Ein Mann der i der Hocke ist und an einem Feld arbeitet.

Ein Wald voller Kaffee

Ein Wald voller Kaffee

Ein Teil äthiopischer Tradition

23.07.2026

Sechs von zehn Menschen in Äthiopien leben von der Landwirtschaft. Doch die Erträge sind gering – erst recht, wenn der Regen ausbleibt. In der Not setzen viele auf intensive Monokulturen und roden Bäume für mehr Ackerfläche. Beides schwächt die ohnehin ausgelaugten Böden weiter. Wir zeigen den Menschen, wie sie ihr Land nachhaltiger bewirtschaften und nach dem Prinzip der Agroforstwirtschaft das Ökosystem stärken. So gedeiht auch Gemüse für eine ausgewogene Ernährung und auf dem Markt können die Landwirte mit ihrer Ernte zusätzliches Einkommen erzielen.

Unter dem Schatten der Bäume

Kelil Diga liebt Kaffee. Er trinkt ihn immer und überall: morgens, auf dem Feld, nach dem Gebet, am Abend. „Ich glaube, ich bin ein bisschen süchtig“, gibt der 59-Jährige zu und lacht. Früher kaufte Kelil die Bohnen für das äthiopische Nationalgetränk auf dem Markt nahe seines Heimatdorfes Dego, rund 270 Kilometer südwestlich der Hauptstadt Addis Abeba. Vor zwei Jahren konnte er zum ersten Mal seinen eigenen Kaffee probieren. „Er roch fantastisch und schmeckte so viel besser als jeder andere“, erinnert er sich.

Der Weg zu diesem Genuss war lang: Über zwanzig Jahre hatte Kelil versucht, den Arabica selbst anzubauen. Immer wieder scheiterte er: Einmal wollte ihm das Landwirtschaftsbüro der lokalen Regierung einige Setzlinge verkaufen. Kelil bereitete einen Teil seines Ackerlands vor und verkaufte zwei Ochsen für das nötige Bargeld. Dann stellte sich heraus, dass nicht genügend Pflanzen verfügbar waren. Ein anderes Mal vertrockneten ihm die jungen Sträucher auf dem Feld.

„Neben den Setzlingen fehlt es vor allem an Wissen“, sagt Tadesse Adele. Der Agrarfachmann von Menschen für Menschen unterstützt die Landwirtinnen und Landwirte bei der Umstellung ihrer Anbautechniken und dokumentiert als Monitoring- und Evaluationsbeauftragter ihre Fortschritte. „Kelil hatte den Kaffee mitten auf seinem,Acker gepflanzt, ohne jegliche Chance auf Schatten“, erklärt Tadesse. „Dabei ist die Arabica-Sorte darauf angewiesen und auf seinem Grundstück wachsen ausreichend Bäume.“

Kelil erhielt von der Stiftung Kaffeesetzlinge und er lernte, wie er sie anpflanzt – im richtigen Abstand unter dem schützenden Laubdach seiner Akazien und Silbereichen. Darunter wächst jetzt Ingwer. „Wir über zeugten ihn, den Wald für sich zu nutzen, statt ihn zu roden“, sagt Tadesse. Denn ursprünglich wollte Kelil die Bäume für den Anbau von Mais und Sorghum fällen.

Ein Familienfoto vor ihrem Haus
Kaffeebauer Kelil mit seinen Kindern. Kaffee ist wichtiger Bestandteil äthiopischer Tradition.

Nicht nur in Nono Benja setzt sich Menschen für Menschen für diese regenerative Form der Landwirtschaft ein. Rund 25.000 Bäuerinnen und Bauern in den 13 Projektregionen bauen ihren Kaffee inzwischen in Agroforstsystemen an – gemeinsam mit Schattenbäumen, Obst, Gemüse und Gewürzen. Durch diese Kombination stärken sich die Pflanzen gegenseitig. So wird der Boden geschützt, die Biodiversität gefördert und die Widerstandskraft gegenüber dem Klimawandel steigt.

Aber auch das Portemonnaie der Landwirte profitiert: Vor Kelils Haustür reihen sich heute Säcke voller Kaffeekirschen aneinander. Verkaufte er früher nur Sorghum, bietet er jetzt auf dem Markt neben Ingwer und Kaffee auch Papayas an. Deren Setzlinge stellte ebenfalls die Stiftung. Das bringt ihm ein zusätzliches Einkommen von 230.000 Birr (rund 1.270 Euro) pro Jahr. Geld, das die Familie reinvestiert: in einen separaten Stall, Haushaltsutensilien, Seife und Lebensmittel. „Wir leben gesünder“, sagt der achtfache Vater. Seine Kinder essen regelmäßig Obst, bei Erkältungen hilft frischer Ingwertee, und fehlt etwas, holen sie es auf dem Markt . Seitdem sich die Stiftung in der Region einsetzt, gibt es dort an den Ständen insgesamt eine reichhaltigere Auswahl an Gemüse und Obst.

In Zukunft möchte Kelil seine Kaffeeproduktion weiter ausbauen. Einen Teil des zukünftigen Gewinns will er ansparen, um sich irgendwann, so hofft er, einen Entpulper kaufen zu können. Der trennt die Bohnen vom Fruchtfleisch der Kaffeekirsche. „Dann könnte ich meinen Kaffee selbst verarbeiten und teurer verkaufen“, sagt der Landwirt. Einen Namen für seine Kaffeefirma hätte er auch schon: Namaf Namota – Menschen für Menschen.

„Die Kaffeebauern lassen ihre Wälder stehen. Für Baumaterial oder Feuerholz geben wir ihnen Setzlinge schnellwachsender Baumsorten.“

Tadesse Adele Monitoring- und Evaluationsbeauftragter in Nono Benja
Ein Mann in Porträt der Kaffee trinkt