Zwanzig Minuten für ein neues Leben
Abgeschlossenes Projektgebiet Borena (2011 - 2023)
Fehlende Augenärzte
Grauer Star kann durch eine Routineoperation geheilt werden. Doch mangelt es, wie in vielen afrikanischen Staaten, an medizinischem Personal: Laut WHO ist ein Augenarzt in Afrika statistisch gesehen für eine Million Menschen zuständig, in Deutschland für rund 13.000. Die überwiegende Anzahl praktiziert in den großen Städten wie Addis Abeba. Für Menschen in entlegenen Gebieten sind sie oft unerreichbar. Zu weit die Reise, unerschwinglich der Transport, die Unterkunft in der Stadt und die Kosten für die Operation.
Um ihnen dennoch eine Chance auf eine Heilung zu geben, organisiert Menschen für Menschen mehrmals im Jahr kostenlose Operationen. Mitarbeiter wie Tiringo Hibiste kontrollieren bei einer Voruntersuchung, ob die Patienten tatsächlich an Grauem Star leiden oder beispielsweise an der bakteriellen Infektion Trachom. Die kann die Krankenschwester selbst behandeln. Die Operation am Grauen Star führt ein dafür ausgebildeter Augenarzt, wie Fekadu Kassahun, durch. Neben seinem Job in einem Krankenhaus in der Hauptstadt arbeitet er mit der Äthiopienhilfe zusammen. Die Stiftung bezahlt dem Arzt und seinen Helfern ein Tagegeld, die Linsen und das benötigte medizinische Material wie Nadeln, Watte und Desinfektionsmittel. Für Transport und Logis kommen die Regierung und das Krankenhaus auf. Im ersten Halbjahr 2019 konnte Menschen für Menschen so 593 Graue Star-Operationen ermöglichen.
Bevor er zum ersten Mal in ein Projektgebiet kommt, müssen Mitarbeitende der Stiftung auf die anstehende Möglichkeit von Operationen hinweisen. „Die Menschen wissen oft nicht, woran sie erkrankt sind und dass wir ihnen helfen können“, erklärt Fekadu. „Mittlerweile kennen viele jemanden, den wir heilen konnten.“ So war es auch bei Abiye und Lakew. Ein Mann ihrer Kirchengemeinde gewann durch die Operation sein Augenlicht zurück.
„Wir sind sicher, dass wir in guten Händen sind“, sagt der 85-jährige Abiye. Zunächst hatte er seinen jüngeren Bruder getröstet, der nach und nach immer schlechter sehen konnte. Als er vor vier Jahren ebenfalls merkte, dass sich seine Sicht eintrübt, bekam er große Angst. „Ich wollte nicht so enden wie er“, erinnert sich Abiye. „Oft habe ich mich gefragt, was wir als Familie falsch gemacht haben, warum wir so verflucht wurden.“
Zuletzt mussten ihre Kinder die Arbeit auf dem Feld erledigen. Zur Operation begleitet sie Abiyes Sohn Fentahun. Gehen die drei über das Gelände der Projektzentrale, geht er voran. Abiye und Lakew hinterher, den Schal des Vordermannes umklammert. „Ich kann kaum erwarten, das Gesicht dieses Mannes wiederzusehen“, sagt Abiye. Lakew lacht. Beide werden zuerst an einem Auge operiert. Für das andere müssen sie noch einmal wiederkehren.
Nicht zu lange warten
Hoffnung auch für die Jüngsten
Wie jedes Wochenende ging Emam Set Aytenew vor einem Jahr in den Wald, sammelte Feuerholz für ihre Familie. Doch die Äste und Sträucher vom Boden waren alle bereits aufgesammelt. Also kletterte sie auf einen Baum. Sie rutschte ab und ein Ast schlug ihr ins linke Auge. Trotz Schmerzen konnte sie mit eigener Kraft nach Hause taumeln. Drei Wochen nach dem Unfall verschlechterte sich ihre Sehkraft, immer mehr trübte sich ihre Linse ein.
„Ich möchte endlich wieder richtig schreiben können“, sagt Emam Set, die einmal Lehrerin werden möchte. Sie besucht die 5. Klasse. Zwar konnte sie die Schrift in Arbeitsheften und auf der Tafel noch lesen, doch beim Schreiben auf einer Linie musste ihre beste Freundin ihr helfen. Als ihr Onkel auf dem Markt erfuhr, dass Menschen für Menschen die Operation in Borena anbietet, machte sich Emam Set auf den Weg.
Unter den Augen von Karlheinz Böhm
Zwanzig Minuten, mehr braucht er nicht, um Abiye, Lakew, Emam Set jeweils ein neues Leben zu schenken. Unter den Augen von Karlheinz Böhm, dessen Portrait in dem Operationssaal an der Wand hängt, schaut Fekadu durch ein Mikroskop auf das Auge.