Werkstätten der Zukunft
Man möchte Mitleid mit den Mädchen haben, die so beengt leben müssen, doch die beiden plaudern und lachen, als sie wenig später – in blauen Overalls – die Tür öffnen, auf die staubige Straße treten und sich zu ihrer Schule aufmachen. Seit einem Jahr absolvieren Yordanos und Awet eine Schlosserausbildung im Zentrum für „Technical and Vocational Education and Training“ (TVET), einer handwerklich-technischen Berufsschule in der nordäthiopischen Kleinstadt Adi Gudom.
Drei Jahre noch, dann haben sie ihren Abschluss in der Tasche. Für die Töchter armer Kleinbauern ginge damit ein Traum in Erfüllung. „Von der Familie getrennt zu leben, ist nicht leicht für uns“, sagt Yordanos. „Aber das nehmen wir auf uns, denn diese Ausbildung kann unser Leben verändern!“
Das TVET schließt eine Lücke, die Nachfrage ist groß
“Derzeit haben wir hier 351 Lehrlinge, künftig sollen es aber bis zu 500 sein”, sagt Biniam Welegebrial, 34, der Direktor der Schule. Die Nachfrage ist groß: Bisher gab es in dieser Gegend nur in Mekele, der Hauptstadt der Region Tigray, eine vergleichbare Ausbildungsstätte. “Mekele ist aber 30 Kilometer entfernt, die tägliche Busfahrt oder die Unterkünfte dort kann sich kaum jemand leisten”, so Biniam. Und selbst wenn: Die Schule in Mekele hat nicht Platz für alle jungen Leute in der Region, die eine Ausbildung machen wollen. Die Folge: Viele bleiben ohne berufliche Perspektive. Allein im Jahr 2015 hätten, so Rektor Biniam, in der Gemeinde Hentalo Wajerat, zu der Adi Gudom gehört, rund 3.000 Schülerinnen und Schüler die Klassenstufe 10 absolviert.
Die Frauen behaupten sich selbstbewusst
Ein Vorbild fand Yordanos am TVET in Adi Gudom: Lemlem Gebre-Tinsa, 23 Jahre alt, ist gelernte Schlosserin. Als weibliche Ausbilderin in einem “Männerberuf” ist sie eine Seltenheit, nicht nur in Adi Gudom. “Am Anfang waren die männlichen Schüler ein wenig skeptisch”, erzählt Lemlem und schmunzelt. “Aber solche Zweifel kenne ich ja schon lange. Auch meine Eltern dachten mal, ich würde mit der Ausbildung nur meine Zeit und ihr Geld verschwenden.” Sich gegen die Widerstände der patriarchalen Gesellschaft durchzusetzen, sei nicht einfach. “Aber wenn wir für unsere Träume kämpfen und gute Arbeit leisten, werden wir akzeptiert”, ist Lemlem überzeugt. In der Schlosserwerkstatt von Adi Gudom wundert sich jedenfalls niemand mehr über die zierliche Lehrerin an den schweren Maschinen.
Berufliche Perspektiven für junge Menschen zu schaffen, ist ein entscheidender Baustein für ein zukunftsfähiges Äthiopien. Denn das Land erlebt derzeit vor allem in Städten, wo der wirtschaftliche Aufschwung spürbar ist, einen tiefgreifenden demografischen Wandel. Auch eine bessere medizinische Versorgung und mehr Bildung haben dazu beigetragen, dass die Geburtenrate im Land in den vergangenen 25 Jahren drastisch gesunken ist. Bekam eine Frau 1990 im Durchschnitt mehr als sieben Kinder, sind es 2014 nur noch etwa vier. Bis 2030 könnte die Zahl gar auf 2,6 Kinder pro Frau fallen. Die Folge ist eine Gesellschaft, deren Altersstruktur Chancen wie Risiken birgt. Ein großer Bevölkerungsanteil im arbeitsfähigen Alter, der nur wenige Kinder und Rentner mitversorgen muss, kann zum Wachstumsmotor einer ganzen Volkswirtschaft werden. Gelingt es jedoch nicht, diesen jungen Menschen Perspektiven zu bieten, locken Kriminalität und Drogen, drohen Radikalisierung und eine verschärfte Landflucht. Ein kollektives Scheitern einer solchen Menge junger Menschen könnte das ganze Land destabilisieren.
Äthiopien muss in die junge Generation investieren
Yordanos Tirumay und Awet Hagezom, die beiden angehenden Schlosserinnen aus Adi Gudom, wollen sich ebenfalls eines Tages selbstständig machen. „Wir wollen Türen, Tore und Fenstergitter fertigen“, sagt Yordanos. Was es auf dem Markt gibt, sei oft ziemlich fantasielos, findet sie. „Unsere Produkte wären von höherer Qualität und sähen viel besser aus.“ Bis Yordanos und Awet ihre kleine Firma haben, werden noch ein paar Jahre vergehen. „Aber wir legen schon jetzt jeden Monat etwas für unseren Plan zurück.“