Sie verließ ihr Kind, ihre Eltern, die vier Geschwister und ihre Heimat. Das Ziel: Saudi Arabien. Als Haushälterin wollte sie endlich Geld verdienen, zugunsten einer besseren Zukunft für sich und ihren kleinen Sohn. Zu Hause in der Gemeinde Hochecho, rund 300 Kilometer nordöstlich von Addis Abeba, ist das bis heute nur schwer möglich.

In der abgeschiedenen, ländlichen Region reicht das wenige fruchtbare Land kaum aus, um die wachsende Bevölkerung zu ernähren. Viele Familien leiden Hunger. Arbeit gibt es in der Regel nur auf dem Feld und im Haus der eigenen Familie – darüber hinaus haben junge Menschen wenig Möglichkeiten, selbst Geld zu verdienen.

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Wegen der Auswegslosigkeit scheiterte die Ehe von Aysha Mohammed. Um ihrem Kind trotzdem etwas zu bieten, traf sie eine schwere Entscheidung: Sie lies ihr Kind zurück, um in Saudi Arabien als Haushälterin zu arbeiten.

Auch die heute 22-jährige Aysha half ihrer Mutter nach ihrem Schulabschluss im Haushalt. Wenig später lernte sie ihren zukünftigen Ehemann kennen, wurde mit 17 schwanger. Doch bereits kurz nach der Geburt des Sohnes trennte sich das Paar. Zu auswegslos kam ihnen die Situation vor. “Wir waren komplett pleite und konnten uns kein gemeinsames Leben aufbauen”, sagt Aysha.

Doch ihr Traum, in Saudi-Arabien der eigenen Misere endlich zu entkommen, ging nicht in Erfüllung. Woche um Woche litt Aysha in der Fremde mehr, die Sehnsucht nach ihrem Sohn fraß sie auf. “Ich wurde depressiv”, erinnert sie sich.

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Spricht sie von der Zeit, wird ihre Stimme brüchig und immer leiser. Nach einem Jahr gab sie auf und kehrte nach Äthiopien zurück – mit leeren Händen:  Die Familie, für die sie in Saudi-Arabien arbeite, behielt ihren gesamten Lohn ein. Lediglich das Rückflugticket bezahlten sie ihr.

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Perspektiven in der Heimat schaffen

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Laut äthiopischem Ministerium für Arbeit und Soziales sind zwischen 2008 und 2013 etwa 460.000 Äthiopier in den Nahen Osten ausgewandert. Rund 85 Prozent waren Frauen aus ländlichen Regionen, die kaum die Schule besucht hatten und sich in der Ferne als Hausangestellte verdingten. Schätzungen zufolge liegt die Dunkelziffer allerdings deutlich höher, da die Statistik nur diejenigen aufführt, die legal ausgereist sind.

Im Herbst 2013 verbot die äthiopische Regierung die Auswanderung gering Qualifizierter in den Nahen Osten. Zuvor häuften sich Meldungen über Misshandlungen der Frauen. Saudi Arabien, eines der beliebtesten Zielländer, hatte außerdem mehrere Tausend illegale äthiopische Arbeiter ausgewiesen. Trotzdem verlassen bis heute noch viele Äthiopier ihr Heimatland. Sie sehen keinen anderen Ausweg aus ihrer Armut.

Hier setzt Menschen für Menschen an. In enger Abstimmung mit den lokalen Behörden haben die Entwicklungsarbeiter der Äthiopienhilfe Menschen wie Aysha ausgemacht – desillusionierte Rückkehrer aus dem Ausland, aber auch junge Leute, die sich, aus welchen Gründen auch immer, bislang noch nicht aufgemacht haben und oft im Nichtstun verharren.

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Sozialarbeiterin Zumra Eberia (Mitte) erklärt den Teilnehmerinnen und Teilnehmern des Jobtrainings, wie aus dem selbstversponnenen Garn kunstvolle Teppiche werden.

“Vor dem Training und der Arbeit profitieren nicht nur die Teilnehmer selbst”, erklärt Zumra Eberia. “Viele, die sonst die Region verlassen hätten, sehen endlich einen kleinen Fortschritt.” Die 29-jährige Sozialarbeiterin von Menschen für Menschen kennt die Gemeinde und ihre Probleme genau.

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Seit 2017 geht sie täglich von Hütte zu Hütte, zeigt den Bauernfamilien, wie sie auf Hygiene in der Küche, im Haushalt und auf dem Hof achten, klärt sie über Verhütung und die Vorteiler von weniger Kindern auf. Auch Aysha und die anderen Mitglieder der Teppichgruppe hat sie von Beginn an begleitet und schaut regelmäßig in der Werkstatt der Kooperative vorbei.

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Unabhängig werden

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Schwungvoll bedient Aysha Mohammed die Spindel. Sie verdient Geld mit der Herstellung von Teppichen und Schalen und kann so sich und ihren Sohn versorgen.

In der großen Lehmhütte sitzt Aysha auf einem dünnen Baumstamm. Von draußen scheint die Sonne herein, während sie konzentriert auf die Handspindel vor sich schaut. Sie baumelt an zwei dicken Wollfäden, die Aysha mit ihrer linken Hand hoch in die Luft hält. Sie gibt der Spindel einen Schubs. Nach und nach verzwirnt sie so die beiden Garne miteinander. “Ich war so froh, meinen Sohn endlich wieder im Arm zu halten. Dass ich dann gleichzeitig noch die Chance bekommen habe, hier zu arbeiten, macht mich sehr glücklich!”, sagt Aysha. Ein Lächeln huscht über ihr Gesicht.

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Kedir Ali ist körperlich behindert und hat ebenfalls in der Werkstatt Arbeit gefunden.

Um sie herum herrscht rege Betriebsamkeit. Während Aysha und einige andere Frauen die Wollgarne spinnen, sitzt der 20-jährige Kedir Ali vor dem großen Webrahmen, der mehr als die Hälfte der Werkstatt einnimmt. Wenn man zuschaut, wie er gekonnt Garn für Garn verwebt, deutet nichts darauf hin, dass ihm vielen in seinem Leben sonst schwerer fällt.

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Mit vier Jahren schwollen seine Beine plötzlich an, schmerzten – er hatte sich mit einem Bakterium infiziert. Bis heute ist sein linkes Bein deformiert. Eine genaue Diagnosebekamen Kedirs Eltern damals von den Ärzten im Dorf nicht. Kedir selbst vermutet, es war Polio.

Er war ein guter Schüler, doch in Hochecho reichte die Schule damals nur bis zur 8. Klasse. Undenkbar für ihn, den langen Fußmarsch zur nächstgelegenen weiterführenden Schule zu bewältigen. Fünf Jahre lang blieb Kedir daraufhin zu Hause, half seinen Eltern, so gut es ging, auf dem Feld und beim Versorgen der Tiere. Arbeit anzunehmen, bei der er schwer heben oder weit hätte laufen müssen, war für ihn unmöglich.

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Teppiche weben statt Wälder abholzen

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“Wir machen jetzt gleich eine Pause”, dringt eine laute Stimme durch die halbdunkle Werkstatt. Sie gehört Yeshi Muheye. Die 44-Jährige ist die Sprecherin der Gruppe und ebenfalls alleinerziehende Mutter. Früher stand sie häufig noch vor dem Morgengrauen auf und sammelte auf einen nahgelegenen Berg Feuerholz, das sie später auf dem Markt verkaufte. Von dem geringen Erlös konnte sie kaum sich und ihre drei Kinder ernähren, machte sich aber strafbar und riskierte verhaftet zu werden. Denn wegen der drohenden Erosion an den Hängen ist es verboten, auf dem Berg Holz zu schlagen.

Das Jobtraining von Menschen für Menschen bot Yeshi eine Alternative. Während des einmonatigen Webkurses erhielt sie  wie alle anderen Teilnehmer umgerechnet 90 Euro, weil sie in dieser Zeit nichts verdienen konnte. Das Geld reichte, um sogar noch ein Schaf und einige Hühner anzuschaffen. Mit dem Verkauf der Eier kann Yeshi für ihre Kinder und sich sorgen und ihre 15-jährige Tochter Kemila kann endlich wieder regelmäßig zur Schule gehen.

Noch leben wie Yeshi alle Mitglieder der Teppichgruppe von solchen Nebenerwebstätigkeiten, die sie mithilfe von Menschen für Menschen aufbauen konnten. Für ihre Teppiche erhalten sie je nach Größe umgerechnet zwischen vier und 15 Euro. Den Großteil der Gewinne investieren sie in neue Wolle, Plastik oder andere Materialien auf dem Markt und vor allem sparen sie: 26.000 Birr, etwa 800 Euro, liegen bereits auf einem Bankkonto. “Wenn wir genug Geld haben, wollen wir einen Lieferwagen kaufen”, erzählt Yeshi. “Damit können wir unsere Produkte zu den größeren Märkten bringen, wo wir auch mehr verdienen.”

Ein großer Plan, doch die Teppichweber trauen sich zu, diesen umzusetzen. Das Jobtraining hat sie selbstbewusster gemacht.  “Früher haben viele nicht einmal gewagt, ihre Meinung zu sagen. Heute fühlen sie sich sicher und stark.”, sagt die Sozialarbeiterin Zumra. Besonders stolz ist sie auf Yeshi, die nicht nur als Sprecherin der Gruppe Verantwortung übernimmt. “Früher haben mich häufig Zukunftssorgen geplagt”, sagt Yeshi. “Heute habe ich keine Angst mehr. Ich möchte, dass auch andere, denen es heute ähnlich geht wie mir früher, die gleiche Chance bekommen.”

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Die nächste Generation

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Dafür gibt es demnächst Gelegenheit, denn bald soll ein weiteres Jobtraining in Hochecho geben. Die Kooperative um Yeshi möchte wachsen, ihr Angebot um neue Produkte und Designs erweitern und größere Mengen produzieren. Um die Zeit bis dahin zu überbrücken und weitere interessierte Frauen und Männer schon schrittweise ins Boot zu holen, engagiert die Teppichgruppe sie zunächst als Verkäufer.

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Nejat Endris verkauft die Teppiche und Schalen auf dem Markt und freut sich darauf, bald selbst in die Werkstatt einzusteigen.

Dazu gehörte die 20-jährige Nejat Endris, die in Addis Abeba als Kindermädchen ihr Glück versuchte und doch nur Ausbeutung erfuhr. Jetzt bietet sie zweimal in der Woche die Teppiche und Schalen auf dem Markt an. An jedem verkauften Exemplar verdient Nejat zwar nur wenige Cent, aber so zeigt sie ihr Interesse an der Arbeit und den Willen, hart zu arbeiten.

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“Wann immer ich Zeit habe, gucke ich auch beim Weben und Spinnen zu oder probiere es selbst schon einmal aus”, erzählt sie. Die Teppichproduzentinnen sind Nejats große Vorbilder: “Viele der Frauen saßen vorher nur zu Hause, hatten keine Aufgaben und waren von ihrem Mann abhängig. Heute verdienen sie ihr eigenes Einkommen. Das möchte ich auch erreichen.”

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Töpferkurse für Frauen in Mahidere Selam

Schwerpunkt: Einkommen
Projektgebiet: Wogdi
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Nach traditionellem Verständnis haben Frauen in Äthiopien viele Pflichten und wenige Rechte. Sie sollen Kinder gebären und sich um ihre Erziehung kümmern. Ihre Aufgabe ist es, den Haushalt zu führen, Essen zuzubereiten und bei Bedarf auf dem Feld mitzuhelfen. Zudem müssen sie lange Fußmärsche für Wasser und Brennholz auf sich nehmen.

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Ein eigenes Einkommen haben diese Hausfrauen nicht – und so geraten sie schnell in existenzielle Notlagen, wenn sie, etwa durch eine Scheidung oder den Tod des Ehemannes, gezwungen sind, sich und ihre Kinder allein zu ernähren.

So ging es Fatuma Wale aus dem Dorf Mahidere Selam in der Projektregion Wogdi. Die 35-Jährige hat sich von ihrem Mann getrennt, seither lebt sie mit ihrer 16-jährigen Tochter Marem allein. “Nach der Scheidung haben wir unser Land aufgeteilt”, sagt Fatuma. Sie erhielt einen Viertel Hektar Acker, der nur etwa 50 Kilo Teff (Zwerghirse) im Jahr abwirft. “Wir hatten nie genug zu essen und mussten ständig Verwandte und Nachbarn um Hilfe bitten.”

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Fatuma Wale absolvierte einen Töpferkurs.

Also fing Fatuma an, Töpferwaren zu fertigen. “Das hat aber lange gedauert, weil ich keine Töpferscheibe hatte. Zudem waren die Stücke zerbrechlich, weil sie nicht gebrannt wurden.” Für eine Schüssel zahlten Kunden ihr auf dem Markt nur 10 Birr, rund 40 Eurocent. Ein weiteres Problem war, dass Fatuma den neuen Nebenjob mit dem Verlust ihres Ansehens bezahlte.

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In einigen ländlichen Regionen Äthiopiens ist nämlich ein alter Aberglaube noch immer verbreitet: Handwerkern wie Schmieden und Webern, aber auch Töpfern wird der “böse Blick” nachgesagt. Sie gelten als verflucht und werden ausgegrenzt. “Auf der Straße wenden sich manche Leute ab”, sagt Fatuma. “Aber was sollte ich denn tun? Zuletzt hatte ich auch noch eine Ernte verloren. Das Töpfern war, auch wenn es nicht viel einbrachte, meine letzte Rettung.”

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Ziele

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Menschen für Menschen hat sich zum Ziel gesetzt, die Lebensbedingungen der Frauen zu verbessern und ihre soziale Stellung zu stärken. Starthilfen für den Aufbau einer wirtschaftlich tragfähigen Existenz sind besonders gut geeignet, den Kreislauf der Armut zu durchbrechen.

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  Mulu Assefa ist eine von zehn Frauen, die sich mit dem Kleinkredit von Menschen für Menschen erfolgreich selbständig gemacht haben. Zu ihren Produkten gehören unter anderem Kaffeeöfen, Vasen und Schüsseln.
Mulu Assefa ist eine von zehn Frauen, die sich mit dem Kleinkredit von Menschen für Menschen erfolgreich selbständig gemacht haben. Zu ihren Produkten gehören unter anderem Kaffeeöfen, Vasen und Schüsseln.
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Maßnahmen

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Fatuma Wale ist eine von zehn Frauen aus Mahidere Selam und Umgebung, die an einem Töpferkurs teilnehmen, den Menschen für Menschen speziell für Frauen anbietet, die ein eigenes Einkommen benötigen, um sich und ihre Kinder zu ernähren. Zwei Monate lang lernen die Frauen, wie man hochwertige Töpferwaren produziert.

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Töpferkurs in einem von Menschen für Menschen gemieteten Haus.

Gemeinsam suchen sie die besten Tonsteine der Gegend, schleppen sie in ihre Werkstatt und mahlen sie dort zu feinem Pulver, das sie zu einer weichen Masse anrühren. Anschließend formen sie mithilfe von Töpferscheiben Vasen, Schüsseln oder Kannen, brennen ihre Werke und verzieren sie mit Pinsel und Farbe.

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Ergebnisse

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Jeden Samstag stehen die Frauen jetzt auf dem Markt von Mahidere Selam und bieten ihre Waren an. “Man sieht unseren Töpfereien an, dass sie von hoher Qualität sind”, sagt Fatuma Wale. 30 Birr, rund 1,20 Euro, zahlen Kunden ihnen für eine Kanne.

“Und noch etwas hat sich verändert: Seit die Frauen aus dem Töpferkurs gemeinsam auf den Markt gehen, um dort ihre Produkte anzubieten, haben die Anfeindungen abgenommen.”

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Ausbilderin Endadele Azene in ihrem Metier.

Vielleicht ist es die Qualität der Waren, die ihnen Respekt einbringt, vielleicht auch ihr selbstbewusstes Auftreten: Fatuma Wale ist sich jedenfalls sicher: “Unsere gute Arbeit und unser Erfolg beweist, dass wir keine schlechten Menschen sind.”

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Eingesetzte Finanzmittel

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Die Ausgaben für einen achtwöchigen Töpferkurs liegen in Wogdi bei rund 217 Euro pro Teilnehmerin. Darin enthalten sind Tagesspesen, Kosten für die Lehrkraft, Trainingsmaterial und ein Zuschuss von 50 Prozent zu einer eigenen Töpferscheibe. 2015 nahmen in Wogdi zehn Frauen an Töpferkursen teil, die Kosten beliefen sich insgesamt auf 2.172 Euro.

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“Als junge Frau habe ich einen Töpferkurs von Menschen für Menschen besucht. Heute bin ich Töpferin und bilde andere Frauen für dieses Handwerk aus. Ich weiß, dass man mit diesem Beruf das Gerede vom “bösen Blick“ schwer los wird. Aber mit der verbesserten Qualität unserer Waren steigt auch unser Ansehen.“ sagt die 40-jährige Endadelegn Azene, Töpfertrainerin aus Merhabete.
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Milch macht stark

Schwerpunkt: Einkommen
Projektgebiet: Borecha
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Viele Initiativen der Äthiopienhilfe zielen darauf ab, die Frauen ökonomisch zu stärken: Im Dorf Beleti regte Menschen für Menschen vor vier Jahren eine Milchgenossenschaft an. Mittlerweile betreiben die Mitglieder ihre Kooperative ganz ohne Unterstützung von außen.

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In Beleti im Projektgebiet Borecha versammeln sich in einer Rundhütte jeden Tag Frauen, die beim Reden selbstbewusst die Fäuste in die Hüften stemmen und mit offenem Blick diskutieren. Ob sich in ihrem Leben etwas verändert hat, seit sie sich zu einer Milchgenossenschaft zusammengeschlossen haben? “Und ob!”, sagt Alea Aburamau und lacht: “Allein, wenn ich früher eine Handvoll Kaffeebohnen kaufen wollte, musste ich immer meinen Mann um Geld fragen – das ist zum Glück vorbei. Jetzt entscheiden wir gemeinsam, für was wir Geld ausgeben, und manchmal entscheide ich auch einfach alleine.” 300 Birr verdient jede der drei Dutzend Frauen durchschnittlich durch den Milchverkauf an die Kooperative im Monat – umgerechnet 13 Euro. Eine beträchtliche Summe, wenn man weiß, dass ein lokaler Arbeiter für diese Summe acht lange Tage arbeiten muss.

In ausgehöhlten Flaschenkürbissen liefern die Frauen die Milch in den Tukul der Kooperative, eine der traditionellen Rundhütten mit Grasdach. Während Privatleuten ein Wellblechdach als Statussymbol gilt, verzichtet die Kooperative lieber darauf: “Unter dem Grasdach ist es kühler, die Milch hält länger”, erklärt Mitglied Fatuma Halischo, die entspannt im Türrahmen lehnt: In Beleti gibt es keinen Strom, also auch keine Kühlschränke.

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Echte Selbstentwicklung

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Durch die Genossenschaft haben die Frauen immer einen Abnehmer und stabile Preise. Sämtliche Milch wird lokal verkauft, die Nachfrage ist in der Trockenzeit am größten, wenn die Kühe kaum Milch geben. Während in der industrialisierten Landwirtschaft Europas die mit Kraftfutter versorgten Hochleistungskühe bis zu 50 Liter Milch am Tag geben, sinkt die Leistung der Kühe in Äthiopien teils auf einen Liter pro Tag.

Traditionell treiben die Bauern ihre Tiere zur Weide auf karges Brachland, wo sie sich ihr Futter mühsam selber suchen müssen, und dabei viele Kalorien verbrennen. Deshalb versucht Menschen für Menschen in seinen Projektgebieten, die Viehhaltung mit zumindest zeitweiliger Stallhaltung, der Einführung neuer Futterpflanzen und der Einkreuzung europäischer Hochleistungsrassen effizienter zu machen. Die Genossenschaft in Beleti wurde vor vier Jahren auf Initiative von Menschen für Menschen gegründet. Die Äthiopienhilfe unterrichtete die Frauen in Buchhaltung und stattete sie mit Geräten aus, etwa Metallkannen zur Aufbewahrung der Milch – mehr brauchte es nicht, um eine nachhaltige Hilfe zur Selbstentwicklung in Gang zu setzen.

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Handel bringt Wandel

Schwerpunkt: Einkommen
Projektgebiet: Borecha
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Im Projektgebiet Borecha hat Menschen für Menschen ein umfangreiches Kleinkredit-Programm gestartet. 1.500 Frauen sollen in den Grundlagen des kaufmännischen Handelns unterrichtet werden und Kleinkredite von zunächst 4.000 Birr (etwa 175 Euro) erhalten. Dieses Geld sollen sie gewinnbringend in ein Geschäft investieren. “Die Menschen in Borecha leben weit verstreut in Weilern und einzelnen Gehöften”, erklärt Wondemu Weldemeskel, Mikrofinanz-Experte der Äthiopienhilfe. “Die Einkommensmöglichkeiten der Frauen beschränken sich auf Landwirtschaft und Kleinhandel.” Viele Kreditnehmerinnen kaufen Schafe oder Ziegen, mästen die Tiere und veräußern sie wieder. Mit dem erzielten Verdienst kaufen sie dann junge Rinder, deren Mast noch gewinnbringender ist. Andere Frauen steigen auf den lokalen Märkten in den Kleinhandel mit Getreide und Kaffeebohnen ein.

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Kleinkredite sind für Menschen für Menschen ein wichtiges Instrument, die soziale und ökonomische Position der Frauen zu verbessern: “Damit können sie ihre Entwicklung selbst in die Hand nehmen”, erklärt Wondemu Weldemeskel. “Die wirtschaftliche Unabhängigkeit stärkt das Selbstvertrauen der Bäuerinnen und ihre Stellung in der Familie und der dörflichen Gesellschaft.” Im ganzen Land haben bislang mehr als 18.000 Frauen dank eines Kleinkredits der Äthiopienhilfe die Chance erhalten, zum kargen Einkommen ihrer Familien beizutragen.

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“Ich werde Kaffee und Getreide aus meinem Dorf in die Stadt Yanfa bringen und dort mit gutem Gewinn verkaufen.”
Olia Siratsch, 32, Mutter von vier Kindern aus dem Dorf Dello

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“Ich werde ein Kalb kaufen. Nach einem halben Jahr kann ich es für das Doppelte des Einkaufspreises veräußern.”
Kamaru Ebe, 30, Mutter von vier Kindern aus dem Dorf Gute

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Ein schlaues Geschäftsmodell

Schwerpunkt: Einkommen
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Talent und Fleiß reichen in Äthiopien häufig nicht aus, um es zu etwas zu bringen. Es fehlt den Menschen schlicht an einer finanziellen Starthilfe. Auch für Bizuwork Gulilat brachten erst die von Menschen für Menschen initiierten Kleinkredite das Entkommen aus der Armut.
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Wie sich Bizuwork Gulilat auch nach der Decke streckte, sie kam aus dem Elend nicht heraus. Um die Familie zu versorgen, sammelte sie Holz, schleppte Wasser ins Haus, besorgte Gerste und Hopfen auf dem Markt und stand tagelang am offenen Feuer ihrer rußgeschwärzten Hütte, um Tella zu brauen, das lokale Bier. Die Gäste kamen gern in ihre kleine Schenke. Trotzdem ging es der Familie mit den vier Kindern schlecht. “Wir lebten von der Hand in den Mund”, erzählt die Wirtin. Ihr Mann hat nur ein kleines Stück Land, um darauf Hirse anzubauen. “Wir waren so arm, dass ich den Gewinn aus dem Ausschank nie sparen konnte, sondern immer gleich für Lebensmittel ausgeben musste.” Den Hopfen und die Gerste für neues Bier konnte Bizuwork Gulilat dann immer wieder nur auf Kredit kaufen. Doch die privaten Geldverleiher verlangen einen horrenden Zins von zehn bis fünfzehn Prozent –nicht pro Jahr, sondern pro Woche!

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Ein beachtlicher Aufstieg

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“So ging das bis vor sieben Jahren”, erzählt die 49-Jährige in ihrer Schenke in der Kleinstadt Alem Katema. “Zum Glück ist das vorbei.” Heute flimmert im Gastraum ein Fernsehgerät, vor dem Haus hat Bizuwork den seltenen Komfort eines eigenen Wasseranschlusses, und im Haus gibt es sogar ein Telefon.

Der beachtliche Aufstieg ist ihrem Fleiß geschuldet und einer finanziellen Starthilfe. Überall in den Projektgebieten organisiert die Äthiopienhilfe Frauengruppen und stattet sie mit einem Grundkapital aus. Dieses wird als Kleinkredit an die Gruppenmitglieder ausgegeben. In einer dieser Gruppen erhielt Bizuwork einen Kredit über umgerechnet 60 Euro. Damit kaufte sie neben neuen Rohstoffen für Bier und Arake, dem lokalen Branntwein, auch zwei Schafe: ein schlaues Geschäftsmodell. Endlich war sie den Wucherern entkommen und die Maische aus der Getränkeproduktion war nun kein Abfall mehr, sondern wertvolles Tierfutter.

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Die Milch macht´s

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Bizuwork Gulilat hat heute Schafe und eine Milchkuh und braut Bier und Schnaps, den sie in ihrer kleinen Schenke den Gästen kredenzt.

Nach zwei Jahren hatte sie den Kredit zurückbezahlt und damit Anrecht auf einen neuen, höheren Kredit: Mit den nun erhaltenen 220 Euro kaufte sie eine Kuh. Als diese ein Kalb bekam, wurde Milch ihre Haupteinnahmequelle neben dem Verkauf von Bier, Branntwein und Schafen – mittlerweile hat sie eine Herde von zehn Tieren. Milch erzielt relativ hohe Preise von 65 Eurocent pro Liter und ist damit drei Mal so teuer wie das Eigengebräu.

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Mit diesen Erlösen zahlte die Geschäftsfrau den Kredit zurück und leistete sich Verbesserungen am Haus. “Ja, ich bin stolz. Aber viel, viel wichtiger als TV und Telefon ist, dass ich durch meinen Geschäftserfolg meinen Kindern nun den Schul- und sogar den Universitätsbesuch ermöglichen kann”, freut sich Bizuwork. “Sie bekommen einen guten Start ins Leben”

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Naymas Plan

Schwerpunkt: Einkommen
Projektgebiet: Babile
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Fatuma Ali ist stolz auf ihre Tochter Nayma. Sie ist die erste ausgebildete Englischlehrerin im Dorf Kito im Projektgebiet Babile. Seit September unterrichtet sie an der Schule der gleichnamigen Kleinstadt die Grundschüler in Englisch und Sachkunde. Fatuma und ihr Mann Hassan haben vier Kinder und leben von der Landwirtschaft.

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Mithilfe der landwirtschaftlichen Berater von Menschen für Menschen erzielt die Familie heute gute Erträge aus ihrem Getreide- und Gemüseanbau. Durch einen Kleinkredit der Äthiopienhilfe erwirtschaftet Fatuma durch Viehzucht und Erdnusshandel ein zusätzliches Einkommen. So konnte sie all ihren Kindern eine gute Schulbildung ermöglichen. Vor kurzem hielt ein reicher Bauer um die Hand der hübschen Nayma an und bot als Gegenleistung an, das Feld der Familie mit seinem Traktor zu pflügen.

Die Eltern überließen Nayma die Entscheidung. Doch die kann sich eine frühe Heirat gar nicht vorstellen: “Ich habe einen Plan.” sagt sie selbstbewusst und erzählt, dass sie bald ihren Traumberuf erlernen wolle und deshalb einen Teil ihres derzeitigen Gehalts für eine dreijährige Ausbildung zur Krankenschwester spare. Heiraten möchte sie erst später und von ihrem Zukünftigen hat sie eine genaue Vorstellung: “Er muss meinen Wunsch auf Bildung respektieren.”

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Nayma ist die erste ausgebildete Englischlehrerin in Kito
Nayma ist die erste ausgebildete Englischlehrerin in Kito
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Schutz für die Schwachen

Schwerpunkt: Einkommen
Projekt: Abdii Borii Kinderheim
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Mit wachen Augen blickt die kleine Hanna Wakgira in die Welt. In eine Welt, die sie fast nie kennengelernt hätte. Hannas Vater verließ die Mutter noch vor ihrer Geburt. Ihre Mutter ist bettelarm und psychisch labil. Nachbarn sagen, sie werde von Wutanfällen heimgesucht und könne sich dann kaum kontrollieren. Bereits vor der Geburt habe sie angekündigt, das Kind töten zu wollen.

Die Polizisten, die die Nachbarn kurz nach der Geburt riefen, fanden die Mutter und ihr Neugeborenes blutverschmiert und verwahrlost vor. Sie nahmen Hanna mit und brachten sie ins Mettu-Karl-Hospital in der westäthiopischen Stadt Mettu, in der auch das “Abdii Borii Childrens’ Home”, das 1996 gegründete Kinderheim der Stiftung, steht. Einen Tag später wurde Hanna dort aufgenommen.

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Das war im Dezember 2016. Heute ist die kleine Hanna eines der jüngsten Kinder in Abdii Borii. Hier wird sie Liebe und Geborgenheit finden, um zu einer selbstbewussten jungen Frau heranzuwachsen.

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Die Erzieherinnen im Abdii Borii kümmern sich liebevoll um ihre Schützlinge.

Wenn sie mit 17 oder 18 Jahren die Schule beendet, wird die Stiftung ihr die Ausbildung oder das Studium finanzieren können – damit Hanna Wakgira ihren Platz in der Welt findet, in die sie mit diesem neugierigen Blick gestartet ist.

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Bessere Lebensbedingungen

Schwerpunkt: Einkommen
Projektgebiet: Borena
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Menschen für Menschen setzt sich für eine Verbesserung der Lebensbedingungen der weiblichen Bevölkerung in Äthiopien ein. Allein im Jahr 2016 besuchten 6.750 Frauen hauswirtschaftliche und handwerkliche Trainings. 1.792 Frauen nahmen Mikrokredite in Anspruch.

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“Wer sich, wie wir, in Äthiopien für Frauen einsetzt, bricht mit uralten Traditionen. Damit machen wir uns nicht nur Freunde. Viele Männer möchten zum Beispiel nicht, dass ihre Frauen auch etwas verdienen, dass sie selbstständig – und selbstbewusst werden. Einmal erhielt eine Frau einen Mikrokredit, von dem sie sich ein Schaf kaufen konnte – mit dem Verkauf von Milch und Wolle wollte sie ein wenig Geld verdienen. Als ihr Mann davon erfuhr, forderte er sie auf, das Tier wieder zu verkaufen.

Doch die Frau wehrte sich. Sie zog mit dem Tier zu Verwandten. Anschließend haben wir in Gesprächen zwischen den Ehepartnern vermittelt. Am Ende willigte der Mann zähneknirschend ein. Doch es sind nicht nur Männer, auch manche Frauen stemmen sich gegen Veränderungen. Wenn wir zum Beispiel Zement-Öfen verteilen, die weniger Holz verbrauchen und kaum Rauch produzieren, nutzen einige Frauen diese gar nicht, sondern halten lieber am Althergebrachten fest. Oft schaffen wir es aber, sie zu überzeugen.

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Wenn ich Rückschläge erlebe, denke ich immer an meine Mutter. Sie hat meine drei Geschwister und mich ganz allein großgezogen, nachdem unser Vater sie verlassen hatte. Um uns zu ernähren, hat sie ein kleines Stück Land bewirtschaftet und “Tella”, hausgemachtes Bier verkauft. Davon konnte sie uns gerade so ernähren. Ich glaube, von ihr habe ich gelernt, nicht aufzugeben, auch wenn die Aufgabe noch so riesig erscheint.”

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ASEGEDECH SIMEGN (48) ist seit 17 Jahren als Sozialarbeiterin bei Menschen für Menschen im Projektgebiet Borena tätig.

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Die Stiftung Menschen für Menschen - Karlheinz Böhms Äthiopienhilfe ist eine öffentliche Stiftung des bürgerlichen Rechts. Sie wird beim Finanzamt München unter der Steuernummer 143/235/72144 geführt und wurde zuletzt mit Bescheid vom 11. Juni 2018 wegen Förderung steuerbegünstigter Zwecke von der Körperschafts- und Gewerbesteuer befreit und somit als gemeinnützige Organisation anerkannt.