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Böhms Begleiter:innen

Erinnerungen aus 40 Jahren Menschen für Menschen
Aktualisiert: 21.07.2021
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Sechs Millionen Menschen profitieren bis heute von der Arbeit von Menschen für Menschen. Von den 458 Schulen, die bislang gebaut wurden. Von den 2.685 Wasserstellen oder den 106 Gesundheitsstationen. Wer aber sind eigentlich die Menschen hinter diesen ganzen Zahlen?

Natürlich, da ist zuvorderst Karlheinz Böhm, der Gründer und das Gesicht von Menschen für Menschen, der der Stiftung 30 Jahre lang vorstand. Da sind aber auch viele kleine und große Zahnrädchen, deren Ineinandergreifen den Erfolg von Menschen für Menschen überhaupt erst möglich gemacht haben: Karlheinz Böhms Begleiterinnen und Begleiter über die vergangenen vier Jahrzehnte.

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Hinter den Kulissen von Karlheinz Böhms Äthiopienhilfe

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Langjährige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Äthiopien und Deutschland, vom Fahrer über die Schotterpisten im äthiopischen Hochland bis zur Sekretärin an der Schreibmaschine in München. Vom leitenden Angestellten bis zur ehrenamtlichen Helferin – zahllose Menschen haben über 40 Jahre hinweg mit ihrem leidenschaftlichen Engagement den Namen Menschen für Menschen mit Leben gefüllt.

Sie alle haben viel zu erzählen – und einige von ihnen tun dies anlässlich des runden Geburtstags der Stiftung in diesem Blog. Durch die Augen derer, die hautnah dabei waren und sind, blicken wir hinter die Kulissen der Äthiopienhilfe. Zurück auf bemerkenswerte, lustige oder rührende Begebenheiten aus vier Jahrzehnten Entwicklungszusammenarbeit. Ein buntes Potpourri an Anekdoten, Erinnerungen und Begebenheiten – erzählt von Menschen für Menschen.

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(8) 21. Juli 2021: “My name is Karlheinz. Nice to meet you!“

“Vor 40 Jahren war ich Angestellter bei der “Relief and Rehabilitation Commission” der äthiopischen Regierung und arbeitete als Traktorfahrer im Erer-Tal im Osten Äthiopiens. Eines Tages traf ich so auf Karlheinz Böhm, den “Faranji” (fremden Gast), der vorübergehend im Bisidemo Hospital, einem von Deutschland finanzierten Lepra-Krankenhaus, untergebracht war.

Ich sah ihn zuerst ganz zufällig an einer Tankstelle, wo ich ihm half, Benzin in sein Auto zu füllen. Er bedankte er sich und gab mir 10 Birr. Ich konnte ihm leider nicht auf Englisch antworten und so schüttelte ich nur meinen Kopf auf und ab. Er lächelte und hielt mich an den Schultern fest: “My name is Karlheinz. Nice to meet you!”

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“Ich habe viel von Karlheinz Böhm gelernt”

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Mekonnen Kassa wurde in den 1980er Jahren der zweite MfM-Mitarbeiter in Äthiopien

Ab diesem Tag half ich ihm immer beim Tanken seines Autos, wenn wir gleichzeitig vor Ort an der Tankstelle waren. Eines Tages fragte er mich nach meinem Beruf. Mit Händen und Füßen erklärte ich ihm, dass ich Traktorfahrer sei. Daraufhin bot er mir an, für ein besseres Gehalt als mein damaliges bei ihm zu arbeiten. Ich dachte eine Weile darüber nach, machte noch einen offiziellen Führerschein (den ich davor nicht besaß) und wurde schließlich bei der Stiftung als Fahrer angestellt.

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So war ich mehr als 20 Jahre lang der Fahrer von Karlheinz Böhm. Viel habe ich in der Zeit von ihm gelernt: wie man effizient arbeitet, die Zeit des Tages gut einteilt und das Wichtigste: wie man jedem Menschen Liebe und Respekt entgegenbringt.

Doch manchmal fiel es mir auch schwer, ihn zu verstehen. Einmal war Karl gerade aus Deutschland gekommen und wir reisten, nachdem ich ihn vom Flughafen in Addis abgeholt hatte, direkt in die Projektgebiete. Als wir einem der Projektbüros ankamen, hatte das Team vor Ort bereits alles für den Besuch vorbereitet.

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“Man sollte nicht immer mit dem Strom schwimmen”

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Doch Karl weigerte sich, die für ihn vorbereitete Besuchstour zu absolvieren, was große Verwirrung auslöste. Stattdessen bat er mich, ihn an andere Orte im Projektgebiet zu fahren. Diese waren natürlich nicht auf seinen Besuch vorbereitet, und so erlebte Karlheinz das Alltagschaos und konnte auch einige Dinge beobachten, die noch nicht erledigt worden waren. Während wir zurückfuhren, sagte er etwas auf Englisch, was sein Übersetzer an mich weitergab: “One should not always flow via a canal built for him.” Man sollte nicht immer mit dem Strom schwimmen.

Dieses Zitat und diese Erfahrung haben mir sehr geholfen, auch in meinem persönlichen und familiären Leben. Man sollte sich immer ein eigenes Bild machen und nicht nur dem folgen, was andere uns vorgeben und sehen lassen wollen. Es ist dieser Ansatz, der die Arbeit von MfM so wirkungsvoll gemacht hat. Bis heute folgen die Projektleiter diesem Ansatz, mit dem Ergebnis, dass die Qualität der Projekte und die Leistungen der Stiftung weiterhin hervorragend sind.”

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Mekonnen Kassa, 66 Jahre, wurde – eher durch Zufall – in den Achtziger Jahren der zweite Menschen für Menschen-Mitarbeiter in Äthiopien. Bis 2019 war er für die Stiftung aktiv, dabei bis zum Tod Karlheinz Böhms als dessen Fahrer. Doch er war auch immer so viel mehr als das, und wurde als landeskundiger Berater zu einem engen Freund und Vertrauten Karlheinz Böhms.

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(7) 15. Juli 2021: Frisches Roggenbrot und feuchte Augen: Meine luftige Freundschaft mit Karlheinz Böhm

“Zum ersten Mal traf ich Karlheinz Böhm am 22. Dezember 1991. Wir waren als Crew eines A300 auf einem sechstägigen Lay-Over über Weihnachten im Addis Hilton Hotel untergebracht. Ich saß spätmorgens am Pool, trank einen schönen äthiopischen Kaffee und las eine deutsche Zeitung vom Abflugtag, als plötzlich ein angegrauter Herr an meinen Tisch kam und fragte: “Sind Sie von der Lufthansa?” Ich blickte hoch, bejahte und erkannte sofort, wer der Herr war: Karlheinz Böhm.

Er stellte sich vor, worauf ich nur erwiderte, dass ich natürlich weiß, wer er sei, und fragte, ob er sich zu mir an den Tisch setzen könnte. Wir begannen das erste von vielen Gesprächen, die über die nächsten Jahre noch folgen sollten. Es war wahnsinnig interessant, was Herr Böhm alles von seiner Arbeit mit seiner Organisation Menschen für Menschen zu berichten hatte. Wir trafen uns dort täglich während des gesamten Lay-Overs.

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Spontane Spendenaktion für Menschen für Menschen

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Am 24. Dezember waren wir – wie damals üblich – im Hotel zum Abendessen von Lufthansa eingeladen, die gesamte Crew plus sieben Angehörige, also in etwa 18 Personen. Ich stand noch unter dem Eindruck der Unterhaltungen mit “Mr. Karl”, wie er respekt- und liebevoll von den Äthiopierinnen und Äthiopiern genannt wurde. Ich erzählte der Crew von den Gesprächen mit ihm und mir fiel spontan ein, für seine Organisation innerhalb der Crew plus Angehörigen eine Spendensammlung – natürlich auf freiwilliger Basis – durchzuführen.

Das Ergebnis war für mich überraschend und überwältigend, es kamen 720 D-Mark zusammen! Da jedes Crewmitglied in Addis Abeba eine „Money Declaration“ über die mitgeführten Gelder ausfüllen musste (wegen des Währungsschwarzmarkts), erklärte ich mich bereit, Herrn Böhm einen Euroscheck von mir über die Summe im Namen der Crew zu übergeben und das Bargeld dann nach Abflug in Addis Abeba einzusammeln.

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Lockere Freundschaft mit Karlheinz Böhm

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Am 26. Dezember traf ich Herrn Böhm wieder mit seiner Frau Almaz und Söhnchen Nicolas im Hotel und übergab ihm dort den Scheck. Zuerst war er sprachlos und gerührt, dann nahm er mich ganz fest in seine Arme und ich sah seine feuchte Augen. Er sagte nur zu mir, dass die Höhe der gesammelten Spende für ihn gar nicht so relevant sei, sondern dass die Bereitschaft für eine Spende, und wenn es nur fünf D-Mark seien, viel mehr zähle als alles andere. Anschließend hat er sich bei jedem einzelnen anwesenden Crewmitglied persönlich mit Handschlag bedankt.

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Karlheinz Böhm war oft Gast auf Reinhold Webers Flügen nach Addis Abeba. Foto: privat
Karlheinz Böhm war oft Gast auf Reinhold Webers Flügen nach Addis Abeba. Foto: privat
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Daraus entstand eine lockere Freundschaft über Jahre bis zu meinem Ausscheiden aus dem aktiven Dienst. Ich habe Herrn Böhm bei jedem meiner vielen Flüge nach Addis besucht und wurde auch des Öfteren zum Abendessen in seinem bescheidenen Häuschen eingeladen. Augenzwinkernd meinte er, dass ich aber nur zum Essen kommen dürfe, wenn ich ihm backfrisches Roggen- und Körnerbrot aus Deutschland mitbringe. Also bin ich vor der Fahrt zum Briefing oft noch schnell bei meinem Bäcker vorbei und habe drei Laibe à zwei Kilogramm Brot gekauft – was ich mit Freude getan habe – die er dann noch abends im Hotel abholte.

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Wiedersehen in Karlheinz Böhms Geburtsstadt

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Leider habe ich es zeitlich nie geschafft, in eines der vielen Projektgebiete von Menschen für Menschen mit zu fahren, obwohl Karlheinz Böhm mir das angeboten hat. Er war und ist für mich einer der bemerkenswertesten Menschen, die ich je kennen lernen durfte.

Lange nach der Beendigung meiner Tätigkeit bei der Lufthansa hat Herr Böhm einen Vortrag über seine Arbeit in seiner Geburtsstadt Darmstadt gehalten, zu dem ich hingefahren bin. Unter den etwa 100 Zuhörern und Zuhörerinnen hat er mich zuerst nicht erkannt, aber später bemerkte ich, dass sein Blick des Öfteren auf mich fiel. Am Ende des Vortrags war ihm dann wohl eingefallen, wer ich war, er bat mich nach vorne und erzählte von unseren gemeinsamen Zusammenkünften in Addis Abeba und der Unterstützung durch die Lufthansa-Crew. Das fand ich total toll.”

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Reinhold Weber war von 1971 bis 2002 bei der Lufthansa tätig und als Chef der Kabinencrew zwischen 1991 bis 2002 mindestens 20 Mal in Addis Abeba. Auf diesem Wege lernte er dort Karlheinz Böhm und seine Frau Almaz Böhm kennen.

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(7) 9. Juli 2021: Als Karlheinz Böhm sich weigerte, auf Prominente zu schießen

“”Meine Sportler aus Vechta.” Mit offenen Armen und einem herzlichen Lächeln begrüßte Karlheinz Böhm immer die Vertreter und Vertreterinnen der Aktion “Sportler gegen Hunger” (SgH), die 1984 vom Kreissport­bund Vechta und der Oldenburgischen Volkszeitung Vechta gegründet wurde und bis heute die Stiftung Menschen für Menschen unterstützt – inzwischen mit über drei Millionen Euro. Erstmals kam es 1986 zu einem Treffen, danach in der Regel fast alle zwei Jahre irgendwo in Norddeutschland, um über die Arbeit in Äthiopien zu sprechen und auch um werbewirksame Scheckübergaben für die SgH-Aktion zu fotografieren.

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Eine von vielen Scheckübergaben der Sportler gegen Hunger im Lauf der Jahre

Insgesamt viermal reiste Karlheinz Böhm auch in den Kreis Vechta. Unvergessen sein Besuch im Januar 2001, als er sich mit seiner Frau Almaz ein Wochenende lang unter die aktiven Sportler und Sportlerinnen mischte. MfM-Geschäftsführer Axel Haasis hatte zuvor bekräftigt, dass wir das Ehepaar Böhm für alles einplanen könnten. Sechs Termine an sechs Orten nahmen wir für die zwei Tage auf die To-Do-Liste.

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Plötzlich verschwand Karlheinz Böhms Lächeln

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Nach dem Einchecken im Hotel besprachen wir das Programm. Abendessen plus Vortrag mit rund 50 Vertretern und Vertreterinnen der aktivsten Vereine – Karlheinz Böhm nickte zustimmend. Ortswanderung mit rund 400 Sportlerinnen und Sportlern – er lächelte, forschen Schrittes war er schließlich immer in Äthiopien unterwegs. Symbolischer Anstoß bei einem Turnier oder Ziehen der Lose bei einer Tombola – alles kein Problem. Und dann noch zweimal Prominentenschießen.

Von der einen auf die andere Sekunde verschwand sein Lächeln, sein Gesicht nahm ernsthafte Züge an, es herrschte Stille. Wir waren ebenfalls verwirrt: Hatten wir was Falsches gesagt, was falsch gemacht? “Bei aller Liebe, Herr Schlömer…”, sagte Karlheinz Böhm, “egal wie, aber schießen auf Prominente kann ich mit meinem Gewissen nicht vereinbaren.”

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Franz-Josef Schlömer und Karlheinz Böhm
Franz-Josef Schlömer und Karlheinz Böhm
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Die knisternde Anspannung löste sich dann jedoch in Sekundenschnelle wieder auf: Beim Prominentenschießen im Fußball treten Prominente zu einem Elfmeterschießen gegeneinander an.

Kurz vor dem Rückflug trat das Ehepaar Böhm dann auch tatsächlich beim Prominentenschießen in Langförden an. Siegerin Lenchen Moormann, die Frau des Vereinsvorsitzenden, bekam den Pokal von Karlheinz Böhm überreicht. Diese Trophäe wird von ihr noch heute regelmäßig auf Hochglanz poliert, daneben steht im Schrank ein eingerahmtes Foto von der Pokalübergabe durch ihr Filmidol Karlheinz Böhm.

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Ein kleiner persönlicher Triumph für Karlheinz Böhm

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Dieser hatte zuvor im Gegensatz zu seiner Frau Almaz auch einmal getroffen. “Das war gut für die Moral”, zitierte die Oldenburgische Volkszeitung den damals 72-Jährigen. Beim Prominentenschießen tags zuvor in Lohne hatte Karlheinz Böhm dieses Familienduell nämlich mit 0:1 verloren. So verließ der MfM-Gründer nach der Verwirrung um das Prominentenschießen seine Sportler und Sportlerinnen aus Vechta mit einem kleinen persönlichen Triumph.”

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Franz-Josef Schlömer ist der Initiator und Gründer der Aktion „Sportler gegen Hunger“ (SgH), welche seit 1984 und bis heute die Stiftung Menschen für Menschen unterstützt. Seit der Gründung bis 2018 war Herr Schlömer Vorsitzender von SgH, seitdem leitet Carsten Boning die Aktion.

http://sgh.oldenburgische-volkszeitung.de/

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(5) 6. Juli 2021: Ein Bauer macht Schule: Wie Hilfe gleich auf doppelt fruchtbaren Boden fiel

“In unserem ehemaligen Projektgebiet Merhabete war er fast so etwas wie eine lokale Berühmtheit: der Bauer Gheset. Viele Jahre lang lebte er mit seiner Familie am Rande eines großen Erosionsgrabens und beobachtete mit wachsender Sorge, wie mit jeder Regenzeit etwas mehr von seinem Ackerland abgeschwemmt wurde. Nicht mehr lange und der Riss durch die Erde würde auch seinen Bauernhof erreichen.

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Fast eine lokale Berühmtheit: Bauer Gheset

Aber Gheset gab nicht auf, sondern nahm seine Chance wahr, als Menschen für Menschen in den Bezirk im zentraläthiopischen Hochland kam. Das Team bot den Bauern an, ihnen bei der Steigerung ihrer landwirtschaftlichen Erträge unter die Arme zu greifen, wenn sie im Gegenzug dabei halfen, etwas für die Konservierung der kargen natürlichen Ressourcen zu unternehmen.

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Als einer der Ersten pflanzte Gheset diverse Baumsetzlinge in den Graben hinter seinem Hof und baute kleine Steinwälle hinein, um so den Boden zu stabilisieren. Schon wenige Jahre später konnte er nicht nur vorzeigen, wie hoch die Bäume, Büsche und Gräser gewachsen waren, sondern auch, wie sich die Erde zwischen den Steinwällen sammelte und sich der Graben stetig füllte, anstatt immer tiefer zu werden.

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Bessere Ernten, höheres Einkommen

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Auch das, was er in unseren landwirtschaftlichen Trainingskursen lernen konnte, setzte er engagiert in die Tat um: einige Pflanzen aus dem Erosionsgraben nutzte er maßvoll als Viehfutter, um damit die Qualität seiner Milchkühe sowie deren Milchproduktion und den Verkaufspreis zu erhöhen. Auf Teilen seines Landes baute er Gemüse an und bereicherte so nicht nur den Speiseplan seiner Familie, sondern erzielte auf dem Markt zusätzliche Einnahmen. Und auch der Einsatz von Saatgut, das den lokalen Bedingungen besser angepasst war, half ihm dabei, seine Ernte und sein Einkommen zu steigern.

Seine Nachbarn und Nachbarinnen beäugten die Entwicklung seines Hofes teils neugierig, teils mit einem gewissen Neid. Aber Gheset gab sein neu erworbenes Wissen gerne weiter. Als sogenannter „Modellbauer“ empfing er immer wieder ganze Trainingseinheiten unserer landwirtschaftlichen Abteilung, um anschaulich zu demonstrieren, wie die theoretischen Kenntnisse in der Praxis anzuwenden waren. Stolz und glücklich präsentierte er auch den Gästen aus Europa (im Bild z.B. der Fotograf Peter Rigaud aus Österreich) immer wieder, wie erfolgreich er mit seinen Maßnahmen gewesen war, weil er wusste, dass die Berichte im fernen Europa noch mehr Menschen motivieren würden, finanzielle Mittel für seine Heimat zu geben.

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“Jetzt möchte ich gern noch einmal jung sein”

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Aber damit nicht genug. Als Menschen für Menschen für seine Gemeinde die dringend benötigte Schule bauen wollte, aber nicht genügend geeigneter Baugrund vorhanden war, trat Gheset freiwillig und ohne Zögern einen Teil seines Grundstücks dafür ab. ‘Ihr habt mir geholfen, mein Land zu erhalten und besser zu nutzen, nun kann ich es mir leisten, für die nächste Generation etwas davon abzugeben.’

Fasziniert sah er in den nächsten Monaten zu, wie die Fundamente gelegt und Gebäude um Gebäude hochgezogen wurde. Noch vor der offiziellen Eröffnung besichtigte er das Schulgelände und setzte sich in einem der neuen Klassenzimmer in eine Schulbank – zum ersten Mal in einem seinem Leben! Auf die Frage, ob er sich freue, dass so viele Kinder nun unter besseren Bedingungen lernen können, antwortete er mit Tränen in den Augen: ‘Ja, sehr! Aber jetzt möchte ich gerne selbst noch einmal jung sein…’”

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Michaela Böhm kam bereits 1984 als ehrenamtliche Helferin zu Menschen für Menschen und arbeitete bald schul- bzw. studienbegleitend in der PR-Abteilung mit. Anschließend wurde sie in Vollzeit von der Stiftung übernommen und war – mit Ausnahme von ein paar Jahren in anderen Unternehmen – zwei Jahrzehnte als Referentin für Öffentlichkeitsarbeit sowie als persönliche Assistentin von Karlheinz und Almaz Böhm im Einsatz, u.a. auch mehrere Jahre in Äthiopien. Seit 2014 unterstützt sie den Vorstand und Stiftungsrat von MfM Deutschland.

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(4) 1. Juli 2022: Als sich ein bärtiger “Hochstapler” als echter Zirkusdirektor entpuppte

“Kennengelernt habe ich Karlheinz Böhm über den Arbeitskreis von Menschen für Menschen in Erlangen. Als wir unseren Circus Sambesi 1987 gründeten, hörte die damalige Leiterin des dortigen Arbeitskreises davon in den lokalen Nachrichten und lud unseren Zirkus für eine Vorstellung nach Erlangen ein. Ohne unser Wissen schickte sie auch eine Einladung an Karlheinz Böhm. Die Aufführung fand dann im Mai 1988 in Anwesenheit von Karlheinz Böhm statt, der – trotz unseres bis dahin sehr bescheidenen Zirkusdaseins – direkt total begeistert war.

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Schon seit 1987 gibt es den Circus Sambesi um Direktor Karl Nidermayer. Fotos: Stefan Moßhammer

Als langjähriger Afrikaliebhaber fand ich großen Gefallen am Anliegen Karlheinz Böhms, und so beschlossen wir, fortan die Einnahmen aus dem Zirkusbetrieb an die Stiftung Menschen für Menschen zu spenden. Bis heute war ich zweimal auf Einladung von Menschen für Menschen in den Projektgebieten der Stiftung in Äthiopien, dabei haben wir auch zwei Schulen eingeweiht, die durch unsere Unterstützung finanziert werden konnten und die den Namen unseres Circus Sambesi tragen.

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Mittagessen mit Karlheinz Böhm und Landrat Hans Schuierer

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Eine kleine Geschichte, die mir in Erinnerung geblieben ist, stammt aus dem Sommer 1993. Mit dem Circus war eine Vorstellung in Schwandorf geplant. Als Karlheinz Böhm davon hörte, beschloss er, uns dort zu besuchen und dies auch mit einem Treffen mit dem damaligen Landrat Hans Schuierer zu verbinden. Der Plan von Karlheinz Böhm war ein gemeinsames Mittagessen mit dem Herrn Landrat und mir und eine anschließende Pressekonferenz vor der Nachmittagsvorstellung unseres Circus. Er bat mich, dies zu arrangieren und dafür das Hotel Bayer, nahe des Standorts unseres Circus, anzufragen.

Wir kamen mit dem Circus schon einige Tage vorher in Schwandorf an und um für den Samstag alles zu organisieren, ging ich einige Abende vorher in das Hotel Bayer und sprach dort mit der Oberkellnerin. Ich erzählte ihr, dass am Samstagmittag Karlheinz Böhm und der Landrat Schuierer mit mir hier zu Mittagessen würden und wir anschließend einen Raum für die Pressekonferenz bräuchten.

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“Die Oberkellnerin hielt mich für einen Hochstapler – bis die Tür aufging”

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Sie nickte und schrieb sich alles auf, doch als ich das Hotel wieder verließ, war ich mir hundertprozentig sicher, dass sie mir nichts davon geglaubt hatte. Wer weiß, wie ich aussehe, mit meinem – inzwischen grauem – Vollbart, versteht vielleicht, warum mir dies so schien. Das ist voll in die Hosen gegangen, dachte ich mir noch, und rief sogar im Landratsamt an, um den Landrat davon in Kenntnis zu setzen.

Am Samstag selbst ging ich dann mittags wieder ins Hotel Bayer, dieses Mal zwar besser angezogen, aber schon bei meinem Eintreten merkte man, dass die Oberkellnerin mich immer noch für einen Hochstapler hielt. Ich ließ mich davon nicht beirren, setzte mich auf die Terrasse, und wartete auf die anderen.

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Erfolgreiche Vorstellung und eine Extra-Spende für Menschen für Menschen

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Dann ging die Tür auf und Karlheinz Böhm trat mit seiner Frau ein. Die Oberkellnerin, das habe ich bis heute vor Augen, stand da wie zur Salzsäure erstarrt. Es stellte sich heraus, dass sie ein großer “Sissi”-Fan war, und ihren Augen kaum trauen wollte. Später gestand sie mir, dass sie mir tatsächlich bis zum Eintreten von Herrn Böhm nichts von meiner Geschichte geglaubt hatte.

Nach einer erfolgreichen Nachmittagsvorstellung des Circus wurden wir dann alle im Hotel noch zum Abendessen eingeladen, und das Hotel spendete sogar 1.000 DM an Menschen für Menschen. Auch der Landrat Schuierer legte nochmal eine große Summe dazu – sodass dieser Tag nicht nur so manche eines Besseren belehrte, sondern auch noch tolle Spendeneinnahmen für die Stiftung brachte.” —

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Karl Nidermayer und Karlheinz Böhm. Fotos: Stefan Moßhammer

Mit der Gründung des Circus Sambesi erfüllte sich der Neumarkter Karl Nidermayer einen Kindheitswunsch. 1987 erwarb Nidermayer das blaue Zwei-Mast-Zelt, schon kurz darauf fand die erste Vorstellung statt – die Einnahmen des Wohltätigkeitszirkus gehen seitdem an Menschen für Menschen, mehr als 750.000 Euro kamen so in den vergangenen über drei Jahrzehnten zusammen.

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Einmaliges Engagement: Impressionen aus 34 Jahren Circus Sambesi

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(3) 25. Juni 2021 – “Diese spontane Handlung von Karlheinz Böhm hat mich viel gelehrt”

Das „Mettu Karl Krankenhaus“ liegt im südlichen Teil der Stadt Mettu, der Hauptstadt des Regierungsbezirks Illubabor im Regionalstaat Oromia. An der Südwestseite des Krankenhauses fließt ein Bach, der auch in den Trockenperioden noch genügend Wasser führt. Dieser Bach diente als Waschplatz für eine beträchtliche Anzahl von Menschen, die besonders an den Wochenenden kamen, um ihre Kleidung zu reinigen.

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Der Bach war durch das Fenster meines damaligen Büros im Mettu Karl Krankenhaus zu sehen. Als Karlheinz Böhm einmal in meinem Büro stand und durch das Fenster schaute, sah er Menschen, die ihre Kleidung direkt am Fluss wuschen, einige von ihnen badeten auch darin. Ihm fiel sofort auf, wie umständlich es für die Menschen war, gleichzeitig dort ihre Kleidung zu waschen – und gleichzeitig auch, wie sehr der Fluss dadurch verschmutzt wurde.

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Großer positiver Effekt bei minimalen Kosten

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An Ort und Stelle beauftragte er den Bau eines Waschplatzes mit verschiedenen Trennwänden und einer Sickergrube zur Ableitung des Wassers, um die Verschmutzung des Flusses zu minimieren und die Arbeit zu erleichtern. Bedacht auf minimale Kosten wurde die Maßnahme umgesetzt, und die Auswirkungen, die dies hatte, waren sowohl für die betroffenen Menschen als auch für die Umwelt von großer positiver Bedeutung.

Mich hat diese spontane Handlung von Karl viel gelehrt: Sie zeigt, dass man auch mit minimalen Mitteln etwas tun kann, um Menschen zu helfen und gleichzeitig die Umwelt zu erhalten. Ich glaube, dass Karlheinz Böhm seiner Zeit voraus war und die vom Menschen verursachte Umweltzerstörung und -verschmutzung wahrgenommen hat, bevor die meisten Menschen dies taten.

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Waschplätze und Duschen fortan bei allen Wasserstellen

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Außerdem war diese Handlung auch eine Inspiration für ihn und das ganze Team dazu, in den von Menschen für Menschen gebauten Wasserstellen zusätzlich Waschplätze und Duschen einzurichten. Dies hat dazu beigetragen, die Hygiene und den Zugang zu sanitären Einrichtungen in all unseren Projektgebieten zu verbessern.

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Dr. Asnake Worku, gelernter Arzt, ist seit mehr als 20 Jahren für die Stiftung in Äthiopien tätig. Er fing im “Mettu Karl Krankenhaus” als medizinischer Koordinator für Menschen für Menschen an, arbeitete später in verschiedenen Positionen im Project Coordination Office (PCO) und ist heute stellvertretender Landesrepräsentant.

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(2) 22. Juni 2021 – Büros für Menschen: Von schiefen Böden und legendären Grillfesten

“Unser erstes Menschen für Menschen-Büro befand sich bis 1986 in der Münchner Fußgängerzone, gleich neben dem Kaufhaus Oberpollinger nähe Karlstor. Die Chefin eines großen Versandhauskonzerns hatte uns im Obergeschoss eines alten Gebäudes kostenlos einige Büroräume überlassen. Die Einrichtung war karg, der Boden schief und der Weg zur Toilette war gefühlt einen halben Kilometer lang.

Doch unsere damals noch kleine Sechs-Personen-MfM-Familie fühlte sich dort wohl. Im Sommer klangen die Lieder der manchmal zu lauten Straßensänger und Straßensängerinnen in unser Büro herauf, und wenn Karlheinz Böhm wieder einmal im Büro war und telefonierte, tippte ich meine Briefe in der kleinen Küche, um ihn mit dem Geklapper meiner IBM-Kugelkopfschreibmaschine nicht zu stören. Die Buchhaltung war mit der Spenderbetreuung in einem Zwischengang zuhause und unser Einkäufer hatte nur einen großen langen Packtisch als Arbeitsplatz.

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Ein Teil der damaligen MfM-Belegschaft etwa 1988 vor dem Büro in der Münchner Nussbaumstraße: Michaela Böhm (damals ehrenamtliche Mitarbeiterin), Rüdiger Hoffmann (Einkauf), Anni Bachmeier (mit Brille, Spendenverwaltung), Vera Reuter (Buchhaltung) und Edeltraud Hörmann

Unser zweites, bereits wesentlich größeres Büro befand sich in einem geräumigen Kellergeschoss am Sendlinger Tor. Jede der Abteilungen, Spenderbetreuung und Buchhaltung, Einkauf und Transporte sowie Sekretariat, verfügte nun über einen eigenen Raum, wenngleich auch nicht in alle richtiges Tageslicht fiel. Neben der Kochnische befanden sich technische Errungenschaften wie ein Telex-Gerät, später Telefax, und ein wunderbarer alter und riesengroßer Schreibautomat der Firma Siemens.

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Jetzt hatte auch Karlheinz Böhm sein eigenes Büro

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Auch Karlheinz Böhm hatte jetzt sein eigenes Bürozimmer. Die Belegschaft bestand nun schon aus acht Personen in Voll- und Teilzeit. Wir hatten eine kleine Kammer als Lagerraum und bei einem Einbruch in unser Büro wurde zwar die Spendenkasse verschont, ein gerade erst angeschaffter, topmoderner Laptop aber gestohlen.

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Karlheinz Böhm beim Weißwurstfrühstück im Büro in der Nussbaumstraße – und beim Geschirrspülen

Unser drittes Büro in der Akademiestraße an der Grenze zum trendigen Schwabing, das wir Mitte der 90er Jahre bezogen, befand sich zwischen Siegestor, der imposanten Kunstakademie und dem Münchner Traditionskino ARRI. Es war nicht wesentlich größer als das vorherige Kellerbüro, aber die Räume erstreckten sich elegant über zwei Ebenen und hatten alle große, atelierartige Fenster.

Hinten im Hof befand sich ein kleiner Garten samt Terrasse, die zum beliebten Sommerarbeitsplatz wurde, bevor man sich nach Feierabend ins Schwabinger Nachtleben stürzen konnte. Die Angestelltenzahl stieg auf etwa zehn, eine eigene PR-Abteilung wurde aufgebaut, alle Angestellten konnten mittlerweile an einem modernen PC arbeiten und das moderne, große Fax- und Kopiergerät im Vorraum bullerte wie die Klimaanlage eines 5-Sterne-Hotels.

Mit der Jahrtausendwende war auch dieses Büro zu klein geworden, und die Stiftung zog mit Sack und Pack in die Brienner Straße zwischen Propyläen-Tor am Königsplatz und Stiglmaierplatz. Hier durften wir zwei Stockwerke beziehen, und als neue Erweiterung kam eine eigene IT-Abteilung und später ein Arbeitsteam für Entwicklungszusammenarbeit hinzu, mehr als 20 Angestellte arbeiten hier bis heute für Menschen für Menschen. Endlich genug Platz!

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Der Innenhof des MfM-Büros in der Brienner Straße ist bis heute beliebter Ort für Grillfeste und Zusammenkünfte von Mitarbeiter:innen, Ehrenamtlichen und weiteren Gästen - zumindest in Pandemie-freien Zeiten
Der Innenhof des MfM-Büros in der Brienner Straße ist bis heute beliebter Ort für Grillfeste und Zusammenkünfte von Mitarbeiter:innen, Ehrenamtlichen und weiteren Gästen – zumindest in Pandemie-freien Zeiten
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Grillfeste, aber auch die Nachricht vom Tod Karlheinz Böhms

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Der Gartenplatz im Hof eignet sich wunderbar für die legendären Grillfeste, und   haupt- und ehrenamtliche Mitarbeitende und auch äthiopische Gäste feiern dort gemeinsam – oder taten dies zumindest bis zur Pandemie. Anlässlich von Renovierungsarbeiten im Jahr 2010 zog ein Teil des Teams ins Vordergebäude, wo wir seitdem feste Büroräume innehaben. Leider ist dies auch das Büro, in dem unser Team vom Tod unseres Gründers Karlheinz Böhm im Jahr 2014 erfahren musste.

Im Jahr 2017 verließ ich die Stiftung, um meinen drei Enkeln mehr Betreuungszeit widmen zu können. Nun ist die Stiftung seit mehr als 20 Jahren in dem Gebäude ansässig und kann man mit Recht sagen: “Do samma dahoam…”

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Die Symbolik von Toren

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Mir fällt auf, dass sich die Büroräume von Menschen für Menschen immer in der Nähe von bekannten Münchner Toren befanden und befinden. Natürlich ist das ein Zufall, aber es lässt mich auch über die Symbolik von Toren nachdenken: Als Karlheinz Böhm im Jahr 1981 mit der Gründung von Menschen für Menschen ein neues Tor in ein für ihn neues Leben durchschritt, war das “Dahinter” noch unbekannt. Heute wissen wir, dass dieser Schritt vielen, vielen Menschen in Äthiopien ein besseres Leben gebracht hat.

Ich bin dankbar, dass ich all die Jahre dabei sein durfte.”

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Edeltraud Hörmann
war von Januar 1986 bis Juli 2017 bei MfM als Vorstandssekretärin tätig.

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(1) 17. Juni 2021 – Die Anfänge: Wie Menschen für Menschen zu seinem Namen kam

Mit seiner legendären Wette in der ZDF-Sendung “Wetten, dass…?” am 16. Mai 1981, startete Karlheinz Böhm einen Spendenaufruf, der in seiner Größe und Reichweite alle Erwartungen übertraf. Schon wenige Tage nach der Veranstaltung waren 1,2 Millionen D-Mark zusammengekommen.

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Am 16. Mai 1981 legte Karlheinz Böhm den Grundstein für Menschen für Menschen

Was viele jedoch nicht wissen: Böhms Initiative entstand so spontan, dass es zum Zeitpunkt der Wette noch gar kein Bankkonto gab, wohin die Zuschauerinnen und Zuschauer ihre Spende schicken konnten. Der Schauspieler improvisierte kurzerhand und schlug vor, dass die Spenden an die jeweiligen Präsidialämter in Deutschland, Österreich und der Schweiz gehen sollten

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Wäschekörbeweise Briefe mit 1-Mark-Stücken

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Dem Vernehmen nach gingen in den folgenden Tagen nach der Sendung ganze Wäschekörbe voller Briefe beim Bonner Bundespräsidialamt ein, in die 1-Mark-Stücke eingeklebt waren. Schnell wurde ein Konto eingerichtet und die Spendeneingänge ordnungsgemäß dorthin verbucht, ehe im September 1981 offiziell der Verein “Menschen für Menschen” gegründet wurde und die Arbeit in Äthiopien begann.

Wie aber war es in der Zwischenzeit zu diesem Namen gekommen? Nun, unter den zahlreichen Zuschriften, die die bemitleidenswerten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Bundespräsidialamtes tagelang abarbeiten mussten, befand sich auch dieser Brief von Edith Kadelburg aus Erlangen:

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Edith Kadelburg schrieb diesen Brief 1981 an den damaligen Bundespräsidenten Karl Carstens
Edith Kadelburg schrieb diesen Brief 1981 an den damaligen Bundespräsidenten Karl Carstens
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Der Vorschlag, die Spendenaktion unter dem Titel “Menschen helfen Menschen” weiterzuführen, erreichte Karlheinz Böhm und gefiel ihm so gut, dass er ihn in leicht abgewandelter Form übernahm: Menschen für Menschen! Frau Kadelburg hatte – ohne sich dessen bewusst zu sein – für den heute berühmten Namen der Stiftung gesorgt.

Ihre Tochter Ines Kadelburg erinnert sich:

“Damals habe ich nicht mehr bei meinen Eltern in Erlangen gewohnt, aber kurz nach der “Wetten, dass…?”-Show, die ich nicht sehen konnte, rief meine Mutter mich an, erzählte von Karlheinz Böhms Wette, und wie viel er damit gerade ins Rollen brachte.

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Edith Kadelburg, geboren 1921 in Breslau

Meine Eltern waren beruflich und privat immer viel gereist und auch in Afrika gewesen, was meine Mutter nachhaltig beeindruckt hatte.
Außerdem war meine Mutter immer sehr spontan, demnach kann ich mir gut vorstellen, dass sie sich einfach hingesetzt und den Brief ans Bundespräsidialamt geschrieben hat, um ihre Gedanken zu teilen. Den Brief selbst erwähnte sie mir gegenüber aber gar nicht – zwischen der vielen Geschäftspost erschien er ihr wohl nicht erwähnenswert.

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Karlheinz Böhm erfährt vom plötzlichen Tod Frau Kadelburgs

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Ein Jahr später verstarb meine Mutter leider recht überraschend und ich fuhr zurück in meine Heimatstadt, um mich um alles zu kümmern. An einem Freitag haben wir dann meine Mutter beerdigt. Just einen Tag später, an einem Samstagmorgen, klingelte in meinem Elternhaus das Telefon. Ich ging ran – und hatte Karlheinz Böhm am Apparat.

Dieser wusste natürlich noch nichts vom Tod meiner Mutter, der ihm sehr, sehr leidtat. Er sprach mich auf ihren Brief an das Bundespräsidialamt an, und da ich diesen bis zu diesem Zeitpunkt nicht kannte, las er ihn mir laut am Telefon vor.

Karlheinz Böhm fragte mich, ob meine Mutter ein Copyright auf den Namen “Menschen helfen Menschen” beansprucht hätte, denn der Namensvorschlag hätte ihm sofort gefallen und er würde ihn gerne für seine neu gegründete Organisation verwenden. Ich war mir sicher, dass meine Mutter bestimmt nichts dagegen gehabt hätte. Ganz im Gegenteil, sie hätte sich sehr gefreut, dass ihr Brief wirklich dort angekommen war, wo er hin sollte.

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Das Telefon in Erlangen steht nicht mehr still

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Kurz darauf wurde der Brief dann auch in dem von Karlheinz Böhm veröffentlichten Buch “NAGAYA – Ein neues Dorf in Äthiopien” abgedruckt, Karlheinz Böhm schickte mir davon dann auch einige Exemplare zu.

In den nächsten Monaten und Jahren wohnte ich nicht in Erlangen und vermietete mein Elternhaus. Immer wieder gingen dort Anrufe von Leuten ein, die an Menschen für Menschen spenden wollten oder auch von Studierenden, die eine Forschungsarbeit über das Projekt von Karlheinz Böhm schrieben.

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“Sie hätte sich über all das sehr gefreut”

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Damals gab es ja noch kein Internet, und viele Menschen, die das NAGAYA-Buch sahen, hatten darin unsere Adresse von dem Brief meiner Mutter gefunden und dachten, dass dies die Anschrift der Stiftung Menschen für Menschen sei. Die Mieter und Mieterinnen des Hauses, und auch ich, nachdem ich 1986 zurückgezogen bin, haben die Anruferinnen und Anrufer immer nach München verwiesen, wir hatten alle schon unseren Standard-Telefon-Spruch parat.

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Ines Kadelburg

Dass der Brief meiner Mutter so weitreichende Folgen hatte, war – ähnlich wie Karlheinz Böhms Wette selber – kaum zu erwarten. Doch ich bin mir sicher, sie hätte sich über all das sehr gefreut.” —

Protokoll: Charlotte Honnigfort

Die Stiftung Menschen für Menschen - Karlheinz Böhms Äthiopienhilfe ist eine öffentliche Stiftung des bürgerlichen Rechts. Sie wird beim Finanzamt München unter der Steuernummer 143/235/72144 geführt und wurde zuletzt mit Bescheid vom 11. Juni 2018 wegen Förderung steuerbegünstigter Zwecke von der Körperschafts- und Gewerbesteuer befreit und somit als gemeinnützige Organisation anerkannt.