Kedest Zewdu (21), lernt in der Abteilung für Fertigungstechnik am ATTC

Die Zukunftsschmiede

Am „Agro Technical and Technology College“ (ATTC) in Harar qualifizieren sich junge Frauen und Männer in praxisorientierten Studiengängen in agrarökologischen und handwerklichtechnischen Berufen. Das 1992 von Menschen für Menschen gegründete College gilt als eines der besten des Landes. Es versorgt die wachsende Wirtschaft mit Fachkräften und ebnet Jugendlichen aus einfachen Verhältnissen den Weg aus der Armut.

Es ist Montagmorgen und in der Lehrwerkstatt fliegen die Funken. Neben dem Eingang schweißen eine junge Frau und ein junger Mann schwere Stahlstreben zu einer Treppe zusammen. In sicherem Abstand tüfteln Kommilitonen an einer Übungsaufgabe: ein Stück Fallrohr aus Pappe nachbauen. Für Kedest Zewdu an der Werkzeugmaschine wird es derweil ernst. Sie soll heute eine Stahlscheibe   in ein Zahnrad verwandeln. „Dafür fräse ich Kerben in die Seite“, sagt sie und prüft nochmal alle Einstellungen. Jetzt ist Präzision gefragt: „Wenn die Kerben nicht identisch sind, kann ich wieder von vorne anfangen.

Abteilung Fertigungstechnik am ATTC

Praktisches Arbeiten spielt am ATTV eine bedeutende Rolle

“Sie drückt einen Knopf, der Motor läuft an, die Fräse kreischt los. Eine zierliche junge Frau, das Haar zu langen Zöpfchen geflochten und kunstvoll zu einem Dutt verknotet: Abgesehen von ihrem weit geschnittenen Overall würde man Kedest nicht unbedingt für eine angehende Schlosserin halten. Doch nach vier Jahren Studium der Fertigungstechnik steht die 21-Jährige kurz vor ihrem Abschluss. Und weil kaum jemand in ihrem Jahrgang so sorgfältig an der Werkzeugmaschine arbeitet, hat ihr Lehrer sie für die Zahnrad-Aufgabe ausgewählt. Keine Übung sondern der Ernstfall: Das Ministerium für Wasser und Energie hat das Bauteil in Auftrag gegeben. Es wird für eine Brunnenbohrmaschine benötigt, das alte Zahnrad ist verschlissen. „Bis ich ein neues angefertigt habe, steht die Maschine still“, sagt Kedest.

Prof. Dr. Donnchad Mac Cárthaigh (66), der Präsidenten des ATTC

Prof. Dr. Donnchad Mac Cárthaigh (66), der Präsidenten des ATTC.

Auftragsarbeiten für Unternehmen oder Behörden sind fester Bestandteil des Unterrichts der höheren Semester am Agro Technical and Technology College (ATTC) in Harar im Osten Äthiopiens. „Schon ab dem ersten Semester legen wir großen Wert auf praktische Übungen. Das unterscheidet uns von vielen staatlichen Colleges und Universitäten, in denen Studierende vorwiegend Theorie pauken“, erzählt Professor Donnchadh Mac Cárthaigh. Der 66-jährige Präsident des ATTC war seit 1988 Professor für Baumschulwirtschaft an der Hochschule für angewandte Wissenschaften Weihenstephan-Triesdorf in Freising nördlich von München. 2009 wechselte er an die staatliche Adama-Universität unweit von Addis Abeba. Als er Anfang 2015 das Angebot bekam, das ATTC zu leiten, überlegte er nicht lange. „Die Schule ist eine Institution im Land“, sagt Mac Cárthaigh. Vor allem wegen ihrer Praxisnähe sei sie beliebter als staatliche Colleges oder Universitäten.

Der Campus lehrt Verantwortung

Rund 1.500 Bewerbungen um einen Studienplatz gehen jedes Jahr ein. Ein Aufnahmetest entscheidet darüber, wer einen der 220 Plätze erhält, die jährlich neu zu vergeben sind. Wer sich einschreibt, kann nach vier Jahren den Bachelor of Science in einem der drei technischen Studiengänge Fertigungstechnik, Elektrik & Elektrotechnik oder Automobiltechnik erwerben. Der Studiengang Agrarökologie endet nach drei Jahren mit dem Bachelor-Abschluss. Während dieser Zeit ist das ATTC den Studierenden nicht nur eine Schule, sondern auch ein Zuhause. Neben Lehrwerkstätten und Seminar räumen umfasst das weitläufige College-Gelände Wohnheime, eine Kantine, eine Bibliothek und einen Sportplatz. „Das Leben auf dem Campus lehrt die jungen Leute, Verantwortung für sich und andere zu übernehmen“, sagt Mac Cárthaigh. Firmenchefs, die ihn auf der Suche nach Personal ansprechen, fragten auch nach sol chen „Soft-Skills“, den sozialen Kompetenzen.

Lernen und Leben auf dem Campus

Lernen und Leben auf dem Campus: Die Studierenden des ATTC büffeln gemeinsam im Seminarraum

Essen in der Kantine

Die Studentinnen und Studenten essen gemeinsam in der Mensa.

Sport auf dem Campus

Wer mag, misst sich nachmittags mit den anderen auf dem Sportplatz.

Äthiopien den Weg in die Zukunft ebnen: Das war das Ziel der Stiftung Menschen für Menschen, als sie das ATTC 1992 in Harar in Ostäthiopien gründete. Damals begann der Fortschritt zaghaft das Land zu erfassen. Modernisierung und Industrialisierung wurden zunächst in der Hauptstadt Addis Abeba sichtbar. Die Nachfrage nach Fachkräften stieg. Mit dem ATTC hat Menschen für Menschen ein Trainingszentrum geschaffen, an dem junge Talente unabhängig von ihren finanziellen Möglichkeiten einen Abschluss erreichen können. Das College finanziert sich zu einhundert Prozent aus Spenden, das bedeutet: Alle laufenden Kosten der Abteilungen wie neues Werkzeug, Arbeitskleidung oder Bücher, aber auch Unterkunft und Verpflegung für die Studenten trägt die Stiftung. So bleibt die Aufnahmeprüfung die einzige Hürde auf dem Weg zum Studium am ATTC.

25 Jahre nach der Gründung des ATTC gilt Äthiopien als „Afrikanischer Tiger“. Das Bruttoinlandsprodukt wächst seit 2014 um acht bis zwölf Prozent im Jahr. Große Firmen, vor allem aus China und Indien, errichten Produktionsstätten im Land. In den kommenden fünf Jahren soll sich das Straßennetz verdoppeln, die Energieproduktion vervierfachen. Tausende Kilometer Eisenbahnnetz und Millionen von Jobs sollen entstehen. Zwar leben nach wie vor rund 80 Prozent der Äthiopier als kleinbäuerliche Selbstversorger auf dem Land. Doch gleichzeitig wächst ein zweites, ein modernes Äthiopien heran. Ein Land, das Ingenieure und Mechaniker braucht.

Solide Ausstattung

„Unsere Absolventen sind bei Arbeitgebern begehrt“, sagt Georg Pickel, 62, der den Fachbereich Automobiltechnik leitet. Der Kfz-Meister und Maschinenbau-Ingenieur aus Deutschland lebt seit 1993 in Äthiopien. Er sieht einen Grund für den Erfolg seiner Absolventen in der guten Betreuung der Studierenden am ATTC. Ein weiterer sei die solide technische Ausstattung. Einen modernen Elektromotor lässt seine Lehrwerkstatt zwar vermissen, „aber sonst haben wir alles da – vom Automatikgetriebe bis zum computergestützten Fehlersimulator.“ Wer das College abschließt, habe eine gute Chance auf einen Job. Unternehmen, von der kleinen Werkstatt bis zur staatlichen Fluggesellschaft Ethiopian Airlines, seien interessiert, Hochschulen und Behörden ebenfalls. Wer eine Stelle ergattert, unterstützt von seinem Gehalt später oft auch die Eltern und Geschwister finanziell.

Georg Pickel, Leiter des Fachbereichs Automobiltechnik

Georg Pickel, Leiter des Fachbereichs Automobiltechnik

Eine Sämaschine für bessere Ernten

Doch das ATTC ist mehr als eine Ausbildungsstätte, die junge Frauen und Männer für den wachsenden modernen Arbeitsmarkt fit machen will. In der Tradition ihrer Trägerstiftung Menschen für Menschen hat das College die enorme Bedeutung der kleinteiligen Landwirtschaft für die Zukunft Äthiopiens erkannt. „Wir entwickeln Geräte, die auch in den Projektregionen der Stiftung eingesetzt werden“, sagt Teshome Bogale. Der 43-Jährige war an einer staatlichen Universität angestellt, bevor er vor sechs Jahren die Leitung des Fachbereichs für Fertigungstechnik übernahm. Dort tüfteln Studierende und Lehrende derzeit an einer mechanischen Sämaschine für die weit verbreitete Zwerghirse „Teff“. „Bisher schleudern viele Bauern ihr Saatgut einfach aufs Feld“, sagt Fachbereichsleiter Teshome. „Die Maschine, die wir entwickeln, hilft ihnen, die Samen in regelmäßigen Abständen auszubringen. Das erhöht ihre Erträge.“

IAWIDENFU BASAZINEW, STUDENT DER AGRARÖKOLOGIE

„Mit meinem Abschluss möchte ich meinen Eltern zu mehr Erträgen in der Viehwirtschaft verhelfen.“

IAWIDENFU BASAZINEW, STUDENT DER AGRARÖKOLOGIE

Das hat die Entwicklungshilfeorganisation Oxfam hellhörig werden lassen: Sie hat Interesse an dem Gerät signalisiert. Von der handbetriebenen Erdnussschälmaschine bis zum elektrischen Zwiebelhacker, von der Pastinake bis zur Kletterbohne: Am ATTC werden Gerätschaften entwickelt und Gemüsesorten gezüchtet, von denen kleine Bauern und Dienstleister profitieren können.

Ein zentrales Produkt ist der dunkle Brei, den Iawidenfu Basazinew an diesem Nachmittag in einem Eimer anrührt. Der 23-Jährige trägt einen beigefarbenen Overall, der ihn als Studenten der Agrarökologie ausweist. Heute stellt er mit seinen Kommilitonen aus dem vierten Jahrgang Viehfutterblöcke her. „Wir mischen Weizen, Kalk, Salz und einiges mehr zu einer zähen Masse, pressen sie zu Quadern und lassen sie in der Sonne trocknen“, erklärt Iawidenfu. Das Ergebnis sind braune Blöcke im Ziegelsteinformat – echte Powerriegel für das Milchvieh: 16 Liter pro Tag geben die Kühe, die auf der Farm des ATTC leben.

Braune Blöcke im Ziegelsteinformat – echte Powerriegel für das Milchvieh

Braune Blöcke im Ziegelsteinformat – echte Powerriegel für das Milchvieh.

Für eine bessere Zukunft

Iawidenfu Basazinew

Iawidenfu Basazinew träumt von einer eigenen Herde.

„Die Kühe meiner Eltern waren mager, oft krank und gaben höchstens zwei Liter Milch am Tag“, erinnert sich Iawidenfu. Als Kind und Jugendlicher war er stets von Schulschluss bis Sonnenuntergang mit den Tieren unterwegs gewesen, doch die Ausbeute an Milch blieb gering. „Wenn ich meinen Abschluss habe, möchte ich meinen Eltern zu mehr Erträgen in der Viehwirtschaft verhelfen“, sagt Iawidenfu. Und er träumt von einer eigenen Herde: „70 Tiere, die richtig viel Milch geben – das wär’s!“

Auch Kedest Zewadu, die in der Werkstatt am Zahnrad feilt, möchte sich nach ihrem Abschluss gerne selbstständig machen. „Anfangs vielleicht mit einer kleinen Schlosserei“, sagt sie. „Aber später möchte ich richtige Maschinen bauen und reparieren.“ Es habe Leute gegeben, die ihr davon abraten wollten, Fertigungstechnik zu studieren, sagt sie. „Sie meinten, das sei nichts für eine Frau.“ Kedest ließ sich von solchen Stimmen nicht beeindrucken. „Warum soll ich nicht den Beruf lernen, der mir Spaß macht?“ Ein paar Monate noch, dann wird sie das ATTC verlassen. Sie werde das Leben auf dem Campus vermissen, sagt sie, freue sich aber auch auf die Zukunft. Als ATTC-Absolventin habe sie schließlich gute Aussichten auf eine Arbeit. Aber es geht ihr nicht nur darum: „Diese Schule hat mir den Weg zu einem besseren Leben geöffnet. Was ich daraus mache, soll nicht nur mir dienen. Ich will mit anpacken, wenn wir dieses Land voranbringen!“

Kedest Zewadu
Mardia und ihr glückliches Leben

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Bildung

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