Menschen für Menschen baut eine neue Schule im Dorf Kekero Jibat

Lernen für die Zukunft

Von Termiten zerfressene Wände, löchrige Böden und finstere Klassenräume haben das Lernen für die Schüler im Dorf Kekero Jibat bisher zur Qual gemacht. Viele fehlen oft oder brechen die Schule vorzeitig ab. Durch den allgegenwärtigen Staub leiden die Kinder und Jugendlichen unter Atembeschwerden. Auf dem Nachbargelände beginnt Menschen für Menschen nun mit dem Bau einer neuen Schule, in der es hell und staubfrei sein wird und genug Platz für alle ist.

 

Der Lehrer steht auf Zehenspitzen, reckt seinen dünnen rechten Arm nach oben und schreibt mit Kreide in der Regionalsprache Oromo „Respekt“ an die Tafel: Mit diesem Wort sollen die Mädchen und Jungen der 5. Klasse an der Kekero Jibat Higher Primary School einen Satz bilden. Lehrer Gamachu Hailu ist zwölf Jahre alt und drängt sich normalerweise mit den anderen Schülern Schulter an Schulter auf den Bänken des Klassenraums. Doch heute hat er die Aufgabe und Ehre, einen erkrankten Lehrer zu vertreten, denn er gehört zu den zehn besten Schülern der Schule. Sie springen in Notfällen ein und unterrichten ihre Klassenkameraden – in Mathe, in Englisch oder, wie Gamachu, in Oromo. Ein Schüler, zwei Köpfe größer als Gamachu, tritt vor und kritzelt eine Antwort an die Tafel. Der Aushilfslehrer ist nicht glücklich: „Das kannst du doch besser! Der Nächste bitte!“, ruft er streng.

Der 12-jährige Gamachu unterrichtet seine Klassenkameraden

Einsatz in der Not: Ist der Lehrer krank, übernimmt auch mal der zwölfjährige Gamachu Hailu den Unterricht.

Bücher müssen geteilt werden

Zwar werden heute in Äthiopien mehr als doppelt so viele Kinder eingeschult wie noch zum Millenniumswechsel, doch vor allem in ländlichen Regionen fehlt es an Schulen. Und die, die es gibt, sind oft, wie die Schule in Kekero Jibat, in einem sehr schlechten Zustand. Sie wurden ohne modernes Gerät aus Holz, Lehm und Stroh erbaut. Die Wände bröckeln, sie sind von Termiten angefressen. In vielen Räumen klaffen Löcher im Lehmboden. Durch die kleinen, fensterähnlichen Öffnungen dringt nur wenig Licht in die Klassenzimmer. Erst wenn sich die Augen an die Dunkelheit gewöhnt haben, sind Kinder in den Ecken zu erahnen.

Die Schülerinnen und Schüler sitzen in dunklen Klassenzimmern.

Dicht gedrängt hocken die Drittklässler im dunklen Klassenzimmer. Lehrerin Korani Fininsa gibt ihr Bestes, ihnen trotzdem etwas beizubringen.

409 Jungen und 308 Mädchen aus den umliegenden Dörfern besuchen die erste bis achte Klasse an der Schule im Projektgebiet Dano, das rund 200 Kilometer südwestlich von Addis Abeba liegt. Für sie gibt es sechs Klassenräume, 13 Lehrer, einen Rektor und seinen Vertreter. Selbst wenn alle Lehrkräfte da sind, reichen Personal und Räume nicht, um alle Schüler gleichzeitig zu unterrichten. Deshalb kommen sie in Schichten: Morgens die Erst- bis Viertklässler, nachmittags die Klassen fünf bis acht. Lehrbücher müssen sich die Schüler teilen, meist zu fünft. Abwechselnd nehmen sie die Bücher mit nach Hause. „Wir haben die Gruppen, die sich Hefte und Bücher teilen, bewusst zusammengestellt. In jedem Team gibt es immer mindestens einen sehr guten Schüler“, sagt Korani Fininsa, 28, die Naturwissenschaften unterrichtet. „So können sich die Schüler gegenseitig helfen.“

Schülerinnen und Schüler teilen sich die vorhandenen Bücher.

Nur wenn sich die Schüler die Bücher teilen, haben sie alle eine Chance, aus ihnen zu lernen.

Der Baum wird zur Bibliothek

„Ganz egal, wo ich in der Schule hingehe, es ist immer voll. Wir haben leider keine Bibliothek oder einen anderen ruhigen Raum“, erzählt der Musterschüler Gamachu. Auch bei ihm zu Hause ist es nicht besser. Mit sechs Geschwistern wohnt er im Dorf Belfa, 15 Minuten zu Fuß von der Schule entfernt. „Zum Lernen und für die Hausaufgaben setz ich mich unter einen Baum. Das ist der einzige Ort, wo ich mich konzentrieren kann.“ Wenn es regnet oder dunkel wird, muss der fleißige Junge abbrechen.

Rektor Tamene Errenso

Dass sich die Schüler auf marode Bänke quetschen müssen, macht Rektor Tamene Errenso traurig.

„Er könnte noch besser in der Schule sein, wenn er eine gute Umgebung zum Lernen hätte“, sagt Tamene Errenso, der 30-jährige Rektor der Schule. Doch die gibt es an der Schule in Kekero Jibat nicht. Dass Lehrer und Direktor ihm so viel zutrauen, ihn Unterricht halten lassen und sich um ihn kümmern, hat Gamachu selbstbewusst gemacht. Vorbilder habe er nicht, denn das, was er erreichen will, hat in seinem Dorf noch niemand geschafft: Gamachu möchte Medizin studieren. „Wenn Menschen in meinem Dorf krank werden, fehlt es an Ärzten und Medizin. Das muss sich ändern. Ich will für sie da sein können.“

Der Staub, der krank macht

Um seine Schüler zu motivieren, ihnen Ratschläge und Anweisungen zu geben, lässt sie Rektor Tamene täglich vor Schulbeginn antreten. Er schaut dann von einem kleinen, grasbewachsenen Hügel auf seine Schüler und ruft: „Teilt euch eure Zeit gut ein! Helft euren Eltern, aber macht auch eure Hausaufgaben.“ Oder er erinnert sie an bevorstehende Prüfungen: „Lernt dafür! Mit guten Noten könnt ihr es irgendwann auf die Universität schaffen.“ Schwatzen die Kinder sonst wild durcheinander, wagt es während der Ansprache keiner zu sprechen.

Ansprache auf dem Schulhof

Tägliche Begrüßung: Trotz der misslichen Umstände motiviert Rektor Tamene Errenso die Schüler zum Lernen.

Unter ihnen lauscht auch Urge Mirkana dem Direktor. Sie ist 18 Jahre alt und besucht erst die 6. Klasse. Viele ihrer Mitschüler sind fünf oder sechs Jahre jünger als sie. Von allen Kindern, die in Äthiopien eingeschult werden, absolvieren nicht einmal die Hälfte die Grundschule. Viele müssen die Klasse wiederholen, da sie nur unregelmäßig am Unterricht teilnehmen konnten. Gründe sind oft zu weite Schulwege oder die Notwendigkeit, auf dem Feld der Familie mitzuarbeiten und Vieh zu hüten. Bei Urge waren es Staub und bröckelnder Lehm, die sie krank machten. Überall bedeckt ein Staubfilm den Boden, jeder Schritt wirbelt ihn auf. Urge litt unter chronischen Hustenanfällen, die schließlich so heftig waren, dass sie zu Hause blieb. Vier Jahre lang.

Urge Mirkana besucht mit 18 Jahren die sechste Klasse.

„Hoffentlich kann ich in der neuen Schule endlich konzentriert lernen, ohne ständig husten zu müssen.“
URGE MIRKANA,18 SCHÜLERIN

„Ich wollte aber unbedingt wieder zurück an die Schule, auch wenn ich wusste, dass es mir gesundheitlich dann wieder schlechter gehen würde“, erzählt sie und lächelt verlegen. Sie möchte in der Forschung arbeiten, wie ihr Vorbild Gebisa Ejeta. Der Genetiker, der wie sie aus einem Dorf im westlichen Zentraläthiopien stammt, züchtete eine Sorghum-Hirse, die besonders widerstandsfähig gegen Dürre und Schädlinge ist. 2009 wurde er dafür mit dem Welternährungspreis ausgezeichnet. Für ihre Karriere geht Urge auch am Wochenende zur Schule. Dann finden kostenlose Nachhilfestunden statt. „Das ist der coolste Unterricht der ganzen Woche“, sagt sie. Auch die Lehrer wie Korani Fininsa kommen gerne. „Dann hole ich das auf, was ich unter der Woche nicht schaffe: einzeln auf Kinder eingehen.“

Mit der Not arrangieren

Gute Schüler als Aushilfslehrer, die tägliche Ansprache des Direktors, Lerngruppen, Nachhilfeunterricht am Wochenende – Lehrer, Rektor und Schüler der Schule in Kekero Jibat haben gelernt, das Beste aus den misslichen Umständen zu machen. Bisher blieb ihnen auch nichts anderes übrig. Doch jetzt plant Menschen für Menschen den Bau einer neuen Schule. 2020 soll sie direkt neben der jetzigen eröffnet werden. Während ihres 37-jährigen Bestehens hat die Stiftung bereits 435 Schulen im ländlichen Äthiopien gebaut oder erweitert. Das Geld, das sie in den Neubau steckt, ist gut investiert: Die Gebäude, mit Platz für zwölf Klassenräume, werden auf erhöhten Betonfundamenten stehen, Ziegelwände, verzinkte Dächer und große Lamellenfenster auf beiden Längsseiten haben: Vorbei der Staub und die Dunkelheit. Tische, Bänke und Materialien wie wichtige Nachschlagewerke, kommen dazu. Nach der Fertigstellung der Schule wird sich die Regierung um den Betrieb und die Instandhaltung kümmern. Das ist vertraglich geregelt. So soll eine langfristige Abhängigkeit verhindert und die Nachhaltigkeit der Schule für Jahrzehnte gesichert werden.

Bildung als Werkzeug

Schon jetzt freut sich Urge Mirkana auf ein Klassenzimmer, aus dem sie nicht mehr ständig wegen eines Hustenanfalls fliehen muss.Auch Gamachu Hailu ist sich sicher, dass alle gut mit der neuen Schule umgehen werden. Zu einschneidend sind die Erfahrungen mit den schlechten Bedingungen, unter denen sie heute noch die Schule besuchen müssen: „Ich freue mich sehr, dass meine Mitschüler und ich einen Ort bekommen, wo wir richtig lernen können“, sagt er. „Denn Bildung ist unser Werkzeug, um uns und unser Land zu verändern.“

Kinder strömen ins überfüllte Klassenzimmer.

Ohne Bildung keine Entwicklung. Mit Ihrer Spende schenken Sie Kindern in Äthiopien eine bessere Zukunft.

So einfach ist es zu helfen!

funktionale Alphabetisierung

Für 25 Euro

können fünf Personen einen Alphabetisierungskurs besuchen.

Schulbank mit Tisch

Mit 65 Euro

finanzieren Sie eine Schulbank mit Tisch für zwei Kinder.

Schulbücher

Mit 100 Euro

übernehmen Sie die Kosten für 50 Schulbücher.

Mardia und ihr glückliches Leben

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