Modellfarmer Lelisa ist stolz auf seine Kühe

Mein Nachbar, der Modellfarmer

Sie wohnen nur wenige Schritte voneinander entfernt – doch während Bauer Motuma bangen muss, ob er seine Familie ernähren kann, hat sich Nachbar Lelisa mithilfe von Menschen für Menschen auf seinem Land eine sichere Existenz geschaffen. Sein Erfolg inspiriert auch die vorsichtigen Bauern im Dorf.

Wenn Motuma Gobu nach einem langen Tag ins Bett fällt, teilt er das Schlafzimmer nicht nur mit seiner Frau Lomitu. Vier Rinder stehen in der fensterlosen Hütte. Es stinkt, Fliegen umkreisen Kuhdung auf dem Boden. Motuma traut sich nicht, die Tiere nachts unbeaufsichtigt zu lassen. “Ich habe Angst, dass sie jemand stiehlt”, erklärt er. Dass der enge Kontakt zum Vieh ihn und seine schwangere Frau krank machen könnte, nimmt er in Kauf: “Die Tiere sind mein wertvollster Besitz.”

Der 45-Jährige wohnt mit seiner Familie im Dorf Kersa, rund 250 Kilometer westlich von Addis Abeba. Auf zwei Hektar Land baut er Mais, Sorghum, Kichererbsen, Nigersamen, Teff und Kaffee an. Doch die Qualität der Bohnen reicht nicht, um sie auf dem Markt zu verkaufen. “Wir können den Kaffee nur selbst trinken”, sagt Motuma. Barfuß steht er vor den drei Mangobäumen in seinem Garten. “Die werden immer wieder von Schädlingen befallen.” Die wenigen gesunden Früchte isst die Familie selbst. Auch der Rest der Ernte reicht meist gerade, um sie zu ernähren

Nur ab und zu bleibt vom Mais und den Nigersamen etwas übrig. Damit verdient er umgerechnet etwa 150 Euro im Jahr. Braucht eines seiner Kinder Medikamente oder ist die Ernte durch Dürre oder zu starken Regen bedroht, wird das zur Katastrophe. “Dann kann ich nur noch beten.”

Moilud Ahmed und seine Familie

Bauer Motuma in seiner kargen Hütte

Hoffnung in schweren Zeiten

Hassan Jami

Vor 15 Jahren baute sich Motuma sein Zuhause. Bis heute leben in der dunklen Hütte Mensch und Vieh auf engstem Raum.

Hassan Jami

Motumas Schwester an der herkömmlichen Kochstelle der Familie. Aufgrund von Jodmangel hat sich bei ihr ein Kropf gebildet.

Kaum zu glauben, dass es ihm einst noch schlechter ging. „Ich hatte wirklich gar nichts“, erinnert er sich. Schließlich ersparte er sich als Tagelöhner ein Schaf, das Lämmer gebar. Durch ihren Verkauf konnte er nach und nach Rinder kaufen. Eines der Lämmer behielt er und taufte es Bido. Es gibt ihm Hoffnung. Wenn er an ihm vorbeiläuft, tätschelt er ihm den Kopf. “Ich würde Bido niemals verkaufen oder schlachten.”

Wie Motuma teilen sich auch seine zwei Söhne, seine Mutter und Schwester die zweite Hütte auf dem Grundstück mit Tieren. Neben der dünnen Matratze der Kinder ist ein Kalb festgebunden, das Motuma kurz nach der Geburt von seiner Mutter trennte. Erst wenn seine Frau bei der Kuh genug Milch für die Familie gemolken hat, lässt er das Kalb beim Muttertier trinken.

 

In der Hütte ist es selbst am helllichten Tag dunkel. Im Schein einer Petroleumlampe picken ein paar Hühner auf dem staubigen Boden der Kochstelle nach Samen. Das Grasdach der Behausung ist durch den Ruß kohlschwarz gefärbt.

Seit fünf Jahren engagiert sich Menschen für Menschen im Dorf Kersa, das im Projektgebiet Dano liegt. Doch als Mitarbeiter der Stiftung begannen, Bauern dabei zu unterstützen, Anbaumethoden und Tierhaltung zu verbessern, zeigte Motuma kein Interesse. “Ich war überzeugt, dass ich über Landwirtschaft besser Bescheid weiß als die Experten.”

Modellfarmer unterstützen

Anders Lelisa Hindabu, der ihnen von Anfang an vertraute. „Wir hatten von der Arbeit von Menschen für Menschen gehört und waren glücklich, als sie zu uns kamen“, sagt seine Frau Tamire. Sogenannte Modellfarmer wie Lelisa und Tamire sind für die Stiftung wichtig. Die Erfolge dieser Landwirte, die offen für Veränderung und Vorschläge sind, können andere Bauern ebenfalls überzeugen, ihre Landwirtschaft umzustellen.

Der 46-jährige Lelisa hat neben Sorghum, Mais und Teff auch Kaffeesetzlinge gepflanzt, die ihm Mitarbeiter von Menschen für Menschen gaben. Bevor sie sich rentieren, muss er sich allerdings noch etwas gedulden. Viele sind noch nicht reif. Das gilt auch für die Avocado- und Papayabäume. Da er aber auf den Rat der Landwirtschaftsexperten die neuen Setzlinge nur auf einem Teil seines Feldes anbaute und zudem Gemüse pflanzte, muss er keine Ernteausfälle befürchten und kann mit Rote Bete, Kohl, Karotten und Tomaten den Speiseplan der Familie bereichern.

Training in Tierhaltung

Seitdem sie nicht mehr nur das saure Fladenbrot Injera und Brot aus Mais, Sorghum und Teff essen, geht es allen besser: “Meine Kinder sind viel fitter, weniger krank”, sagt Tamire. In einem Kochkurs von Menschen für Menschen lernte sie, wie wichtig ausgewogene Ernährung für die Gesundheit ist und wie sie aus ihren neuen Zutaten schmackhafte Gerichte zubereiten kann. “Ich weiß jetzt, wie ich aus unseren Sojabohnen Milch gewinne. Die trinken wir manchmal zum Frühstück”, sagt sie.

Lelisa greift mit beiden Armen in einen Haufen Gras, verteilt es im Futtertrog der drei Ochsen, die sich in einem kleinen offenen Gehege drängen. Bald werden sie genug Gewicht auf die Waage bringen, dann kann Lelisa sie verkaufen. Für jeden Ochsen wird er umgerechnet rund 125 Euro einnehmen – nach nur drei Monaten Mast. Zuvor brauchte er dreimal so lang. Doch nach einem dreitägigen Training zur besseren Tierhaltung weiß er, dass sich seine Tiere zu viel bewegt hatten. “Wir sind mit ihnen immer zur Wasserstelle gelaufen, heute bringe ich ihnen ihr Wasser in den Stall.”

Die Äthiopienhilfe ermöglichte ihm außerdem, Elefantengras zu pflanzen, das er zusätzlich zu einer speziellen Tiernahrung seinem Vieh zum Fressen gibt. Die erste Ladung des Futters aus Ernteabfällen und nährstoffreichen Zusätzen bekam er noch umsonst. Heute kauft er es vom “Grünen Innovationszentrum”, das Menschen für Menschen in Zusammenarbeit mit der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) 2016 in Dano ins Leben rief.

Gebeyehou Seyoum

Dieser Text ist im NAGAYA MAGAZIN 3.19 erschienen. Das komplette Magazin hier als PDF downloaden.

In Bildung investieren

Lelisa ist auch Imker. Im hinteren Teil seines Gartens summt und brummt es. Auf mehreren Etagen reihen sich Bienenkästen über- und aneinander. Er hatte sich schon früher in der Bienenzucht versucht, Mitarbeiter von Menschen für Menschen erklärten ihm daher, wie er seinen Ertrag vergrößern könnte, unterstützten ihn mit modernen Bienenstöcken und zeigten ihm, wie er sie selbst bauen kann. Von seinen mittlerweile 50 Bienenkästen erwartet er sich bald eine Jahresernte von 200 Kilogramm Honig, mehr als doppelt so viel wie zuvor.

Anwohner des Mount Kundudo tragen Hänge ab.

Tesfalidet Gebrekidan, stellvertretender Projektmanager in Dano, erklärt dem Farmer Lelisa und seiner Frau Tamire, wie sie die Blätter des Moringabaumes ernten, zubereiten und essen können

Je erfolgreicher er ist, desto mehr hat Lelisa zu tun. Daher hat er einige Feldarbeiter eingestellt. Auch die fünf Kinder, die noch bei ihm wohnen, unterstützen ihn. Allerdings nur, wenn sie keinen Unterricht haben. Lelisa weiß: “Bildung ist das Wichtigste.”

Er selbst verließ die Schule nach der fünften Klasse. “Wenn eines meiner Kinder den Hof übernehmen möchte, soll es die Landwirtschaft weiter modernisieren”, sagt er. Vom Ersparten der vergangenen Jahre legte die Familie Geld zurück, um ihren Kindern eine weiterführende Schulausbildung zu ermöglichen.

Lelisa ist stolz darauf, was er erreicht hat. Als er vor fünf Jahren seine Landwirtschaft mit Unterstützung von Menschen für Menschen umstellte, stieß das bei einigen Bauern im Dorf nicht nur auf Begeisterung. “Sie warnten mich, dass ich mein Leben zerstören und unsere Tradition vergessen würde.“ Doch er ließ sich nicht beirren und sollte mit seiner mutigen Entscheidung Recht behalten: Mit dem Verkauf der Ochsen, des bereits reifen Kaffees und seines Ernteüberschusses verdient er heute im Jahr umgerechnet rund 3.100 Euro, knapp sieben Mal so viel wie vor fünf Jahren.

In Lelisas Garten steht neben dem alten nun auch ein neuer Kornspeicher

Seine Söhne helfen regelmäßig das Vieh zu füttern – aber  nur wenn es der Unterreicht zulässt

Vom Erfolg überzeugt

Sein Erfolg hat viele Bauern seines Dorfes überzeugt. Sie besuchen ihn, lernen von seinen Erfahrungen. Auch Motuma war schon bei ihm. “Manchmal denke ich, wie viel besser es mir gehen würde, wenn ich damals die Hilfe der Organisation angenommen hätte. Dann werde ich richtig sauer auf mich.”

Inzwischen hat er Menschen für Menschen um Hilfe beim Anbau von Kaffee, Soja, Gemüse und Obst gebeten. Auch in effektive Hühnerzucht will er investieren. “Wenn ich mich und meine Familie gut versorgen kann, möchte ich anderen helfen, denen es schlechter geht.” Dann wird aus dem Nachahmer ein weiteres Vorbild.

Mardia und ihr glückliches Leben

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So einfach ist es, zu helfen

 

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Obstbaumsetzlinge

Mit 140 Euro

können wir 100 Obstbaumsetzlinge an die Bauern verteilen.

Werkzeug für Terrassierungsarbeiten

150 Euro

statten sechs Bauern mit Werkzeug für Terrassierungsarbeiten aus.