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Corona-Tagebuch aus Äthiopien: Das Virus breitet sich weiter aus

Menschen für Menschen-Mitarbeiter Henning Neuhaus berichtet aus Addis Abeba und unseren Projektgebieten
07.04.2020
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Die Corona-Epidemie hat auch Äthiopien erreicht. Die Fallzahlen sind noch vergleichsweise gering, doch die Sorge vor einer Ausbreitung wächst. Der Großteil der Mitarbeiter des Büros von Menschen für Menschen in Addis Abeba arbeitet mittlerweile aus dem Homeoffice.

Das Coronavirus und Menschen für Menschen: Antworten auf die wichtigsten Fragen

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Henning Neuhaus und Muluneh Tolesa sind für die PR-Arbeit der Stiftung in Äthiopien zuständig

Darunter Henning Neuhaus, der zusammen mit Muluneh Tolesa für die PR-Arbeit der Stiftung in Äthiopien zuständig ist. Henning lebt seit August 2018 in Addis Abeba und ist dort einer von nur zwei nicht-äthiopischen Mitarbeitern im Project Coordination Office (PCO).

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An dieser Stelle berichtet Henning regelmäßig in seinem Corona-Tagebuch über die Lage in Addis Abeba sowie unseren Projektgebieten auf dem Land und beschreibt, wie sich der Alltag in Äthiopien aufgrund des Virus verändert.

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++++ 7. April: Das Virus breitet sich weiter aus ++++

Inzwischen haben wir uns alle hier in Addis an die täglichen Tweets oder Postings auf Facebook der äthiopischen Gesundheitsministerin Dr. Lia Tadesse gewöhnt, in der sie über den aktuellen Stand der Neuinfektionen berichtet. Es wird immer erwähnt, wie alt die jeweiligen PatientInnen sind, ob sie eine Reisegeschichte ins Ausland vorweisen und ob sie Kontakt mit bereits bestätigten Infizierten hatten. Bei den bisherigen Infektionen war es bis jetzt immer der Fall, dass diese  Infektionskette zurückverfolgt werden konnte.

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Die Lage wird ernster

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Das änderte sich gestern mit Fall Nummer 44: Bei der 65 Jahre alten Frau aus Dukem, einer kleinen Stadt 37 km südlich von Addis Abeba, konnte weder eine Reisegeschichte, noch der Kontakt mit einer bereits bestätigten Infektion nachgewiesen werden. Somit hat Äthiopien nun den ersten offiziellen Fall von COVID-19 unabhängig der bereits bekannten Infektionsketten.  Was bedeutet das für Äthiopien? Es bedeutet, dass die Lage ernster wird und dass der Virus sich schon weiter als bekannt hier im Land ausgebreitet hat.

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Jetzt ist jeder Tag Weltgesundheitstag

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Der Zufall will es, dass heute Weltgesundheitstag ist. Wenn ich mir jedoch unsere aktuelle Situation seit Jahresbeginn anschaue, habe ich das Gefühl, dass inzwischen jeder Tag Weltgesundheitstag ist. Hier in Äthiopien wird vor allem vermehrt spürbar, dass der Virus längst nicht mehr nur auf Addis Abeba begrenzt ist. Die letzten Infektionen zeigen, dass er inzwischen auch schon in den ländlichen Gebieten angekommen ist. Dort wo die Gesundheitsversorgung deutlich schlechter ist und wo es an vielen einfachen Dingen mangelt um dem Virus Einhalt zu bieten.

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Einfallsreichtum auf einem lokalen Markt am Land: Eine öffentliche Anlage bietet den Menschen die Gelegenheit sich die Hände zu waschen.
Einfallsreichtum auf einem lokalen Markt am Land: Eine öffentliche Anlage bietet den Menschen die Gelegenheit sich die Hände zu waschen.
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Es mangelt an Grundlegendem

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In Deutschland beispielsweise gibt es aktuelle ca. 25.000 [1]  Beatmungsgeräte, welche insbesondere für ältere PatientInnen überlebenswichtig sein können. Im Gegensatz dazu hat Äthiopien mit seinen mehr als 100 Millionen Einwohnern nur 435 von solchen wichtigen Beatmungsgeräten. Auch mangelt es besonders im ländlichen Raum an Schutzanzügen, Atemschutzmasken und Medikamenten.

Menschen für Menschen hat daher die dringend notwendige Soforthilfe gestartet, um die mehr als 1 Million Menschen in unseren Projektgebieten – so gut wie es nur möglich ist – vor der sich immer weiter ausbreitenden Pandemie zu schützen. Es geht nicht nur um Schutzausrüstung und Medikamente, sondern auch um Hygienetrainings und sauberes Wasser.

[1] https://www.br.de/nachrichten/bayern/corona-pandemie-kommen-die-neuen-beatmungsgeraete-rechtzeitig,RuuXeo3

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Unsere Soforthilfe gegen eine weitere Verbreitung in Äthiopien

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Ich habe diesen Blog vor knapp zwei Wochen angefangen, um die Menschen in Deutschland und Österreich über die Situation hier in Äthiopien auf dem Laufenden zu halten. Doch heute, am Weltgesundheitstag, bitte ich die Leserinnen und Leser dieses Tagebuchs sich vor Augen zu führen, dass mit einem kleinen Betrag hier in Äthiopien schon viel geleistet werden kann. Vielen Dank fürs Lesen und für Ihre Unterstützung unserer Arbeit für die Menschen hier in Äthiopien!

Hier geht’s zu unserer Corona-Soforthilfe-Aktion!

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++++ 3. April: „Den Leuten in den Dörfern ist die weltweite Lage durchaus bewusst.“ – Ein Gespräch mit Projektleiter Berhanu Bedassa ++++

Mir ist es in diesem Tagebuch immer ein wichtiges Anliegen, auch die Situation in den Projektgebieten von Menschen für Menschen zu schildern. Hier in Addis hat man inzwischen das Gefühl, dass sich der Großteil der Menschen mit der neuen Situation und den entsprechenden Auswirkungen soweit wie möglich arrangiert hat. Doch wie ist die Lage im ländlichen Äthiopien? Wie bereits erwähnt, sind Hygiene und soziale Distanz dort in vielerlei Hinsicht schwer umzusetzen. Die Projektgebiete Ginde Beret und Abune Ginde Beret liegen ca. 180 km nordwestlich von Addis Abeba. Der Hauptort von Ginde Beret ist Kachisi mit ca. 14.000 Einwohnern und daher interessiert mich sehr, wie die aktuelle Situation in solch einer Kleinstadt und den umliegenden Dörfern ist. Ich rufe also unseren Projektmanager vor Ort, Berhanu Bedassa an, und es klingelt nicht lange bis er den Hörer abnimmt:

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Hallo Berhanu, wie geht es dir und unseren KollegInnen? Wie gehen sie persönlich mit dieser Situation um?

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Berhanu Bedassa, Projektmanager der Gebiete Ginde Beret und Abune Ginde Beret

Die reguläre Arbeit geht wie bisher weiter, aber alle KollegInnen sind sich der Gefahr durch Covid-19 sehr bewusst. Die MitarbeiterInnen waschen und desinfizieren sich regelmäßig die Hände und gehen auch auf soziale und physische Distanz.

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Welche Maßnahmen bei der Arbeit in den Dörfern habt ihr intensiviert, um auch dort die Menschen aufzuklären?

Wir haben unsere EntwicklungsberaterInnen und SozialarbeiterInnen darauf angewiesen, auf Gemeindeebene zusammen mit einflussreichen Personen, wie Bürgermeister, Ältestenräte oder religiösen Vertretern, ein Bewusstsein für Covid-19 bei den Menschen zu schaffen. Dieses Bewusstsein versuchen alle MitarbeiterInnen und auch ich persönlich bei den Menschen zu stärken.

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Waschmöglichkeiten an jeder Ecke der 14.000 EinwohnerInnen-Stadt Kachisi.

Zusätzlich haben wir Präventionsmaterial an alle Gesundheitszentren und an das Krankenhaus in Kachisi verteilt.

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Wir haben auch Informationsposter drucken lassen und diese an die Leute verteilt. Um mit gutem Beispiel voran zu gehen, haben wir zusätzlich alle Trainings oder sonstige Zusammenkünfte abgesagt. Wir raten den Menschen auch, andere Zusammenkünfte erst einmal zu meiden.

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Ist den Menschen in Kachisi bewusst, dass Covid-19 sehr gefährlich sein kann?

Den Menschen hier ist das sehr bewusst. Sie haben davon entweder bereits im Fernsehen, im Radio oder einige wenige auch bei Facebook gelesen beziehungsweise gehört. Also aus den Medien, aus denen sie ihre tagtäglichen Informationen beziehen. Aber auch die Bezirksverwaltung und andere Regierungsbehörden versuchen die Menschen über das Coronavirus aufzuklären.

Was wissen die Menschen in Kachisi über die Covid-19-Situation in Europa und den Rest der Welt?

Den Leuten hier ist die weltweite Lage durchaus bewusst.

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Und was ist mit den Leuten, die in den besonders entlegenen Dörfern wohnen?

Auch die wissen wie die Lage in Äthiopien und in Europa ist. Faszinierenderweise berichtet die Bevölkerung, egal ob hier in Kachisi oder in einem abgelegenen Dorf, dem Gesundheitsamt im Bezirk, wenn Neuankömmlinge ankommen. So können diese erst einmal isoliert und ihre gesundheitliche Entwicklung beobachtet werden. Es gibt aktuell einige Leute, die aus den arabischen Ländern nachhause kamen, sich in Quarantäne begaben und noch unter Beobachtung des Gesundheitsamts stehen.

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Was sind denn die Hauptpräventivmaßnahmen, die von den Menschen in Kachisi und in den Dörfern getroffen werden, um eine Ansteckung durch Covid-19 zu vermeiden?

Alle Menschen, egal ob in den städtischen oder ländlichen Gebieten, waschen sich regelmäßig die Hände. Gerade jetzt zeigt sich, wie wichtig es ist, in den entlegenen Dörfern durch den Bau von Brunnen den Zugang zu sauberem Wasser zu sichern. Die Menschen haben außerdem ihre physischen Kontakte, wie zum Beispiel Händeschütteln, sehr stark minimiert. Allerdings muss vor allem die soziale Distanz der Leute noch stärker umgesetzt werden.

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Sogar bei den Handpumpbrunnen haben die DorfbewohnerInnen Waschmöglichkeiten mit Seife angebracht.
Sogar bei den Handpumpbrunnen haben die DorfbewohnerInnen Waschmöglichkeiten mit Seife angebracht.
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++++ 2. April: Positiver Gruppenzwang bei Atemschutzmasken ++++

In Österreich sind seit dieser Woche Atemschutzmasken bei Besuchen im Supermarkt verpflichtend, in Deutschland wird die Bedeutung der Masken im Alltag immer stärker diskutiert. Einzelne Städte wie Jena sind bereits mit jeweiligen Verordnungen vorgeprescht, von meiner Familie und Freunden aus Deutschland höre ich aber, dass ihnen noch nicht so viele Menschen mit Schutzmasken im Alltag begegnen.

Sicherlich bieten die meisten Masken keinen hundertprozentigen Schutz vor COVID-19, jedoch ist der massenpsychologische Effekt als Zeichen des Bewusstseins für den Ernst der Lage und auch der Höflichkeit unbestreitbar. Die Maske zeigt, dass ich mich und andere schützen will, auch wenn ich keinerlei Symptome habe.

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Die wenigen Menschen in den Straßen von Addis tragen mehrheitlich Atemschutzmasken

Bei meinen selten gewordenen Gängen durch die Stadt ist mir aufgefallen, dass hier in Addis bereits erstaunlich viele Menschen eine Atemschutzmaske oder wenigstens ein Tuch tragen. Sicherlich werden hier in Äthiopien diese Masken länger als vom Hersteller angegeben getragen. Trotzdem wird das wichtige Signal gesendet, dass die Menschen sich bemühen, den Virus nicht zu verbreiten. Es entsteht ein positiver Gruppenzwang.

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Kritisch beäugt ohne Atemschutzmaske

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Als ich heute im Supermarkt bei mir im Viertel war, war ich einer der Wenigen, die keine Maske trugen. Dementsprechend waren die Reaktionen der Leute: Ich wurde von Kunden und Supermarktmitarbeitern kritisch beäugt und einige machten sogar einen großen Bogen um mich. Ein unangenehmes Gefühl.

Ich fühlte mich schlecht und versuchte so schnell wie möglich meinen Einkauf zu beenden und das Weite zu suchen. Ich werde heute noch versuchen, mir über Bekannte eine eigene Atemschutzmaske zu organisieren, damit mir für die Zukunft unangenehme Szene wie diese erspart bleiben.

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++++ 31. März 2020: Wenn Erfindergeist auf Solidarität trifft ++++

Not macht bekanntlich erfinderisch oder anders formuliert: Eine außergewöhnliche Situation erfordert außergewöhnliche Lösungen. Das dachte sich auch Yosef Arka. Der 29-Jährige studierte erfolgreich Maschinenbau an einem TVET, also einem technischen Berufsbildungszentrum, und hatte bis vor Kurzem noch seinen eigenen kleinen Metallfertigungsbetrieb. Jedoch hat sich auch für ihn die Auftragslage in der letzten Woche zunehmend verschlechtert.

In dieser misslichen Lage machte er jedoch folgende Beobachtung: Er sah, dass die Straßenreinigungskräfte, Schuhputzer, Polizistinnen und Polizisten täglich auf den Straßen von Addis mit vielen unterschiedlichen Menschen zu tun haben. Ihm wurde klar, dass diese Berufsgruppen einer besonderen Ansteckungsgefahr durch COVID-19 ausgesetzt sind. Da kam ihm die Idee, wie er seinen Mitmenschen helfen kann.

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Mobile Handwaschanlage für 150 Menschen

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Yosef Arka hat eine mobile Handwaschanlage an sein Auto angebracht

Die Lösung ist simpel aber genial: Im Kofferraum seines Kleinwagens verbaute er einen Wasserkanister und durch eine Rohr wird das Wasser durch die Heckklappe geleitet. Außen an den Kofferraum installierte er ein simples Waschbecken, an dem auch sein Nummernschild befestigt ist. Es muss ja immerhin auch alles seine Ordnung haben.

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Außen an den Kofferraum installierte er ein simples Waschbecken, an dem auch sein Nummernschild befestigt ist. Es muss ja immerhin auch alles seine Ordnung haben. An den Seiten des Waschbeckens gibt es noch Halterungen für Seife und Desinfektionstücher und schließlich leitet ein Abflussrohr das Abwasser auf die Straße.

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Muluneh, mein PR-Kollege, testet gleich mal – funktioniert!

Fertig ist die mobile Handwaschanlage, mit der Yosef nun durch die Straßen von Addis Abeba fährt! Mit einem vollen Wassertank können sich somit 150 Menschen die Hände waschen.

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Yosef will seinen Mitmenschen helfen, nicht Geld verdienen

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Yosef verlangt von seinen “Kunden” kein Geld für diese Dienstleistung. Wer aber die gleiche Vorrichtung an seinem Auto durch Yosef installieren lassen will, bezahlt ihm dafür 1000 Birr (rund 30 Euro). Yosef ist es jedoch wichtig, mit seiner Innovation keinen Gewinn zu machen: “Die 1000 Birr sind nur die reinen Materialkosten. Ich will meinen Mitmenschen etwas Gutes tun und mich daran nicht bereichern.”

Inzwischen hat er sogar vom äthiopischen Gesundheitsministerium die offizielle Erlaubnis, seine mobile Handwaschanlage auf den Straßen von Addis von jedem nutzen zu lassen. “Mein größter Wunsch wäre, wenn so viele Autobesitzer wie möglich sich diese Vorrichtung an ihrem Fahrzeug installieren und damit auf den Parkplätzen ihren Mitmenschen helfen würden.”

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++++ 30. März 2020: Lange Schlangen für Benzin ++++

“Während ich mein zweites Wochenende in Quarantäne verbracht habe, hat sich die Lage in Äthiopien weiter verschärft. Mittlerweile gibt es hier 23 bestätigte Fälle von COVID-19, sieben mehr als noch am Freitag. In der 100 Kilometer südlich von Addis gelegenen Stadt Adama sind drei Fälle aufgetreten, was die Regierung am Wochenende dazu veranlasste, diese Stadt abzuriegeln.

In Addis selbst gab es am Wochenende zum ersten Mal gespenstische Szenen, wie man sie bisher nur aus Europa oder den USA kannte: ausgestorbene Straßen, kaum Fußgänger und geschlossene Geschäfte. Einen besonders bizarren Moment erlebte ich, als ich am Samstag tanken fahren wollte. Entlang der Bole Road, eine der wichtigsten Hauptstraßen in Addis, waren auf der rechten Spur überall Fahrzeuge geparkt.

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Lange Schlangen vor den Tankstellen

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Das ganze Bild ergab für mich zunächst keinen Sinn, da sonst kaum Autos oder Menschen unterwegs waren. Erst nach einer Weile bemerkte ich, dass all diese Fahrzeuge für die Tankstelle anstanden. Ich würde den Stau auf knapp einen Kilometer schätzen. Ich dachte mir, dass ich mein Glück in einem anderen Stadtteil versuche.

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Auto an Auto an der Bole Road – sie alle stehen für Benzin an
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Doch auch dort ergab sich das gleiche Bild: Hunderte Meter lange Schlangen an Autos, die an einer Tankstelle anstanden. Es scheint so, als sei für die Äthiopier Benzin was Klopapier für die Europäer ist. Ich blickte auf meine Tankanzeige und beschloss, dass dieser zu einem Viertel volle Tank nun erstmal reichen muss und kehrte wieder nach Hause zurück.

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Angst vor dem Lockdown

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Ich erkundigte bei meinen äthiopischen Bekannten und diese erklärten mir, dass die Menschen Angst davor haben, dass in den nächsten Tagen die Tankstellen schließen könnten oder dass auf Grund der geschlossenen Landesgrenzen kein Benzin mehr in das Land kommt.

Ob diese Angst begründet ist, bleibt fraglich, da Tankstellen definitiv als “systemrelevant” zu sehen sind. Nichtsdestotrotz zeigt es, dass die Menschen Angst vor einem möglicherweise kommenden Lockdown haben und sich auf alle Eventualitäten vorbereiten.”

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++++ 27. März 2020: Wie das Virus die äthiopische Wirtschaft lahmlegt ++++

“In Deutschland und vielen anderen Ländern, die stark vom Coronavirus betroffen sind, wird zurzeit darüber gerätselt, welche langfristigen wirtschaftlichen Folgen die Pandemie haben wird. Mit dieser Sorge ist Europa nicht alleine, denn auch Äthiopien steuert schrittweise immer mehr auf einen Lockdown zu. Durch zahlreiche Crowdfunding-Kampagnen sehen wir in Deutschland gerade, dass es ziemlich schnell gehen kann, bis ein Unternehmen von den Auswirkungen des Virus in die Knie gezwängt wird.

Die Ersten, die es hier in Äthiopien traf, waren vergangene Woche die Nachtclubs und Bars, die auf Anordnung der Regierung sofort schließen mussten. Einige Restaurants, wie meine Lieblingspizzeria, arbeiten nur noch im Lieferdienst oder für Selbstabholer. Es ist sind aber nicht nur die Gastronomiebetriebe hier in Addis, die die Folgen von COVID-19 aktuell zu spüren bekommen.

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Geschäfte und Straßen verwaist

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Wo vor Kurzem noch reges Treiben herrschte, sind die Straßen nun wie leergefegt.

Meine Freundin Maggi beispielsweise betreibt mit ihren Geschwistern einen Großhandel für Bürobedarf. Zu ihren Kunden zählen vor allem Regierungsbüros und NGOs, die der kleine Betrieb mit Büroartikeln versorgt. Da seit gestern alle Regierungsbüros und Ministerien so gut wie geschlossen sind bzw. sich die Mitarbeiter im Home Office befinden kommen keine neuen Aufträge mehr rein.

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“Seit Anfang der Woche tut sich gar nichts mehr. Es klingelt weder das Telefon, noch kommt jemand vorbei um eine Großbestellung in Auftrag zu geben”, erzählt mir Maggi. Sie schickt mir ein Foto von der Straße, in der ihr Geschäft ist. Diese Gegend ist normalerweise der Ort in Addis, wo jedes Unternehmen sich bei den Händlern mit Büroartikeln, Computern oder sonstigen technischen Geräten ausstattet. Die Straße ist wie leergefegt.

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Meine Freundin Maggi in ihrem Geschäft - Aufträge gibt es derzeit keine mehr
Meine Freundin Maggi in ihrem Geschäft – Aufträge gibt es derzeit keine mehr
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Maggi berichtet, dass sie nächste Woche das Geschäft so gut wie zu machen werden. Ein bis zwei Mitarbeiter werden da sein, falls doch noch Kundschaft kommen sollte. Ich frage sie, wie lange sie das als kleines Unternehmen ohne große Aufträge durchhalten können: “Wir haben genügend Kapital um uns für etwa zwei Monate über Wasser zu halten. Danach wird es auch für uns kritisch.” Maggi erzählt, dass sie aber auch von anderen Geschäften gehört hat, die kaum Rücklagen haben und denen jetzt schon durch diese knapp zwei Wochen das Wasser bis zum Hals steht.

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Auch Ethiopian Airlines von Corona bedroht

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Es sind aber nicht nur die kleinen und mittelständischen Unternehmen, die durch diese Krise bereits in ihrer Existenz bedroht sind. Auch Ethiopian Airlines, die größte Fluggesellschaft Afrikas, musste bereits ihren Flugplan um 30 Destinationen kürzen. Fast 14.000 Mitarbeiter arbeiten für diese Fluglinie, sie ist für Äthiopien noch vor dem Kaffeeexport die wichtigste Quelle für dringend benötigte Devisen. Fallen diese Devisen weg, wird es für Äthiopien noch schwieriger Waren aus dem Ausland zu importieren.

Diese Eindrücke verheißen für ein schon vor COVID-19 wirtschaftlich schwaches Land wie Äthiopien nichts Gutes. Es wird wohl für die Regierung hier kaum möglich sein einen Rettungsschirm aufzuspannen, wie es in Deutschland für bedrohte Existenzen geplant ist. Daher könnten die wirtschaftlichen Folgen für Äthiopien weitaus verheerender sein als das Virus an sich.”

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++++ 25. März 2020: Handwasch-Stationen und Minibus-Kontrollen ++++

“Nachdem ich mich die vergangenen Tage meistens voller Zweifel über die hier in Äthiopien durchgeführten Präventionsmaßnahmen geäußert hatte, wurde ich heute Morgen eines Besseren belehrt. Ich war gerade dabei vom Supermarkt nach Hause zu fahren, als mir an einer großen Kreuzung auffiel, dass die Verkehrspolizei gezielt die Minibusse rauswinkte. Die Tür jedes Busses wurde geöffnet und ein Beamter in voller “Anti-Corona-Montur” schaute sich das Fahrzeug von innen an. Da ich selber im Auto saß, konnte ich nur kurz erblicken, wie einzelne Fahrgäste das scheinbar überfüllte Vehikel verlassen mussten.

Wieder daheim wollte ich mir noch einmal ein Bild der Lage machen und bin an die große Hauptstraße nah meines Hauses gegangen. Ich beobachtete für eine Weile das für Addis-Verhältnisse entspannte Verkehrsgeschehen. Und tatsächlich: Die Minibusse waren längst nicht so überfüllt wie ich dachte. Fast zwischen jedem Fahrgast war ein Sitzplatz frei. Langsam bekomme ich das gute Gefühl, dass die Menschen den Ernst der Lage verstanden haben und sehen, dass Händewaschen und soziale Distanz nur zusammen ein wirksames Mittel gegen COVID-19 sind.

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Das Händewaschen wird einem übrigens auch immer leichter gemacht. Um die Verbreitung des Coronavirus zu stoppen, gibt es mittlerweile in ganz Addis Abeba entsprechende öffentliche Stationen. An Bushaltestellen, Bahnhöfen, Taxiständen oder öffentlichen Plätzen stehen Wasser und Seife bereit. So auch vor unserem Project Coordination Office (PCO) – wer das Büro betritt, egal ob Mitarbeiter oder Besucher, muss sich davor gründlich die Hände waschen.”

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Handwasch-Station vor dem Büro von Menschen für Menschen in Addis Abeba
Handwasch-Station vor dem Büro von Menschen für Menschen in Addis Abeba
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++++ 24. März 2020: Die Lage in den ländlichen Regionen ++++

In den letzten Tagen habe ich nur über die Situation in Addis berichtet. Da ich heute mal wieder im Büro bin, konnte ich der spannenden Frage auf den Grund gehen, wie die Menschen in den ländlichen Gebieten Äthiopiens mit der aktuellen Situation umgehen. Immerhin leben rund 80 Prozent der Menschen hier auf dem Land.

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Tesfa ist stellvertretender Projektmanager von Menschen für Menschen in der Region Dano

Also nehme ich den Telefonhörer in die Hand und rufe unseren stellvertretenden Projektmanager Tesfa in unserer Projektregion Dano an. Dano liegt etwa 250 Kilometer westlich von Addis, in der dort liegenden Kleinstadt Ijaji hat Menschen für Menschen ein Projektbüro.

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Kaum Schutzmasken erhältlich

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Ich frage Tesfa nach seinen Eindrücken und er berichtet, dass auch im ländlichen Äthiopien längst die Angst vor Corona Einzug gehalten hat. “Hier in Ijaji verzichten die meisten Menschen inzwischen auf den üblichen Handschlag und vor Banken und öffentlichen Gebäuden muss man sich die Hände waschen. Die Leute versuchen in Ijaji etwas distanzierter miteinander umzugehen. Auch jeder Besucher in unserem Büro muss sich am Eingangstor gründlich die Hände waschen und mit Alkohol desinfizieren”, sagt Tesfa.

Außerdem erzählt er, dass kaum jemand eine Gesichtsmaske trägt. Das liegt aber daran, dass diese selbst in Addis inzwischen kaum noch erhältlich sind. Es ist also nicht verwunderlich, dass im ländlichen Raum gar keine Schutzmasken zu bekommen sind.

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Für viele ist Corona noch eine weit entfernte Bedrohung

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Mehr Sorgen macht sich Tesfa wegen der Menschen aus den umliegenden Dörfern. Diese gingen mit der Situation nochmal ganz anders um als die Menschen in Ijaji: “Am Samstag war hier in Ijaji der große Wochenmarkt. Aus allen Dörfern sind die Menschen in den Ort geströmt um ihre Waren zu verkaufen. Es war ein großes Gewusel und ich hatte das Gefühl, dass den Leuten vom Land der Coronavirus ziemlich egal ist”, berichtet mir Tesfa am Telefon. Es scheint, dass für viele Menschen auf dem Land COVID-19 immer noch eine surreale, weit entfernte Bedrohung ist.

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Projektmanager Tesfa im Gespräch mit Bauern in Dano. Das Foto stammt aus dem November 2018 – als “Social Distancing” noch kein Thema war

Tesfa hingegen macht sich große Sorgen: “Meine Familie wohnt in Addis und sie verlassen das Haus nur zum Einkaufen. Wenn es hier auf dem Land zu Infektionen kommen sollte, wird das in einer Katastrophe enden, mit furchtbaren Folgen für die Menschen in den ländlichen Regionen.”

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++++ 23. März 2020: Warum “Social Distancing” in Äthiopien so schwierig ist ++++

“Spätestens als am Donnerstagabend von der äthiopischen Regierung verkündet wurde, dass alle Bars und Nachtclubs wegen der Corona-Krise auf unbestimmte Zeit schließen sollen, wurde mir endgültig klar, dass die kommenden Wochenenden etwas ruhiger sein werden. Das Wochenende zuvor war ich noch bei einer kleinen Gartenparty bei Freunden eingeladen. Schon zu diesem Zeitpunkt war uns bewusst, dass dies unser letztes Zusammentreffen in großer Runde für eine unbestimmte Zeit sein wird.

Inzwischen haben wir in Äthiopien elf bestätigte Fälle und es ist zu erwarten, dass die Zahl weiter steigen wird. Das liegt unter anderem daran, dass Jack Ma, der reichste Mann Chinas, 10.000 Testkits an Äthiopien gespendet hat und diese am Sonntag hier in Addis eingetroffen sind. Da nun mehr Menschen einfacher auf das Virus getestet werden können, glauben viele, somit ein realistischeres Lagebild zu erhalten.

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Saubere Hände allein reichen nicht

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In den sozialen Medien häufen sich die Beiträge, die zeigen, wie wichtig Hände waschen ist. Allerdings wurde ich am Wochenende das Gefühl nicht los, dass viele Menschen hier in Äthiopien immer noch glauben, dass saubere Hände allein das Wichtigste sind um sich vor einer COVID-19-Infektion zu schützen. Das ist meiner Meinung nach ein sehr gefährlicher Trugschluss.

Die Problematik ist das “Social Distancing”, also Abstand zu Mitmenschen halten, weil es der äthiopischen Kultur komplett widerspricht. Zwar ist es schön, auf Twitter oder Instagram zu sehen, wenn Betende vor einer Kirche Abstand halten oder wenn vor Busstationen Abstandsmarkierungen auf dem Boden zu sehen sind. Doch solche kreativen Ansätze kommen noch zu kurz. Erst heute hat Premierminister Ahmed Abyi auf Twitter eindringlich auf die Notwendigkeit hingewiesen:

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Dichtes Gedränge beim Gemüsehändler

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Weil wir in unserer WG kein Obst und Gemüse mehr hatten, beschloss ich am Samstag in die Stadt zu fahren, um mir selbst ein Bild der Lage zu machen. Es war deutlich weniger auf den Straßen los und zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, dass die Leute es langsam ernst nehmen mit der sozialen Distanz. Wenig Autos und noch weniger Fußgänger prägten an diesem Tag das Stadtbild.

Vor jedem Geschäftsgebäude heißt es nun Hände waschen oder desinfizieren. So war es auch bei dem Obst- und Gemüseladen, den ich ansteuerte. Auf Anordnung des Wächters vor dem Geschäft, wusch ich meine Hände mit reichlich Seife und betrat den Laden. Was ich dort vorfand, war allerdings kein „Social Distancing“, sondern dichtes Gedränge. Zwar trugen alle Angestellten in dem Geschäft einen Mundschutz, jedoch machte ich mir mehr Sorgen um die anwesenden Kunden auf engem Raum. Mit vollen Einkaufstaschen und einem unwohlen Gefühl im Bauch verließ ich das Geschäft.

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Die Probleme mit “Social distancing”

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Wieder zu Hause angekommen, machte ich mir weiter Gedanken um das Thema soziale Distanz in Äthiopien. Mir wurde immer mehr klar, dass dies ein Privileg von wenigen ist, die es sich leisten können, sich sozial zu isolieren. Es gibt einen nicht unsignifikanten Anteil an Leuten hier in Äthiopien, die jeden Tag das Haus verlassen müssen, um überhaupt etwas zu essen zu haben oder ihrer (systemrelevanten) Arbeit nachzugehen.

Aber auch in den eigenen vier Wänden ist es fast unmöglich, soziale Distanz zu wahren. Mehrere Generationen wohnen meist auf engstem Raum zusammen, ein Äthiopier hat nur wenige Quadratmeter Wohnfläche zur Verfügung. In der äthiopischen Kultur ist körperliche Distanz ein Fremdwort: Die Menschen berühren sich beim Begrüßen ausgiebig, halten aus Zuneigung Händchen oder essen von einem gemeinsamen Teller, wenn sie freundschaftlich verbunden sind.

Weiterhin gibt es keinen starken Sozialstaat, der alle die auffängt, die von so einer Krise betroffen werden. Es ist sehr schwer – wenn nicht gar unmöglich – eine Stadt wie Addis Abeba in einen “Lockdown-Modus” zu versetzen. Die Menschen müssen hier miteinander agieren, damit der Laden sprichwörtlich am Laufen bleibt.”

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++++ 20. März 2020: “Unser Land ist auf so etwas nicht ausreichend vorbereitet” ++++

“Nach zwei Tagen Homeoffice ist es wirklich mal wieder schön, die Wohnung zu verlassen und ins Büro zu fahren. Menschen für Menschen hat ein Schichtsystem im Büro eingeführt, um die Distanz zwischen Kolleginnen und Kollegen zu erhöhen. Das heißt, dass mein Kollege Muluneh heute nicht da ist und dafür ich vom Büro aus arbeite.

Es ist ein wunderschöner sonniger Morgen und der Straßenverkehr hat deutlich abgenommen. Wobei ich glaube, dass dies immer noch daran liegt, dass die Leute ihre Kinder nicht zur Schule bringen müssen. Die Geschäfte sind alle auf und erst herrscht reges Leben auf den Straßen von Addis.

Wie in den vergangenen Tagen tragen einige Schutzmasken und Gummihandschuhe. Inzwischen gibt es in Äthiopien neun registrierte Fälle. Nummer neun ist ein Australier, den ich persönlich kenne. Wir haben uns das letzte Mal auf einer Gartenparty vor fünf Wochen gesehen, als noch alles gut war. Jedoch bedrückt es einen, dass es die ersten Leute aus dem persönlichen Umfeld “erwischt” hat.

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Gummihandschuhe und Abstand halten im Büro

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Als ich ins Büro komme, ist das Erste was mir auffällt ein Schild an unserer Eingangstür, das darauf hinweist, wie man sich verhalten soll: Wasch deine Hände, Niese in die Armbeuge, und so weiter. Furno, unsere Sekretärin am Eingang hat das Händedesinfektionsmittel griffbereit, trägt Gummihandschuhe und begrüßt mich. Es ist sehr ruhig in unserem sonst so lauten Bürogebäude. Einige Büros sind nicht besetzt und hier und da sitzt jemand alleine in seinem Büro. Ich mache meine übliche morgendliche Begrüßungsrunde und winke in jedes Büro.

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Die Corona-Verhaltensregeln hängen am Eingang des Menschen für Menschen-Büro in Addis Abeba
Die Corona-Verhaltensregeln hängen am Eingang des Menschen für Menschen-Büro in Addis Abeba
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Nach der Mittagspause unterhalte ich mich mit Furno. Sie ist sehr besorgt über die Lage hier in Äthiopien. Ihre Kinder sind zu Hause mit ihrem Ehemann und sie wechselt sich mit ihrer Kollegin Elleni im Schichtdienst ab. Auch empfindet sie es als unangenehm, dass sie als Sekretärin direkt am Eingang mit so vielen Fremden zu tun hat: Egal ob es Gäste oder Kuriere sind.

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Sekretärin Furno ist mit Gummihandschuhen und Desinfektionsmittel ausgerüstet

“Ich sage denen immer, dass sie Abstand halten sollen. Ich weiß ja nicht, mit wem sie vorher Kontakt hatten”, erzählt die betrübte Furno. Die Handschuhe trägt sie, wenn sie mit Dokumenten von außen hantieren muss. Ihr kleines Handyradio versorgt sie rund um die Uhr mit den neuesten Entwicklungen.

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Desinfektionsmittel seit Tagen ausverkauft

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Ein Stockwerk höher sitzt mein Kollege Addisu alleine im Büro. Er ist erst vor kurzem Vater geworden und macht sich ebenfalls große Sorgen. “Unser Land ist auf so etwas nicht ausreichend vorbereitet”, sagt er. Er hat die Bilder von der katastrophalen Situation in Italien gesehen.

Als ich ihm dann erzähle, dass die Infektionszahlen auch in Deutschland kontinuierlich nach oben gehen, reißt er die Augen auf. Addisu erzählt, dass er die ganze Woche versucht hat Desinfektionsmittel zu kaufen. “Selbst reiner Alkohol ist in allen Apotheken ausverkauft und überall sind lange Warteschlangen”, berichtet er mit ruhiger Stimme weiter.

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Trotz der Sorgen wird auch noch gelacht

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Mein Eindruck ist, dass jeder von der Ungewissheit geplagt ist, wie sehr der Virus hier in Äthiopien wüten wird. Der hier zwar langsame aber stetige Anstieg an Infektionen lässt einen leicht in Panik verfallen. Denn jeder meiner Kolleginnen und Kollegen ist sich der Tatsache bewusst, dass die Kliniken in Äthiopien weder über ausreichend Beatmungsgeräte noch Intensivbetten verfügen. Daher ist es besonders schön, wenn man hört, dass auf unserem ruhigen Korridor ab und zu doch mal gelacht wird. Das gibt einem in einer solchen Situation Sicherheit und Kraft.”

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++++ 19. März 2020: “Die Distanz wächst. Alles ist sehr beunruhigend” ++++

“Lange Zeit war das neuartige Coronavirus für die Menschen in Äthiopien – wie für viele in Afrika – eine surreale Bedrohung – schwer greifbar, da es weit weg schien. Jedoch war vielen bewusst, dass es in unserer globalisierten Welt nur eine Frage der Zeit ist, bis es das Virus nach Äthiopien schaffen wird. Am Flughafen Addis Abeba, einem der Drehkreuze auf dem afrikanischen Kontinent, wurde schon Ende Januar damit begonnen die Körpertemperatur der Einreisenden zu messen.

Als sich die Lage in Europa Anfang März tagtäglich zuspitzte, wurden diese Kontrollen verstärkt und Einreisende mussten einen Fragebogen über ihre vorigen Aufenthaltsorte ausfüllen. Diese Maßnahmen beschränkten sich jedoch nur auf den internationalen Flughafen. Wenn man diesen einmal verlassen hatte, war alles wie zu Zeiten vor COVID-19 in Äthiopien.

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Bedrohung durch Coronavirus wird immer realer

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Das änderte sich, als die äthiopische Gesundheitsministerin Dr. Liya Tadesse Ende der vergangenen Woche bekannt gab, dass es nun auch in Äthiopien den ersten bestätigten Fall von Coronavirus gibt. Ein Japaner, der über Burkina Faso vier Tage zuvor nach Addis Abeba gereist war, wurde positiv getestet.

In den darauffolgenden Tagen bemerkte man, dass der Virus zu einer immer realeren Bedrohung wird. Besonders in den sozialen Medien wurde auf Amharisch und Oromifa vermehrt darauf hingewiesen, sich die Hände regelmäßig und gründlich zu waschen und welche Symptome das Virus mit sich bringt. Das öffentliche Leben ging weiter wie bisher, nur dass einige Leute nun Gesichtsmasken trugen.

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Kein Händeschütteln mehr bei Menschen für Menschen

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Anfang der Woche verkündete die äthiopische Regierung, alle Schulen und Universitäten des Landes für 15 Tage zu schließen. Auch die christlichen und muslimischen Religionsführer appellierten, dass die Menschen Kirchen und Moscheen zum beten erst einmal meiden sollten. Inzwischen war die Zahl der positiv auf COVID-19 getesteten Menschen auf fünf gestiegen.

In unserem Büro verzichtet man auf gegenseitiges Händeschütteln. Die räumliche Distanz wächst. Genauso wie die Dunkelziffer der möglichen Infizierten. Im Netz steigerte sich die Anzahl der Postings mit sogenanntem “Awareness Content” von Seiten der Regierung aber auch von Privatpersonen. Aber wie in Europa gibt es auch in Äthiopien Fake News und selbsternannte Experten versprechen durch krude Theorien Heilung oder gar Immunität.

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Straßen leerer, Minibusse voll

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Heute ist der 19. März und es gibt in Äthiopien offiziell sechs positive Corona-Fälle. Einige Unternehmen und internationale Organisationen wie die UN sowie NGOs wie Menschen für Menschen haben ihre Mitarbeiter ins Homeoffice geschickt. Dies geht aber selbstverständlich nur, wenn man eine Internetverbindung zu Hause hat.

Die Regierung teilt auf Twitter Fotos, auf denen öffentliche Anlagen zum Hände waschen und desinfizieren zu sehen sind. Der Straßenverkehr ist etwas weniger geworden, was daran liegt, dass niemand seine Kinder in die Schule bringen muss.

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Coronavirus: Die Essenslieferanten in Addis Abeba tragen Mundschutz

Die Minibusse – das Hauptverkehrsmittel in Addis – sind nach wie vor bis zum letzten Platz gefüllt. Die Geschäfte haben alle geöffnet und Menschen stehen dicht gedrängt beieinander. Sie lachen und feixen, als wäre nichts. Einige tragen Schutzmasken. Zum Beispiel die Essenslieferanten, die ich aus dem Homeoffice anrufe.

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“Social Distancing” in Äthiopien kaum vorstellbar

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Das beunruhigende ist, dass in Europa so gepriesene “Social Distancing” in einem Land wie in Äthiopien ziemlich schwer umzusetzen ist. Dieses Land ist in allem das Gegenteil von sozialer Distanz: Man isst von einem gemeinsamen Teller das Essen mit den Händen. Man füttert sich gegenseitig als Zeichen des Respekts und der Freundschaft.

Zur Begrüßung umarmt man sich und wenn man jemanden mag (egal ob Mann oder Frau), hält man auch gerne gegenseitig Händchen. Die Menschen teilen sich den Wohnraum und die Sanitäreinrichtungen. Ein Leben in sozialer Distanz ist für die meisten Menschen kaum vorstellbar. Alles ist sehr beunruhigend.”

Das Coronavirus und Menschen für Menschen: Antworten auf die wichtigsten Fragen

Die Stiftung Menschen für Menschen - Karheinz Böhms Äthiopienhilfe ist eine öffentliche Stiftung des bürgerlichen Rechts. Sie wird beim Finanzamt München unter der Steuernummer 143/235/72144 geführt und wurde zuletzt mit Bescheid vom 11. Juni 2018 wegen Förderung steuerbegünstigter Zwecke von der Körperschafts- und Gewerbesteuer befreit und somit als gemeinnützige Organisation anerkannt.