Äthiopiens Frauen fassen Mut
Ein zerstörter Traum
Als der Bauch immer größer wurde, traute sich Ababaye nicht mehr zur Schule. Zu Hause brachte sie das Mädchen Sisay zur Welt und versteckte sich fortan. Als Takele, ein junger Mann aus dem Dorf, sie trotz ihrer unehelichen Tochter heiraten wollte, sagten ihre Eltern: „Das ist deine einzige Chance.“ Ababaye willigte ein. Jetzt war sie eine 16-jährige Ehefrau. Sie bekam in den folgenden Jahren drei Söhne, der jüngste ist zwei Jahre alt.
Vergewaltigungen junger Mädchen auf dem Lande waren lange alles andere als Einzelfälle. In manchen abgelegenen Gebieten gibt es sogar die Tradition von Mädchen-Entführungen. Indem die Entführer ihnen Gewalt antun, zwingen sie die Entführten zur Ehe – der einzige Weg für die jungen Frauen, ihr Ansehen in den dörflichen Gesellschaften wieder herzustellen, ist die Heirat mit dem Täter. Eine Thematik, die zum Beispiel im Film „Das Mädchen Hirut“ auf berührende Weise dargestellt wird.
Wegbereiter Karlheinz Böhm
Seit einigen Jahren wenden sich die äthiopischen Behörden massiv gegen schädliche Traditionen und drängen sie erfolgreich zurück. Ein Vorkämpfer auf diesem Weg war bereits seit den Neunziger Jahren Karlheinz Böhm. Nachdem er miterlebt hatte, wie ein Mädchen an den Folgen einer Beschneidung gestorben war, setzte er sich vehement gegen die noch weit verbreitete Genitalverstümmelung und andere schädlichen Traditionen ein. Vor allem dank des Engagements von Menschen für Menschen gelang es vielerorts, die brutale Sitte abzuschaffen.
Zum Kampf für die Rechte von Frauen gehörte für Karlheinz Böhm der Einsatz gegen Frühverheiratung und für den Schulbesuch von Mädchen. Viele weitere Angebote von Menschen für Menschen tragen entscheidend dazu bei, die Selbstbestimmung und Lebensbedingungen der Äthiopierinnen zu verbessern: Familienplanung, Lese- und Schreibkurse, berufliche Trainingsprogramme und die Vergabe von Kleinkrediten an Frauen beispielsweise.
Doch zu helfen ist gar nicht so einfach: Die Menschen sind skeptisch. Auch Tashome hatte schon vor knapp zwei Jahren die Chance erhalten, an landwirtschaftlichen Trainings teilzunehmen und verbessertes Saatgut zu erhalten. „Doch wie viele andere Bauern war ich misstrauisch“, gibt Tashome zu. „Wir fragten uns: Warum wollen uns die Fremden helfen? Haben sie eine geheime Absicht?“
Bei den Zusammenkünften mit den Frauen aus dem Dorf war Ababaye immer eine der stillsten: Der angenommene Makel, eine uneheliche Tochter geboren zu haben, saß tief. Dass sie jetzt zum ersten Mal offen von dem Verbrechen erzählt, das ihr angetan wurde, hat mit Kassech Zewde zu tun.
Die 38-Jährige ist in Rogie der Fortschritt in Person. Vor einem Jahr kam die Sozialarbeiterin von Menschen für Menschen in das entlegene Dorf im neuen Projektgebiet Dano. Bis in die entlegensten Weiler schickt die Stiftung ihre einheimischen Fachleute. Sie leben monate- und jahrelang mitten unter den einfachen Bauern, arbeiten Tag für Tag für die Weiterentwicklung der Menschen.
Kind auf Kind
„Die Gemeinde war sehr rückständig, als ich kam“, erzählt die Sozialarbeiterin, „vor allem die sanitäre Situation war unhaltbar.“ Es gab kaum Latrinen. Viele Kinder waren sehr schmutzig. Um ihr Vieh vor Raubtieren zu schützen, holten die Menschen es in die Häuser, schliefen mit den Tieren im gleichen Raum. „Und die Frauen bekamen Kind auf Kind.“ Statt sie in die Schule zu schicken, arbeiteten die Mädchen im Haushalt und die Jungen als Hirten.
„Wenn Familien zu viele Kinder bekommen, reichen die Ressourcen nicht für alle – so wird Armut weitergetragen in die nächste Generation“, sagt Kassech Zewde.
Immer wieder gehe sie von Haus zu Haus, kläre auf, informiere die Menschen über die Vorteile von Schulbesuch und Familienplanung. Nicht jeder hört gerne, dass die Veränderung alter Gewohnheiten gut sein soll: „Manche Familien sind bei meinen ersten Besuchen zurückhaltend und widerstrebend – aber ich bleibe dran, komme wieder, und die Menschen verstehen, dass ich ihnen Gutes will.“
Offener Austausch
Erst mit Menschen für Menschen kam der Wandel: „Wir sind so froh, dass wir gelernt haben, uns auszutauschen“, sagt Kumale, und die anderen Frauen nicken zustimmend. „Meine Eltern gaben mich mit 15 Jahren einfach weg in die Ehe – aber jetzt kann ich wenigstens selbstbestimmt entscheiden, wie viel Kinder ich bekomme.“
Auch das alltägliche Leben sei durch die Intervention der Stiftung leichter geworden, sagt Ababaye. Der neue subventionierte Zement-Herd in ihrer Küche sorgt dafür, dass sie Brennholz spart und es nur noch halb so oft sammeln und nach Hause schleppen muss. Auch konnte sie mit dem Saatgut von Menschen für Menschen einen Gemüsegarten anlegen: „Jetzt kann ich meine Kinder richtig ernähren.“ Doch das allerwichtigste für Ababaye ist nicht die materielle Hilfe: Endlich hat sie ihr Selbstwertgefühl entdeckt. „Ich brauche mich nicht zu schämen“, sagt sie. „Immer habe ich geschwiegen. Aber Kassech hat mir Mut gemacht. Jetzt spreche ich!“