Development Agent Mulu Mergia unterstützt den Modellfarmer Tesfaye Dhaba beim Anbau ner Nutzpflanzen.

Pioniere auf dem Feld

Um Bauern und Landwirtschaft in Äthiopien zu stärken, arbeitet Menschen für Menschen eng mit Familien in ländlichen Regionen zusammen. Mitarbeiter der Stiftung unterstützen sie dabei, neue Anbaumethoden zu testen, die eine reichere Ernte versprechen und helfen ihnen, Haus und Hof neu zu organisieren.

Die Sonne steht schon tief, als Mulu Mergia das Grundstück von Bekana Sirna erreicht. „Bekana, ich bin es“, ruft sie, öffnet das klapprige Gatter zu seinem Garten und krault den kleinen Hund, der ihr halb freudig, halb müde entgegenspringt. Vier Kleinbauern hat Mulu heute schon besucht, hat Getreide, Gemüse und Vieh begutachtet – und gemeinsam mit ihnen Zukunftspläne geschmiedet. Bekana und seine Familie sind die letzten für heute, bei Dunkelheit will sie zu Hause sein.

Hababo, die Tochter von Bekana Sirna mit ihrem Hund
Kleinbauer Bekana Sirna mit Tocher Hababo
Development Agent Mulu Mergia

Vorbild „Modellfarmer“

Mulu Mergia ist als „Development Agent“ bei Menschen für Menschen in der Projektregion Dano, rund 200 Kilometer westlich von Addis Abeba, tätig. Die Aufgabe der studierten Agrarexpertin ist es, die Erträge der Kleinbauern in der Region zu steigern. Ihre Kundschaft: 35 „Modellfarmer“. So nennt die Stiftung Landwirte, die sich besonders offen für Veränderungen zeigen – und mittelfristig anderen Bauern als Vorbilder dienen können. „Sobald unsere Modellfarmer Erfolge verzeichnen, kopieren die übrigen Bauern ihre Methoden“, weiß Mulu. „So können wir langfristig die Landwirtschaft einer ganzen Region verändern.“

Development Agent Mulu Mergia aus der Projektregion Dano

Wenig später sitzen sie auf kleinen Holzschemeln unter einem der Bäume in seinem Garten: Der Kleinbauer Bekana Sirna, die schmutzige Hose in die Gummistiefel gesteckt, und Mulu Mergia in geblümter Bluse. „Ich pflanze Mais, Sorghumhirse und Teff an“, erzählt Bekana. „Doch was ich ernte, reicht gerade so für die Familie.“ Er sagt, er würde gerne etwas mehr produzieren, um Frau und Kindern mehr Sicherheit bieten zu können. „Ich weiß aber nicht, wie ich das machen soll.“

Bekana sollte wieder Imker werden

„Du solltest Kaffee und Soja anpflanzen“, rät Mulu. „Die Preise auf dem Markt sind gut.“ „Und die Einnahmen könntest du wieder investieren – zum Beispiel in eine Bienenzucht.“ Bekana überlegt einen Moment. „Früher hatte ich mal Bienen“, erinnert er sich und zeigt auf einen verwaisten Bienenstock, der in einem Baum in seinem Garten hängt. „Aber der Ertrag war immer mager.“ Mulu sagt: „Dann zeigen wir dir, wie man einen modernen Bienenkasten baut, mit dem du viel mehr Honig produzieren kannst“. Bekana schaut zu dem alten Bienenstock hinüber. „Meinst du wirklich?“

Wirtschaften am Existenzminimum

Kaffee und Soja statt Hirse und Mais: Was nach einer einfachen Umstellung klingt, ist für viele äthiopische Kleinbauern kaum realisierbar. Zwar gelten gerade Kaffee und Soja als „Cash Crops“, also Pflanzen, deren Früchte sich zu Geld machen lassen. Doch in der Regel fehlen Bauern wie Bekana die Mittel, um in Setzlinge zu investieren. Zudem dauert es einige Jahre, bis die jungen Pflanzen gewachsen sind, und gute Erträge liefern – Jahre, in denen an dieser Stelle kein Getreide wachsen kann.

Und dann ist da noch die Angst, das Experiment mit den neuen Pflanzen könnte scheitern. In diesem Fall hätte man einen Teil der Getreideernte umsonst geopfert. „Bauern wie Bekana wirtschaften am Existenzminimum“, sagt Mulu. „Sie können sich keine Verluste leisten.“ Zudem fehle es an Know-how. „Unser Ziel ist es, gemeinsam mit ihnen das landwirtschaftliche Potenzial zu heben.“ Um das Risiko der Modellfarmer zu mindern, unterstützt Mulu sie intensiv beim Umbau ihrer Landwirtschaft. Sie schenkt ihnen Setzlinge und zeigt, wie man sie erfolgreich zieht. Dabei achtet sie darauf, dass die Bauern die neuen Pflanzen nur auf einem Teil ihres Landes setzen. Zudem verteilt sie Setzlinge mit unterschiedlichen Reifezeiten: Kaffeepflanzen oder Obstbäume tragen erst nach einigen Jahren Früchte, doch Gemüse wirft bereits nach kurzer Zeit Erträge ab. „Ich begleite die Bauern so lange, bis der nachhaltige Erfolg der Umstellung gesichert ist.“

Mulu Mergia mit Modellfarmer Bekana

Modellfarmer Bekana Sirna möchte Kaffee und Sojabohnen pflanzen und zukünftig wieder als Imker arbeiten. Development Agent Mulu Mergia gibt ihm hilfreiche Tipps.

Kleinbauern produzieren 70 Prozent der Lebensmittel

Seit der Gründung der Stiftung Menschen für Menschen im Jahr 1981 hat sich die Zahl der Menschen in Äthiopien von 36 auf 106 Millionen etwa verdreifacht. Mittlerweile sinkt zwar die Geburtenrate, doch die Bevölkerung wächst weiter – und mit ihr der Bedarf an Lebensmitteln. Schon heute leben die meisten hungernden Menschen in Afrika und Asien – und die Mehrheit von ihnen auf dem Land, dabei werden gerade dort die meisten Lebensmittel hergestellt. Nach Schätzungen der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) produzieren Kleinbauern in Afrika und Asien rund 70 Prozent der lokalen Lebensmittel. Das bedeutet auch: Sie sind der Schlüssel zur Ernährungssicherheit ihrer Länder. „Wer die wachsende Bevölkerung in Äthiopien versorgen will, muss die Kleinbauern fördern“, sagt Mulu Mergia.

Mulu Mergia erklärt Modellfarmer Tesfaye Dhaba, wie Kaffeepflanzen am besten gedeihen

Wie das gelingen kann, zeigt die Geschichte von Tesfaye Dhaba. Der Kleinbauer lebt mit seiner Frau Meseret und den gemeinsamen Töchtern Birtukan und Chaltu nur wenige Kilometer von Bekana Sirna entfernt. Bis vor etwa zwei Jahren baute Tesfaye, ähnlich wie Bekana, ausschließlich Teff und Sorghumhirse an. Auch er konnte seine Familie mehr schlecht als recht ernähren. Um zusätzlich etwas zu verdienen, half er anderen Bauern bei ihrer Ernte. Ein schlecht bezahlter Nebenjob.

Vor etwa drei Jahren traf Tesfaye zufällig bei einem Nachbarn auf Mulu Mergia. Sie hatte dem Nachbarn Kaffeesetzlinge mitgebracht und erklärte ihm, worauf man achten muss, wenn man sie pflanzt. Tesfaye fragte, ob er auch solche Setzlinge haben könne, und schon am nächsten Tag stand Mulu vor seiner Tür – mit 50 Pflänzchen. „Manche Menschen sind eher bereit, ein Risiko einzugehen“, berichtet Mulu. Als Tesfaye die Kaffeepflanzen sah, habe er sich doch ein wenig gefürchtet vor der Veränderung. „Aber ich dachte mir: Wenn sie studiert hat, wird sie schon wissen, wovon sie spricht“, sagt er. Und so machten die beiden sich an die Arbeit.

Neue Netzpflanzen für Tesfaye

Wenn Mulu Mergia heute skeptischen Bauern zeigen will, was sie mit ihrer Hilfe erreichen können, geht sie mit ihnen in Tesfayes Garten. Sie zeigt ihnen die Beete, in denen Zwiebeln, Rote Bete und Chilis sprießen, das Elefantengras, mit dem Tesfaye das Vieh füttert. Und weiter hinten die kniehohen Kaffeepflanzen – rund 700 Stück sind es mittlerweile. „In drei Jahren werfen diese Pflanzen 20 Zentner Kaffee ab“, schätzt sie. Tesfaye muss schmunzeln, wenn er an diese Besuche denkt. „Manche Bauern, die hier waren, hatten Zweifel“, erinnert er sich. Sie seien es nicht gewohnt, dass eine Frau Anweisungen gebe. „Aber wenn sie sehen, wie Mulu auf dem Feld die Hacke schwingt, folgen sie ihrem Rat.“

Fünf Kühe hatte Tesfaye, als Mulu ihn kennenlernte. Mit Unterstützung von Menschen für Menschen stockte er seine Herde auf zwölf Tiere auf: zehn Milchkühe und zwei Ochsen. Die Ochsen kauft Tesfaye, wenn sie noch jung sind, um sie später, wenn sie größer und kräftiger sind, gewinnbringend zu verkaufen. Das gut genährte Tier, das in seinem Vorgarten grast, sei bald soweit, sagt Tesfaye. Neu sind auch zwölf Bienenkästen, ganz hinten im Garten: 14 Kilo Honig produziert Tesfaye jedes Jahr. Daneben steht ein kleiner Eukalyptushain.

Modelfarmer Tesfaye Dhaba mit seiner Frau und den beiden Kindern

Modellfarmer Tesfaye Dhaba (29) lebt mit seiner Frau Meseret Wendimkun (27), und seinen beiden Töchtern Birtukan (6) und Chaltu (4) in einem kleinen Haus im Dorf Seyo Abo am Rand von Seyo.

Seblework Negash erklärt die Benutzung des Green Stoves

Sozialarbeiterin Seblework Negash berät Frauen in allen Fragen rund um Haushalt und Hauswirtschaft.Hier erklärt sie Meseret Wendimkun, wie der holzsparende Ofen funktioniert.

„Das Holz nehmen wir für den Ofen und für Reparaturen am Haus“, erzählt er. Ein neues Kornsilo aus Lehm schützt das Getreide vor Ratten und anderen Tieren. Nach einiger Zeit brachte Mulu eine Kollegin mit. Seblework Negash ist Sozialarbeiterin bei Menschen für Menschen. Sie hilft Familien wie der von Tesfaye dabei, Haus und Hof neu zu organisieren. Mit Hilfe der Stiftung ersetzten Tesfaye und seine Frau Meseret ihre windschiefe Holzhütte mit Grasdach durch ein Haus mit abgetrennter Küche und holzsparendem Herd. In einer Ecke des Gartens installierten sie eine geschlossene Latrine. „Mangelnde Hygiene ist der Grund für viele Krankheiten“, weiß Seblework. „Wenn wir die größten Gefahren wie Tiere in der Küche oder offene Latrinen bannen, können wir viel verändern.“

Sozialarbeiterin Seblework Negash berät Frauen bei allen Fragen rund um Haushalt und Hauswirtschaft

Auch bei sensiblen Themen wie Familienplanung berät die Sozialarbeiterin von Menschen für Menschen.

Kleine Dinge, große Veränderungen

Hinzu kommt die Arbeit an einer neuen Lebenseinstellung. „Das Thema Familienplanung ist extrem wichtig“, sagt Seblework. „Ich erkläre den Frauen immer wieder, dass es in ihrer Situation unverantwortlich ist, sechs oder acht Kinder zu bekommen.“ Weil das Geld für die Schulbildung fehlt, arbeitet der Nachwuchs bald schon auf den Feldern des Vaters. Zum Glück rannte sie bei Tesfayes Frau Meseret offene Türen ein: „Ich hatte selbst sieben Geschwister und weiß, wie schwer das ist.“ Sie selbst sei glücklich mit ihren beiden Töchtern und verhüte mittlerweile mit einem Implanon-Stäbchen. „Es geht nicht darum, viele Kinder zu haben“, sagt sie. „Es geht darum, dass die Kinder zur Schule gehen und sich ein Leben nach ihren Vorstellungen aufbauen.“

Möglich wird das auch durch ein kleines Solarpanel, das auf dem Wellblechdach des Hauses steht und Strom für kleine Lampen erzeugt, die die Stube auch nach Einbruch der Dunkelheit erhellen. So können die Mädchen auch abends noch ihre Hausaufgaben machen oder lesen. „Es sind oft ganz kleine Dinge, die das Leben der Menschen auf dem Land entscheidend verändern – und helfen, das Potenzial dieser Menschen und ihres Landes zu heben“, sagt Mulu Mergia.

Mardia und ihr glückliches Leben

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