"Diesmal will ich alles richtig machen"
Abgeschlossenes Projektgebiet Legehida (2014 - 2023)
Es fällt Kaulet Kassie nicht leicht, über Jemalu zu sprechen, ihren ersten Sohn. Sie war erst 17, als sie den Jungen zur Welt brachte – ein gesundes Baby, so sah es jedenfalls zunächst aus. „Er kam ein paar Wochen zu früh, aber sonst schien alles in Ordnung mit ihm“, erzählt sie. Acht Tage später war nichts mehr in Ordnung. „Jemalu wollte meine Brust nicht mehr“, sagt Kaulet. Erst schrie der Junge. Dann wurde er immer stiller. Zwei Wochen nach seinem Geburtstag starb Jemalu in den Armen seiner verzweifelten Mutter. Fünf Jahre ist das jetzt her.
Kaulet, mittlerweile 22 Jahre alt, ist wieder schwanger. „Im vierten Monat“, sagt sie, lächelt und streichelt den runden Bauch unter ihrem Gewand. Wie viele Frauen aus der Projektregion Legehida ist sie an diesem Samstag in das Dorf Sedere gekommen, um an einem Training teilzunehmen, das Menschen für Menschen gemeinsam mit der Gesundheitsbehörde Schwangeren und Müttern von Neugeborenen anbietet. Kaulet ist einen halben Tag marschiert, um aus ihrem Heimatdorf nach Sedere zu kommen. Sie ist gespannt, was sie hier in den nächsten Tagen erwartet. „Diesmal will ich alles richtig machen“, erklärt sie.
Lebenswichtiges Wissen
Wenig später sitzt Kaulet mit rund 250 weiteren Frauen Schulter an Schulter auf dem mit Heu bedeckten Lehmboden des Gemeindehauses. In weiße und bunte Gewänder gehüllt, lauschen sie gebannt den Vorträgen der Frauen und Männer auf dem Podium. Den Anfang macht an diesem Vormittag Kidist Birehanu. Die 27-jährige Sozialarbeiterin von Menschen für Menschenspannt ein quadratisches weißes Tuch vor ihrem Körper, faltet es diagonal und legt das Dreieckstuch einer Puppe mit wenigen Handgriffen als Windel an. Die Frauen greifen ebenfalls zu Tüchern und machen es ihr nach. „Wenn Kinder keine Windeln tragen, können sich Krankheiten viel leichter im Dorf verbreiten“, warnt Kidist die Frauen.
Risiken früh vermeiden
Kaulet Kassie hat einen Platz am Rand ergattert und hört aufmerksam zu. Manches, was die Frauen und Männer auf dem Podium berichten, weckt Erinnerungen in ihr. Auch sie musste schuften, selbst als sie mit Jemalu bereits hochschwanger war. Saat ausbringen, Unkraut jäten: Ständig habe sie sich bücken müssen. „Wenn ich gewusst hätte, wie gefährlich das ist, hätte ich mich gegen diese Arbeiten gesträubt“, sagt sie. Auch ihre Ernährung sei nicht so gewesen, wie im Training geraten. Nur Fladenbrot und Bohnenpaste seien damals auf dem Speiseplan gewesen.
Als Energielieferant ist die traditionelle äthiopische Bauernmahlzeit tauglich, doch ihr fehlen wertvolle Nährstoffe. „Obst und Gemüse habe ich kaum gegessen“, erinnert sich die 22-Jährige. „Natürlich kann niemand mit Gewissheit sagen, woran der kleine Jemalu damals starb“, sagt Dr. Asnake Worku. Der Mediziner ist Direktor für Koordination und Entwicklung bei Menschen für Menschen in Addis Abeba und hat schon viele traurige Geschichten wie die von Kaulet Kassie und Jemalu gehört. Sicher sei aber, dass große körperliche Anstrengung bei gleichzeitiger Mangelernährung im Verlauf der Schwangerschaft das Kind schon im Mutterleib gefährdet. „Diese Babys kommen mit zu geringem Gewicht auf die Welt und sind einem hohen Risiko von Infektionen ausgesetzt“, weiß Dr. Asnake Worku.
Unterstützung der Familie