Kaulet Kassie (2. von links) hat im Gemeindehaus von Sedere Platz genommen und lauscht einem Vortrag über richtige Ernährung. Vier Tage lang dreht sich hier alles um Schwangerschaft und Säuglingspflege. Ihr erster Sohn starb wenige Wochen nach der Geburt. Jetzt ist sie wieder schwanger - und tut alles dafür, dass das Kind leben wird.

„Diesmal will ich alles richtig machen“

In Äthiopien sterben mehr als fünf von 100 Kindern im ersten Jahr nach ihrer Geburt. Das Risiko steigt, wenn Schwangere an Mangelernährung leiden oder schwere körperliche Arbeit leisten. Auch mangelnde Hygiene und fehlende medizinische Versorgung können Neugeborene gefährden. In speziellen Trainings erläutern Mitarbeiter von Menschen für Menschen Schwangeren und Müttern, wie sie sich und ihren Nachwuchs schützen können.

Es fällt Kaulet Kassie nicht leicht, über Jemalu zu sprechen, ihren ersten Sohn. Sie war erst 17, als sie den Jungen zur Welt brachte – ein gesundes Baby, so sah es jedenfalls zunächst aus. „Er kam ein paar Wochen zu früh, aber sonst schien alles in Ordnung mit ihm“, erzählt sie. Acht Tage später war nichts mehr in Ordnung. „Jemalu wollte meine Brust nicht mehr“, sagt Kaulet. Erst schrie der Junge. Dann wurde er immer stiller. Zwei Wochen nach seinem Geburtstag starb Jemalu in den Armen seiner verzweifelten Mutter. Fünf Jahre ist das jetzt her.

Kaulet, mittlerweile 22 Jahre alt, ist wieder schwanger. „Im vierten Monat“, sagt sie, lächelt und streichelt den runden Bauch unter ihrem Gewand. Wie viele Frauen aus der Projektregion Legehida ist sie an diesem Samstag in das Dorf Sedere gekommen, um an einem Training teilzunehmen, das Menschen für Menschen gemeinsam mit der Gesundheitsbehörde Schwangeren und Müttern von Neugeborenen anbietet. Kaulet ist einen halben Tag marschiert, um aus ihrem Heimatdorf nach Sedere zu kommen. Sie ist gespannt, was sie hier in den nächsten Tagen erwartet. „Diesmal will ich alles richtig machen“, erklärt sie.

Lebenswichtiges Wissen

 Unsere Koordinatorin des Bereichs Frauenprogramme Mekdes Shibru im Gespräch mit Aberu Ali und Kaulet Kassie, die beide ein Kind verloren haben.

Projektgebiet Legehida im Dorf Sedere. Unsere Koordinatorin des Bereichs Frauenprogramme Mekdes Shibru im Gespräch mit Aberu Ali (links), die eine Tochter verloren hat und Kaulet Kassie, die ebenfalls ein Kind verloren hat.

Wenig später sitzt Kaulet mit rund 250 weiteren Frauen Schulter an Schulter auf dem mit Heu bedeckten Lehmboden des Gemeindehauses. In weiße und bunte Gewänder gehüllt, lauschen sie gebannt den Vorträgen der Frauen und Männer auf dem Podium. Den Anfang macht an diesem Vormittag Kidist Birehanu. Die 27-jährige Sozialarbeiterin von Menschen für Menschenspannt ein quadratisches weißes Tuch vor ihrem Körper, faltet es diagonal und legt das Dreieckstuch einer Puppe mit wenigen Handgriffen als Windel an. Die Frauen greifen ebenfalls zu Tüchern und machen es ihr nach. „Wenn Kinder keine Windeln tragen, können sich Krankheiten viel leichter im Dorf verbreiten“, warnt Kidist die Frauen.

Als sie fertig ist, übernimmt ein Kollege. „Viele von euch verrichten schwere körperliche Arbeit, selbst wenn ihr hochschwanger seid“, sagt er. „Ihr müsst euch aber schonen! Eure Familien sollen euch unterstützen. Sonst gefährdet ihr eure ungeborenen Kinder.“ Bald schwenkt er um zu Fragen von Ernährung und Gesundheit: Wie sollten Schwangere sich ernähren? Wie sorgt man für Hygiene im Haus? Warum ist Stillen das Beste für Babys? Wie erkennt man, dass das eigene Kind mangelernährt ist? Welche Impfungen sind unbedingt notwendig? Was sollten Mütter tun, wenn ihre Kinder krank werden? Insgesamt vier Tage lang erläutern die Trainerinnen und Trainer den Frauen, was das Beste für sie selbst und ihre – ungeborenen oder kürzlich geborenen – Kinder ist.

Risiken früh Vermeiden

Kaulet Kassie hat einen Platz am Rand ergattert und hört aufmerksam zu. Manches, was die Frauen und Männer auf dem Podium berichten, weckt Erinnerungen in ihr. Auch sie musste schuften, selbst als sie mit Jemalu bereits hochschwanger war. Saat ausbringen, Unkraut jäten: Ständig habe sie sich bücken müssen. „Wenn ich gewusst hätte, wie gefährlich das ist, hätte ich mich gegen diese Arbeiten gesträubt“, sagt sie. Auch ihre Ernährung sei nicht so gewesen, wie im Training geraten. Nur Fladenbrot und Bohnenpaste seien damals auf dem Speiseplan gewesen.

Als Energielieferant ist die traditionelle äthiopische Bauernmahlzeit tauglich, doch ihr fehlen wertvolle Nährstoffe. „Obst und Gemüse habe ich kaum gegessen“, erinnert sich die 22-Jährige. „Natürlich kann niemand mit Gewissheit sagen, woran der kleine Jemalu damals starb“, sagt Dr. Asnake Worku. Der Mediziner ist Direktor für Koordination und Entwicklung bei Menschen für Menschen in Addis Abeba und hat schon viele traurige Geschichten wie die von Kaulet Kassie und Jemalu gehört. Sicher sei aber, dass große körperliche Anstrengung bei gleichzeitiger Mangelernährung im Verlauf der Schwangerschaft das Kind schon im Mutterleib gefährdet. „Diese Babys kommen mit zu geringem Gewicht auf die Welt und sind einem hohen Risiko von Infektionen ausgesetzt“, weiß Dr. Asnake Worku

Unterstützung der Familie

Nach vier Tagen endet das Training in Sedere, und Kaulet wird in ihr Dorf zurückkehren. Dann beginnt ihre eigentliche Aufgabe: Sie wird ihrem Mann und den anderen Familienmit gliedern beibringen müssen, was für sie und das Kind in ihrem Bauch in den kommenden Monaten wichtig sein wird. Dass sie, die Schwangere, sich schonen muss und keine schweren körperlichen Arbeiten verrichten darf. Dass sie auch Obst und Gemüse essen muss, statt immer nur Fladenbrot und Bohnenpaste.

Aberu Ali, 39 (rechts) und Kaulet Kassie aus dem Dorf Sedere im Projektgebiet Legehida.

Aberu Ali, 39 (rechts) und Kaulet Kassie aus dem Dorf Sedere im Projektgebiet Legehida.

„Das Gemüse auf dem Markt können wir uns kaum leisten. Aber seit dieser Saison bauen wir Karotten, Kohl und Tomaten an“, erzählt Kaulet. Die Samen hat die Familie vor einigen Wochen von Menschen für Menschenerhalten. Und dann spricht Kaulet doch noch ein wenig über Jemalu. „Wir haben ihn im Schatten eines großen Baumes auf unserem Grundstück begraben. Auf einer Anhöhe, die auch während der großen Regenfälle nicht im Matsch versinkt“. Sie besucht das Grab fast jeden Tag, um zu beten. Seit fünf Jahren. „Sein Tod soll uns eine Lehre sein.”

So einfach ist es, zu helfen

Durch Hebamme begleitete Geburt

Mit 12 Euro

ermöglichen Sie eine durch eine Hebamme begleitete Geburt.

Trachom-Operation

Mit 50 Euro

ermöglichen Sie Trichiasis-Operationen für fünf Personen.

Impfung

Mit 150 Euro

können 30 Kinder gegen zehn Krankheiten geimpft werden.