Ein Mitarbeiter von MFM informiert Personen und steht an einem Auto mit mikrofon.

Endlich ein Hoffnungsschimmer

Endlich ein Hoffnungsschimmer

Der Blick nach vorn

29.07.2026

Im ländlichen Äthiopien mangelt es an medizinischer Grundversorgung. Zum nächsten Arzt oder Krankenhaus sind die Wege häufig lang. Dadurch können vermeidbare Krankheiten tödlich enden. Wir renovieren schlecht ausgestattete Gesundheitszentren auf dem Land, versorgen sie mit Möbeln und medizinischem Material. Außerdem führen wir kleinere Eingriffe am Auge durch, um Menschen von der bakteriellen Augeninfektion Trachom zu befreien. Und wir organisieren mit den lokalen Gesundheitsbehörden und ausgebildeten Ärzteteams Operationen am Grauen Star.

Augen voller Hoffnung

Langsam biegt der Geländewagen in die staubige Dorfstraße von Adi Kelebes ein. Auf dem Dach ist eine Lautsprecherbox befestigt. Musik wummert, dann ertönt die Stimme eines Mitarbeiters der Gesundheitsbehörde. „Habt ihr Probleme mit euren Augen? Dann lasst euch nächste Woche untersuchen!“

Sieben Tage fuhren im Herbst 2025 Mitarbeitende von Menschen für Menschen und der lokalen Behörden durch drei große Bezirke im äthiopischen Bundesstaat Tigray. Sie hielten auf Märkten, besuchten Kirchen, Moscheen, Schulen und Busbahnhöfe – auch in schwer erreichbaren Gebieten nahe der Grenze zu Eritrea. Dabei informierten sie über ihr Programm zur Augengesundheit: die Möglichkeit, sich kostenlos untersuchen zu lassen und bei einer fortgeschrittenen Grauen-Star-Erkrankung operiert zu werden. „Eine organisatorische Mammutaufgabe“, sagt Hayat Mohammed, Leiterin der Gesundheitsabteilung bei Menschen für Menschen, über die Kampagne. „Aber wir wollten, dass möglichst viele von der Aktion profitieren.“

„Da wir in Tigray kein eigenes Projektgebiet haben, war die Organisation der Kampagne anspruchsvoll. Aber durch die gute Zusammenarbeit aller Beteiligten waren wir erfolgreich.“

Hayat Mohammed Abteilungsleiterin Gesundheit bei Menschen für Menschen

In ganz Äthiopien ist die augenärztliche Versorgung schlecht. Nur rund 250 Fachärztinnen und -ärzte gibt es für die knapp 130 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner. In Tigray, wo zwei Jahre lang der Konflikt zwischen der äthiopischen Armee und Rebellentruppen tobte, ist die Lage noch angespannter. Kliniken wurden geplündert, Medikamente und Treibstoff waren knapp, Fahrten zu Untersuchungen oft zu gefährlich. „Das traf besonders die ländliche Bevölkerung“, sagt Meresa Gebreselaie Wagaya, Direktor des auf Augenmedizin spezialisierten Quiha-Krankenhauses in Mekelle, Tigrays Hauptstadt. „Nach dem Konflikt sind wir allein in dieser Region von mehr als 30.000 Menschen ausgegangen, die am Grauen Star leiden. Dabei ist die Operation für uns ein Routineeingriff.“

Ein Betroffener ist Gebre Egziabiher Hagos. Als er an diesem Morgen in Adi Kelebes die Durchsagen hört, kann er es kaum glauben. „Endlich ein Hoffnungsschimmer“, sagt er. Der 83-jährige Priester, dessen schmaler Körper in einem abgetragenen Anzug steckt, hält ein Holzkreuz in der Hand. Seit fast 40 Jahren leitet er die Kirchengemeinde des Dorfes. Das sei seine Berufung, erzählt er. Doch er wisse nicht, wie lange er noch predigen könne. „Auf meinem rechten Auge sehe ich kaum noch etwas“, sagt er. „Und auch mit dem linken wird alles immer verschwommener.“ Dadurch kann er nicht mehr in der Bibel lesen und im Gottesdienst daraus zitieren.

Ein alter Mann der sitzt und spricht. Er hat ein Buch und einen Stock in der Hand.
Gebre Egziabiher Hagos ist Priester im Dorf Adi Kelebes und wurde durch die Lautsprecherdurchsagen auf die Kampagne aufmerksam.

Begonnen hat es kurz nach dem Tod seiner Frau vor zehn Jahren. Deswegen fragte sich Gebre bisweilen, ob die vielen Tränen, die er um sie weinte, seine Augen geschädigt haben. Oder ob seine Beschwerden gar eine Strafe Gottes sind. Solcher Irrglaube stehe oft der Bereitschaft, sich behandeln zu lassen, entgegen, weiß Meresa Gebreselaie Wagaya. „Die Menschen ergeben sich in ihr Schicksal“, sagt er. „Hier braucht es mehr Aufklärung.“

Auch dazu trägt die Kampagne bei. An dessen Ende, einen knappen Monat nach der Fahrt durch Adi Kelebes, haben mehr als 14.000 Menschen ihre Augen untersuchen lassen. Bei 1.511 wurden behandelbare Krankheiten wie der Graue Star oder die Wimpernfehlstellung Trichiasis diagnostiziert und Operationen geplant. Menschen für Menschen übernahm Transport und Verpflegung der stationär aufgenommenen Patientinnen und Patienten und bezahlte die medizinischen Teams, die in drei Krankenhäusern der Region die Operationen vornahmen. „Mitzuerleben, wie Menschen wieder sehen können, wie sie tanzen, singen und beten, ist bewegend“, sagt Hayat Mohammed. „Dafür lohnt sich der ganze Aufwand.“