Eine Mutter denkt um
Kampf gegen schädliche Traditionen
Umdenken durch Frauengruppen
„Toll gemacht“, sagt Meselech Teka und küsst ihre schmächtige Tochter sanft auf die Stirn. Sie selbst leitet einen Bibelkreis für Frauen in ihrer Gemeinde und ist von der Kraft Gottes überzeugt. Täglich betet sie vor allem dafür, dass er ihre sieben Kinder schützt. Ganz besonders Hiwot, ihre Jüngste. Bei ihr möchte Meselech alles richtig machen und nicht die gleichen Fehler begehen, wie bei ihrer älteren Tochter. Diese ließen sie und ihr Mann beschneiden. „Das hat jeder so gemacht“, sagt die 40-Jährige leise. Auch ihre Eltern bei ihr.
Es passiert im Verborgenen
„Es passiert im Verborgenen. Denn am Ende gilt nur, wer beschnitten ist, als rein“, erklärt Zerihun Gezahegn. Er ist Leiter des Projektgebiets Kawo Koysha, das Menschen für Menschen seit 2023 betreibt und in dessen Zentrum Lasho liegt. Nach der Vorstellung vieler Bewohnerinnen und Bewohner der Kleinstadt und der umliegenden Dörfer sei eine Frau erst danach bereit zu heiraten und Kinder zu bekommen. Der Eingriff soll zudem, so der Glaube, Emotionen wie Wut oder Eifersucht dämpfen. Die eigenen Töchter nicht beschneiden zu lassen, war lange undenkbar. Offene Gespräche darüber ebenfalls. Vielen, vor allem den Frauen, fehlte es an Wissen und Aufklärung. „Wie gefährlich das Ritual ist, wusste ich nicht“, sagt Meselech. „Heute schon…“.
Wandel durch Aufklärung
Meselech und die anderen erfuhren dort, welche gesundheitlichen Folgen weibliche Genitalverstümmelung haben kann: vaginale Infektionen, Komplikationen bei Geburten, Traumata und schwere psychische Belastungen. Viele Frauen können später kaum schmerzfrei Sex haben, oder ihn gar genießen. „Das endet häufig in Eheproblemen“, sagt Zerihun. „Und nicht selten in Polygamie.“ Polizeibeamte klären während des mehrtägigen Kurses über rechtliche Konsequenzen auf. Für eine Beschneidung drohen in Äthiopien Haftstrafen und Geldbußen. „Früher wurde das in meinem Dorf kaum verfolgt“, sagt Mekibeb Arka. Die 26-Jährige, die über ihrem traditionell bestickten Kleid eine moderne gelbe Jacke trägt, ist Leiterin des Kirchenchors ihrer Gemeinde und für das Seminar nach Lasho gereist. „Wenn ich heute mitbekäme, dass eine Familie es ihren Töchtern antut, würde ich sie sofort anzeigen.“
„Nach unseren Gesprächen über schädliche Traditionen denken viele um.“
Umfassende Unterstützung
So auch Meselech – auf ihre Weise. Dreimal pro Woche trifft sie sich mit Frauen aus ihrer Kirche. „Ich bereite Bibelstellen vor“ erzählt sie. „Wir lesen und interpretieren sie und suchen nach Parallelen zu unserem Leben.“ Sie sprechen über Kindererziehung, Partnerschaft, über Vielehen und weibliche Beschneidung. „Von dem Ritual steht nichts in der Bibel“, sagt sie. Vor Feiertagen, an denen es besonders häufig durchgeführt wird, warnt sie eindringlich. Sie erklärt Risiken und die Gesetzeslage und spricht über ihre Entscheidung dagegen. „Ich habe meine Fehler erkannt“, sagt sie. „Es wäre eine Sünde, andere nicht davor zu bewahren.“