Ein Zeichen für die Frauen

Junge Frau mit Äthiopien-Ohrringen

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von | Mrz 7, 2019 | Land und Leute

Haben Sie schon mal eine Suchmaschine mit der Anfrage gefüttert, welche Rolle Frauen in der äthiopischen Gesellschaft spielen? In jüngster Vergangenheit – insbesondere seit Abiy Ahmed als Premierminister die Regierung führt – scheint das Land am Horn von Afrika geradezu vorbildlich bei der Besetzung politischer Ämter auf geschlechterspezifische Gleichberechtigung zu achten.

Nicht nur besetzte der Vorsitzende der regierenden Parteienkoalition Revolutionäre Demokratische Front der Äthiopischen Völker (EPRDF) sein Kabinett paritätisch mit Frauen. Auch hat sein weibliches Führungspersonal durchaus wichtige Ämter inne: etwa das Friedensministerium, dem die föderale Polizei und die Geheimdienste unterstehen, das Verteidigungsministerium und das Ministerium für Handel und Industrie sind fest in Frauenhand. Mit Sahle-Work Zewde bekleidet zudem eine politisch überaus erfahrene Frau das Amt der Staatspräsidentin. Die 69-Jährige war bereits Vertreterin der Afrikanischen Union und als Botschafterin in Frankreich, Dschibuti sowie im Senegal tätig. Auf dem Kurznachrichtendienst Twitter schreibt der Stabschef des Premiers: “In einer patriarchalen Gesellschaft wie der unsrigen ist die Ernennung einer Frau zum Staatschef nicht nur zukunftsweisend, sondern etabliert auch Frauen als Entscheidungsträger in der Öffentlichkeit”.  Die äthiopische Regierung setzt damit ein Zeichen und erkennt Frauen als wichtige Player in Wirtschaft, Gesellschaft und Politik an. Ein Phänomen, das gerade nicht nur in Äthiopien für Aufsehen sorgt. In mehreren afrikanischen Staaten drängt derzeit eine neue Generation von Politikerinnen in Regierungs- und Staatsämter, der Süddeutschen Zeitung war diese Entwicklung Anfang Februar der Titel „Neue Spitzenkräfte“ wert.

Die äthiopische Regierung setzt ein Zeichen und erkennt Frauen als wichtige Player in Wirtschaft, Gesellschaft und Politik an.

Ein Abbild der äthiopischen Gesellschaft? Leider (noch) nicht ganz. Denn das weltweite Netz spuckt auch sehr ernüchternde Berichte über die Rolle der Frau in einer männergeprägten Gesellschaft aus. Etwa das Ergebnis einer Studie der Regierung Äthiopiens, wonach rund 35 Prozent der verheirateten Frauen im ganzen Land von sexueller, emotionaler oder körperlicher Gewalt seitens ihrer Ehemänner berichten – eine Behandlung, die sie meist sogar als „normal“ empfinden.

Doch es regt sich Aufbruchsstimmung im Land am Horn von Afrika. Immer mehr Aktivistinnen, meist junge, gut ausgebildete Frauen, setzen sich für ihre Rechte in der Gesellschaft ein. So gibt es beispielsweise die Universitätsgruppe „Yellow Movement“, die mit Vorträgen und Informationsveranstaltungen auf dem Campus der Universität von Addis Abeba für das Thema sexuelle Gewalt sensibilisiert und Spenden sammelt. Die feministische Bewegung „Setaweet“ (zu Deutsch: Von der Frau) verteilt Bücher, in denen die Emanzipation von Frauen anhand von Karikaturen erklärt wird. Beide Organisationen hatten es anfänglich nicht leicht, entweder sie wurden nicht ernst genommen oder gar mit Missgunst gestraft. Heute erfreut sich deren Anliegen wachsender Beliebtheit.

Teilnehmerinnen während eines Kurses zum Thema Mikrokredite in
Studentinnen und Studenten des ATTCs arbeiten auf Augenhöhe zusammen

Die Stiftung fördert die Rolle der Frau beispielsweise durch die Vergabe von Mikrokrediten oder Möglichkeiten, sich weiterzubilden. Vor Gewährung eines Mikrokredits, nehmen die Frauen an einem Training teil, bei dem sie etwa Grundzüge der Buchhaltung lernen (links). Am Agro Technical and Technology College (ATTC) in Harar lassen sich Mädchen wie Jungs in technischen Berufen wie Elektrik und Elektrotechnik oder Automobiltechnik ausbilden.

Augenfällig ist die Stadt-Land-Diskrepanz in der Diskussion um Gleichberechtigung. Laut der gelben Bewegung müssten Studentinnen vom Land aufgeklärt werden, denn dort herrsche immer noch die Überzeugung, Frauen seien Menschen zweiter Klasse. Literatur zum Thema Gleichberechtigung gibt es zumeist in Englisch – eine Sprache, die im ländlichen Äthiopien nicht üblich ist. Zumal gerade auf dem Land viele überhaupt nicht lesen und schreiben können. An dieser Stelle kommen Bildungsangebote – etwa die von Menschen für Menschen – ins Spiel. Wir bauen Schulen, damit Kinder unter menschenwürdigen Bedingungen lernen können, bieten Alphabetisierungskurse für Erwachsene oder praktische Handwerkskurse für Frauen. Mithilfe von Mikrokrediten können sich Frauen etwa einen kleinen Laden finanzieren und ein eigenes Einkommen erwirtschaften. All diese Maßnahmen zielen darauf ab, die Rolle der Frauen und jungen Mädchen im ländlichen Äthiopien zu festigen. Sie stärken das Selbstbewusstsein und machen sie finanziell unabhängig.

 

Töpferkurs in Projektgebiet Wogdi: Teilnehmerin Fatuma Wale lernt von Ausbilderin Endadele Azene (rechts) wie man richtig töpfert
Fatuma Abdi, die Leiterin einer Mikrokredit-Kooperative im Projektgebiet Babile, bei einem Vortrag.
Schweiserin aus unserem Projektgebiet Borena |Foto: ©Roland Rasemann
Dank der Mikrokreditgruppe Andenet ist Bizuwork Gulilat nun stolze Besitzerin eines kleinen Pubs in dem sie selbstgebrautes Bier verkauft.

Mit einer Vielzahl an Maßnahmen fördert die Stiftung speziell Frauen. So bietet die Stiftung Handwerkskurse (oben links) an, Frauen werden in technischen Berufen (unten links) ausgebildet oder können Mikrokredite aufnehmen (oben rechts), dank derer sie sich eine eigene Existenz (unten rechts) aufbauen.

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