Die reguläre Arbeit geht wie bisher weiter, aber alle KollegInnen sind sich der Gefahr durch Covid-19 sehr bewusst. Die MitarbeiterInnen waschen und desinfizieren sich regelmäßig die Hände und gehen auch auf soziale und physische Distanz.
Corona-Tagebuch aus Äthiopien: Mein schwerer Abschied voller Wut und Hoffnung
Das Coronavirus und Menschen für Menschen: Antworten auf die wichtigsten Fragen
Sie wollen mithelfen, die Ausbreitung des Coronavirus in Äthiopien zu stoppen? Erfahren Sie hier mehr über unsere Soforthilfe-Maßnahmen.
Ich werde für eine Weile zurück nach Europa – genauer gesagt in die schönen Niederlande – gehen, um dort meinen Master zu machen. Ich freue mich auf dieses nächste Kapitel, bin aber auch wehmütig, weil ich ein liebgewonnenes Äthiopien hinter mir lasse, das durch die Ereignisse der vergangenen zweieinhalb Wochen stark erschüttert ist.
Der Morgen nach der Ermordung des Sängers Hachalu Hundessa begann wie so oft damit, dass ich bei einer Tasse Kaffee die Nachrichten auf Twitter las. Die Ermordung des bei vor allem jungen Oromos beliebten Sängers dominierte jede Timeline und jeden Newsfeed. Kurz darauf erhielt ich die ersten Warnungen, dass für diesen 30. Juni überall im ganzen Land Demonstrationen angekündigt sind und man lieber daheim bleiben sollte.
https://twitter.com/BBCAfrica/status/1281575377706659841
Bedrückende Stille in Addis - zunächst
Dann hörten wir die ersten Schusssalven, vielleicht 500 Meter entfernt von unserem Haus. Mit Hilfe von Telefonketten informierten wir uns, wie es unseren Freunden in anderen Teilen der Stadt geht. Bei einigen wurde direkt vor der Haustür geschossen und wir hörten von den ersten Zerstörungen und Plünderungen im Stadtgebiet von Addis. Bis spät in die Nacht vernahmen wir vereinzelte Schüsse aus unterschiedlichen Himmelsrichtungen.
Stadt Shashamene zerstört
In den Tagen danach entspannte sich die Lage in Addis Abeba deutlich, jedoch wurde auch das Ausmaß der Zerstörung sichtbar. Entlang der Bole Road, der wichtigsten Hauptstraße, war fast jede Fensterscheibe zerstört worden und einzelne Geschäfte waren geplündert. Es gab kaum Verkehr und Sicherheitskräfte, schwer bewaffnet auf Pickups sitzend, patrouillierten in Straßen.
Internet back (for those of us with broadband/landline connection). Here is footage from yesterday in Shashamene. Most of the city centre looks like this. #Ethiopia pic.twitter.com/wDosPCcp3b
— Tom Gardner (@TomGardner18) July 14, 2020
Es wurde auch klar, dass Addis im Vergleich zu Städten wie Ziway oder Shashamene noch recht glimpflich davon gekommen war. Besonders letztere ist teilweise nur noch aus das ausgebrannte Gerippe einer Stadt und ersten Schätzungen gehen davon aus, dass alleine dort 150 Menschen bei den Unruhen ums Leben kamen. Nach offiziellen Angaben verloren bei den Ausschreitungen insgesamt 239 Menschen ihr Leben.
Corona rückt in den Hintergrund
Ich verlasse somit ein tief gespaltenes Land, welches sich zusätzlich noch im Würgegriff einer globalen Pandemie befindet und zu allem Überfluss noch von einer der schlimmsten Heuschreckenplagen seit Jahrzehnten heimgesucht wird. Das löst in mir nicht nur Trauer, sondern auch Wut aus. Denn dieses Äthiopien mitsamt seinen Menschen, welches ich in den letzten Jahren meine Heimat nennen durfte, hat all das nicht verdient. Es ist ein Land mit unermesslichem Potenzial und es macht mich wütend mit anzusehen, wie das zarte Pflänzchen der Entwicklung und des Friedens durch externe und interne Faktoren leidet.
„Man hat inzwischen das Gefühl, dass sich die meisten Menschen in Äthiopien mit der neuen „Corona-Normalität“ abgefunden haben. Wie schon oft erwähnt, muss das Leben trotz der schwierigen Situation weitergehen. Trotzdem möchte ich heute über zwei Schicksale berichten, die repräsentativ dafür stehen, wie Covid-19 das Leben von vielen Menschen in Addis Abeba in vielerlei Hinsicht erschwert hat.
Wie viele hier in Addis haben auch wir in unserem Haus eine Haushälterin, die ab und zu kommt. Meseret ist Mitte 30 und hat vier Jahre lang als Zimmermädchen in einem Luxushotel in Dubai gearbeitet. Mittlerweile ist die alleinerziehende Mutter zurück in ihrer Heimat und zieht hier ihre zwei Söhne groß. Eigentlich ist Meseret immer eine Frohnatur, die viel lacht und immer gut gelaunt ist.
Die Sehnsucht nach den Kindern ist groß
Letztens jedoch kam sie morgens zu uns und sah sehr traurig aus. Auf die Frage, was denn los sei und ob es ihr gut gehe, erzählte sie, dass sie ihre beiden Kinder schon seit März nicht mehr gesehen habe. Sie fing an zu weinen und sagte, dass sie ihre Kinder zu ihrer Mutter aufs Land gebracht hat, als das Coronavirus in Addis ausbrach, um sich und ihre Kinder zu schützen. Zwar telefoniert sie täglich mit ihren Kindern, jedoch ist die Sehnsucht groß und sie weiß nicht, wann sie ihre Söhne das nächste Mal sehen wird.
Auch Fekadu, ein befreundeter Taxifahrer, leidet unter der aktuellen Situation. Seine wichtigsten Kunden sind Expats, die er schon seit mehr als 20 Jahren durch Addis fährt. Fekadu ist immer pünktlich und ein sehr zuvorkommender Mann. Letztens habe ich ihn angerufen, weil ich bei einem Bekannten auf einen Drink vorbeigeschaut habe. Ich hatte Fekadu schon lange nicht mehr gesehen und erkundigte mich, wie sein Geschäft in den letzten Monaten während Covid-19 gelaufen ist.
"Actually, the business is not fine"
„Business is fine, Henning“, sagte er kurz und wir schwiegen uns für fünf Minuten an. Dann jedoch drehte er sich zu mir und sagte: „No, actually the business is not fine.“ Er berichtete, dass viele seiner Stammkunden das Land nach Ausbruch von Covid-19 verlassen haben.
Vor Corona brachte Fekadu auch Kinder von Expats morgens zur Schule und holte diese wieder ab. Da die Schulen schon seit März geschlossen sind, gibt es auch diese Einkommensquelle nicht mehr. Früher musste Fekadu sogar manchmal Gästen absagen, da er so viele Fahrgäste und Termine hatte. Nun freut er sich über jeden Fahrgast, den er noch hat und der ihn anruft.“
„Fast ein Monat ist seit meinem letzten Eintrag in das Corona-Tagebuch vergangen. Da sich die Covid-19-Fallzahlen in Äthiopien noch Anfang Mai in Grenzen hielten, sah es für eine Weile so aus, als würde sich das Virus nicht so schlimm ausbreiten wie zu Beginn befürchtet. Diese Hoffnung ist allerdings in den letzten vier Wochen verschwunden.
Seit dem 24. Mai, als es auf einmal 88 Neuinfektionen an einem Tag gab, steigen die Neuinfektionen rapide an. Das zeigt deutlich, dass die sogenannte „Community Transmission“, also die Übertragung außerhalb der bis dahin bekannten Ansteckungsketten, in vollem Gange ist. Inzwischen verzeichnet jede Region in Äthiopien Corona-Infizierte. Es ist schon bedenklich, dass sich die Zahl der Infizierten vom 16. Mai bis zum heutigen Tag von 306 auf 3.521 mehr als verzehnfacht hat.
Das jüngste Corona-Opfer war 19 Jahre alt
Aktuell gibt es 60 Todesfälle durch Covid-19 in Äthiopien zu beklagen, wobei das jüngste Opfer gerade einmal 19 Jahre alt war. Auch hier entwickeln also keineswegs nur ältere Menschen schwere bis tödliche Verläufe. Jedoch überlasse ich die Frage, inwiefern Vorerkrankungen wie Tuberkulose den Krankheitsverlauf beeinflussen, lieber den Virologen.
Auch in zwei Projektregionen von Menschen für Menschen gibt es die ersten vereinzelten Fälle von Covid-19: In der Kleinstadt Seyo im Projektgebiet Dano hat sich ein junger Mann mit Corona infiziert und wurde in das nächstgelegene Quarantänezentrum in Guder eingewiesen. Auch eine 17-Jährige in der Region Ginde Beret ist Anfang Juni erkrankt und begab sich in Quarantäne. Ihre Kontakte wurden glücklicherweise negativ getestet.
Regelmäßiges Fiebermessen überall
Wie hat sich jedoch das Alltagsleben in den letzten vier Wochen entwickelt? Wenn man hier in Addis Abeba keine Maske in der Öffentlichkeit trägt, könnte man recht schnell Ärger mit der Polizei bekommen, die rigoros die Einhaltung der Maskenpflicht kontrolliert. Generell ist die Polizeipräsenz deutlich angestiegen: Sie stehen an Bushaltestellen, sorgen dafür, dass Abstand gehalten wird, und begleiten Mitarbeiter vom Gesundheitsamt, die von Tür zu Tür gehen und Fieber messen.
Die Vorsichtsmaßnahmen beschränken sich dabei nicht nur auf die Großstädte. Dies erlebte ich vor zwei Wochen selbst, als ich mit meinen Freunden nach langer Zeit mal wieder aus Addis raus gefahren bin. Wir sind nach Ankobar, der alten Kaiserstadt von Menelik II., gereist, um dort das Wochenende in der Natur fernab von Addis zu verbringen. Selbst in dieser sehr ländlichen Gegend wurden wir zweimal von der Polizei und der lokalen Gesundheitsbehörde zum Fiebermessen angehalten.
"Corona-Normalität"
Nichtsdestotrotz habe ich das Gefühl, das sich bei den Menschen trotz der steigenden Infektionszahlen eine gewisse „Corona-Normalität“ eingebürgert hat. Wie ich schon mehrmals in diesem Tagebuch erwähnt habe, ist ein Lockdown in einem Land wie Äthiopien nur schwer bis kaum möglich umzusetzen. Die meisten Menschen sind darauf angewiesen ihrer täglichen Arbeit nachzugehen, um das Überleben ihrer Familie zu sichern. Das Leben muss daher weitergehen. Trotz Corona.
In Rahmen der Gesprächsreihe “n2s im Gespräch”, in der der Fußballstar und Leiter seiner Stiftung sich mit Ansprechpartnern vor Ort über die aktuelle Corona-Lage austauscht, hat Neven Subotic auch unseren Tagebuch-Autor Henning Neuhaus eingeladen, über den neuen Lebensalltag in Äthiopien zu berichten. Entstanden ist ein spannendes und informatives Gespräch über die Auswirkungen des Ausnahmezustands und die Veränderungen im gesellschaftlichen Leben sowie in unserer Entwicklungsarbeit.
Den heutigen Tagebuch-Eintrag gibt es deshalb im Videoformat – viel Spaß beim Anschauen!
Prototyp soll in Serienproduktion gehen
Muluneh gibt also sofort unseren Kollegen Bescheid, die Materialien auf einen LKW zu verladen. Leichter gesagt als getan. Immerhin steht in unserem Lager ein ganzer Frachtcontainer voll mit 6000 Gesichtsmasken, 1580 Flaschen Handdesinfektionsmittel und 2000 Flaschen Flüssigseife mit einem Gesamtwert von knapp 12.300 Euro, dessen Inhalt nun auf einen Lastwagen verladen werden muss.
Hilfsgüter im Stau von Addis Abeba
Die Hilfsbereitschaft ist groß
Die Lösung ist aber schnell gefunden. Wie so oft hier in Äthiopien ist die Hilfsbereitschaft untereinander groß und eine Gruppe Jugendlicher, die sich in der Nähe des Büros aufhalten, erklärt sich sofort bereit, den Truck mit Hilfsgütern zu entladen. „Das sind Materialien für unsere Mitmenschen. Selbstverständlich helfen wir da sofort“, sagt einer der jungen Männer. In Windeseile ist der LKW entladen und die Dankbarkeit und Erleichterung bei allen Beteiligten groß. Für uns kann der Feierabend kommen und für die Menschen in Oromia die dringend benötigte Hilfe zum Schutz vor Covid-19.“
Preissteigerungen auch im ländlichen Äthiopien
Gefahr durch Grenzgänger
Als ich heute im Büro war, habe ich direkt meine liebe Kollegin Bizu gefragt, wie es ihr ergeht. Bizu macht nicht nur den besten Kaffee von Bole Bulbula, sie ist auch immer für einen Scherz zu haben und wir lachen viel und gerne zusammen. Als ich mir dann meinen üblichen Morgenkaffee bei Bizu einschenke, kommen wir ins Gespräch über den Ramadan.
Lebensmittel und Geld für die ärmeren Familien
„Jetzt können wir das natürlich nicht so machen. Es ist ja gerade nicht möglich, so viele Menschen auf einmal bei uns im Haus haben, weil das ja auch gegen die Regularien der Regierung verstößt. Daher haben wir uns im Viertel organisiert und verteilen Lebensmittel und etwas Geld an die ärmeren Familien in unserer Nachbarschaft, damit diese auch mit ihren Familien ‚Iftar‘ zelebrieren können.“
Auf das Wesentliche besinnen
Nach unserem Gespräch möchte ich noch ein Foto von Bizu machen und wir lachen wieder, weil sie sagt: „Henning, man sieht doch gar nichts von mir auf dem Bild!“
„Normalerweise sind innige Begrüßungen hier in Äthiopien sehr üblich. Als Zeichen des Respekts und der Freude wird aus einem Handschlag schnell eine innige Umarmung. In Zeiten von Covid-19 hat sich dies natürlich geändert – eine der ersten Präventivmaßnahmen hier im Land war das Verbot von Händeschütteln.
Da die Menschen aber trotzdem gerne ihre Respektbekundung zur Begrüßung beibehalten wollen, hat sich in den vergangen Wochen recht schnell eine neue Form der Begrüßung eingebürgert: Hand aufs Herz und eine kleine Verbeugung!
Eine der ersten, der diese neue Form der Begrüßung nutzte, war Takele, der Wächter auf unserem Grundstück. Jedes Mal, wenn wir uns seitdem sehen, begrüßen wir uns auf diese Weise. Ich finde dies sehr rührend und habe es daher heute kurz im Video für euch festgehalten:
„Das Projektgebiet Borena liegt knapp 600 Kilometer nördlich von Addis Abeba, seit 2011 betreibt Menschen für Menschen dort ein integriertes ländliches Entwicklungsprojekt. Der Hauptort Mekane Selam ist in den letzten neun Jahren von einer verschlafenen Ortschaft zu einer mittelgroßen Stadt mit rund 15.000 Einwohnern angewachsen.
Inzwischen gibt es dort eine Universität, eine Berufsschule und diverse Hotels, die die Stadt mit Leben füllen. Mich hat interessiert, wie die aktuelle Situation in kleinen und mittelgroßen Städten wie Mekane Selam ist und daher habe ich gestern unseren dortigen Projektmanager Adane Negus angerufen. Dieser war gerade auf den Rückweg von seinen Osterferien und fuhr von Addis Abeba nach Mekane Selam. Da das Handy am Ohr während dem Auto fahren in Äthiopien genauso verboten ist wie bei uns, hat er mich auf den nächsten Morgen vertröstet.
Polizei kontrolliert und misst Fieber
Heute morgen berichtete Adane mir dann, dass er während der zehnstündigen Autofahrt an diversen Checkpoints der Polizei vorbeikam. Dort wurde kontrolliert, ob er die vorgeschriebene Personenanzahl in seinem Fahrzeug einhält. Auch Überlandbusse fahren vereinzelt wieder von Addis aus durch das Land. Allerdings nur, wenn sie maximal die Hälfte der möglichen Passagiere mitnehmen und somit in dem Fahrzeug genügend Abstand zwischen den Fahrgästen ist.
Nach Mekane Selam geht die Strecke über den blauen Nil und eine steile Serpentinenpiste führt durch vertrocknete Schluchten bergauf in die Kleinstadt. Kurz vor dem Ortseingang, so berichtet Adane, gab es erneut einen Checkpoint. Hier wurde erneut die Anzahl der Passagiere überprüft und es wurde auch bei jedem Fieber gemessen. Ist die Körpertemperatur zu hoch, geht es direkt und ohne Umweg in die örtliche Quarantäneeinrichtung.
Auf meine Frage, wo denn die Verdachtsfälle untergebracht werden, antwortet Adane, dass die derzeit geschlossene Universität zur Quarantänestation umfunktioniert wurde. Wer allerdings etwas mehr Komfort möchte und es sich leisten kann, der kann auf eigene Rechnung auch in eines der Hotels gehen, das ebenfalls für diesen Zeck umfunktioniert wurde. Adane sagt, dass sich aktuell 20 Personen in Mekane Selam in Quarantäne befinden.
Wochenmarkt auf die ganze Stadt verteilt
In einem meiner vorigen Tagebucheinträge habe ich über Tesfa berichtet, unseren stellvertretenden Projektmanager in Dano, der besorgt war, dass viele Menschen sich auf den Wochenmärkten tummeln. Adane hingegen erzählt, dass in der Stadt Mekane Selam der Wochenmarkt nicht mehr nur auf dem Marktplatz stattfindet, sondern die einzelnen Stände auf das ganze Stadtgebiet verteilt wurden, um die soziale Distanz besser zu wahren.
Wie überall in Äthiopien muss auch in Mekane Selam das Leben einigermaßen weitergehen, wenn auch mit der gebotenen Vorsicht. „Die Menschen sind zwar aufmerksam, aber nicht in Panik. Überall in der Stadt gibt es Handwaschgelegenheiten“, erzählt Adane. „Auch wir haben diese nicht nur am Eingang zu unserem Büro, sondern auch in unseren zahlreichen Baumschulen im Projektgebiet aufgebaut.““
„Gestern war ein besonderer Tag in meinem Corona-Äthiopien. Wie üblich in den vergangenen Wochen twitterte die äthiopische Gesundheitsministerin Dr. Lia Tadesse pünktlich um 13 Uhr das tägliche Covid-19-Update. Wie schon im Blog berichtet, erfahren wir, wie viele Menschen getestet wurden und wie viele Neuinfektionen es in den 24 Stunden zuvor gegeben hat.
Gestern kam die frohe Nachricht, dass es innerhalb von 24 Stunden erstmals keine neuen bestätigten Fälle im Land gab. So bleibt der aktuelle Stand bei 116 bestätigten Fällen.
Natürlich gibt es immer eine Dunkelziffer, aber trotzdem habe ich den Eindruck, dass das Krisenmanagement und die rasch eingeleiteten Maßnahmen hier in Äthiopien eine schlimmere Ausbreitung des Virus soweit verhindert haben.
Corona-Testkapazitäten hochgefahren
Betrachtet man zum Beispiel Äthiopiens Nachbarstaat Djibuti, ist Lage prekärer: In dem Zwergstaat mit 959.000 Einwohnern gibt es laut Johns Hopkins Universität aktuell 986 bestätige Fälle von Covid-19. Das ist andererseits wenig überraschend, wenn man bedenkt, dass sich die Welt in Djibuti mit seinen Militär- und Handelshäfen sprichwörtlich die Klinke in die Hand gibt.
Auch bemerkenswert ist, wie Äthiopien in den letzten die Testkapazitäten hochgefahren hat. Beispielsweise konnten am 30. März gerade mal 66 Tests auf Covid-19 durchgeführt werden. Vorgestern waren es inzwischen innerhalb von 24 Stunden 965 Tests.
Riesiges Quarantäne-Zentrum in Addis
Aber sind die verhältnismäßig geringen Fallzahlen in Äthiopien ein Indikator dafür, dass das Schlimmste schon überstanden ist? Definitiv nicht. Wie ich berichtet habe, war vergangenes Wochenende das äthiopische Osterfest, die Menschen waren auf den Märkten einkaufen und haben gefeiert. Gut möglich, dass die Fallzahlen in den nächsten Wochen weiter ansteigen.
Gesundheitsministerin Tadesse twitterte kürzlich, dass die größte Veranstaltungshalle, die Millenium Hall in Addis Abeba, zu einem riesigen Corona-Quarantäne-Zentrum umfunktioniert wurde. Noch sind die ganzen Betten dort leer. Ich hoffe inständig, dass das auch so bleibt.
https://twitter.com/AbiyAhmedAli/status/1251814397414125568
150 Kinder im Alter bis 17 Jahren haben dort ein neues Zuhause gefunden, in dem sie nicht nur eine Schulausbildung erhalten, sondern in ihren Betreuerinnen auch eine Zweitfamilie gefunden haben. Ich habe mich gefragt, wie das Kinderheim mit der Corona-Situation umgeht. Mein Kollege Muluneh hat daher bei Abebe Wolde, dem Leiter des Kinderheims, genauer nachgehakt.
TV-Unterricht in der Selbstisolation
Das Kinderheim hat sich sozusagen in die freiwillige Selbstisolation begeben, um Mitarbeiter und Kinder zu schützen. Wer von den Mitarbeitern in Abdii Borii entbehrlich ist, wurde nach Hause beziehungsweise ins Homeoffice geschickt. Auf dem Gelände des Kinderheims befinden sich nur Abebe Wolde, eine Krankenschwester, ein Fahrer, drei Köchinnen und pro Haus eine Betreuerin.
Wie überall in Äthiopien ist auch die hauseigene Schule vorerst geschlossen und die Lehrkräfte sind zu Hause. Damit den Kindern ohne Unterricht nicht langweilig wird, hat das äthiopische Fernsehen den Bildungsauftrag übernommen. Täglich werden Sendungen mit unterschiedlichen Bildungsinhalten ausgestrahlt.
Isolation so angenehm wie möglich gestalten
Generell, meinte Abebe, sei die Stimmung in Abdii Borii den Umständen entsprechend gut und alle versuchen, den Kindern die Isolation so angenehm wie möglich zu gestalten. „Abdii Borii“ bedeutet auf Oromifa übrigens „Hoffnung auf morgen“. Ein Leitspruch, den wir uns alle in dieser Zeit zu Herzen nehmen sollten.
Es ist nicht unüblich, ein Schaf, eine Ziege oder als ganze Nachbarschaft sogar einen Ochsen zu schlachten. Was aber bei keinem äthiopischen Osterfest fehlen darf, ist „Doro Wot“. Ein scharfer Hühnereintopf, der zusammen mit dem traditionellen Brot „Injera“ gegessen wird. Wenn man üblicherweise am Ostersonntag durch Addis läuft, fällt nicht nur auf, dass die Menschen sich in ihrer besten Festtagskleidung herausgeputzt haben, sondern dass sie diesen so wichtigen Tag in vollen Zügen genießen.
Polizisten vor geschlossenen Kirchentoren
Ruhiger Ostersonntag in Addis
Trotzdem hielten sich die Menschen zum größten Teil an die Vorgabe, die Feierlichkeiten am Ostersonntag nur im kleinen Familienkreis zu begehen. Am Ostersonntag war es wie erwartet sehr ruhig in Addis. Hier und da gingen Leute in Festtagskleidung spazieren, Autos waren kaum unterwegs.
"Corona kann uns das nicht nehmen"
Ich war ziemlich überrascht darüber, dass Ethiotelecom, der staatliche und einzige Mobilfunkanbieter, schon in der ersten Woche von Corona in Äthiopien eine simple aber geniale Idee hatte, um auch in den tiefsten Winkel dieses Landes jeden über Covid-19 zu informieren. Bei jedem Telefonanruf – egal ob mobil oder Festnetz – wurde das klassische Freizeichen durch eine automatische Ansage auf Amharisch ersetzt, die über Symptome von Covid-19, Prävention und Hilfe über informiert.
Corona-Aufklärung per Megafon
Ostern ohne Ochsen
Die Äthiopier, mit denen ich mich in letzten Tagen unterhalten habe, meinten, dass sie dieses Osterfest nur im engsten Kreis der Familie feiern werden. Es werden nicht wie sonst Ochsen geschlachtet und auch die Großfamilie wird nicht zusammenkommen. So ein Osterfest gab es meines Wissens noch nie in der äthiopischen Geschichte. Ich werde euch am Montag dann meine Eindrücke schildern.
Ich war in Kontakt mit einer Gruppe von Jugendlichen, die sich selbst organisiert hatten, und wir hatten geplant uns am vergangenen Donnerstag für ein Interview zu treffen. Sie riefen mich an und meinten, dass sie sehr beschäftigt seien und sich gerne am darauffolgenden Freitag mit mir treffen wollen. Jedoch wurden unsere Pläne endgültig über den Haufen geworfen, als die äthiopische Regierung am Freitagnachmittag den landesweiten Ausnahmezustand ausrief.
Seit letzter Woche gilt der landesweite Ausnahmezustand
Am Freitag und am Samstag war noch ziemlich unklar, welche neue Regelungen der Ausnahmezustand genau beinhaltet. Viele waren besorgt, ob nun die Ausgangssperre kommt. Erst am Sonntagabend gab es für mich Klarheit, als die Deutsche Botschaft eine Übersetzung der Regelungen an alle Deutschen in Äthiopien verschickte.
Keine Treffen mit mehr als vier Personen
- Jegliche Art von Treffen mit mehr als vier Personen sind untersagt
- Händeschütteln ist verboten
- Es ist verpflichtend, im öffentlichen Raum einen Mundschutz zu tragen. Dabei sind auch Eigenkreationen erlaubt – solange man nur etwas vor dem Mund hat
- Öffentliche Verkehrsmittel und Privatfahrzeuge dürfen nur noch mit maximal der Hälfte der möglichen Passagiere besetzt sein
- Kinos und sonstige Unterhaltungseinrichtungen bleiben geschlossen
- Vermieter dürfen die Miete nicht erhöhen und Arbeitnehmer wegen Covid-19 nicht entlassen werden
Das Lächeln ist noch zu sehen
Die Lage wird ernster
Jetzt ist jeder Tag Weltgesundheitstag
Es mangelt an Grundlegendem
Menschen für Menschen hat daher die dringend notwendige Soforthilfe gestartet, um die mehr als 1 Million Menschen in unseren Projektgebieten – so gut wie es nur möglich ist – vor der sich immer weiter ausbreitenden Pandemie zu schützen. Es geht nicht nur um Schutzausrüstung und Medikamente, sondern auch um Hygienetrainings und sauberes Wasser.
Unsere Soforthilfe gegen eine weitere Verbreitung in Äthiopien
Hier geht’s zu unserer Corona-Soforthilfe-Aktion!
Wir haben unsere EntwicklungsberaterInnen und SozialarbeiterInnen darauf angewiesen, auf Gemeindeebene zusammen mit einflussreichen Personen, wie Bürgermeister, Ältestenräte oder religiösen Vertretern, ein Bewusstsein für Covid-19 bei den Menschen zu schaffen. Dieses Bewusstsein versuchen alle MitarbeiterInnen und auch ich persönlich bei den Menschen zu stärken.
Den Menschen hier ist das sehr bewusst. Sie haben davon entweder bereits im Fernsehen, im Radio oder einige wenige auch bei Facebook gelesen beziehungsweise gehört. Also aus den Medien, aus denen sie ihre tagtäglichen Informationen beziehen. Aber auch die Bezirksverwaltung und andere Regierungsbehörden versuchen die Menschen über das Coronavirus aufzuklären.
Was wissen die Menschen in Kachisi über die Covid-19-Situation in Europa und den Rest der Welt?
Den Leuten hier ist die weltweite Lage durchaus bewusst.
Auch die wissen wie die Lage in Äthiopien und in Europa ist. Faszinierenderweise berichtet die Bevölkerung, egal ob hier in Kachisi oder in einem abgelegenen Dorf, dem Gesundheitsamt im Bezirk, wenn Neuankömmlinge ankommen. So können diese erst einmal isoliert und ihre gesundheitliche Entwicklung beobachtet werden. Es gibt aktuell einige Leute, die aus den arabischen Ländern nachhause kamen, sich in Quarantäne begaben und noch unter Beobachtung des Gesundheitsamts stehen.
Alle Menschen, egal ob in den städtischen oder ländlichen Gebieten, waschen sich regelmäßig die Hände. Gerade jetzt zeigt sich, wie wichtig es ist, in den entlegenen Dörfern durch den Bau von Brunnen den Zugang zu sauberem Wasser zu sichern. Die Menschen haben außerdem ihre physischen Kontakte, wie zum Beispiel Händeschütteln, sehr stark minimiert. Allerdings muss vor allem die soziale Distanz der Leute noch stärker umgesetzt werden.
Sicherlich bieten die meisten Masken keinen hundertprozentigen Schutz vor COVID-19, jedoch ist der massenpsychologische Effekt als Zeichen des Bewusstseins für den Ernst der Lage und auch der Höflichkeit unbestreitbar. Die Maske zeigt, dass ich mich und andere schützen will, auch wenn ich keinerlei Symptome habe.
Kritisch beäugt ohne Atemschutzmaske
Ich fühlte mich schlecht und versuchte so schnell wie möglich meinen Einkauf zu beenden und das Weite zu suchen. Ich werde heute noch versuchen, mir über Bekannte eine eigene Atemschutzmaske zu organisieren, damit mir für die Zukunft unangenehme Szene wie diese erspart bleiben.
In dieser misslichen Lage machte er jedoch folgende Beobachtung: Er sah, dass die Straßenreinigungskräfte, Schuhputzer, Polizistinnen und Polizisten täglich auf den Straßen von Addis mit vielen unterschiedlichen Menschen zu tun haben. Ihm wurde klar, dass diese Berufsgruppen einer besonderen Ansteckungsgefahr durch COVID-19 ausgesetzt sind. Da kam ihm die Idee, wie er seinen Mitmenschen helfen kann.
Mobile Handwaschanlage für 150 Menschen
Yosef will seinen Mitmenschen helfen, nicht Geld verdienen
Inzwischen hat er sogar vom äthiopischen Gesundheitsministerium die offizielle Erlaubnis, seine mobile Handwaschanlage auf den Straßen von Addis von jedem nutzen zu lassen. „Mein größter Wunsch wäre, wenn so viele Autobesitzer wie möglich sich diese Vorrichtung an ihrem Fahrzeug installieren und damit auf den Parkplätzen ihren Mitmenschen helfen würden.“
In Addis selbst gab es am Wochenende zum ersten Mal gespenstische Szenen, wie man sie bisher nur aus Europa oder den USA kannte: ausgestorbene Straßen, kaum Fußgänger und geschlossene Geschäfte. Einen besonders bizarren Moment erlebte ich, als ich am Samstag tanken fahren wollte. Entlang der Bole Road, eine der wichtigsten Hauptstraßen in Addis, waren auf der rechten Spur überall Fahrzeuge geparkt.
Lange Schlangen vor den Tankstellen
Angst vor dem Lockdown
Ob diese Angst begründet ist, bleibt fraglich, da Tankstellen definitiv als „systemrelevant“ zu sehen sind. Nichtsdestotrotz zeigt es, dass die Menschen Angst vor einem möglicherweise kommenden Lockdown haben und sich auf alle Eventualitäten vorbereiten.“
Die Ersten, die es hier in Äthiopien traf, waren vergangene Woche die Nachtclubs und Bars, die auf Anordnung der Regierung sofort schließen mussten. Einige Restaurants, wie meine Lieblingspizzeria, arbeiten nur noch im Lieferdienst oder für Selbstabholer. Es ist sind aber nicht nur die Gastronomiebetriebe hier in Addis, die die Folgen von COVID-19 aktuell zu spüren bekommen.
Geschäfte und Straßen verwaist
Auch Ethiopian Airlines von Corona bedroht
Diese Eindrücke verheißen für ein schon vor COVID-19 wirtschaftlich schwaches Land wie Äthiopien nichts Gutes. Es wird wohl für die Regierung hier kaum möglich sein einen Rettungsschirm aufzuspannen, wie es in Deutschland für bedrohte Existenzen geplant ist. Daher könnten die wirtschaftlichen Folgen für Äthiopien weitaus verheerender sein als das Virus an sich.“
Wieder daheim wollte ich mir noch einmal ein Bild der Lage machen und bin an die große Hauptstraße nah meines Hauses gegangen. Ich beobachtete für eine Weile das für Addis-Verhältnisse entspannte Verkehrsgeschehen. Und tatsächlich: Die Minibusse waren längst nicht so überfüllt wie ich dachte. Fast zwischen jedem Fahrgast war ein Sitzplatz frei. Langsam bekomme ich das gute Gefühl, dass die Menschen den Ernst der Lage verstanden haben und sehen, dass Händewaschen und soziale Distanz nur zusammen ein wirksames Mittel gegen COVID-19 sind.
Kaum Schutzmasken erhältlich
Außerdem erzählt er, dass kaum jemand eine Gesichtsmaske trägt. Das liegt aber daran, dass diese selbst in Addis inzwischen kaum noch erhältlich sind. Es ist also nicht verwunderlich, dass im ländlichen Raum gar keine Schutzmasken zu bekommen sind.
Für viele ist Corona noch eine weit entfernte Bedrohung
Inzwischen haben wir in Äthiopien elf bestätigte Fälle und es ist zu erwarten, dass die Zahl weiter steigen wird. Das liegt unter anderem daran, dass Jack Ma, der reichste Mann Chinas, 10.000 Testkits an Äthiopien gespendet hat und diese am Sonntag hier in Addis eingetroffen sind. Da nun mehr Menschen einfacher auf das Virus getestet werden können, glauben viele, somit ein realistischeres Lagebild zu erhalten.
Saubere Hände allein reichen nicht
This is good start!!! @BlenaSahilu @addisstandard @lia_tadesse @Ethiopialiveupd @EPHIEthiopia pic.twitter.com/wOePUrTiCt
— Bezawit Wondwosen (@bezawondwosen) March 22, 2020
I thank our Ayder Comp. Sp. Hospital & health professionals for spearheading our preparedness against #COVID-19 @MekUniETH – We are improving by each day & review our preparedness today. Our architecture students designed it. Pic Cr: Alazar pic.twitter.com/edWt9QDn23
— Kindeya Gebrehiwot, PhD, Prof (@ProfKindeya) March 23, 2020
Churchgoers in Axum today.
S O C I A L ⭕️ D I S T A N C I N G! pic.twitter.com/wvs91JZY4T— Meaza Gidey Gebremedhin (@meazaG_) March 22, 2020
Die Problematik ist das „Social Distancing“, also Abstand zu Mitmenschen halten, weil es der äthiopischen Kultur komplett widerspricht. Zwar ist es schön, auf Twitter oder Instagram zu sehen, wenn Betende vor einer Kirche Abstand halten oder wenn vor Busstationen Abstandsmarkierungen auf dem Boden zu sehen sind. Doch solche kreativen Ansätze kommen noch zu kurz. Erst heute hat Premierminister Ahmed Abyi auf Twitter eindringlich auf die Notwendigkeit hingewiesen:
https://twitter.com/AbiyAhmedAli/status/1242040780614709253
Dichtes Gedränge beim Gemüsehändler
Vor jedem Geschäftsgebäude heißt es nun Hände waschen oder desinfizieren. So war es auch bei dem Obst- und Gemüseladen, den ich ansteuerte. Auf Anordnung des Wächters vor dem Geschäft, wusch ich meine Hände mit reichlich Seife und betrat den Laden. Was ich dort vorfand, war allerdings kein „Social Distancing“, sondern dichtes Gedränge. Zwar trugen alle Angestellten in dem Geschäft einen Mundschutz, jedoch machte ich mir mehr Sorgen um die anwesenden Kunden auf engem Raum. Mit vollen Einkaufstaschen und einem unwohlen Gefühl im Bauch verließ ich das Geschäft.
Die Probleme mit "Social distancing"
Aber auch in den eigenen vier Wänden ist es fast unmöglich, soziale Distanz zu wahren. Mehrere Generationen wohnen meist auf engstem Raum zusammen, ein Äthiopier hat nur wenige Quadratmeter Wohnfläche zur Verfügung. In der äthiopischen Kultur ist körperliche Distanz ein Fremdwort: Die Menschen berühren sich beim Begrüßen ausgiebig, halten aus Zuneigung Händchen oder essen von einem gemeinsamen Teller, wenn sie freundschaftlich verbunden sind.
Weiterhin gibt es keinen starken Sozialstaat, der alle die auffängt, die von so einer Krise betroffen werden. Es ist sehr schwer – wenn nicht gar unmöglich – eine Stadt wie Addis Abeba in einen „Lockdown-Modus“ zu versetzen. Die Menschen müssen hier miteinander agieren, damit der Laden sprichwörtlich am Laufen bleibt.“
Es ist ein wunderschöner sonniger Morgen und der Straßenverkehr hat deutlich abgenommen. Wobei ich glaube, dass dies immer noch daran liegt, dass die Leute ihre Kinder nicht zur Schule bringen müssen. Die Geschäfte sind alle auf und erst herrscht reges Leben auf den Straßen von Addis.
Wie in den vergangenen Tagen tragen einige Schutzmasken und Gummihandschuhe. Inzwischen gibt es in Äthiopien neun registrierte Fälle. Nummer neun ist ein Australier, den ich persönlich kenne. Wir haben uns das letzte Mal auf einer Gartenparty vor fünf Wochen gesehen, als noch alles gut war. Jedoch bedrückt es einen, dass es die ersten Leute aus dem persönlichen Umfeld „erwischt“ hat.
Gummihandschuhe und Abstand halten im Büro
Desinfektionsmittel seit Tagen ausverkauft
Als ich ihm dann erzähle, dass die Infektionszahlen auch in Deutschland kontinuierlich nach oben gehen, reißt er die Augen auf. Addisu erzählt, dass er die ganze Woche versucht hat Desinfektionsmittel zu kaufen. „Selbst reiner Alkohol ist in allen Apotheken ausverkauft und überall sind lange Warteschlangen“, berichtet er mit ruhiger Stimme weiter.
Trotz der Sorgen wird auch noch gelacht
Als sich die Lage in Europa Anfang März tagtäglich zuspitzte, wurden diese Kontrollen verstärkt und Einreisende mussten einen Fragebogen über ihre vorigen Aufenthaltsorte ausfüllen. Diese Maßnahmen beschränkten sich jedoch nur auf den internationalen Flughafen. Wenn man diesen einmal verlassen hatte, war alles wie zu Zeiten vor COVID-19 in Äthiopien.
Bedrohung durch Coronavirus wird immer realer
In den darauffolgenden Tagen bemerkte man, dass der Virus zu einer immer realeren Bedrohung wird. Besonders in den sozialen Medien wurde auf Amharisch und Oromifa vermehrt darauf hingewiesen, sich die Hände regelmäßig und gründlich zu waschen und welche Symptome das Virus mit sich bringt. Das öffentliche Leben ging weiter wie bisher, nur dass einige Leute nun Gesichtsmasken trugen.
My generation… Proud of you !! pic.twitter.com/dC8kQTCxes
— Takele Uma Banti (@TakeleUma) March 18, 2020
https://twitter.com/SamuelDebebe9/status/1240286242673176577
Kein Händeschütteln mehr bei Menschen für Menschen
I want to give a special thank you to the pharmacists at the Kenema pharmacies. I see how late you all are working & your determination to get the resources to those that need it most. I want you to know your dedication will not be forgotten & I greatly appreciate you! pic.twitter.com/tUOgEEmBDM
— Takele Uma Banti (@TakeleUma) March 18, 2020
In unserem Büro verzichtet man auf gegenseitiges Händeschütteln. Die räumliche Distanz wächst. Genauso wie die Dunkelziffer der möglichen Infizierten. Im Netz steigerte sich die Anzahl der Postings mit sogenanntem „Awareness Content“ von Seiten der Regierung aber auch von Privatpersonen. Aber wie in Europa gibt es auch in Äthiopien Fake News und selbsternannte Experten versprechen durch krude Theorien Heilung oder gar Immunität.
Straßen leerer, Minibusse voll
Die Regierung teilt auf Twitter Fotos, auf denen öffentliche Anlagen zum Hände waschen und desinfizieren zu sehen sind. Der Straßenverkehr ist etwas weniger geworden, was daran liegt, dass niemand seine Kinder in die Schule bringen muss.
"Social Distancing" in Äthiopien kaum vorstellbar
Zur Begrüßung umarmt man sich und wenn man jemanden mag (egal ob Mann oder Frau), hält man auch gerne gegenseitig Händchen. Die Menschen teilen sich den Wohnraum und die Sanitäreinrichtungen. Ein Leben in sozialer Distanz ist für die meisten Menschen kaum vorstellbar. Alles ist sehr beunruhigend.“
Das Coronavirus und Menschen für Menschen: Antworten auf die wichtigsten Fragen