Stein um Stein
Blocksteine als Fundament
Die Arbeitslosigkeit unter jungen Äthiopierinnen und Äthiopiern ist hoch. Vor allem abseits der größeren Städte fehlt es an Jobs. Das sorgt für sozialen Sprengstoff: Frustrierte junge Menschen verlieren das Vertrauen in die Regierung und lassen sich im schlimmsten Fall von extremen Kräften rekrutieren. Um den Frauen und Männern eine Perspektive zu bieten und ihnen zu zeigen, wie sie wirtschaftlich auf eigene Beine kommen können, organisiert Menschen für Menschen praktische Berufstrainings und unterstützt bei der Gründung von Mikrounternehmen.
Vom Berufstraining zur eigenen Existenz
Die Maschine vibriert und rattert, schüttet die Mischung aus Zement, Kieselsteinen, Sand und Wasser in die Formen. Die Männer füllen mit Schaufeln nach, einer von ihnen zieht an einem Hebel, presst das Gemisch zu Hohlblocksteinen. „Sie so perfekt geformt vor mir zu sehen, ist immer der schönste Moment“, sagt der 35-Jährige Sesu Bekele. Gegen den Schmutz im Blaumann gekleidet, trägt er die fertigen Exemplare zum Trocknen in die Sonne. „Weiter geht’s“, ruft er seinen Kollegen zu. Gemeinsam betreiben sie seit etwas mehr als einem Jahr die Blocksteinproduktion in Alga, im Herzen des Projektgebiets Nono Benja.
Sesu ist rund 18 Kilometer von der Kleinstadt entfernt aufgewachsen, als einer von sechs Geschwistern. Seine Eltern waren Landwirte. Auf ihrem kleinen Acker bauten sie Teff und Mais an. Die Ernte reichte gerade so für die ganze Familie. Als sein Vater plötzlich erkrankte, musste Sesu die Schule abbrechen. Er half auf dem Feld und verdiente in einer Getreidemühle etwas Geld für die Familie dazu. „Das war eine wirklich schwierige Zeit“, erinnert er sich. Mit Anfang zwanzig zog er nach Alga. Hier, so glaubte er, gäbe es bessere Jobchancen. Er half auf Baustellen aus, assistierte dort meist einem Tischler. So sammelte er Erfahrung und verdiente etwas mehr Geld als zuvor. Doch ein sicheres Einkommen bot der Tagelöhner-Job nicht.
Als er von den Berufstrainings hörte, die Menschen für Menschen in Nono Benja plante, meldete er bei der Bezirksbehörde sofort sein Interesse an. Gemeinsam mit der Stiftung suchte diese anhand der Vorkenntnisse die passendsten Kandidatinnen und Kandidaten aus. In einem 20-tägigen Workshop lernten Sesu und die anderen Männer dann die unterschiedlichen Mauersteinformen kennen. Sie verstanden, wie sie Zement und die anderen Bestandteile richtig zusammenmischen und wie die Presse zu bedienen ist. Außerdem lernten sie in einem Gründertraining unter anderem, wie man einen Geschäftsplan erstellt. Die Behörden wiesen ihnen daraufhin ein Grundstück zu, Menschen für Menschen errichtete ein kleines Lager aus Wellblech, stellte die Maschine sowie Schaufeln, Schubkarren, Wassertonnen und einige Säcke mit Zement und Sand-Stein-Aggregat.
„Das ist unser Starter-Set“, erklärt Fayesa Dejene. Der 28-jährige Stiftungsmitarbeiter ist für die neu gegründeten Kleinunternehmen verantwortlich. „Es gibt heute Stein-, Seifen- und Speiseölhersteller, vier Friseur-Salons und eine Gruppe, die mit Butter handelt“, zählt Fayesa stolz auf. „Mit den Männern bin ich sehr zufrieden“, lobt er Sesu und seine Kollegen.
Wie viele Kleinstädte in Äthiopien wächst auch Alga stetig. Es entstehen neue Wohnhäuser, Behörden und Schulen werden ausgebaut, Geschäfte brauchen Räumlichkeiten. Und da die Männer die einzigen sind, die lokal Steine herstellen, haben sie mittlerweile Bestellungen für mehr als 2.000 Stück. Etwa die Hälfte haben sie bereits ausgeliefert und damit 65.000 Birr, umgerechnet rund 1.000 Euro, verdient. Knapp 28.000 Birr (430 Euro) gaben die Männer für Rohmaterialien aus, außerdem zahlen sie sich jeweils 130 Birr (2 Euro) am Tag als Lohn aus. Wenn das Geschäft weiterhin so gut läuft, planen sie, irgendwann eine größere Maschine zu kaufen
„Die kann dann statt zwei sechs Steine auf einmal produzieren“, erklärt Sesu begeistert. Mit seinem festen Einkommen möchte er seinen Sohn bei seiner schulischen Laufbahn unterstützen, die für ihn selbst so früh endete. „Und wer weiß, vielleicht gehe ich selbst noch einmal zur Schule,“, sagt Sesu und lacht. „Natürlich erst nach Feierabend.“