Mit Talent gegen AIDS
Abgeschlossenes Projektgebiet Borecha (2007 – 2017)
Die Klugheit eines Menschen hängt nicht nur von den Schulen ab, die er besucht hat. Regatu Abdu hat nie lesen und schreiben gelernt. Und doch steht sie immer wieder vor Versammlungen und spricht. Meist treffen sich die Menschen aus der Nachbarschaft unter einem freistehenden Baum. Dann schließt Regatu Abdu die Augen und beginnt zu rezitieren.
„Aids behandelt niemanden besser oder schlechter“, sagt sie mit ausdrucksstarker Stimme. „Die Krankheit macht keine Unterschiede zwischen Jung und Alt, zwischen Dick und Dünn, zwischen Arm und Reich.“ Zwölf Minuten spricht sie frei und ohne Manuskript in rhythmischen Versen über die Gefahren der Krankheit und wie sich die Menschen davor schützen können.
Heirat mit zwölf Jahren
Das lange Gedicht hat sie selbst geschmiedet. „Ich lasse mir die Verse während der Hausarbeit einfallen und memoriere sie immer wieder, bis das ganze Gedicht fertig ist.“ Eine erstaunliche Fertigkeit. Ob sie wohl eine besondere Merktechnik hat? Regatu Abdu zuckt mit den Schultern und sagt: „Ich habe wohl einfach Talent dafür.“
Die 38-Jährige ist Mitglied im „Anti-Aids-Club“ in Togogetama, einem Dorf mit 450 weit verstreuten Bauernhöfen im Projektgebiet Borecha. In dem Club, der von Menschen für Menschen initiiert wurde, üben neun Frauen und vier Männer Gedichte und Spielszenen ein und bringen sie in den Nachbarschaften zur Aufführung. Ein großer Verdienst des Clubs liegt darin, auch auf die gesundheitlichen Gefahren von schädlichen Traditionen hinzuweisen.
Auch Verseschmiedin Regatu Abdu hat drei Töchter zwischen acht und 16 Jahren. Im Dorf hat die Äthiopienhilfe eine Schule gebaut. Dies hat auch den wichtigen Nebeneffekt, dass mehr Mädchen einen Schulabschluss machen können. „Ich bin frustriert darüber, nicht lesen zu können. Aber meine Töchter besuchen die Schule: Sie sollen einmal einen guten Beruf ergreifen können“, sagt Regatu Abdu.
Doch zu helfen ist gar nicht so einfach: Die Menschen sind skeptisch. Auch Tashome hatte schon vor knapp zwei Jahren die Chance erhalten, an landwirtschaftlichen Trainings teilzunehmen und verbessertes Saatgut zu erhalten. „Doch wie viele andere Bauern war ich misstrauisch“, gibt Tashome zu. „Wir fragten uns: Warum wollen uns die Fremden helfen? Haben sie eine geheime Absicht?“