Die Monate von Juni bis September gelten vielen als schwere Zeit. Regen macht Wege unpassierbar, Flüsse treten über die Ufer, Ernten und Vieh sind gefährdet, man cherorts werden die Vorräte knapp. Mit Birraa endet diese Phase: Die Felder tragen wieder, das Leben wird leichter. Irreechaa markiert diesen Übergang – und ist ein großes Wiedersehen, bei dem Familien, Freunde und Nachbarn zusammenkommen.
Beim Ritual ziehen die Feiernden gemeinsam zu Seen oder Flüssen, tauchen frisches Gras und gelbe Blumen ins Wasser und besprenkeln sich damit. „Dabei singen und tanzen wir“, berichtet Dejene Mulisa. Das Fest ist tief im Gadaa-System verwurzelt, der traditionellen oromoischen Ordnung von Demokratie, Rechtsprechung und sozialer Verantwortung. Älteste erinnern mit Segenssprüchen an Werte wie Respekt, Gemeinschaft und den Einklang mit Gott,
den Menschen und der Natur. Historisch wurde Irreechaa lange nicht gefeiert: Sowohl das Militärregime der Derg als auch spätere Regierungen betrachteten das traditionelle Fest als rückständig oder politisch gefährlich. Erst in den 1990er Jahren wurde es offiziell wieder zugelassen. Seither steht es für kulturelle Wiederbelebung – und für politische Artikulation. Auf den Festzügen werden aktuelle Ereignisse kommentiert, zugleich stehen Frieden und die Einigung der Oromo aus unterschiedlichen Regionen, religiösen und politischen Hintergründen im Mittelpunkt. Auch Angehörige anderer Ethnien wie Sidama oder Konso feiern mit.
Der Schwerpunkt des Festes liegt in Bishoftu, südlich von Addis Abeba und in der Hauptstadt selbst, doch Irreechaa wird in ganz Oromia begangen, auch an Orten wie Ijaji. Das freut Schneider Dejene. An den Wänden seines Geschäfts in der Kleinstadt hängen Kleider, Hosen und Anzüge in typischen Oromo-Farben und -Mustern. Er hat sie entworfen, genäht und verziert – und in den vergangenen Wochen alle Hände voll zu tun gehabt. „Feiertage sind für mich jedes Jahr ein gutes Geschäft“, sagt er.