Foto von oben. Man sieht Mädchen Köpfe, die alle ein gelbes Tuch auf dem Kopf tragen.

Ein langer Kampf - der Weg der Aufklärung

06
Mai 2026

Land & Leute

Es gibt Momente, in denen Leid und Ungerechtigkeit so unerträglich sind, dass man schreien möchte. Momente, in denen man lieber wegsehen würde, statt noch mehr zu erfahren. Und doch sind es genau diese Augenblicke, in denen man bleiben muss. So wie Stiftungsgründer Karlheinz Böhm. In den 1990er-Jahren lernte er im ersten Projektgebiet von Menschen für Menschen in Ostäthiopien, im Erer-Tal, die neunjährige Safia kennen. Sie litt an Epilepsie. Böhm organisierte Medikamente, ihr Zustand besserte sich. Dann wurde er jedoch ins Krankenhaus gerufen. Dort fand er Safia mit zusammengebundenen Beinen, stark blutend. Sie war beschnitten worden. Kurz darauf starb das Mädchen.

 

„Ihr Schicksal motivierte ihn und die Stiftung, für ein Ende der Beschneidung zu kämpfen“, sagt Bahritu Seyoum, Mitglied des Leitungsteams der Stiftungszentrale in Addis Abeba. 1999 organisierte Menschen für Menschen eine große Anti-Beschneidungskonferenz im Erer-Tal. Mehr als 2.000 Teilnehmende kamen zusammen: christliche und muslimische Würdenträger, Frauenverbände, medizinisches Personal, Beschneiderinnen, Medienschaffende so wie Politikerinnen und Politiker.

Bahritu. Eine Frau in Anzug sitz an einem Tisch und redet.
Glaubt vor allem an die Macht von Bildung: Bahritu Seyoum.
mädchen stehen in der reihe bei einer Veranstaltung und lächeln.
Mädchen bei der Anti- Beschneidungskonferenz im Erer-Tal.

Wandel braucht Zeit

Am Ende stand eine Resolution, die einen sofortigen Stopp der Beschneidung forderte. Arbeitsgruppen für Schulaufklärung wurden gegründet, ebenso ein Komitee zur Umsetzung der Beschlüsse. Gemeinsam mit den Behörden startete die Stiftung Aufklärungskampagnen: Radiospots, Fernsehserien, Informationsarbeit. Ehemalige Beschneiderinnen wurden umgeschult, um neue Einkommensquellen zu erhalten. Die Initiative fand landesweit Beachtung, auch im Ministerium für Frauen und Kinder. „Es stieg in die Kampagnen mit ein“, sagt Seyoum. 2004 wurde die weibliche Genitalverstümmelung in Äthiopien schließlich offiziell verboten. „Wir haben zum Verbot beigetragen.“ Doch die Praxis ist bis heute nicht verschwunden. „Das Gesetz gibt es seit 20 Jahren, die Traditionen seit Hunderten“, sagt Seyoum. Wandel brauche Zeit – und er müsse aus der Bevölkerung selbst kommen.

Deshalb setzt Menschen für Menschen die Aufklärungsarbeit fort. Gemeinsam mit Behörden schult die Stiftung Dorfälteste und andere Schlüsselpersonen und informiert dabei auch über weitere schädliche Praktiken: Frühverheiratung, Brautentführung, das Ziehen von Milchzähnen bei Säuglingen oder die Entfernung des Gaumenzäpfchens bei Kleinkindern. „Die Rituale sind regional unterschiedlich verbreitet“, sagt Seyoum. „Daran passen wir die Inhalte der Workshops an.“

Wissen ermöglichen

Aufklärung allein reicht jedoch nicht: Ohne funktionierende Gesundheitsstationen entbinden Mütter nicht im Klinikum oder verhüten nicht. „Ohne Schule im Dorf können wir nicht erwarten, dass Eltern ihre Töchter in den Unterricht schicken, statt sie früh zu verheiraten“, sagt Seyoum. Sie hofft, dass durch das Engagement der Stiftung viele weitere Mädchen und Frauen aufgeklärt und ausgebildet werden, dass sie Zugang zu Gesundheitsversorgung und Einkommenschancen bekommen. Und ihr Wissen nutzen, um für ihre Rechte und ihre Gesundheit zu kämpfen.

Sie möchten noch mehr erfahren? Hier können sie eine Erfolgsgeschichte lesen, wie eine Mutter in ihrer Erziehung umdenkt und somit gegen schädliche Traditionen ankämpft.

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