Interview mit Vorstand Dr. Sebastian Brandis

„Die Arbeit der Stiftung begeistert mich schon seit langem“

Mit Tatendrang in ein Herzensprojekt: Lesen Sie in unserem Interview mit Vorstandsmitglied Dr. Sebastian Brandis, was den 50-Jährigen bewegt hat, sich für die Stelle zu bewerben, erfahren Sie mehr über seine Vision und welchen Herausforderungen sich die Stiftung Menschen für Menschen zukünftig zu stellen hat.


Herr Dr. Brandis, Sie sind seit dem 9. Dezember 2016 im Vorstand von Menschen für Menschen. Wie blicken Sie selbst auf Ihren Start bei der Stiftung zurück?

Es war ein toller Start. Ich fühle mich sehr willkommen und wurde von meinen Vorstandskollegen und Mitarbeitern sehr schnell mit der Organisation vertraut gemacht. Das ist ja nicht ganz selbstverständlich. Als neuer „Chef“ ist man nicht automatisch beliebt. Man kommt von außen, will vielleicht Dinge verändern. Da kann es schon passieren, dass Mitarbeiter einem gegenüber zunächst mal skeptisch sind. Aber davon spüre ich hier nichts – ganz im Gegenteil. Ich nehme eine Bereitschaft wahr, Ideen zu entwickeln und Neues zu wagen. Darüber freue ich mich sehr.

Sie waren erst Unternehmensberater und dann Manager in der Telekommunikationsbranche. Wie groß ist da der Schritt in die Entwicklungszusammenarbeit?

Dieser Schritt mag Außenstehende auf den ersten Blick überraschen, deshalb will ich ein wenig ausholen. Zum einen haben mich soziale Themen schon seit meiner Jugend beschäftigt. Mit 16 Jahren habe ich mich Amnesty International angeschlossen und war noch jahrelang Mitglied. Nach meinem Studium der Physik und der Philosophie zog es mich aber zunächst in die Wirtschaft. Ich wollte in Unternehmen lernen, wie man Veränderungen herbeiführt. Deshalb habe ich bei einer Unternehmensberatung angefangen. Nach einigen Jahren reichte es mir aber nicht mehr, immer nur anderen gute Ratschläge zu erteilen. Ich wollte wissen, wie das ist, wenn man selbst die Verantwortung trägt – für ein Unternehmen, für Mitarbeiter, für ein Produkt. Also habe ich die Seiten gewechselt und konnte viele Bereiche in einem internationalen Großkonzern durchlaufen. Da aber die Gestaltungsfreiheit selbst als Geschäftsführer der deutschen Tochter begrenzt war, habe ich schließlich bei einem mittelständischen Unternehmen eines Bekannten die operative Leitung übernommen, um mehr Freiheiten zu haben. Als es dann zum Verkauf dieses Unternehmens an einen Großkonzern kam, war das für mich der Zeitpunkt auszusteigen und in etwas ganz anderes einzutauchen – mit noch mehr und nicht weniger Gestaltungsfreiheit. Soziale Themen interessierten mich nach wie vor, also gründete ich eine Flüchtlingsinitiative in München und übernahm die Leitung des Vereins eines Jugendorchesters. Wenig später fragte Menschen für Menschen mich, ob ich nicht Lust hätte, mich ein wenig ehrenamtlich für die Stiftung zu engagieren. Es ging um Businesspläne und Prozessthemen. So lernte ich die Stiftung kennen und war schnell sehr begeistert von den Menschen und ihrer Arbeit. Als dann das Angebot folgte, im Vorstand einzusteigen, wusste ich gleich: Das ist das Richtige für mich.

Gibt es Gemeinsamkeiten zwischen Ihren Aufgaben als Manager in der Wirtschaft und als Vorstand einer Stiftung?

Sehr viele sogar. Ob Unternehmen oder Stiftung, zunächst mal geht es ja darum, ein paar grundsätzliche Fragen zu beantworten. Was wollen wir erreichen? Wer übernimmt welche Aufgabe? Wer trägt welche Verantwortung? Hier muss man gemeinsam mit dem Team eine Vision entwickeln. Umgekehrt ähneln sich auch viele Probleme. Oft gibt es Schwierigkeiten in der Kommunikation oder im Zwischenmenschlichen. In dieser Hinsicht unterscheiden sich Organisationen kaum voneinander. Deshalb habe ich zu Beginn meiner Tätigkeit hier mit jedem einzelnen Mitarbeiter gesprochen. Wer seine Mitarbeiter nicht kennt, kann seine Organisation nicht gut führen.

Unternehmen wollen Profit erwirtschaften, eine Stiftung hat ganz andere Ziele.

Das ist zwar richtig, aber in vielen Punkten gibt es eben auch hier Überschneidungen. Unternehmen wie Stiftungen sind Institutionen, die für ein Leistungsversprechen stehen. Das, was die Stiftung anbietet, kann man nicht im Laden kaufen und mit nach Hause nehmen: Es ist das Versprechen, Menschen in Äthiopien nachhaltig zu helfen und die Welt so ein bisschen besser zu machen. Damit das glaubwürdig ist, braucht es Qualität, Transparenz und gute Kommunikation, ganz ähnlich wie bei einem Unternehmen, wenn auch mit anderen Inhalten. Ich glaube überhaupt, dass Wirtschaft, NGOs und öffentliche Organisationen im Bereich Entwicklungszusammenarbeit viel mehr voneinander lernen könnten. Bisher gibt es auf allen Seiten so eine gewisse Skepsis gegenüber den jeweils anderen. Ich glaube, das lähmt die Arbeit an der Sache. Vertrauen und wechselseitiges Lernen könnten zu viel besseren Ergebnissen führen. Mich fasziniert in diesem Bereich die Organisation „Ashoka“, die Initiativen aus dem sozialen Bereich mit Wirtschaftsunternehmen und Wissenschaftsinstitutionen vernetzt. Das weckt ungeahnte Potenziale auf allen Seiten.

Was könnte so ein Lernprozess für die Stiftung Menschen für Menschen bedeuten?

Beim Thema Fundraising zum Beispiel gibt es ständigen Entwicklungsbedarf. Die Basis der Stiftung besteht nach wie vor aus vielen treuen Einzelspendern. Und es wäre schön, wenn das auch so bliebe. Zugleich muss man sich aber auch nach anderen Finanzierungswegen umsehen. Der Bereich der Kooperationen mit Unternehmen birgt hier sicherlich noch einiges an Möglichkeiten. Die sollten wir nutzen, denn die Aufgabe vor der Menschen für Menschen steht, ist komplex. Bis 2014 war die Stiftung gewissermaßen auf Karlheinz Böhm ausgerichtet, den Gründer und Sinnstifter. Wenn eine so charismatische Führungsperson wegfällt, kann ein Vakuum entstehen, das erst wieder gefüllt werden muss. Das ist die große Aufgabe, aber für mich auch das Spannende an dieser Situation. Ich bin sicher, dass die Stiftung diesen Schritt leisten kann, weil die Arbeit so solide und nachhaltig ist und auf so viel Erfahrung zurückgreifen kann.

Interview mit Vorstand Dr. Sebastian Brandis

„Die Arbeit der Stiftung Menschen für Menschen mit ihrem integrierten Ansatz begeistert mich schon seit langem, auch weil der Erfolg der Projekte nachweisbar nachhaltig ist.“

Wie könnte so eine Vision denn aussehen?

Das lässt sich nicht in einigen Sätzen beantworten, aber ich glaube, dass wir den Kern dessen, was uns auszeichnet, noch stärker betonen müssen. In meinen Augen ist der Kern, dass wir eine Art – wie man heute sagt – „Community“ gebildet haben, mit Menschen aus Europa und Menschen aus Äthiopien. Wir, die Stiftung, sind das Scharnier zwischen ihnen. Über die Jahrzehnte haben wir so eine faszinierende, modern gesprochen, „Networking-Plattform“ geschaffen. Den Grundstein dafür hat Karlheinz Böhm selbst gelegt. Als er das erste Mal nach Äthiopien flog, war für ihn Entwicklungszusammenarbeit auch etwas vollkommen Neues. Also ging er zu den Menschen, stellte Fragen und hörte ihnen zu. In der Folge waren die Menschen vor Ort nie nur Hilfsempfänger, sondern stets fester Bestandteil der Projekte. Böhm holte die Menschen von Anfang an mit ins Boot. Dieser Ansatz gilt bis heute, aber Äthiopien hat sich verändert. Auf der Liste der ärmsten Länder der Welt ist das Land von Platz zwei auf Platz 18 aufgestiegen und befindet sich jetzt gewissermaßen in einer Übergangsphase: weg von einem Land, in dem die große Mehrheit von Subsistenzwirtschaft lebt, hin zu einem Land, in dem gewerbliche Strukturen anfangen, möglich zu werden. Diesen Übergang wollen wir begleiten, um ihn nach Kräften so zu gestalten, dass auch kleine Bauern oder Handwerker von der Entwicklung profitieren. Wenn das gelingt, ergeben sich enorme Chancen für das ganze Land. Unsere Arbeit muss sich diesen Veränderungen anpassen.

Nicht nur die Situation in Äthiopien hat sich verändert, auch die weltpolitische Lage ist eine andere. Seit fast zwei Jahren beherrscht die sogenannte Flüchtlingskrise die Schlagzeilen. Wie schwierig ist es in dieser Situation, auf die Notwendigkeit von Hilfe für Äthiopien aufmerksam zu machen?

Das ist die nächste Herausforderung. In den mehr als 35 Jahren, in denen die Stiftung vor Ort aktiv ist, hat das Land sich ja gewaltig verändert. Und man sieht mit Genugtuung, dass die Stiftung ihren Teil dazu beigetragen hat, die Lage zu verbessern. Doch noch immer werden rund zehn Prozent der Äthiopier regelmäßig mit Nothilfe versorgt, weil ihre Felder, meist wegen Dürren, nicht genug hergeben. Und wenn man sich die Folgen des Klimawandels ansieht, ist klar: Diese Situation wird sich nicht so einfach lösen lassen. Hinzu kommen viele weitere komplexe Probleme: Es fehlt noch immer an Schulbildung und Frauenförderung, an technischen Kenntnissen und medizinischer Versorgung, um nur einige Bereiche zu nennen. Deshalb ist es wichtig, dem Land weiterhin Wege in Richtung zu mehr Wohlstand und Stabilität zu weisen. Denn ein Land, in dem die Menschen die Möglichkeit haben, sich eine Zukunft aufzubauen, ist ein Land, aus dem sie nicht fliehen müssen.

Wie vermittelt man das den Spenderinnen und Spendern in dieser Situation?

Nun, zum einen haben viele unserer Spenderinnen und Spender das längst verstanden. Das lässt sich nicht zuletzt an unserem Spendenvolumen ablesen, das im vergangenen Jahr sogar um zehn Prozent gestiegen ist. Daran sieht man, dass das Community-Building funktioniert hat. Unsere Spenderinnen und Spender in Deutschland haben ein Verständnis für die Situation in Äthiopien entwickelt und wollen einen Beitrag dazu leisten, das Land weiter zu stabilisieren.

Interview mit Vorstand Dr. Sebastian Brandis

„Ich freue mich ausgesprochen, diese Arbeit als Vorstand weiter entwickeln und ausbauen zu dürfen.“

Wie sieht eine solche nachhaltige Arbeit aus?

In meinen Augen ist der Ansatz von Menschen für Menschen hier beispielgebend: Wenn wir in eine Projektregion gehen, dann sehen wir uns zunächst die Situation als Ganzes an. Mit welchen Problemen haben die Menschen zu kämpfen? Welche Impulse müssen wir geben, um ihre Situation zu ändern? Brunnen und Schulen zu bauen, ist wichtig, reicht aber allein nicht aus. Es braucht auch Straßen und Infrastruktur, Gesundheitsstationen und Impfkampagnen, Wissen um neue Anbaumethoden und landwirtschaftliche Kooperativen. Wenn man all diese Dinge gleichzeitig angeht, befruchten und stabilisieren sie sich gegenseitig: Erst das Gelernte über Hygiene schafft das Bewusstsein, wie wichtig nicht nur die Nutzung, sondern auch die Erhaltung von sauberen Wasserstellen ist. Neue, transferierte Anbaumethoden, z.B. mit neuen Früchten und Getreidesorten, lassen erst die Landwirtschaft diversifizieren und damit langfristig stabilisieren. Diese Erfahrung hat Menschen für Menschen in mehr als 35 Jahren in Äthiopien gemacht. Dieser Ansatz entspricht auch meinem Begriff von Nachhaltigkeit.

Was sagt eigentlich Ihre Familie zu Ihrem neuen Job?

Die findet das wunderbar, weil ich jetzt weniger geschäftlich unterwegs bin und in der Regel sowohl morgens beim Frühstück, als auch abends zu Hause sein kann. Das war früher oft anders, über fünf Jahre etwa war ich überwiegend in Frankfurt und meine Familie in München. Das war nicht immer einfach, für meine Frau nicht, für unsere vier Kinder – sie sind jetzt zwischen 14 und 21 – nicht, und für mich natürlich auch nicht. Hinzu kommt, dass meine Frau sich auch für das Thema Entwicklungszusammenarbeit interessiert und so ist durch meine neue Aufgabe plötzlich eine Schnittmenge mehr zwischen uns entstanden, die so vorher gar nicht da war. All das bewirkt, dass sich diese Veränderung für mich nach einer Art Ankommen anfühlt – beruflich wie privat.

Wie geht es denn mit Ihrer Flüchtlingsinitiative weiter?

Die läuft weiter, wir sind ja zu mehreren, auch wenn ich selbst mich nur noch am Wochenende engagieren kann. Wir haben einen Verein gegründet, Insomi e.V., und zählen mittlerweile rund 100 aktive Ehrenamtliche und Geflüchtete. Unser Ziel ist es einerseits integrative Wohnkonzepte für Geflüchtete zu schaffen, und andererseits Geflüchtete mit so genannten Mentoren zusammenzubringen, die ihnen bei der Integration in Deutschland helfen. Die Frage, wie Menschen aus anderen Kulturen bei uns eine neue Heimat finden können, wird dieses Land noch über viele Jahre beschäftigen. Ich denke, hier ist jeder aufgerufen, sich zu engagieren, denn am Ende geht es ja um die Frage: Wie werden wir in Zukunft als Gesellschaft zusammenleben?

Sie sind als neuer Vorstand auch schon nach Äthiopien gereist, um sich ein Bild von Projekten vor Ort zu machen. Wie haben Sie Land und Leute erlebt?

Ich war zunächst einmal überwältigt von seiner Schönheit. Das Land ist unglaublich vielfältig. Ich war am Mount Kundudu in Ostäthiopien, wo wir ein großes Aufforstungsprojekt durchführen. Es ist faszinierend zu sehen, wie sich eine ganze Landschaft verändert, wenn auf den Hängen wieder Bäume wachsen: Die Erosion lässt nach, der Grundwasserspiegel steigt an, die Felder geben wieder mehr Getreide her. Ganz in der Nähe, in der Stadt Harar, habe ich das ATTC besucht. An dem von der Stiftung betriebenen College lernen junge Leute technische und landwirtschaftliche Berufe. Station Nummer drei war das Projektgebiet Dano, westlich von Addis Abeba. In dieser sehr fruchtbaren Region unterstützen wir Landwirte dabei, sich zu Produktions- und Vertriebsgenossenschaften zusammenzutun. Gemeinsam können sie ihre Produkte viel besser vermarkten. Diese Ansätze haben mich sehr überzeugt.

Die Vorstände Dr. Sebastian Brandis und Peter Renner besuchen mit dem Direktor Projektimplementierung Yilma Taye (r.) und Projektmanager Gebeyehu Seyoum das Aufforstungsprojekt am Mount Kundudu.

Die Vorstände Dr. Sebastian Brandis und Peter Renner besuchen mit dem Direktor Projektimplementierung Yilma Taye (r.) und Projektmanager Gebeyehu Seyoum das Aufforstungsprojekt am Mount Kundudu.

Zur Person: Dr. Sebastian Brandis

Zur Person

Dr. Sebastian Brandis war von 2010 bis 2016 Geschäftsführer bei der e-shelter facility services GmbH, die Rechenzentren in Deutschland, Österreich und der Schweiz entwickelt und betreibt. Davor war er in leitender Funktion bei der British Telecommunications Group Germany tätig. Weitere Stationen waren VIAG Interkom und Booz Allen Hamilton Inc. Zudem wirkt er als privater Investor und Gründer sozialer und kultureller Initiativen in München.

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