Die Zukunft bauen
Wer Buzuna Tasisas schmächtige Statur sieht, würde kaum denken, dass der 26-Jährige Maurer gelernt hat. Doch auf der Baustelle der neuen Schule, die Menschen für Menschen in der Gemeinde Kemeso Arere im Projektgebiet Dano errichtet, ist er in seinem Element: Zusammen mit etwa 20 jungen Frauen und Männern schippt er Sand in Eimer und schleppt Tragbahren voller Kiesel zu einem röhrenden Betonmischer. „Wir brauchen noch Wasser“, ruft er gegen das Rattern der Maschine an. Zwei Männer eilen mit Kanistern herbei.
Dabei arbeitet er eng mit dem Bauleiter der lokalen Firma zusammen, die von Menschen für Menschen mit dem Schulneubau beauftragt wurde. „Noch liegt einiges vor uns. Ist das Fundament fertig, fangen wir an, die Außenwände zu mauern“, erläutert Buzuna. „Dass die Schüler dann endlich in einer besseren Schule lernen, motiviert mich jeden Morgen.“ Nur wenige Schritte entfernt hocken die Grundschülerinnen und -schüler dicht gedrängt in windschiefen Lehmhütten. Bei schlechtem Wetter regnet es in die Klassenräume. Durch die zu kleinen Fenster dringt kaum Licht.
Unsicheres Leben
Um junge Menschen wie Buzuna aus dem Kreislauf der Unsicherheit zu befreien, organisiert Menschen für Menschen in den Projektgebieten praktische Handwerkskurse und Berufstrainings. In Imkerseminaren lernen Teilnehmer, wie sich mit Bienenvölkern Honig und Wachs gewinnen und verkaufen lassen. Andere lernen, kunstvolle Vasen und Schüsseln zu töpfern oder Teppiche zu weben. Oftmals lädt die Äthiopienhilfe erfahrene Praktiker als Trainer ein – aus Addis Abeba oder wie im Fall des Maurer-Kurses direkt aus Seyo. „Unser Trainer war ein erfolgreicher Bauunternehmer aus der Stadt“, erzählt Buzuna. „Was ich von ihm gelernt habe, kann mir keiner nehmen. Ich bin sicher, dass ich in Zukunft von meiner Arbeit leben kann.“
Ziel Selbstständigkeit
Einer, der den Schritt in die Selbständigkeit schon gewagt hat, ist der 31-jährige Berhanu Teshome, der mit Buzuna den Maurer-Kurs absolvierte. Mit hellgrauem Muskelshirt und Schlapphut steht er auf einer wackeligen Holzleiter, klatscht mit seiner Maurerkelle grauen Putz an die Wand vor sich und streicht ihn glatt. Seit einigen Monaten saniert Berhanu ein Privathaus im Stadtkern Seyos. Außerdem hat er eine hohe Betonmauer um den Hinterhof des Hauses errichtet.
"Meine Arbeit ist mein Aushängeschild"
Werbung für sein Ein-Mann-Unternehmen braucht er nicht. „Das beste Aushängeschild ist meine geleistete Arbeit“, sagt er. Mauer für Mauer, Haus für Haus, Auftrag für Auftrag möchte er sich in den nächsten Jahren als Maurer einen Namen machen. Langfristig träumt er davon, sein eigenes Bauunternehmen zu leiten und beispielsweise Aufträge von Menschen für Menschen, wie einen Schulneubau, umzusetzen. Bis es soweit ist, freut er sich, dass er für seine Frau und seinen knapp einjährigen Sohn sorgen und ihnen sogar ab und an ein Geschenk mit nach Hause bringen kann. „Das wäre früher undenkbar gewesen.“