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Böhms Begleiter:innen

Erinnerungen aus 40 Jahren Menschen für Menschen
Aktualisiert: 22.09.2021
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Sechs Millionen Menschen profitieren bis heute von der Arbeit von Menschen für Menschen. Von den 458 Schulen, die bislang gebaut wurden. Von den 2.685 Wasserstellen oder den 106 Gesundheitsstationen. Wer aber sind eigentlich die Menschen hinter diesen ganzen Zahlen?

Natürlich, da ist zuvorderst Karlheinz Böhm, der Gründer und das Gesicht von Menschen für Menschen, der der Stiftung 30 Jahre lang vorstand. Da sind aber auch viele kleine und große Zahnrädchen, deren Ineinandergreifen den Erfolg von Menschen für Menschen überhaupt erst möglich gemacht haben: Karlheinz Böhms Begleiterinnen und Begleiter über die vergangenen vier Jahrzehnte.

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Hinter den Kulissen von Karlheinz Böhms Äthiopienhilfe

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Langjährige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Äthiopien und Deutschland, vom Fahrer über die Schotterpisten im äthiopischen Hochland bis zur Sekretärin an der Schreibmaschine in München. Vom leitenden Angestellten bis zur ehrenamtlichen Helferin – zahllose Menschen haben über 40 Jahre hinweg mit ihrem leidenschaftlichen Engagement den Namen Menschen für Menschen mit Leben gefüllt.

Sie alle haben viel zu erzählen – und einige von ihnen tun dies anlässlich des runden Geburtstags der Stiftung in diesem Blog. Durch die Augen derer, die hautnah dabei waren und sind, blicken wir hinter die Kulissen der Äthiopienhilfe. Zurück auf bemerkenswerte, lustige oder rührende Begebenheiten aus vier Jahrzehnten Entwicklungszusammenarbeit. Ein buntes Potpourri an Anekdoten, Erinnerungen und Begebenheiten – erzählt von Menschen für Menschen.

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(20) “Das war der Schlüssel zur Zusammenarbeit mit Karlheinz Böhm”
(19) Vom Erzählen und Zuhören: Wie die Idee der MfM-Mikrokredite geboren wurde
(18) Thomas Gottschalks Anruf veränderte alles: Die Geschichte von der Städtewette
(17) Sissi-Walzer in Addis Abeba: Als Karlheinz Böhm meinen Kindheitstraum erfüllte
(16) Wie ich Menschen für Menschen noch vor Karlheinz Böhms Wette unterstützte
(15) Eine Zwiebacktüte voller Geld: Die skurrilsten Spenden in 40 Jahren Menschen für Menschen
(14) Verwechslungsgefahr? Wie ich als deutscher Botschafter für Karlheinz Böhm gehalten wurde
(13) “Ich erwartete einen zornroten Karlheinz Böhm, doch dann…”
(12) Meet & Greet der besonderen Art: Als ich dem MfM-“Cover Girl” leibhaftig begegnete
(11) “Überraschungen wie diese waren Karlheinz Böhms Spezialgebiet”
(10) “Machen statt reden: Wie mich eine Schulstunde mit Karlheinz Böhm prägte”
(9) “Manchmal staunen wir selbst: So funktioniert Hilfe zur Selbsthilfe in der Praxis”
(8) “My name is Karlheinz. Nice to meet you!”
(7) Frisches Roggenbrot und feuchte Augen: Meine luftige Freundschaft mit Karlheinz Böhm
(6) Als Karlheinz Böhm sich weigerte, auf Prominente zu schießen
(5) Ein Bauer macht Schule: Wie Hilfe gleich auf doppelt fruchtbaren Boden fiel
(4) Als sich ein bärtiger “Hochstapler” als echter Zirkusdirektor entpuppte
(3) “Diese spontane Handlung von Karlheinz Böhm hat mich viel gelehrt”
(2) Büros für Menschen: Von schiefen Böden und legendären Grillfesten
(1) Die Anfänge: Wie Menschen für Menschen zu seinem Namen kam

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(20) 22. September 2021: “Das war der Schlüssel zur Zusammenarbeit mit Karlheinz Böhm”

Es war einem Zufall geschuldet, dass ich Karlheinz Böhm 1986 in Äthiopien kennenlernte. Es war früher Abend, ich war spontan auf dem Weg zu einem Freund. Als ich an seinem Haus ankam, sah ich einen ausländischen Gast am Abendessentisch, der sich offen mit meinem Freund unterhielt. Mein Freund lud mich ein, mich dazu zu setzen. Natürlich wusste ich nicht, dass dieser Mann Karlheinz Böhm war, und sagte während des ganzen Essens kein Wort, sondern lauschte einfach dem angeregten Gespräch zwischen den beiden.

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Der ausländische Gast erzählte meinem Freund von seiner humanitären Tätigkeit, die er vor ein paar Jahren in Äthiopien begonnen hatte. Er erwähnte auch die sozialen Krisen, die er im Osten Äthiopiens beobachtet hatte, die ihn augenscheinlich berührten und ihm keine Ruhe ließen. Früher hielt ich mich aus solchen Themen meist raus, machte lieber einfach mein eigenes Ding, doch an diesem Abend horchte ich auf. Dass ein Fremder so viel mehr über die Lage meines Landes wusste und sich für Verbesserungen einsetzten wollte, überraschte mich nicht nur, es machte mich auch betroffen und verlegen. Am Ende nahm ich all meinen Mut zusammen und fragte ihn, ob ich ihn auf irgendeine Art und Weise unterstützen kann.

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Durch ein zufälliges Kennenlernen wird Melaku für über 30 Jahre der Logistiker von MfM in Äthiopien.
Durch ein zufälliges Kennenlernen wird Melaku für über 30 Jahre der Logistiker von MfM in Äthiopien.
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Er reagierte freudig und fragte mich nach meinem Beruf. Ich entgegnete, dass ich viel Erfahrung in Logistik- und Transitfragen habe, daraufhin lud mich Karlheinz Böhm zu einem Kennenlern-Treffen in seinem Büro in Addis Abeba ein. Das Treffen lief gut, und so wurde ich noch im gleichen Jahr der Logistiker von Menschen für Menschen.

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Wie ich es empfand, mit Karlheinz Böhm zu arbeiten

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Mit Karlheinz Böhm zu arbeiten war für mich immer, wie wieder in die Schule zu gehen. So viel habe ich in den kommenden Jahren über bürokratische Abläufe bei internationalen Warenabwicklungen lernen können, wie man auch bei Routineabläufen motiviert bleibt und andere für die Sache motiviert, und wie wichtig Weitsicht ist. Außerdem, und das geht weit über meine Arbeit als Logistiker hinaus, konnte man von ihm lernen, wie man Menschen liebt und sich um andere kümmert.

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Aus den Anfangsjahren: Karlheinz Böhm und Melaku Taye in Äthiopien
Aus den Anfangsjahren: Karlheinz Böhm und Melaku Taye in Äthiopien
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Ich habe die Zusammenarbeit mit Karlheinz Böhm nie als schwer empfunden. Fehler und Misserfolge waren erlaubt, er hat dies immer toleriert – solange man immer ehrlich war. Das war der Schlüssel zur Zusammenarbeit mit ihm und ist bis heute ein grundlegender Arbeitsansatz der Stiftung. Es ist genau diese Ehrlichkeit, die mich über Jahrzehnte lang bei Karlheinz Böhm und der Stiftung Menschen für Menschen hielt.

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Ich glaube, dass Ato Karl auf höchster Ebene großen Einfluss hatte

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Seit einer kleinen Begebenheit vor vielen Jahren glaube ich, dass Karlheinz Böhm in Äthiopien auch auf höchster Ebene wirklich großen Einfluss hatte. Ab den 1990er Jahren mussten wir – und das war sowohl eine administrative als auch finanzielle Belastung – Steuern auf aus dem Ausland importierte Baumaterialien zahlen. Ich habe mich darüber immer wahnsinnig aufgeregt und beschwert – schließlich ging es hier um Hilfsgüter, die unser Land dringend brauchte, und die nur importiert wurden, weil wir sie nirgendwo innerhalb des Landes bekommen konnten.

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Eines Tages hatte Karl einen Termin mit dem damaligen Premierminister Meles Zenawi. Eine Chance witternd, erinnerte ich Karl daran, das Problem der Besteuerung doch einfach mal anzusprechen. Was dann geschah, konnte ich jedoch kaum fassen: Nach einem längeren Austausch beschloss der Premier, alle Hilfsgüter steuerfrei ins Land zu lassen. Von dieser weitreichenden Entscheidung, welche kurz danach offiziell verlautet wurde, profitierte längst nicht nur die Arbeit von Menschen für Menschen, sondern die aller im Land ansässigen Nichtregierungsorganisationen.

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Melaku Taye ist ein MfM-Urgestein – über drei Jahrzehnte lang, um genau zu sein von 1986 bis zu seiner Pensionierung 2018, war er als Logistiker für die Stiftung in Äthiopien tätig. Dabei war sein Beginn bei MfM eher Zufall…  

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(19) 16. September 2021: Vom Erzählen und Zuhören: Wie die Idee der MfM-Mikrokredite geboren wurde

Zuhören. Dieses Credo beherzigte Karlheinz Böhm immer bei seinem Wirken in Äthiopien. Den Menschen dort zuhören, was sie brauchen, wie ihnen geholfen werden kann. Begegnungen auf Augenhöhe. Bei seinen Besuchen der Aktion „Sportler gegen Hunger“ (SgH) in Vechta schlüpfte der frühere Schauspieler meist in eine andere Rolle. Er übernahm den Part des Erzählers, sprach über seine Arbeit, seine Projekte und seine Wut über die Ungerechtigkeit zwischen Arm und Reich.

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So auch 1992. Beim Warten auf den Auftritt vor Schülerinnen und Schülern in der Aula des Gymnasium Lohne saß Karlheinz Böhm neben Kreissportbund-Geschäftsführer Franz Meyer, der seit dem Start von „Sportler gegen Hunger“ im Jahre 1984 bis zum heutigen Tag die SgH-Spendengelder verwaltet.

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Eine Idee entwickelt sich

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Franz Meyer und Karlheinz Böhm

Sie kamen beim Plaudern auf Meyers Beruf, Kreditberater bei der Commerzbank in Vechta, zu sprechen. Böhm hielt inne und fragte: „Warum nimmt man eigentlich Kredite auf? Die müssen doch sowieso zurückgezahlt werden.“ Als Mann vom Fach brachte es der Banker auf den Punkt: „Weil sie mit Krediten Geld verdienen wollen.“ Ein Satz, der den früheren Schauspieler ins Grübeln kommen ließ.

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Die Gedanken kreisten sichtbar durch seinen Kopf und er fragte nach, wie das zu verstehen sei. Franz Meyer erinnert sich noch heute an seine Worte von damals: „Mit einem Kredit kauft man sich Maschinen, um etwas zu produzieren. Mit dem Geld aus dem Verkauf der Produkte zahlt man erste Raten zurück und hat noch Geld über. Und wenn der ganze Kredit abgezahlt ist, geht‘s mit dem Verdienen erst richtig los, dann kann man sich Existen­zen aufbauen.“

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„Herr Meyer, Sie haben mir sehr geholfen.“

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Danach war Karlheinz Böhm ganz in sich versunken, bis zum Beginn des Vortrags kreisten seine Gedanken wohl um Kredite, Geld verdienen und Existenzen aufbauen. Etwa eine Stunde später suchte er gegen Ende seines Vortrages vor den Gymnasiast:innen in der vollbesetzten Aula den Blickkontakt zu den SgH-Vertreter*innen und sagte vom Podium: „Herr Meyer, Sie haben mir sehr geholfen.“

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Mikrokreditprogramm in dem Projektgebiet Borena.
Mikrokreditprogramm in dem Projektgebiet Borena.
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Wenige Jahre später nahm Menschen für Menschen das Kleinkredite-Programm für Frauen in die Projektarbeit auf, bis heute haben rund 30.000 Äthiopierinnen diese Mikrokredite in Anspruch genommen, um ihre Lebenssituation entscheidend zu verbessern und sich Existenzen aufzubauen. Immer, wenn bei SgH-Vertretern und -Vertreterinnen heute die Sprache auf die MfM-Mikrokredite kommt, fällt der Satz „Herr Meyer, Sie haben mir sehr geholfen“. Karlheinz Böhm referierte in Vechta nicht nur über seine Projekte und Arbeit, er hörte auch hier immer zu – wie bei den Menschen in Äthiopien.

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Franz-Josef Schlömer ist der Initiator und Gründer der Aktion „Sportler gegen Hunger“ (SgH), welche seit 1984 und bis heute die Stiftung Menschen für Menschen unterstützt. Seit der Gründung bis 2018 war Herr Schlömer Vorsitzender von SgH, seitdem leitet Carsten Boning die Aktion.

http://sgh.oldenburgische-volkszeitung.de/

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(18) 13. September 2021: Thomas Gottschalks Anruf veränderte alles: Die Geschichte von der Städtewette

Ein Ereignis mit Menschen für Menschen, das ich nie vergessen werde, war die Städtewette 2006 – beziehungsweise deren Entstehung und Vorbereitung. Zu der Zeit war ich Geschäftsführer bei MfM, 2006 feierte unsere Stiftung ihr 25-jähriges Jubiläum. Schon 2005 begannen wir also, darüber nachzudenken, was wir besonderes für diesen Anlass planen wollen.

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Von “Wetten, dass…?” zur Städtewette

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Die damalige Leitung des Fundraising-Teams, Anne Dreyer, hatte dann eine tolle Idee, die mir auf Anhieb gefiel: Wir könnten doch mit einer Städtewette an unsere Gründungsgeschichte anknüpfen, und dies mit einer Aktion verbinden, die allen Spaß macht, die Aufmerksamkeit erzeugt und die uns von anderen Organisationen abhebt. Und, wie Anne zurecht meinte, keine andere Organisation hat die Möglichkeit, das Wetten als ein Fundraising-Element zu nutzen – dies bleibt uns, mit der Gründungsgeschichte in „Wetten, dass…?“ allein vorbehalten.

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Zur Städtewette: Die Idee war, in Deutschland 25 Städte zu finden, deren Oberbürgermeisterinnen und Oberbürgermeister mit Karlheinz Böhm die folgende Wette eingehen: „Mir als Oberbürgermeisterin oder Oberbürgermeister gelingt es, dass ein Drittel der Bevölkerung dieser Stadt in einem Zeitraum von etwa einem Monat einen Euro an Menschen für Menschen spendet.“ Dabei konnten sich Schulen, Vereine und Unternehmen natürlich ebenso beteiligen wie Privatpersonen. Karlheinz und Almaz Böhm wetteten dagegen, die Wetteinsätze überlegten sich die Städte selbst.

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Ich muss zugeben, dass wir mit einer solchen Aktion keine Erfahrungen hatten. Uns war aber bewusst, dass die Städtewette nur funktionieren würde, wenn uns ein bundesweiter Startschuss mit großer Aufmerksamkeit gelingt, von heute auf morgen müssten ganz viele Menschen von der Städtewette hören. In einem kleineren Rahmen würde die Aktion sofort untergehen.

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2006 war, obwohl das Internet und soziale Medien natürlich täglich an Bedeutung gewannen, das Fernsehen immer noch ein Hauptmedium, um so viele Leute wie möglich zu erreichen. Unsere Schlussfolgerung: Ein großer Fernsehauftritt muss her! Monatelang liefen wir von einem Sender zum anderen, fragten an, bekamen Absagen, nirgendwo ergab sich eine passende Möglichkeit. Nach einiger Zeit hatten wir die Idee, salopp gesagt, schon wieder mehr oder weniger in die Tonne gehauen und fingen an, uns andere, leichter durchzuführende Ideen zu überlegen. Die Umsetzung der großen Städtewette schien einfach nicht machbar.

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Gottschalks Anruf veränderte alles

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Axel Haasis im MfM-Büro.

Doch, wie es der Zufall will, rief an einem Freitagnachmittag dann die Redaktion von Thomas Gottschalk, der inzwischen die Sendung „Wetten, dass…?“ moderierte, bei mir an. Sie erzählten mir, dass in der „Wetten, dass…?“-Sendung in 15 Tagen ein Platz frei wäre. Sie fragten, ob sich Karlheinz Böhm wohl vorstellen könnte, in die Sendung zu kommen.

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Das darf ja wohl nicht wahr sein – ich konnte es kaum glauben! Nach Monaten des Suchens kam nun diese Möglichkeit um die Ecke, und wir hatten, da wir den Plan ja schon wieder gekippt hatten, nichts in der Tasche außer der Idee, kein Konzept, keine Grafiken, rein gar nichts. Es war Freitagnachmittag – die Sendung sollte 15 Tage später stattfinden – und wäre der ideale Startschuss unserer Städtewette. Ich sagte der Redaktion, dass ich mich am Montag zurückmelden würde.

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Wer nicht wagt, …

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Das ganze Wochenende grübelte ich zuhause über den Anruf. Zwischenzeitlich dachte ich, wir sollten einfach Karlheinz Böhm in der Sendung auftreten lassen, aber die Städtewette vergessen, doch irgendwie ließ mir die sich spontan aufgetane Möglichkeit keine Ruhe. Das Team brannte für diese Idee, hatte dort einen genialen Einfall entwickelt – sollten wir uns diese Möglichkeit entgehen lassen? Sonntagabend beschloss ich dann, dass wir es einfach probieren würden, auch, wenn wir möglicherweise dabei auf die Nase fallen.

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So rief ich direkt am Montagmorgen das Team zusammen und erzählte ihnen von dem Anruf der „Wetten, dass…?“-Redaktion. „Heute starten wir“, sagte ich ihnen, „und in zehn Arbeitstagen muss alles stehen.“ Die Ärmsten haben mich erst für verrückt erklärt – wir hatten kein Material, keine teilnehmende Stadt, wir hatten nichts außer einer großartigen Idee.

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Von der Idee zur Wette

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Die darauffolgenden Tage bis zu Karlheinz Böhms Auftritt bei „Wetten, dass…?“ waren wir alle dauerhaft auf den Beinen. Ich fuhr nur durch die Städte Deutschlands, sprach in Rathäusern mit Bürgermeisterinnen und Bürgermeistern, im Büro arbeitete das Team an den Materialien, der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, an allen Teilen der Umsetzung. Immer, wenn ich nach langen Tagen des Reisens abends wieder im Münchner Büro ankam, waren alle aus dem Team immer noch da und schufteten wie die Verrückten. Teilweise musste ich die Leute nachts nach Hause schicken, sie dazu überreden, Kraft zu tanken, damit es am nächsten Morgen weitergehen konnte.

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Es war eine unfassbar bewegende Zeit, die mich sehr berührt hat. Das Team hat einen unglaublichen Spirit und Willen an den Tag gelegt, um die Aktion umzusetzen – mit allem, was dazugehört. Am Ende waren 21 Bürgermeisterinnen und Bürgermeister dabei, der Auftritt Karlheinz Böhms bei Thomas Gottschalk und die anschließenden Städtewetten waren ein großartiger Erfolg.

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Mich macht es bis heute stolz, wie unser ja doch recht kleines MfM-Team in diesen Wochen zusammengearbeitet hat, mit wie viel Enthusiasmus und Durchhaltevermögen alle bei der Sache waren, und wie viel wir letztendlich auf die Beine stellen konnten – und das in weniger als zwei Wochen!

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Die Oberbürgermeister:innen mit Karlheinz und Almaz Böhm: 1. Reihe: Edith Schreiner, Georg Rosenthal, Marcel Philipp, Gerhard Möller, 2. Reihe: Dieter Salomon, Gesa Langfeldt, Dirk-Ulrich Mende, Petra Roth, Christian Ude, Jürgen Roters, 3. Reihe: Helmut Müller, Ulrich Maly, Jürgen Gneveckow, Klaus Jensen, Johannes Beisenherz (alle von links nach rechts).
Die Oberbürgermeister:innen mit Karlheinz und Almaz Böhm: 1. Reihe: Edith Schreiner, Georg Rosenthal, Marcel Philipp, Gerhard Möller, 2. Reihe: Dieter Salomon, Gesa Langfeldt, Dirk-Ulrich Mende, Petra Roth, Christian Ude, Jürgen Roters, 3. Reihe: Helmut Müller, Ulrich Maly, Jürgen Gneveckow, Klaus Jensen, Johannes Beisenherz (alle von links nach rechts).
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Schon 1984 begann Axel Haasis als Schüler, ehrenamtlich für Menschen für Menschen zu arbeiten und setzte dieses Engagement auch während seines Studiums fort. Von 1993-2013 war er hauptamtlich für die Stiftung tätig, erst als Leiter der Fundraising-Abteilung (bis 2002), dann als Geschäftsführer.

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(17) 10. September 2021: Sissi-Walzer in Addis Abeba: Als Karlheinz Böhm meinen Kindheitstraum erfüllte

Ich war noch ein junges Mädchen, als ich Karlheinz Böhm als Kaiser Franz in den Sissi-Filmen sah. Oft träumte ich danach, einmal so ein schönes Kleid wie das von Sissi – gespielt von Romy Schneider – anzuhaben, und dann mit Kaiser Franz über das Parkett zu rauschen, mich in seinen Armen wiegend einen Wiener Walzer zu tanzen. Hach, was für Träume man als Jugendliche doch hat!

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Von Schul-Bekanntschaft zu guten Freunden

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1993 zogen mein Ehemann Loukas und ich dann beruflich nach Addis Abeba, ich fing eine Stelle als Konrektorin an der Deutschen Botschaftsschule mit integriertem Kindergarten an. Auf dieser Schule waren auch, was mir zu dem Zeitpunkt erst gar nicht bewusst war, Karlheinz und Almaz Böhms Kinder Nici und später auch Aida. So stand plötzlich des Öfteren Karlheinz Böhm vor mir, als er seine Kinder abholte.

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Almaz und Karlheinz Böhm mit ihren Kindern Nici und Aida in ihrem Haus in Addis Abeba.
Almaz und Karlheinz Böhm mit ihren Kindern Nici und Aida in ihrem Haus in Addis Abeba.
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Aus ersten losen Begegnungen wurden schnell engere Gespräche, Loukas fing auf Karls Anfrage bald an, Almaz Deutschunterricht zu geben. Es entstand eine enge Freundschaft, wir besuchten uns viel. Bei meinem ersten Besuch in dem Haus der Böhms war ich ganz neugierig: „Karlheinz Böhm wohnt sicher in einem halben Schloss“, dachte ich anfangs. Weit gefehlt. Das Haus war einfach und gemütlich. Ich glaube, selbst unser Haus war größer.

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Ein Kindheitstraum wird wahr

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An einem der gemeinsamen Abende bei uns daheim erzählte ich Karlheinz Böhm über einem Glas Wein lachend von meinem Jungmädchentraum, und dass ich mir damals nie hätte träumen lassen, nun wirklich mit „Kaiser Franz“ befreundet am Essenstisch in Addis Abeba zu sitzen. „Na, dann leg doch mal einen Walzer auf. Wir können das ja nun nachholen“, überraschte mich Karl und schon schwebte ich mit ihm ein paar Minuten über den Linoleumboden unseres Wohnzimmers. Zwar nicht in Ballkleid, sondern in Jeans, aber das war nun wirklich egal.

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So erfüllte mir Karl meinen Kindheitstraum und schenkte mir viele weitere Erinnerungen, die ich nie vergessen werde. Auch, nachdem Loukas und ich wieder nach Deutschland zurückkehrten, blieb die Freundschaft zu Karl und Almaz bestehen, Karlheinz war auch bei uns in Osterode zu Besuch, wir auch in dem Haus der beiden in Grödig. Obwohl wir uns zwischendurch oft länger nicht gesehen hatten, war die alte Vertrautheit und Verbundenheit immer sofort wieder da.

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Auf einer Schulveranstaltung sammelt Brigitte Maniatis mit Schülerinnen Spenden für MfM.
Auf einer Schulveranstaltung sammelt Brigitte Maniatis mit Schülerinnen Spenden für MfM.
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Inzwischen waren wir auch ehrenamtlich für die Stiftung aktiv, bei den Veranstaltungen hat Karl, voller Begeisterung für seine Arbeit und mit ungebremster Motivation, die Menschen immer sofort mitreißen können. Ich hoffe, dass wir durch unser Engagement diese Motivation und Begeisterung noch ganz lang weitertragen können.

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Brigitte Maniatis und ihr Ehemann Loukas zogen 1993 nach Addis Abeba, wo sie eine Stelle als Konrektorin an der Deutschen Botschaftsschule begann. Da Karlheinz Böhms Kinder an dieser Schule waren, entstand aus ersten Begegnungen bald eine enge Freundschaft, welche auch nach der Rückkehr von Brigitte und Loukas Maniatis nach Deutschland 1999 bestehen blieb. Die beiden engagieren sich bis heute auch ehrenamtlich für die Stiftung.

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(16) 8. September 2021: Wie ich MfM noch vor Karlheinz Böhms Wette unterstützte

Die Geschichte meiner persönlichen Verbundenheit mit der Stiftung Menschen für Menschen reicht zurück in das Jahr 1831. Sozusagen. In jenem Jahr nämlich wurde in Duisburg das Steinbart-Gymnasium gegründet, das deshalb im Jahr 1981 – ich besuchte damals dort die 8. Klasse – stolz auf seine 150-jährige Geschichte zurückblickte. Die Schulgemeinde feierte dieses Jubiläum am Freitag, dem 15. Mai 1981, mit einem großen Schulfest. Meine Klasse kümmerte sich um das sogenannte „leibliche Wohl“ der Besucherinnen und Besucher und schloss den Tag mit einem Überschuss von 750 D-Mark ab. Wir wussten noch nicht so recht, was wir mit dem Gewinn machen sollten, er sollte irgendeinem wohltätigen Zweck zu Gute kommen.

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Die Frage, welcher Zweck das konkret sein würde, wurde schon am nächsten Tag beantwortet. Am 16. Mai 1981 wurde im ZDF die Sendung „Wetten, dass…?“ ausgestrahlt, in der Karlheinz Böhm zu Gast war. Was dort geschah, ist bekannt – am Montag beschloss meine Klasse, unseren Gewinn Karlheinz Böhm zur Verfügung stellen.

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Nicht nur spenden, raus aus der Komfortzone!

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Stephan Altenburg wollte als Schüler aktiv werden.

Die Spende allein reichte uns aber nicht. Ich hatte die Wette von Karlheinz Böhm immer so verstanden, dass es ihm nicht wichtig war, dass die Zuschauer ein großes finanzielles Opfer bringen. Im Gegenteil: Eine Mark konnte jede und jeder erübrigen. Ihm ging es darum, dass die Zuschauerinnen und Zuschauer ihre, wie man heute formulieren würde, „Komfortzone“ verlassen und selbst etwas tun – Karlheinz Böhm sprach von der „Überwindung des eigenen faulen Schweinehundes in uns selber“.

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Auch für die Einzahlung von nur einer Mark musste man damals zur Bank oder zum Postamt gehen, das Onlinebanking war noch nicht erfunden. Unsere Einzelspende von 750 Mark entsprach somit nicht der ursprünglichen Idee und war so gesehen natürlich wettbewerbsverzerrend. Aber auch wir Schülerinnen und Schüler überwanden den „faulen Schweinehund“, nahmen mit Karlheinz Böhm Kontakt auf (der dann auch kurze Zeit später unsere Schule besuchte) und boten ihm unsere aktive Unterstützung an. Hieraus entstand eine Schüleraktion, die in den kommenden fünf Jahren bis zu unserem Abitur 1986 eine Vielzahl von Aktivitäten zum Fundraising entwickelte.

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10.000 Briefe, von Hand geschrieben, kuvertiert und ausgetragen

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Die nach meiner Erinnerung aufwändigste Aktivität jener Zeit war ein Briefversand: Mit über 10.000 Briefen, die wir über mehrere Wochen im gesamten Stadtgebiet von Duisburg selbst ausgetragen haben, haben wir im Frühjahr und Sommer 1983 unsere Schüleraktion und insbesondere die Stiftung Menschen für Menschen und deren erstes Hilfsprojekt (Erer-Tal im Südosten Äthiopiens) in unserer Region bekannt gemacht. Allein die Produktion der Briefe war für uns Schülerinnen und Schüler (wir waren mittlerweile 15 oder 16 Jahre alt) eine logistische Herausforderung ersten Ranges.

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Auch in den lokalen Zeitungen wurde über den großen Briefversand berichtet.
Auch in den lokalen Zeitungen wurde über den großen Briefversand berichtet.
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Wir hatten alles, was wir dazu benötigten, von Duisburger Unternehmen gespendet bekommen: Das Briefpapier stellte eine Werbeagentur für uns her, die Briefumschläge stiftete eine ortsansässige Brauerei und die Überweisungsvordrucke, die den Adressaten das Spenden erleichtern sollte, lieferte die Stadtsparkasse Duisburg kostenfrei zu. Was ich damals gelernt habe: Wer fragt, bekommt Antworten; lass Dich nicht abwimmeln; und wenn Dich vorn jemand wegschickt, versuch’s noch einmal durch die Hintertür. Das hat eigentlich immer funktioniert, wir wurden nie enttäuscht.

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Da saßen wir also wochenlang nachmittags nach dem Unterricht in einem Raum in der Schule, den uns der Schulleiter zur Verfügung gestellt hatte, und schrieben, falzten und kuvertierten über 10.000 Briefe, die wir an anderen Tagen selbst austrugen, um Porto zu sparen. Irgendwann wurde die schreibende Presse auf unsere Aktion aufmerksam und berichtete sehr wohlwollend darüber, was später sogar das Interesse des ZDF weckte. Ein Fernsehteam begleitete uns einige Tage und berichtete in einer 45-minütigen Reportage zur besten Sendezeit über unsere Gruppe und ihre Initiativen. Das alles machte unsere Aktion auch über die Grenzen unserer Stadt hinaus bekannt und sorgte insbesondere dafür, dass unsere Briefe wahrgenommen wurden und nicht ungelesen im Müll landeten. Ich erinnere mich an den Anruf einer älteren Dame, die sogar darum bat, ebenfalls einen solchen Brief zu bekommen, sie habe das im Fernsehen gesehen. Wir erfüllten ihren Wunsch und sie unterstützte die Stiftung über viele Jahre jeden Monat sehr großzügig mit einem Dauerauftrag.

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Die Steine kamen ins Rollen – viele Aktionen folgten

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Unvergessen ist auch der Anruf eines Insolvenzverwalters Ende November 1984, der in einem Verfahren 30.000 „klingende Weihnachtskarten“ nicht verwerten konnte, weil es sich um Fehldrucke handelte. Die könnten wir haben. Wir hatten aber nur einen Advent Zeit, um sie zu Geld zu machen, im nächsten Jahr wären die kleinen Knopfzellen leer gewesen. Und so haben wir sämtliche Weihnachtsmärkte in Nordrhein-Westfalen mit diesen (aus Sicht des heute Erwachsenen absolut geschmacklosen) Weihnachtskarten regelrecht überschwemmt. Jeder Karte haben wir ein Informationsblatt über die Stiftung beigelegt, abermals ermöglicht durch die großzügige Unterstützung eines Druckereibetriebes. Auf diese Weise haben wir nicht nur den Kaufpreis erhalten, sondern auch gleich noch für die Arbeit der Stiftung geworben. Was waren wir erleichtert, als Weihnachten vorbei war!

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All diese Aktivitäten und Gemeinschaftserlebnisse haben uns geprägt und sind uns allen in bleibender Erinnerung geblieben. Aber wie das so ist: Nach fünf Jahren löste sich die Schüleraktion 1986 zwangsläufig auf, nachdem wir alle das Abitur bestanden hatten und wir uns in alle Himmelsrichtungen zerstreuten. Die Bilanz: Aus den 750,00 Mark, die wir beim Jubiläums-Schulfest des Steinbart-Gymnasiums 1981 erzielt hatten, waren bis zum Abitur insgesamt mehr als 580.000 Mark geworden, die die Schüleraktion an die Stiftung Menschen für Menschen überwiesen hat. Auch wenn unsere Schüleraktion als solche nicht mehr existiert, ist die Verbundenheit zur Stiftung in den 40 Jahren seit ihrer Gründung stets erhalten geblieben, auch und gerade für mich persönlich.

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Bericht über Stephan Altenburgs Engagement in der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung, 1986.
Bericht über Stephan Altenburgs Engagement in der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung, 1986.
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Stephan Altenburg unterstützt die Stiftung seit der ersten Stunde – um genau zu sein, sogar schon seit dem Tag vor Karlheinz Böhms Wette. Als Schüler startete er eine große Spendenaktion und war dann lange ehrenamtlich der Regionale Ansprechpartner von Menschen für Menschen in Nordrhein-Westfalen, bevor er 1989 zum Jurastudium nach München ging und im Anschluss eine erfolgreiche Anwaltskanzlei aufbaute.

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(15) 3. September 2021: Eine Zwiebacktüte voller Geld: Die skurrilsten Spenden in 40 Jahren Menschen für Menschen

Rein zufällig las ich Mitte der 1980er das erste „Nagaya“ Buch von Karlheinz Böhm. Nachdem ich dann noch merkte, dass das Büro von Menschen für Menschen sehr nahe meiner Wohnung in München lag, war mein Entschluss gefasst: Ich wollte mitmachen. So begann ich 1985 meine ehrenamtliche Tätigkeit für Menschen für Menschen. Zu dem Zeitpunkt gab es neben Karlheinz Böhm selbst nur eine Festangestellte, Renate Eickemayer, die das Büro leitete, alle anderen waren ehrenamtlich tätig.

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Wie lief das, in nicht digitalen Zeiten?

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Meine Hauptaufgabe, sowohl in meinen ersten ehrenamtlichen Jahren, als auch danach als Festangestellte, war die Bearbeitung der eingehenden Post und die Überweisungsscheine. Heutzutage kann man sich das wahrscheinlich gar nicht mehr vorstellen, aber in den Anfangsjahren von MfM gab es noch keine elektronischen Überweisungen. Wir bekamen die Überweisungsscheine von den Banken oder den Privatleuten postalisch an unser Büro gesendet. So standen bei uns in dem einen Zimmer, in dem alle arbeiteten, überall Kisten mit Briefen. Das Zimmer war so voll, dass die Buchhaltung in der ersten Zeit als ihren „Tisch“ die Fensterbank benutzte.

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Die Anfänge MfMs fanden noch ohne Computer statt - hier Karlheinz Böhm an der Schreibmaschine.
Die Anfänge MfMs fanden noch ohne Computer statt – hier Karlheinz Böhm an der Schreibmaschine.
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Ganz am Anfang gab es nur bei Spenden mit höheren Summen einen Dankesbrief dazu, sonst wurde einfach eine Quittung versendet. Da wir am Anfang noch nicht mal einen Schreibautomaten im Büro hatten, tippte ich diese Briefe nämlich immer zuhause auf meiner privaten Schreibmaschine – hätten wir dies für jede Spende machen müssen, wären wir einfach nicht fertig geworden. Doch nachdem ich dann 1988 festangestellt wurde, bekamen wir einen IBM Schreibautomaten und konnten die Post und Überweisungen dadurch schneller bearbeiten – ein großes Highlight!

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Noch etwas, was in den heutigen Zeiten unvorstellbar erscheint, war unsere Adressrecherche. Denn nicht immer konnte man den Namen und die Adresse der Spenderinnen und Spender auf den Überweisungsscheinen gut lesen. In einem Kämmerchen hatten wir also die großen, dicken Telefonbücher Deutschlands und haben uns so anhand der lesbaren Elementen an die richtige Person herangetastet.

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Meine verrücktesten Spenden-Erinnerungen

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In meinen vielen Jahren in der Spendenbetreuung habe ich natürlich die unterschiedlichsten Spenden und Personen dahinter erlebt, ein paar sind mir jedoch in besonderer Erinnerung geblieben.

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Anfang der 90er sendete eine Person zum Beispiel jeden Monat 18.000 DM, eine riesige Summe, wollte jedoch eindeutig nicht erkannt werden. Jedes Mal kam der Überweisungsschein unter einem anderen Namen bei uns an, Heinz Bender aus Düsseldorf, Egon Müller aus Dortmund, nie war eine Kontonummer oder Adresse dabei, die Handschrift war aber eindeutig identisch. Es blieb uns für immer ein Rätsel, nach ein bis zwei Jahren hörten die Spenden schließlich wieder auf.

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Irmgard Lehmann hat in vielen Jahren Spendenbetreuung einige kuriose Spenden erlebt.
Irmgard Lehmann hat in vielen Jahren Spendenbetreuung einige kuriose Spenden erlebt.
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Auch gab es mal eine Dame, mit der ich mehrere Male telefonierte und die dann 20.000 DM spendete. Kurz darauf verstarb sie. Mir wurde klar, dass sie ihre gesamten Ersparnisse der Stiftung hatte zu Gute kommen lassen wollen. Kurz darauf riefen ihre Kinder bei uns an, forderten das Geld zurück und behaupteten, ihre Mama wäre dement gewesen. Den Eindruck hatte ich in unseren langen Telefonaten nie gehabt. Den rechtlichen Grundlagen folgend sagte ich den Kindern, dass ich ein ärztliches Attest bräuchte, das nachweist, dass ihre Mutter nicht mehr voll zurechnungsfähig gewesen war. Darauf bekam ich nur die schnippische Antwort: „Pah, dann behalten sie das Geld halt!“

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Bis heute ein Rätsel: eine Zwiebacktüte voll Geld

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Einmal, dies muss auch in den ersten Jahren gewesen sein, fanden wir am Morgen einfach eine Zwiebacktüte vor unserer Bürotür, jemand musste sie dort hingelegt haben. Die Tüte stank bestialisch, doch als wir sie öffneten, befanden sich 20.000 D-Mark darin, voller Krümel, aber echtes Geld. Zwar wurden bei uns immer mal anonyme Barspenden eingeschickt, in einer stinkenden und verkrümelten Tüte habe ich diese aber normalerweise nicht entgegengenommen.

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Eine letzte Spenden-Erinnerung, die ich gerne teilen möchte, war 2001, kurz vor der Umstellung von D-Mark auf Euro. Zu dem Zeitpunkt nahmen wir mit allen Spenderinnen und Spendern Kontakt auf, denn die bisherigen geraden Dauerspendenbeträge wurden ja nun zu sehr krummen Beträgen. So fragten wir alle, ob sie diesen krummen Betrag weiterhin spenden oder auf- oder abrunden wollten.

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Eine Frau aus Norddeutschland, die monatlich 100 DM spendete, hatte auf unseren Brief nicht reagiert. Schlussendlich rief ich bei ihr an. „Ja, dann machen sie doch 100 Euro daraus!“, meinte sie am Telefon. Als ich sie darauf aufmerksam machte, dass dies fast das Doppelte der bisherigen Spende wäre, war ihre Antwort nur: „Das macht doch nichts, ich wohne inzwischen im Altenheim und kriege hier dreimal am Tag kostenlos Essen! Da wird das Geld in Äthiopien doch bessere Verwendung finden.“

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Irmgard Lehmann, hier schon am Nachfolger-Modell des Schreibautomaten: dem Telex!
Irmgard Lehmann, hier schon am Nachfolger-Modell des Schreibautomaten: dem Telex!
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All diese, und noch so viele weitere Erlebnisse, zeigen die vielen unterschiedlichen Menschen hinter Menschen für Menschen, unsere Unterstützerinnen und Unterstützer, das Fundament der Stiftung. Es macht mich stolz, dass ich so viele Jahre lang dieses Fundament pflegen und hegen durfte – einer der vielen Gründe, warum ich bis heute aktiv für die Stiftung tätig bin.

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Nachdem sie das Buch „Nagaya“ von Karlheinz Böhm gelesen hatte, beschloss Irmgard Lehmann, sich für die gute Sache zu engagieren. An ihrem 49. Geburtstag, im Jahre 1985, betrat sie zum ersten Mal das MfM-Büro in der Neuhauser Straße.  Für die nächsten drei Jahre arbeitete sie ehrenamtlich in der Spendenbetreuung, danach als Festangestellte bis 1996. Von da an war sie auf Teilzeitbasis weiterhin tätig, bis heute unterstützt sie das MfM-Team im Bereich Fundraising & Kommunikation einen Tag die Woche – und bringt auch mit ihren 85 Jahren jede Woche wieder frischen Schwung ins Büro!

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(14) 31. August 2021: Verwechslungsgefahr? Wie ich als deutscher Botschafter für Karlheinz Böhm gehalten wurde

Meine Frau und ich haben Karlheinz Böhm 2006 in Addis Abeba kennengelernt. Ich war seit Februar dieses Jahres deutscher Botschafter und erhielt eines Tages einen Anruf, dass Karlheinz Böhm in Addis ist und er uns gerne kennenlernen möchte. Er war schon zu Zeiten meiner Vorgängerin ein gern gesehener Gast in der Deutschen Botschaftsresidenz und wir freuten uns über diese Nachricht. Meine Frau konnte so auch den Schwarm ihrer Jugend persönlich treffen.

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Ein Termin wurde gefunden und wir standen mit klopfendem Herzen an der Tür, als Karlheinz von der Pforte angekündigt wurde. Es war Sympathie auf den ersten Blick, wir verstanden uns sofort, die Gespräche wollten nicht enden. Er erzählte lebhaft von seiner Wette – wie alles begann und von seinen Projekten, den früheren Aufenthalten in der Botschaftsresidenz und den Begegnungen mit unseren Vorgängerinnen und Vorgängern.

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Spontan beschlossen wir zusammen mit dem österreichischen und dem Schweizer Botschafter sowie Menschen für Menschen, Karlheinz Böhms 80. Geburtstag mit Freundinnen und Freunden und Wegbegleiterinnen und Wegbegleitern bei uns in der Botschaftsresidenz zu feiern.

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Gemeinsame Reisen in die Projektgebiete

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Es folgten noch viele weitere Treffen mit Karlheinz und seiner Frau Almaz, Gespräche über bereits geförderte und geplante Projekte und Reisen mit ihm, Almaz und Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern von Menschen für Menschen. Dabei konnten wir die tiefe Verehrung der äthiopischen Menschen für „Ato Karl“ auf allen Reisen spüren und erleben. Geschenke wurden in das Auto gereicht, Frauen trällerten am Straßenrand, Reiter auf geschmückten Pferden kamen uns entgegen, sobald der Wagen von Menschen für Menschen sich dem Dorf näherte.

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Warmer Empfang zur Schuleröffnung im Projektgebiet
Warmer Empfang zur Schuleröffnung im Projektgebiet
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Wir besuchten die von Menschen für Menschen mit Spendengeldern errichteten Schulen, Krankenhäuser, Brunnen, Brücken, Straßen etc. und könnten zu jedem Projekt noch viel erzählen.

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Bei unserem ersten Treffen erzählte Karlheinz, wie die Bauern sich bei ihm über die vielen Steine auf dem Feld beklagten. Die Unterhaltung fand mit „Händen und Füßen“ statt, Karlheinz sprach kein Amharisch, die Bauern kein Deutsch oder Englisch. Aber Karlheinz verstand, stand auf, hob einen Stein hoch und brachte ihn an den Rand des Feldes. Dies wiederholte er einige Male. Dann verstanden es auch die Bauern, machten es ihm nach, es entstand eine Mauer, und nach einer Woche war das Feld frei und konnte bewirtschaftet werden.

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Unsere Geburtstagsfeier für Karlheinz

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Dann kam Karlheinz 80. Geburtstag, der von den drei Botschaften und Menschen für Menschen mit großem Einsatz organisiert worden war. Etwa 400 Personen waren eingeladen, Ehrengast war natürlich Karlheinz, aber auch der deutsche Staatspräsident Horst Köhler war anwesend. Es wurden Reden gehalten und Spezialitäten aus Österreich, Schweiz und Deutschland gereicht. Es war ein gelungenes Fest.

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Am Ende der Feier, als die Gäste sich verabschiedeten, kam eine Dame auf mich zu, strahlte mich an und sagte „Herr Böhm, Sie sehen aber nicht wie 80 aus“. Bis heute weiß ich nicht, wer diese Dame war und wer sie eingeladen hatte. Denn sie kannte Karlheinz offensichtlich nicht, sonst hätte sie mich (damals 62 Jahre alt) nicht mit Karlheinz verwechseln können!

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Dr. Claas Dieter Knoop (2. v.l., obere Reihe) und Karlheinz Böhm bei Geburtstagsfeier in der deutschen Botschaftsresidenz.
Dr. Claas Dieter Knoop (2. v.l., obere Reihe) und Karlheinz Böhm bei Geburtstagsfeier in der deutschen Botschaftsresidenz.
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Dr. Claas Dieter Knoop (Mitte) mit Sara Nuru und Dirk Kasten bei seiner Ernennung als Kuratoriumsmitglied

Dr. Claas Dieter Knoop ist pensionierter Diplomat und seit 2018 Teil des Kuratoriums der Stiftung Menschen für Menschen. Er war von 2006 bis 2010 Botschafter der Bundesrepublik Deutschland in Äthiopien, und lernte während dieser Zeit auch Karlheinz Böhm kennen.

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(13) 26. August 2021: “Ich erwartete einen zornroten Karlheinz Böhm, doch dann…”

Im Frühjahr 2008 warteten Eckart Witzigmann und ich im Restaurant „Blauer Bock“ in München auf Almaz und Karlheinz Böhm. In telefonischen und persönlichen Gesprächen mit Menschen für Menschen hatten wir unsere Idee, gegen Karlheinz Böhm zu wetten, schon besprochen. Doch heute war der Tag, an dem wir ihm unser Projekt vorstellen wollten. Almaz und Karlheinz verspäteten sich. Der vorherige Termin hatte sich verschoben, der Verkehr war kollabiert und durch den Umbau der Schrannenhalle gab es keine Parkplätze am Viktualienmarkt, wo der „Blauer Bock“ ansässig ist.

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Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Stiftung versuchten, uns die Zeit zu verkürzen, indem sie Geschichten und Anekdoten aus den letzten 20 Jahren mit Karlheinz erzählten. Viele dieser Geschichten handelten von dem Zorn, mit dem er gegen die Ungerechtigkeit auf diesem Planeten kämpfte, und mit jeder Geschichte erschien er mir noch zorniger, als in der Geschichte zuvor. Mittlerweile erwartete ich, dass ein riesengroßer Karlheinz Böhm gleich mit zornrotem Kopf das Lokal stürmt und erst einmal die Möbel graderückt und seinem Unmut Luft macht. Ich war schon richtig nervös, als endlich die Meldung kam, dass er jetzt da wäre.

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Von wegen zornig – fast eher schüchtern

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Dann steckte ein eher schüchterner Karlheinz Böhm den Kopf durch die Tür und fragte, ob er hier richtig sei. Nachdem er eintrat, bemerkte ich, dass Karlheinz zwar groß war, aber eher mittelgroß. Er war auch nicht zornig, sondern eher freundlich. Ich erwartete auch eine gewisse Strenge und hatte schon ein schlechtes Gewissen, dass wir die Wartezeit mit einer Flasche Wein überbrückt hatten.

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Als er die Flasche sah, lobte er unseren guten Geschmack und schloss sich trotz der frühen Mittagsstunde an. Geplant war ein kurzer Lunch von etwa einer Stunde. Durch die Verspätung war diese Stunde längst vorbei. Der Nachfolgetermin wäre schon dran gewesen. Karlheinz telefonierte und verschob einige Termine und sagte, dass er sich etwas Luft verschafft habe.

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Das Gefühl, sich zu kennen

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Wir setzten uns an einen Tisch, und kurz darauf fing der Zauber an. Schon kurz nach Gesprächsbeginn fanden Eckart und Karlheinz heraus, dass sie aus demselben Dorf stammen und in dieselbe Schule gegangen und zum Teil dieselben Lehrer hatten. Almaz stellte sich als versierte Hobbyköchin mit einem unglaublichen Fachwissen heraus, was sie in den folgenden Jahren immer wieder unter Beweis stellte.

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Von links nach rechts: Eckart Witzigmann, Karlheinz Böhm, Almaz Böhm und Ralf Bos bei der ersten Wette der Aktion Spitzenköche für Afrika.
Von links nach rechts: Eckart Witzigmann, Karlheinz Böhm, Almaz Böhm und Ralf Bos bei der ersten Wette der Aktion Spitzenköche für Afrika.
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Es dauerte nur Minuten, um festzustellen, dass wir keine Fremde aus fremden Welten waren, die zusammengeführt werden müssen, sondern Brüder und Schwester im Geiste. Ein Gefühl, das uns immer begleitete und Momente der größten Freude, aber auch der tiefsten Trauer miteinander teilen ließ. Wir durften oft und viel zusammen lachen, aber auch den Tränen, ohne einen bitteren Beigeschmack, freien Lauf lassen.

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Wettstart unter Gastronomen

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Ralf Bos und Eckart Witzigmann bei der Eröffnung der von den Spitzenköchen für Afrika finanzierten Schule.

Natürlich war die Wette schnell eine beschlossene Sache. Wir verabredeten uns für den 15. September 2008 auf dem Süllberg in Hamburg, um dort die Wette feierlich und öffentlich abzuschließen. Unsere Wette lautete: „Eckart Witzigmann und ich wetten, dass wir es schaffen innerhalb von nur 100 Tagen unter Zuhilfenahme der Gastronomen in Deutschland, eine Spendensumme von 250.000 Euro zu generieren, um damit eine Schule aus Stein und Stahl und Glas für 1.000 Kinder in Äthiopien zu bauen.“

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Almaz und Karlheinz Böhm wetteten dagegen. Um es kurz zu machen: Die Böhms verloren diese Wette, und sie verloren sie gerne. Ihren Wetteinsatz, für alle unterstützenden Gastronomen ein Menü zu kochen, lieferten sie einige Wochen später mit Bravour auf einer Charity-Veranstaltung in Frankfurt ab, wo Almaz zum ersten Mal ihre große gastronomische Klasse unter Beweis stellen konnte.

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Ralf Bos ist Unternehmer und Mitglied im Kuratorium der Stiftung Menschen für Menschen.  Der Delikatessengroßhändler und Geschäftsführer von BOS FOOD aus Meerbusch hat 2008 die Initiative „Spitzenköche für Afrika“ mit seinen Partnerinnen und Partnern ins Leben gerufen und unterstützt seitdem Bildungsprojekte in Äthiopien.

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(12) 19. August 2021: Meet & Greet der besonderen Art: Als ich dem MfM-“Cover Girl” leibhaftig begegnete

Als ich 1984 als 16-Jährige die ersten Spendensammlungen an meinem Gymnasium in Unterhaching durchführte, blickte sie gemeinsam mit Karlheinz Böhm von den offiziellen Plakaten von Menschen für Menschen: das Mädchen Sa’an. Auch auf Autogrammkarten und in den ersten Büchern über die Arbeit der Organisation war ihr Bild zu sehen.

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Im HIntergrund lächelt Sa’an mit Karlheinz Böhm

Gemeinsam mit ihren Eltern hatte sie Anfang der 80er Jahre in eben jenem Flüchtlingslager am Rande des ostäthiopischen Städtchens Babile vor Krieg und Dürre Zuflucht gesucht, in das die lokalen Behörden den Gründer unserer Organisation geführt hatten, nachdem er im Zuge seiner spektakulären Fernsehwette seine Unterstützung angeboten hatte.

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Symbolfigur für viele Menschen

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Gemeinsam mit ihren Eltern und ein paar Tausend anderen Männern, Frauen und Kindern aus diesem und einem benachbarten Lager folgte sie ihm ins nahe gelegene Erer-Tal, um mithilfe der ersten Spendengelder an den Ufern des Flüsschens nach und nach vier Dörfer mit Wasserstellen, Schulen, Krankenstation und fruchtbaren Feldern aufzubauen, die ihre neue Heimat werden sollten.

Im Laufe der Jahre wurde die kleine Sa’an zu unserer Symbolfigur für all die Menschen, denen das Schicksal so vieler Entwurzelter, die am Rande des Verhungerns in dauerhafte Abhängigkeit von den Almosen internationaler Nahrungsmittelhilfe geraten, durch wirkungsvolle Hilfe zur Selbstentwicklung erspart werden konnte. In dieser Eigenschaft zierte das Foto von Sa’an dann auch noch die Titelseite der Broschüre zum 15-jährigen Jubiläum unserer Organisation, die ich selbst – inzwischen festangestellte Mitarbeiterin bei Menschen für Menschen – federführend mitgestalten durfte. Aber immer noch kannte ich das Mädchen auf dem Arm von Karlheinz Böhm nur von Bildern und aus Erzählungen.

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Das Mädchen war inzwischen erwachsen geworden

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Das sollte sich ändern, als ich Anfang der 2000er Jahre die Stelle der PR-Referentin in Äthiopien übernahm. Kurze Zeit später feierte unsere Organisation schon ihr 20-jähriges Bestehen, und Karlheinz Böhm war besonders stolz darauf, den internationalen Medienvertretern und -vertreterinnen ein ganz bestimmtes Wohnheim für Schüler und Schülerinnen präsentieren zu können, das gerade fertiggestellt worden war. Denn es befand sich in Babile – und zwar genau an der Stelle, an der rund zwei Jahrzehnte vorher die armseligen Zelte der Flüchtlingsfamilien gestanden hatten.

Ihre Kinder und Enkel waren es nun, die nach dem Abschluss der Grundschulen im Erer-Tal weiterführende Bildungseinrichtungen in der Stadt besuchen wollten und im neu gebauten Wohnheim die dafür nötige Unterkunft fanden. Auf der Eröffnungsfeier beschrieben Vertreter und Vertreterinnen der vier Dörfer in rührenden Worten den erfolgreichen Weg, den sie gemeinsam mit Menschen für Menschen beschritten hatten.

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Als eine strahlende junge Frau auf uns zukam, um Karlheinz Böhm und sein Team im Anschluss an die Veranstaltung zu sich nach Hause auf einen Kaffee einzuladen, stand ich mit einem Mal dem inzwischen erwachsen gewordenen Mädchen von unseren ersten Werbeplakaten tatsächlich von Angesicht zu Angesicht gegenüber!

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Enge Beziehung zu den Menschen in den Projektgebieten

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Ein bewegender Moment, der die enge persönliche Beziehung, die unsere Organisation zu den Menschen in den Projektgebieten hat, wieder einmal unterstrich und an den mich heute noch die bunte Perlenkette erinnert, die Sa‘an mir zur Begrüßung um den Hals gelegt hat. Wir unsererseits konnten ihr beim nächsten Treffen mit ein paar englischen Belegexemplaren von der Broschüre, mit der sie als „cover girl“ bei uns Geschichte geschrieben hatte, eine große Freude bereiten.

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Michaela Böhm kam bereits 1984 als ehrenamtliche Helferin zu Menschen für Menschen und arbeitete bald schul- bzw. studienbegleitend in der PR-Abteilung mit. Anschließend wurde sie in Vollzeit von der Stiftung übernommen und war – mit Ausnahme von ein paar Jahren in anderen Unternehmen – zwei Jahrzehnte als Referentin für Öffentlichkeitsarbeit sowie als persönliche Assistentin von Karlheinz und Almaz Böhm im Einsatz, u.a. auch mehrere Jahre in Äthiopien. Seit 2014 unterstützt sie den Vorstand und Stiftungsrat von MfM-Deutschland.

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(11) 12. August 2021: “Überraschungen wie diese waren Karlheinz Böhms Spezialgebiet”

“Die Hungersnot in Äthiopien 1984/1985 war auch in den deutschen Medien über einen sehr langen Zeitraum ein vorherrschendes Thema. Für mich persönlich war es der Auslöser, mich – damals noch als Schüler – zu engagieren und von Deutschland aus etwas gegen die Hungersnot zu tun.

Gemeinsam mit ein paar Freunden startete ich an unserer Schule eine Aktion, die darauf aufmerksam machen sollte, dass jeden Tag über 40.000 Kinder unter fünf Jahren verhungerten – eine Zahl, so groß, dass man sich darunter gar nichts mehr vorstellen kann. Um dies den Menschen vor Augen zu führen, bauten wir aus Streichhölzern einen “Miniatur-Friedhof” für den Planeten, klebten insgesamt als Mahnmal gegen den Hungertod 40.000 kleine Kreuze auf eine riesige Platte. Diese wollten wir dann zur Jubiläumsfeier von Ebingen, der Kleinstadt, in der ich aufgewachsen bin, ausstellen.

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“Miniatur-Friedhof” aus 40.000 Streichhölzern
“Miniatur-Friedhof” aus 40.000 Streichhölzern
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Außerdem schrieben wir mehrere Organisationen an, die in Äthiopien aktiv waren, um ihnen von unserer Aktion zu erzählen und sie zu der Jubiläumsfeier unserer Stadt einzuladen. So schickten wir auch eine schriftliche Einladung an Karlheinz Böhm – auf die wir jedoch nie eine Antwort bekamen. So ein arroganter Schauspieler, dachte ich mir damals, schafft es noch nicht mal, auf meinen Brief zu reagieren. Aber vielleicht war es auch naiv gewesen, zu glauben, dass er tatsächlich auf den Brief eines Schülers antworten würde.

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“Plötzlich stand Karlheinz Böhm vor mir”

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Am Tag vor der Jubiläumsfeier bauten meine Freunde und ich dann unser Mahnmal in der Stadt auf. Plötzlich kam ein Bekannter von mir um die Ecke und erzählte, dass er gerade Karlheinz Böhm in seinem Laden, einem kleinen lokalen Supermarkt, gesehen hätte. Wir glaubten ihm natürlich kein Wort. Doch am nächsten Tag zeigte sich, dass er recht gehabt hatte. Ohne Vorankündigung stand plötzlich Karlheinz Böhm vor mir und schaute sich unser gerade aufgebautes Mahnmal an.

In einer Kleinstadt wie meiner war ein solcher Besuch von außerordentlicher Popularität und für einen jungen Schüler, der bisher gar keinen Kontakt mit irgendwelchen Prominenten gehabt hatte, selbstverständlich ein ganz besonderes Erlebnis.

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Ein unkonventioneller Mensch

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Einen halben Tag war Karlheinz Böhm in unserer Stadt, lobte unsere Aktion und bestärkte uns in unserem Handeln. Das Engagement junger Menschen war Karlheinz Böhm immer ein großes Anliegen. Fast jeden Tag, den er in Deutschland war, reiste er an Schulen, hielt Vorträge, und bewegte junge Menschen dazu, ihre Sichtweise auf die Welt zu überdenken, sich aktiv für in Armut lebende Menschen einzusetzen.

Überraschungen, wie auch der Besuch in meiner Kleinstadt, waren immer Karlheinz Böhms Spezialgebiet. Er war ein unkonventioneller Mensch, der, auch durch seinen Beruf als Schauspieler, genau wusste, wie man Menschen packt und berührt.”

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Schon 1984 begann Axel Haasis als Schüler, ehrenamtlich für Menschen für Menschen zu arbeiten und setzte dieses Engagement auch während seines Studiums fort. Von 1993 bis 2013 war er hauptamtlich für die Stiftung tätig, zunächst als Leiter der Fundraising-Abteilung (bis 2002), dann als Geschäftsführer.

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(10) 4. August 2021: “Machen statt reden: Wie mich eine Schulstunde mit Karlheinz Böhm prägte”

“Ich war gerade in die Oberstufe der Gustav-Heinemann-Gesamtschule in Berlin Tempelhof gekommen, als meine Schule mal wieder prominenten Besuch bekam. Die Schule hatte schon immer Wert daraufgelegt, bekannte Leute aus Politik und Gesellschaft für Vorträge und Diskussionsrunden einzuladen. Nun, am 13. November 1986, war Karlheinz Böhm groß angekündigt, der Schauspieler, der eine komplette Hilfsorganisation aufgebaut hat.

Ich kannte Karlheinz Böhm schon von der berühmten „Wetten, dass…?“ Sendung, wollte auch deshalb unbedingt bei dem Vortrag dabei sein. Während seines Besuchs wurde mir dann schnell klar, dass dieser Mann anders war. Nicht wie viele der steifen Politikerinnen und Politiker, die wir sonst zu Gast hatten. Karlheinz Böhm benutzte nicht das für ihn aufgebaute Rednerpult, sondern setzte sich spontan auf einen Tisch, hatte das Hemd hochgekrempelt und band uns Schülerinnen und Schüler in seinen Vortrag ein.

Mir ist immer im Kopf geblieben, dass er neben unserem sehr formellen Rektor fast jugendlich wirkte. Man fühlte sich von ihm ernst genommen, und vielleicht nahm man auch genau deshalb alles sehr ernst, was er uns erzählte. Er berichtete über die Hungersnot in Äthiopien, zeigte aber auch auf, wie er versucht, den Menschen vor Ort ein besseres Leben zu ermöglichen. Es war ein beeindruckender Tag. Doch, wie das bei Kindern und Jugendlichen eben oft so ist, nahm mich mein Schulalltag danach wieder völlig ein.

Zehn Jahre später – ich war inzwischen in der Ausbildung – war ich an einem Punkt angekommen, an dem ich mich aktiv engagieren wollte, voller Tatendrang, etwas zu bewegen und die Welt ein Stückchen besser zu machen. Als ich überlegte, wo ich mich gut einbringen könnte, fiel mit der Schulbesuch Karlheinz Böhms und sein Hauptanliegen, dass wir alle etwas erreichen können, wenn wir uns aktiv einsetzen, wieder ein. Kurz entschlossen rief ich einfach mal im Münchner Büro der Stiftung an und fragte nach Möglichkeiten, mich ehrenamtlich zu engagieren.

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Einstieg in den Arbeitskreis Berlin

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So wurde ich bald Teil des Arbeitskreises in Berlin, über die nächsten Jahre organisierten wir viele verschiedene Spendenaktionen, waren auf Weihnachtsmärkten, nahmen an Veranstaltungen teil und motivierten so viele Menschen, mehr über Äthiopien und die Arbeit von Menschen für Menschen zu lernen. Ein Highlight war eine riesige Auktion, die wir organisierten, und auf der mehrere 10.000 Euro zusammenkamen.

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Einmal jährlich gab es auch ein großes Treffen aller Arbeitskreise, dort traf ich auch immer mal wieder auf Karl und und seine Frau Almaz, allerdings meist in größerer Runde. Leider löste sich der Arbeitskreis dann irgendwann auf, viele Leute waren weggezogen oder zu alt geworden, ich suchte nach neuen Wegen, mich einzubringen.

Von der Ehrenamtskoordinatorin Melanie Koehler erfuhr ich, dass Menschen für Menschen immer noch Vorträge an Schulen anbot – dafür interessierte ich mich, der ja selbst durch einen Vortrag zum Engagement bewegt worden war, natürlich sehr. Außerdem sehe ich in den jungen Menschen so viel Potential, so viel Kraft und Energie, Dinge zu bewegen und Änderungen zu erreichen. So begleitete ich bald die Jugendreferentin der Stiftung bei einem ihrer Vorträge. Schnell war mir klar, dass ich mich genau hier weiter einbringen wollte. Da es auch mehr Anfragen von Schulen gab, als durch die Jugendreferentin alleine abgedeckt werden konnten, war mein Engagement hier auch bestens platziert.

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Vorträge im Stile Karlheinz Böhms

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Dirk Kastens erster Vortrag an der KGS Wiesmoor

Meinen ersten eigenen Vortrag über die Arbeit von Menschen für Menschen in Äthiopien hielt ich dann an der KGS Wiesmoor in Niedersachsen – und muss zugeben, dass ich wahnsinnig nervös war. Ich bin Geschäftsmann, Vorträge halte ich berufsbedingt regelmäßig, doch trotzdem klopfte mein Herz laut, als ich vor einer Aula voller Schülerinnen und Schüler stand.

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Das Interesse von Kindern und Jugendlichen zu wecken und sie zu begeistern, ist etwas ganz Anderes, als alles, was ich durch meinen Beruf gewöhnt war. Mich an 1986 erinnernd, gestaltete ich die Vorträge eher à la Böhm, als lockeren und interaktiven Austausch, um die Kinder und Jugendlichen einzubinden und mitzunehmen.

Inzwischen halte ich – wenn Corona keinen Strich durch die Rechnung macht – regelmäßig Schulvorträge in ganz Deutschland, erzähle jungen Menschen von Äthiopien und der Arbeit vor Ort. So gebe ich weiter, was auch ich damals aus dem Schulbesuchs Karlheinz Böhms mitgenommen habe: Um wirklich was zu verändern, muss man einfach anpacken, etwas machen, nicht nur überlegen und darüber reden. Bei Menschen für Menschen steht das „Machen“ immer an erster Stelle – und wird es auch die nächsten 40 Jahre weiterhin tun.

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2017 reiste Dirk Kasten mit einer Gruppe ehrenamtlicher Unterstützerinnen und Unterstützer nach Äthiopien und besuchte unsere Projekte in Wore Illu und Legehida.
2017 reiste Dirk Kasten mit einer Gruppe ehrenamtlicher Unterstützerinnen und Unterstützer nach Äthiopien und besuchte unsere Projekte in Wore Illu und Legehida.
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Unser Projektleiter in Wore Illu und Legehida Wossenyelewum Mengistu überreichte Dirk Kasten die Ernennungsurkunde.

Nach seinem Schulabschluss fing Dirk Kasten 1998 an, sich ehrenamtlich im Arbeitskreis Berlin für MfM zu engagieren. 2018 wurde er zum Vorsitzenden des Kuratoriums der Stiftung berufen und ist für die Generierung von Spenden und in der Öffentlichkeitsarbeit tätig. Mit seiner eigenen Stiftung finanziert er gemeinsam mit Menschen für Menschen verschiedene Projekte, darunter Frauen-Förderprogramme und den Bau von Schulen.

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(9) 30. Juli 2021: “Manchmal staunen wir selbst: So funktioniert Hilfe zur Selbsthilfe in der Praxis“

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Elyane Schwarz-Lankes mit dem Team in unserem Projektgebiet Wore Illu.
Elyane Schwarz-Lankes mit dem Team in unserem Projektgebiet Wore Illu.
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“Unser Arbeitsansatz ist, die Menschen im ländlichen Äthiopien so zu unterstützen, dass sie ihr Leben aus eigener Kraft verbessern und selbstbestimmt gestalten können. Das klingt immer erstmal gut und überzeugend. Doch was verbirgt sich in der Umsetzung dahinter? In den letzten Jahren habe ich durch viele unterschiedliche Begegnungen in Äthiopien immer wieder gesehen, wie dieser Ansatz in der Praxis aussieht – und noch viel wichtiger: dass er funktioniert und der richtige Weg ist, um langfristige und nachhaltige Verbesserungen zu erreichen.

Hilfe zur Selbsthilfe kann dabei ganz unterschiedlich aussehen, entwickelt sich weiter, passt sich an die lokalen Umstände an. An zwei Begegnungen erinnere ich mich ganz besonders, welche mich in meiner Arbeit motivieren und zeigen, dass das, was wir machen, wirkt.

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Impulse weiterentwickelt

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2016 war ich in unserem Projektgebiet Dale Wabera. Dort setzten wir im ländlichen Raum viele Maßnahmen im Bereich WaSH (Wasser, Sanitäre Einrichtungen, Hygiene) um, darunter den Bau von Waschplätzen und Toiletten sowie Schulungen und Aufklärungskampagnen zum richtigen Hände- und Gesichtwaschen. In diesen Schulungen erklären lokale Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter den Menschen, wie wichtig das Händewaschen nach dem Toilettengang ist, und dass immer ein Wasserkanister und Seife dafür bereitstehen sollten.

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Nun war ich bei einem Bauern zu Besuch, um zu sehen, wie unsere Arbeit bei ihm ankam. Während ich mich umschaute, entdeckte ich, dass vor der Toilette eine sonderbare Konstruktion hing.

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Beim näheren Hinschauen sah ich, dass der Bauer einen Wasserkanister zum Händewaschen an einem Gestell aus zwei Ästen aufgehängt hatte und eine bis zur Knöchelhöhe reichenden Schnur mit einem flachen Holzstück daran befestigt war. Er erklärte mir, dass er ja in den Trainings gelernt hatte, wie gesundheitsschädlich die Bakterien und der Schmutz sind – und so erschien es ihm konsequent, den Kanister beim Händewaschen nicht anzufassen. Er musste anders gekippt werden. Diese Idee hatte er nicht von uns, er hat unsere Impulse aus den Schulungen durchdacht und weiterentwickelt. Ich war begeistert!

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Geschäftstüchtige Töpferinnen

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Ein weiteres tolles Beispiel, wie Hilfe zur Selbsthilfe wirken kann, ist eine Gruppe von Frauen aus unserem Projektgebiet in Wore Illu, die von MfM zu Töpferinnen ausgebildet wurden. In unseren Schulungen lernten sie viel über die richtige Mischung der Materialien und den Umgang mit der Töpferscheibe und waren nach der Schulung schon in verschiedenen Formen ganz aktiv, um mit dem Töpfern Geld zu verdienen.

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Bei einem Besuch fragte ich sie, was sie mit ihren Einnahmen machten. Sie erzählten mir, dass sie ein wenig davon für Dinge ausgeben, die ihre Kinder benötigen: Hefte, Stifte oder mal ein neues Kleidungsstück. Den größten Teil würden sie aber auf ein Konto anlegen. Auf die Frage warum, berichteten sie mir von ihrem Plan, gemeinsam in einiger Zeit eine Getreidemühle zu kaufen. Da Mehl mahlen in Äthiopien oft noch schwierig ist, wissen die Frauen, dass sie mit einer Mühle mehr Geld machen und sich langfristig etwas Größeres aufbauen können.

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Ein Jahr später war ich nochmal vor Ort, und die Frauen hatten es schon geschafft, ihr angelegtes Geld zu verdreifachen! Die Frauen haben von uns kein Kapital, sondern nur einen Töpferkurs erhalten.

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Doch das Beispiel zeigt, was mit einer so kleinen Unterstützung ins Rollen gebracht werden kann, und dass alle weiteren Überlegungen und Entwicklungen von alleine, aus der Initiative der Menschen heraus entstehen. Diese Frauen hatten sich zu selbstbewussten Geschäftsfrauen entwickelt!

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Es sind solche Begegnungen und Erlebnisse, die mir zeigen, wie richtig und wichtig unser Ansatz der Hilfe zur Selbsthilfe ist, und wie viel dadurch entstehen kann und weiterhin entstehen wird.”

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In ihrer Kindheit und Jugend lebte Elyane Schwarz-Lankes ein paar Jahre in Äthiopien und fühlt sich dem Land so schon immer verbunden. Bereits ab 1990 war sie als Pressesprecherin für die Stiftung Menschen für Menschen tätig. Zwischendurch als freie Angestellte im Fundraising und in der Öffentlichkeitsarbeit tätig, arbeitet sie seit 2013 als Referentin in der Entwicklungszusammenarbeit als Brückenposition zwischen dem deutschen und äthiopischen Büro.

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(8) 21. Juli 2021: “My name is Karlheinz. Nice to meet you!“

“Vor 40 Jahren war ich Angestellter bei der “Relief and Rehabilitation Commission” der äthiopischen Regierung und arbeitete als Traktorfahrer im Erer-Tal im Osten Äthiopiens. Eines Tages traf ich so auf Karlheinz Böhm, den “Faranji” (fremden Gast), der vorübergehend im Bisidemo Hospital, einem von Deutschland finanzierten Lepra-Krankenhaus, untergebracht war.

Ich sah ihn zuerst ganz zufällig an einer Tankstelle, wo ich ihm half, Benzin in sein Auto zu füllen. Er bedankte er sich und gab mir 10 Birr. Ich konnte ihm leider nicht auf Englisch antworten und so schüttelte ich nur meinen Kopf auf und ab. Er lächelte und hielt mich an den Schultern fest: “My name is Karlheinz. Nice to meet you!”

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“Ich habe viel von Karlheinz Böhm gelernt”

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Mekonnen Kassa wurde in den 1980er Jahren der zweite MfM-Mitarbeiter in Äthiopien

Ab diesem Tag half ich ihm immer beim Tanken seines Autos, wenn wir gleichzeitig vor Ort an der Tankstelle waren. Eines Tages fragte er mich nach meinem Beruf. Mit Händen und Füßen erklärte ich ihm, dass ich Traktorfahrer sei. Daraufhin bot er mir an, für ein besseres Gehalt als mein damaliges bei ihm zu arbeiten. Ich dachte eine Weile darüber nach, machte noch einen offiziellen Führerschein (den ich davor nicht besaß) und wurde schließlich bei der Stiftung als Fahrer angestellt.

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So war ich mehr als 20 Jahre lang der Fahrer von Karlheinz Böhm. Viel habe ich in der Zeit von ihm gelernt: wie man effizient arbeitet, die Zeit des Tages gut einteilt und das Wichtigste: wie man jedem Menschen Liebe und Respekt entgegenbringt.

Doch manchmal fiel es mir auch schwer, ihn zu verstehen. Einmal war Karl gerade aus Deutschland gekommen und wir reisten, nachdem ich ihn vom Flughafen in Addis abgeholt hatte, direkt in die Projektgebiete. Als wir einem der Projektbüros ankamen, hatte das Team vor Ort bereits alles für den Besuch vorbereitet.

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“Man sollte nicht immer mit dem Strom schwimmen”

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Doch Karl weigerte sich, die für ihn vorbereitete Besuchstour zu absolvieren, was große Verwirrung auslöste. Stattdessen bat er mich, ihn an andere Orte im Projektgebiet zu fahren. Diese waren natürlich nicht auf seinen Besuch vorbereitet, und so erlebte Karlheinz das Alltagschaos und konnte auch einige Dinge beobachten, die noch nicht erledigt worden waren. Während wir zurückfuhren, sagte er etwas auf Englisch, was sein Übersetzer an mich weitergab: “One should not always flow via a canal built for him.” Man sollte nicht immer mit dem Strom schwimmen.

Dieses Zitat und diese Erfahrung haben mir sehr geholfen, auch in meinem persönlichen und familiären Leben. Man sollte sich immer ein eigenes Bild machen und nicht nur dem folgen, was andere uns vorgeben und sehen lassen wollen. Es ist dieser Ansatz, der die Arbeit von MfM so wirkungsvoll gemacht hat. Bis heute folgen die Projektleiter diesem Ansatz, mit dem Ergebnis, dass die Qualität der Projekte und die Leistungen der Stiftung weiterhin hervorragend sind.”

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Mekonnen Kassa, 66 Jahre, wurde – eher durch Zufall – in den Achtziger Jahren der zweite Menschen für Menschen-Mitarbeiter in Äthiopien. Bis 2019 war er für die Stiftung aktiv, dabei bis zum Tod Karlheinz Böhms als dessen Fahrer. Doch er war auch immer so viel mehr als das, und wurde als landeskundiger Berater zu einem engen Freund und Vertrauten Karlheinz Böhms.

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(7) 15. Juli 2021: Frisches Roggenbrot und feuchte Augen: Meine luftige Freundschaft mit Karlheinz Böhm

“Zum ersten Mal traf ich Karlheinz Böhm am 22. Dezember 1991. Wir waren als Crew eines A300 auf einem sechstägigen Lay-Over über Weihnachten im Addis Hilton Hotel untergebracht. Ich saß spätmorgens am Pool, trank einen schönen äthiopischen Kaffee und las eine deutsche Zeitung vom Abflugtag, als plötzlich ein angegrauter Herr an meinen Tisch kam und fragte: “Sind Sie von der Lufthansa?” Ich blickte hoch, bejahte und erkannte sofort, wer der Herr war: Karlheinz Böhm.

Er stellte sich vor, worauf ich nur erwiderte, dass ich natürlich weiß, wer er sei, und fragte, ob er sich zu mir an den Tisch setzen könnte. Wir begannen das erste von vielen Gesprächen, die über die nächsten Jahre noch folgen sollten. Es war wahnsinnig interessant, was Herr Böhm alles von seiner Arbeit mit seiner Organisation Menschen für Menschen zu berichten hatte. Wir trafen uns dort täglich während des gesamten Lay-Overs.

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Spontane Spendenaktion für Menschen für Menschen

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Am 24. Dezember waren wir – wie damals üblich – im Hotel zum Abendessen von Lufthansa eingeladen, die gesamte Crew plus sieben Angehörige, also in etwa 18 Personen. Ich stand noch unter dem Eindruck der Unterhaltungen mit “Mr. Karl”, wie er respekt- und liebevoll von den Äthiopierinnen und Äthiopiern genannt wurde. Ich erzählte der Crew von den Gesprächen mit ihm und mir fiel spontan ein, für seine Organisation innerhalb der Crew plus Angehörigen eine Spendensammlung – natürlich auf freiwilliger Basis – durchzuführen.

Das Ergebnis war für mich überraschend und überwältigend, es kamen 720 D-Mark zusammen! Da jedes Crewmitglied in Addis Abeba eine „Money Declaration“ über die mitgeführten Gelder ausfüllen musste (wegen des Währungsschwarzmarkts), erklärte ich mich bereit, Herrn Böhm einen Euroscheck von mir über die Summe im Namen der Crew zu übergeben und das Bargeld dann nach Abflug in Addis Abeba einzusammeln.

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Lockere Freundschaft mit Karlheinz Böhm

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Am 26. Dezember traf ich Herrn Böhm wieder mit seiner Frau Almaz und Söhnchen Nicolas im Hotel und übergab ihm dort den Scheck. Zuerst war er sprachlos und gerührt, dann nahm er mich ganz fest in seine Arme und ich sah seine feuchte Augen. Er sagte nur zu mir, dass die Höhe der gesammelten Spende für ihn gar nicht so relevant sei, sondern dass die Bereitschaft für eine Spende, und wenn es nur fünf D-Mark seien, viel mehr zähle als alles andere. Anschließend hat er sich bei jedem einzelnen anwesenden Crewmitglied persönlich mit Handschlag bedankt.

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Karlheinz Böhm war oft Gast auf Reinhold Webers Flügen nach Addis Abeba. Foto: privat
Karlheinz Böhm war oft Gast auf Reinhold Webers Flügen nach Addis Abeba. Foto: privat
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Daraus entstand eine lockere Freundschaft über Jahre bis zu meinem Ausscheiden aus dem aktiven Dienst. Ich habe Herrn Böhm bei jedem meiner vielen Flüge nach Addis besucht und wurde auch des Öfteren zum Abendessen in seinem bescheidenen Häuschen eingeladen. Augenzwinkernd meinte er, dass ich aber nur zum Essen kommen dürfe, wenn ich ihm backfrisches Roggen- und Körnerbrot aus Deutschland mitbringe. Also bin ich vor der Fahrt zum Briefing oft noch schnell bei meinem Bäcker vorbei und habe drei Laibe à zwei Kilogramm Brot gekauft – was ich mit Freude getan habe – die er dann noch abends im Hotel abholte.

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Wiedersehen in Karlheinz Böhms Geburtsstadt

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Leider habe ich es zeitlich nie geschafft, in eines der vielen Projektgebiete von Menschen für Menschen mit zu fahren, obwohl Karlheinz Böhm mir das angeboten hat. Er war und ist für mich einer der bemerkenswertesten Menschen, die ich je kennen lernen durfte.

Lange nach der Beendigung meiner Tätigkeit bei der Lufthansa hat Herr Böhm einen Vortrag über seine Arbeit in seiner Geburtsstadt Darmstadt gehalten, zu dem ich hingefahren bin. Unter den etwa 100 Zuhörern und Zuhörerinnen hat er mich zuerst nicht erkannt, aber später bemerkte ich, dass sein Blick des Öfteren auf mich fiel. Am Ende des Vortrags war ihm dann wohl eingefallen, wer ich war, er bat mich nach vorne und erzählte von unseren gemeinsamen Zusammenkünften in Addis Abeba und der Unterstützung durch die Lufthansa-Crew. Das fand ich total toll.”

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Reinhold Weber war von 1971 bis 2002 bei der Lufthansa tätig und als Chef der Kabinencrew zwischen 1991 bis 2002 mindestens 20 Mal in Addis Abeba. Auf diesem Wege lernte er dort Karlheinz Böhm und seine Frau Almaz Böhm kennen.

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(7) 9. Juli 2021: Als Karlheinz Böhm sich weigerte, auf Prominente zu schießen

“”Meine Sportler aus Vechta.” Mit offenen Armen und einem herzlichen Lächeln begrüßte Karlheinz Böhm immer die Vertreter und Vertreterinnen der Aktion “Sportler gegen Hunger” (SgH), die 1984 vom Kreissport­bund Vechta und der Oldenburgischen Volkszeitung Vechta gegründet wurde und bis heute die Stiftung Menschen für Menschen unterstützt – inzwischen mit über drei Millionen Euro. Erstmals kam es 1986 zu einem Treffen, danach in der Regel fast alle zwei Jahre irgendwo in Norddeutschland, um über die Arbeit in Äthiopien zu sprechen und auch um werbewirksame Scheckübergaben für die SgH-Aktion zu fotografieren.

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Eine von vielen Scheckübergaben der Sportler gegen Hunger im Lauf der Jahre

Insgesamt viermal reiste Karlheinz Böhm auch in den Kreis Vechta. Unvergessen sein Besuch im Januar 2001, als er sich mit seiner Frau Almaz ein Wochenende lang unter die aktiven Sportler und Sportlerinnen mischte. MfM-Geschäftsführer Axel Haasis hatte zuvor bekräftigt, dass wir das Ehepaar Böhm für alles einplanen könnten. Sechs Termine an sechs Orten nahmen wir für die zwei Tage auf die To-Do-Liste.

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Plötzlich verschwand Karlheinz Böhms Lächeln

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Nach dem Einchecken im Hotel besprachen wir das Programm. Abendessen plus Vortrag mit rund 50 Vertretern und Vertreterinnen der aktivsten Vereine – Karlheinz Böhm nickte zustimmend. Ortswanderung mit rund 400 Sportlerinnen und Sportlern – er lächelte, forschen Schrittes war er schließlich immer in Äthiopien unterwegs. Symbolischer Anstoß bei einem Turnier oder Ziehen der Lose bei einer Tombola – alles kein Problem. Und dann noch zweimal Prominentenschießen.

Von der einen auf die andere Sekunde verschwand sein Lächeln, sein Gesicht nahm ernsthafte Züge an, es herrschte Stille. Wir waren ebenfalls verwirrt: Hatten wir was Falsches gesagt, was falsch gemacht? “Bei aller Liebe, Herr Schlömer…”, sagte Karlheinz Böhm, “egal wie, aber schießen auf Prominente kann ich mit meinem Gewissen nicht vereinbaren.”

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Franz-Josef Schlömer und Karlheinz Böhm
Franz-Josef Schlömer und Karlheinz Böhm
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Die knisternde Anspannung löste sich dann jedoch in Sekundenschnelle wieder auf: Beim Prominentenschießen im Fußball treten Prominente zu einem Elfmeterschießen gegeneinander an.

Kurz vor dem Rückflug trat das Ehepaar Böhm dann auch tatsächlich beim Prominentenschießen in Langförden an. Siegerin Lenchen Moormann, die Frau des Vereinsvorsitzenden, bekam den Pokal von Karlheinz Böhm überreicht. Diese Trophäe wird von ihr noch heute regelmäßig auf Hochglanz poliert, daneben steht im Schrank ein eingerahmtes Foto von der Pokalübergabe durch ihr Filmidol Karlheinz Böhm.

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Ein kleiner persönlicher Triumph für Karlheinz Böhm

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Dieser hatte zuvor im Gegensatz zu seiner Frau Almaz auch einmal getroffen. “Das war gut für die Moral”, zitierte die Oldenburgische Volkszeitung den damals 72-Jährigen. Beim Prominentenschießen tags zuvor in Lohne hatte Karlheinz Böhm dieses Familienduell nämlich mit 0:1 verloren. So verließ der MfM-Gründer nach der Verwirrung um das Prominentenschießen seine Sportler und Sportlerinnen aus Vechta mit einem kleinen persönlichen Triumph.”

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Franz-Josef Schlömer ist der Initiator und Gründer der Aktion „Sportler gegen Hunger“ (SgH), welche seit 1984 und bis heute die Stiftung Menschen für Menschen unterstützt. Seit der Gründung bis 2018 war Herr Schlömer Vorsitzender von SgH, seitdem leitet Carsten Boning die Aktion.

http://sgh.oldenburgische-volkszeitung.de/

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(5) 6. Juli 2021: Ein Bauer macht Schule: Wie Hilfe gleich auf doppelt fruchtbaren Boden fiel

“In unserem ehemaligen Projektgebiet Merhabete war er fast so etwas wie eine lokale Berühmtheit: der Bauer Gheset. Viele Jahre lang lebte er mit seiner Familie am Rande eines großen Erosionsgrabens und beobachtete mit wachsender Sorge, wie mit jeder Regenzeit etwas mehr von seinem Ackerland abgeschwemmt wurde. Nicht mehr lange und der Riss durch die Erde würde auch seinen Bauernhof erreichen.

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Fast eine lokale Berühmtheit: Bauer Gheset

Aber Gheset gab nicht auf, sondern nahm seine Chance wahr, als Menschen für Menschen in den Bezirk im zentraläthiopischen Hochland kam. Das Team bot den Bauern an, ihnen bei der Steigerung ihrer landwirtschaftlichen Erträge unter die Arme zu greifen, wenn sie im Gegenzug dabei halfen, etwas für die Konservierung der kargen natürlichen Ressourcen zu unternehmen.

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Als einer der Ersten pflanzte Gheset diverse Baumsetzlinge in den Graben hinter seinem Hof und baute kleine Steinwälle hinein, um so den Boden zu stabilisieren. Schon wenige Jahre später konnte er nicht nur vorzeigen, wie hoch die Bäume, Büsche und Gräser gewachsen waren, sondern auch, wie sich die Erde zwischen den Steinwällen sammelte und sich der Graben stetig füllte, anstatt immer tiefer zu werden.

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Bessere Ernten, höheres Einkommen

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Auch das, was er in unseren landwirtschaftlichen Trainingskursen lernen konnte, setzte er engagiert in die Tat um: einige Pflanzen aus dem Erosionsgraben nutzte er maßvoll als Viehfutter, um damit die Qualität seiner Milchkühe sowie deren Milchproduktion und den Verkaufspreis zu erhöhen. Auf Teilen seines Landes baute er Gemüse an und bereicherte so nicht nur den Speiseplan seiner Familie, sondern erzielte auf dem Markt zusätzliche Einnahmen. Und auch der Einsatz von Saatgut, das den lokalen Bedingungen besser angepasst war, half ihm dabei, seine Ernte und sein Einkommen zu steigern.

Seine Nachbarn und Nachbarinnen beäugten die Entwicklung seines Hofes teils neugierig, teils mit einem gewissen Neid. Aber Gheset gab sein neu erworbenes Wissen gerne weiter. Als sogenannter „Modellbauer“ empfing er immer wieder ganze Trainingseinheiten unserer landwirtschaftlichen Abteilung, um anschaulich zu demonstrieren, wie die theoretischen Kenntnisse in der Praxis anzuwenden waren. Stolz und glücklich präsentierte er auch den Gästen aus Europa (im Bild z.B. der Fotograf Peter Rigaud aus Österreich) immer wieder, wie erfolgreich er mit seinen Maßnahmen gewesen war, weil er wusste, dass die Berichte im fernen Europa noch mehr Menschen motivieren würden, finanzielle Mittel für seine Heimat zu geben.

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“Jetzt möchte ich gern noch einmal jung sein”

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Aber damit nicht genug. Als Menschen für Menschen für seine Gemeinde die dringend benötigte Schule bauen wollte, aber nicht genügend geeigneter Baugrund vorhanden war, trat Gheset freiwillig und ohne Zögern einen Teil seines Grundstücks dafür ab. ‘Ihr habt mir geholfen, mein Land zu erhalten und besser zu nutzen, nun kann ich es mir leisten, für die nächste Generation etwas davon abzugeben.’

Fasziniert sah er in den nächsten Monaten zu, wie die Fundamente gelegt und Gebäude um Gebäude hochgezogen wurde. Noch vor der offiziellen Eröffnung besichtigte er das Schulgelände und setzte sich in einem der neuen Klassenzimmer in eine Schulbank – zum ersten Mal in einem seinem Leben! Auf die Frage, ob er sich freue, dass so viele Kinder nun unter besseren Bedingungen lernen können, antwortete er mit Tränen in den Augen: ‘Ja, sehr! Aber jetzt möchte ich gerne selbst noch einmal jung sein…’”

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Michaela Böhm kam bereits 1984 als ehrenamtliche Helferin zu Menschen für Menschen und arbeitete bald schul- bzw. studienbegleitend in der PR-Abteilung mit. Anschließend wurde sie in Vollzeit von der Stiftung übernommen und war – mit Ausnahme von ein paar Jahren in anderen Unternehmen – zwei Jahrzehnte als Referentin für Öffentlichkeitsarbeit sowie als persönliche Assistentin von Karlheinz und Almaz Böhm im Einsatz, u.a. auch mehrere Jahre in Äthiopien. Seit 2014 unterstützt sie den Vorstand und Stiftungsrat von MfM Deutschland.

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(4) 1. Juli 2022: Als sich ein bärtiger “Hochstapler” als echter Zirkusdirektor entpuppte

“Kennengelernt habe ich Karlheinz Böhm über den Arbeitskreis von Menschen für Menschen in Erlangen. Als wir unseren Circus Sambesi 1987 gründeten, hörte die damalige Leiterin des dortigen Arbeitskreises davon in den lokalen Nachrichten und lud unseren Zirkus für eine Vorstellung nach Erlangen ein. Ohne unser Wissen schickte sie auch eine Einladung an Karlheinz Böhm. Die Aufführung fand dann im Mai 1988 in Anwesenheit von Karlheinz Böhm statt, der – trotz unseres bis dahin sehr bescheidenen Zirkusdaseins – direkt total begeistert war.

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Schon seit 1987 gibt es den Circus Sambesi um Direktor Karl Nidermayer. Fotos: Stefan Moßhammer

Als langjähriger Afrikaliebhaber fand ich großen Gefallen am Anliegen Karlheinz Böhms, und so beschlossen wir, fortan die Einnahmen aus dem Zirkusbetrieb an die Stiftung Menschen für Menschen zu spenden. Bis heute war ich zweimal auf Einladung von Menschen für Menschen in den Projektgebieten der Stiftung in Äthiopien, dabei haben wir auch zwei Schulen eingeweiht, die durch unsere Unterstützung finanziert werden konnten und die den Namen unseres Circus Sambesi tragen.

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Mittagessen mit Karlheinz Böhm und Landrat Hans Schuierer

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Eine kleine Geschichte, die mir in Erinnerung geblieben ist, stammt aus dem Sommer 1993. Mit dem Circus war eine Vorstellung in Schwandorf geplant. Als Karlheinz Böhm davon hörte, beschloss er, uns dort zu besuchen und dies auch mit einem Treffen mit dem damaligen Landrat Hans Schuierer zu verbinden. Der Plan von Karlheinz Böhm war ein gemeinsames Mittagessen mit dem Herrn Landrat und mir und eine anschließende Pressekonferenz vor der Nachmittagsvorstellung unseres Circus. Er bat mich, dies zu arrangieren und dafür das Hotel Bayer, nahe des Standorts unseres Circus, anzufragen.

Wir kamen mit dem Circus schon einige Tage vorher in Schwandorf an und um für den Samstag alles zu organisieren, ging ich einige Abende vorher in das Hotel Bayer und sprach dort mit der Oberkellnerin. Ich erzählte ihr, dass am Samstagmittag Karlheinz Böhm und der Landrat Schuierer mit mir hier zu Mittagessen würden und wir anschließend einen Raum für die Pressekonferenz bräuchten.

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“Die Oberkellnerin hielt mich für einen Hochstapler – bis die Tür aufging”

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Sie nickte und schrieb sich alles auf, doch als ich das Hotel wieder verließ, war ich mir hundertprozentig sicher, dass sie mir nichts davon geglaubt hatte. Wer weiß, wie ich aussehe, mit meinem – inzwischen grauem – Vollbart, versteht vielleicht, warum mir dies so schien. Das ist voll in die Hosen gegangen, dachte ich mir noch, und rief sogar im Landratsamt an, um den Landrat davon in Kenntnis zu setzen.

Am Samstag selbst ging ich dann mittags wieder ins Hotel Bayer, dieses Mal zwar besser angezogen, aber schon bei meinem Eintreten merkte man, dass die Oberkellnerin mich immer noch für einen Hochstapler hielt. Ich ließ mich davon nicht beirren, setzte mich auf die Terrasse, und wartete auf die anderen.

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Erfolgreiche Vorstellung und eine Extra-Spende für Menschen für Menschen

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Dann ging die Tür auf und Karlheinz Böhm trat mit seiner Frau ein. Die Oberkellnerin, das habe ich bis heute vor Augen, stand da wie zur Salzsäure erstarrt. Es stellte sich heraus, dass sie ein großer “Sissi”-Fan war, und ihren Augen kaum trauen wollte. Später gestand sie mir, dass sie mir tatsächlich bis zum Eintreten von Herrn Böhm nichts von meiner Geschichte geglaubt hatte.

Nach einer erfolgreichen Nachmittagsvorstellung des Circus wurden wir dann alle im Hotel noch zum Abendessen eingeladen, und das Hotel spendete sogar 1.000 DM an Menschen für Menschen. Auch der Landrat Schuierer legte nochmal eine große Summe dazu – sodass dieser Tag nicht nur so manche eines Besseren belehrte, sondern auch noch tolle Spendeneinnahmen für die Stiftung brachte.” —

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Karl Nidermayer und Karlheinz Böhm. Fotos: Stefan Moßhammer

Mit der Gründung des Circus Sambesi erfüllte sich der Neumarkter Karl Nidermayer einen Kindheitswunsch. 1987 erwarb Nidermayer das blaue Zwei-Mast-Zelt, schon kurz darauf fand die erste Vorstellung statt – die Einnahmen des Wohltätigkeitszirkus gehen seitdem an Menschen für Menschen, mehr als 750.000 Euro kamen so in den vergangenen über drei Jahrzehnten zusammen.

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Einmaliges Engagement: Impressionen aus 34 Jahren Circus Sambesi

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(3) 25. Juni 2021 – “Diese spontane Handlung von Karlheinz Böhm hat mich viel gelehrt”

Das „Mettu Karl Krankenhaus“ liegt im südlichen Teil der Stadt Mettu, der Hauptstadt des Regierungsbezirks Illubabor im Regionalstaat Oromia. An der Südwestseite des Krankenhauses fließt ein Bach, der auch in den Trockenperioden noch genügend Wasser führt. Dieser Bach diente als Waschplatz für eine beträchtliche Anzahl von Menschen, die besonders an den Wochenenden kamen, um ihre Kleidung zu reinigen.

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Der Bach war durch das Fenster meines damaligen Büros im Mettu Karl Krankenhaus zu sehen. Als Karlheinz Böhm einmal in meinem Büro stand und durch das Fenster schaute, sah er Menschen, die ihre Kleidung direkt am Fluss wuschen, einige von ihnen badeten auch darin. Ihm fiel sofort auf, wie umständlich es für die Menschen war, gleichzeitig dort ihre Kleidung zu waschen – und gleichzeitig auch, wie sehr der Fluss dadurch verschmutzt wurde.

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Großer positiver Effekt bei minimalen Kosten

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An Ort und Stelle beauftragte er den Bau eines Waschplatzes mit verschiedenen Trennwänden und einer Sickergrube zur Ableitung des Wassers, um die Verschmutzung des Flusses zu minimieren und die Arbeit zu erleichtern. Bedacht auf minimale Kosten wurde die Maßnahme umgesetzt, und die Auswirkungen, die dies hatte, waren sowohl für die betroffenen Menschen als auch für die Umwelt von großer positiver Bedeutung.

Mich hat diese spontane Handlung von Karl viel gelehrt: Sie zeigt, dass man auch mit minimalen Mitteln etwas tun kann, um Menschen zu helfen und gleichzeitig die Umwelt zu erhalten. Ich glaube, dass Karlheinz Böhm seiner Zeit voraus war und die vom Menschen verursachte Umweltzerstörung und -verschmutzung wahrgenommen hat, bevor die meisten Menschen dies taten.

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Waschplätze und Duschen fortan bei allen Wasserstellen

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Außerdem war diese Handlung auch eine Inspiration für ihn und das ganze Team dazu, in den von Menschen für Menschen gebauten Wasserstellen zusätzlich Waschplätze und Duschen einzurichten. Dies hat dazu beigetragen, die Hygiene und den Zugang zu sanitären Einrichtungen in all unseren Projektgebieten zu verbessern.

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Dr. Asnake Worku, gelernter Arzt, ist seit mehr als 20 Jahren für die Stiftung in Äthiopien tätig. Er fing im “Mettu Karl Krankenhaus” als medizinischer Koordinator für Menschen für Menschen an, arbeitete später in verschiedenen Positionen im Project Coordination Office (PCO) und ist heute stellvertretender Landesrepräsentant.

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(2) 22. Juni 2021 – Büros für Menschen: Von schiefen Böden und legendären Grillfesten

“Unser erstes Menschen für Menschen-Büro befand sich bis 1986 in der Münchner Fußgängerzone, gleich neben dem Kaufhaus Oberpollinger nähe Karlstor. Die Chefin eines großen Versandhauskonzerns hatte uns im Obergeschoss eines alten Gebäudes kostenlos einige Büroräume überlassen. Die Einrichtung war karg, der Boden schief und der Weg zur Toilette war gefühlt einen halben Kilometer lang.

Doch unsere damals noch kleine Sechs-Personen-MfM-Familie fühlte sich dort wohl. Im Sommer klangen die Lieder der manchmal zu lauten Straßensänger und Straßensängerinnen in unser Büro herauf, und wenn Karlheinz Böhm wieder einmal im Büro war und telefonierte, tippte ich meine Briefe in der kleinen Küche, um ihn mit dem Geklapper meiner IBM-Kugelkopfschreibmaschine nicht zu stören. Die Buchhaltung war mit der Spenderbetreuung in einem Zwischengang zuhause und unser Einkäufer hatte nur einen großen langen Packtisch als Arbeitsplatz.

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Ein Teil der damaligen MfM-Belegschaft etwa 1988 vor dem Büro in der Münchner Nussbaumstraße: Michaela Böhm (damals ehrenamtliche Mitarbeiterin), Rüdiger Hoffmann (Einkauf), Anni Bachmeier (mit Brille, Spendenverwaltung), Vera Reuter (Buchhaltung) und Edeltraud Hörmann

Unser zweites, bereits wesentlich größeres Büro befand sich in einem geräumigen Kellergeschoss am Sendlinger Tor. Jede der Abteilungen, Spenderbetreuung und Buchhaltung, Einkauf und Transporte sowie Sekretariat, verfügte nun über einen eigenen Raum, wenngleich auch nicht in alle richtiges Tageslicht fiel. Neben der Kochnische befanden sich technische Errungenschaften wie ein Telex-Gerät, später Telefax, und ein wunderbarer alter und riesengroßer Schreibautomat der Firma Siemens.

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Jetzt hatte auch Karlheinz Böhm sein eigenes Büro

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Auch Karlheinz Böhm hatte jetzt sein eigenes Bürozimmer. Die Belegschaft bestand nun schon aus acht Personen in Voll- und Teilzeit. Wir hatten eine kleine Kammer als Lagerraum und bei einem Einbruch in unser Büro wurde zwar die Spendenkasse verschont, ein gerade erst angeschaffter, topmoderner Laptop aber gestohlen.

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Karlheinz Böhm beim Weißwurstfrühstück im Büro in der Nussbaumstraße – und beim Geschirrspülen

Unser drittes Büro in der Akademiestraße an der Grenze zum trendigen Schwabing, das wir Mitte der 90er Jahre bezogen, befand sich zwischen Siegestor, der imposanten Kunstakademie und dem Münchner Traditionskino ARRI. Es war nicht wesentlich größer als das vorherige Kellerbüro, aber die Räume erstreckten sich elegant über zwei Ebenen und hatten alle große, atelierartige Fenster.

Hinten im Hof befand sich ein kleiner Garten samt Terrasse, die zum beliebten Sommerarbeitsplatz wurde, bevor man sich nach Feierabend ins Schwabinger Nachtleben stürzen konnte. Die Angestelltenzahl stieg auf etwa zehn, eine eigene PR-Abteilung wurde aufgebaut, alle Angestellten konnten mittlerweile an einem modernen PC arbeiten und das moderne, große Fax- und Kopiergerät im Vorraum bullerte wie die Klimaanlage eines 5-Sterne-Hotels.

Mit der Jahrtausendwende war auch dieses Büro zu klein geworden, und die Stiftung zog mit Sack und Pack in die Brienner Straße zwischen Propyläen-Tor am Königsplatz und Stiglmaierplatz. Hier durften wir zwei Stockwerke beziehen, und als neue Erweiterung kam eine eigene IT-Abteilung und später ein Arbeitsteam für Entwicklungszusammenarbeit hinzu, mehr als 20 Angestellte arbeiten hier bis heute für Menschen für Menschen. Endlich genug Platz!

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Der Innenhof des MfM-Büros in der Brienner Straße ist bis heute beliebter Ort für Grillfeste und Zusammenkünfte von Mitarbeiter:innen, Ehrenamtlichen und weiteren Gästen - zumindest in Pandemie-freien Zeiten
Der Innenhof des MfM-Büros in der Brienner Straße ist bis heute beliebter Ort für Grillfeste und Zusammenkünfte von Mitarbeiter:innen, Ehrenamtlichen und weiteren Gästen – zumindest in Pandemie-freien Zeiten
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Grillfeste, aber auch die Nachricht vom Tod Karlheinz Böhms

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Der Gartenplatz im Hof eignet sich wunderbar für die legendären Grillfeste, und   haupt- und ehrenamtliche Mitarbeitende und auch äthiopische Gäste feiern dort gemeinsam – oder taten dies zumindest bis zur Pandemie. Anlässlich von Renovierungsarbeiten im Jahr 2010 zog ein Teil des Teams ins Vordergebäude, wo wir seitdem feste Büroräume innehaben. Leider ist dies auch das Büro, in dem unser Team vom Tod unseres Gründers Karlheinz Böhm im Jahr 2014 erfahren musste.

Im Jahr 2017 verließ ich die Stiftung, um meinen drei Enkeln mehr Betreuungszeit widmen zu können. Nun ist die Stiftung seit mehr als 20 Jahren in dem Gebäude ansässig und kann man mit Recht sagen: “Do samma dahoam…”

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Die Symbolik von Toren

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Mir fällt auf, dass sich die Büroräume von Menschen für Menschen immer in der Nähe von bekannten Münchner Toren befanden und befinden. Natürlich ist das ein Zufall, aber es lässt mich auch über die Symbolik von Toren nachdenken: Als Karlheinz Böhm im Jahr 1981 mit der Gründung von Menschen für Menschen ein neues Tor in ein für ihn neues Leben durchschritt, war das “Dahinter” noch unbekannt. Heute wissen wir, dass dieser Schritt vielen, vielen Menschen in Äthiopien ein besseres Leben gebracht hat.

Ich bin dankbar, dass ich all die Jahre dabei sein durfte.”

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Edeltraud Hörmann
war von Januar 1986 bis Juli 2017 bei MfM als Vorstandssekretärin tätig.

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(1) 17. Juni 2021 – Die Anfänge: Wie Menschen für Menschen zu seinem Namen kam

Mit seiner legendären Wette in der ZDF-Sendung “Wetten, dass…?” am 16. Mai 1981, startete Karlheinz Böhm einen Spendenaufruf, der in seiner Größe und Reichweite alle Erwartungen übertraf. Schon wenige Tage nach der Veranstaltung waren 1,2 Millionen D-Mark zusammengekommen.

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Am 16. Mai 1981 legte Karlheinz Böhm den Grundstein für Menschen für Menschen

Was viele jedoch nicht wissen: Böhms Initiative entstand so spontan, dass es zum Zeitpunkt der Wette noch gar kein Bankkonto gab, wohin die Zuschauerinnen und Zuschauer ihre Spende schicken konnten. Der Schauspieler improvisierte kurzerhand und schlug vor, dass die Spenden an die jeweiligen Präsidialämter in Deutschland, Österreich und der Schweiz gehen sollten

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Wäschekörbeweise Briefe mit 1-Mark-Stücken

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Dem Vernehmen nach gingen in den folgenden Tagen nach der Sendung ganze Wäschekörbe voller Briefe beim Bonner Bundespräsidialamt ein, in die 1-Mark-Stücke eingeklebt waren. Schnell wurde ein Konto eingerichtet und die Spendeneingänge ordnungsgemäß dorthin verbucht, ehe im September 1981 offiziell der Verein “Menschen für Menschen” gegründet wurde und die Arbeit in Äthiopien begann.

Wie aber war es in der Zwischenzeit zu diesem Namen gekommen? Nun, unter den zahlreichen Zuschriften, die die bemitleidenswerten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Bundespräsidialamtes tagelang abarbeiten mussten, befand sich auch dieser Brief von Edith Kadelburg aus Erlangen:

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Edith Kadelburg schrieb diesen Brief 1981 an den damaligen Bundespräsidenten Karl Carstens
Edith Kadelburg schrieb diesen Brief 1981 an den damaligen Bundespräsidenten Karl Carstens
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Der Vorschlag, die Spendenaktion unter dem Titel “Menschen helfen Menschen” weiterzuführen, erreichte Karlheinz Böhm und gefiel ihm so gut, dass er ihn in leicht abgewandelter Form übernahm: Menschen für Menschen! Frau Kadelburg hatte – ohne sich dessen bewusst zu sein – für den heute berühmten Namen der Stiftung gesorgt.

Ihre Tochter Ines Kadelburg erinnert sich:

“Damals habe ich nicht mehr bei meinen Eltern in Erlangen gewohnt, aber kurz nach der “Wetten, dass…?”-Show, die ich nicht sehen konnte, rief meine Mutter mich an, erzählte von Karlheinz Böhms Wette, und wie viel er damit gerade ins Rollen brachte.

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Edith Kadelburg, geboren 1921 in Breslau

Meine Eltern waren beruflich und privat immer viel gereist und auch in Afrika gewesen, was meine Mutter nachhaltig beeindruckt hatte.
Außerdem war meine Mutter immer sehr spontan, demnach kann ich mir gut vorstellen, dass sie sich einfach hingesetzt und den Brief ans Bundespräsidialamt geschrieben hat, um ihre Gedanken zu teilen. Den Brief selbst erwähnte sie mir gegenüber aber gar nicht – zwischen der vielen Geschäftspost erschien er ihr wohl nicht erwähnenswert.

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Karlheinz Böhm erfährt vom plötzlichen Tod Frau Kadelburgs

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Ein Jahr später verstarb meine Mutter leider recht überraschend und ich fuhr zurück in meine Heimatstadt, um mich um alles zu kümmern. An einem Freitag haben wir dann meine Mutter beerdigt. Just einen Tag später, an einem Samstagmorgen, klingelte in meinem Elternhaus das Telefon. Ich ging ran – und hatte Karlheinz Böhm am Apparat.

Dieser wusste natürlich noch nichts vom Tod meiner Mutter, der ihm sehr, sehr leidtat. Er sprach mich auf ihren Brief an das Bundespräsidialamt an, und da ich diesen bis zu diesem Zeitpunkt nicht kannte, las er ihn mir laut am Telefon vor.

Karlheinz Böhm fragte mich, ob meine Mutter ein Copyright auf den Namen “Menschen helfen Menschen” beansprucht hätte, denn der Namensvorschlag hätte ihm sofort gefallen und er würde ihn gerne für seine neu gegründete Organisation verwenden. Ich war mir sicher, dass meine Mutter bestimmt nichts dagegen gehabt hätte. Ganz im Gegenteil, sie hätte sich sehr gefreut, dass ihr Brief wirklich dort angekommen war, wo er hin sollte.

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Das Telefon in Erlangen steht nicht mehr still

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Kurz darauf wurde der Brief dann auch in dem von Karlheinz Böhm veröffentlichten Buch “NAGAYA – Ein neues Dorf in Äthiopien” abgedruckt, Karlheinz Böhm schickte mir davon dann auch einige Exemplare zu.

In den nächsten Monaten und Jahren wohnte ich nicht in Erlangen und vermietete mein Elternhaus. Immer wieder gingen dort Anrufe von Leuten ein, die an Menschen für Menschen spenden wollten oder auch von Studierenden, die eine Forschungsarbeit über das Projekt von Karlheinz Böhm schrieben.

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“Sie hätte sich über all das sehr gefreut”

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Damals gab es ja noch kein Internet, und viele Menschen, die das NAGAYA-Buch sahen, hatten darin unsere Adresse von dem Brief meiner Mutter gefunden und dachten, dass dies die Anschrift der Stiftung Menschen für Menschen sei. Die Mieter und Mieterinnen des Hauses, und auch ich, nachdem ich 1986 zurückgezogen bin, haben die Anruferinnen und Anrufer immer nach München verwiesen, wir hatten alle schon unseren Standard-Telefon-Spruch parat.

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Ines Kadelburg

Dass der Brief meiner Mutter so weitreichende Folgen hatte, war – ähnlich wie Karlheinz Böhms Wette selber – kaum zu erwarten. Doch ich bin mir sicher, sie hätte sich über all das sehr gefreut.” —

Protokoll: Charlotte Honnigfort

Die Stiftung Menschen für Menschen - Karlheinz Böhms Äthiopienhilfe ist eine öffentliche Stiftung des bürgerlichen Rechts. Sie wird beim Finanzamt München unter der Steuernummer 143/235/72144 geführt und wurde zuletzt mit Bescheid vom 11. Juni 2018 wegen Förderung steuerbegünstigter Zwecke von der Körperschafts- und Gewerbesteuer befreit und somit als gemeinnützige Organisation anerkannt.