Ein Mann in grauem Anzug der auf eine Kaktusfeige zeigt.

Süß und stachelig - die Kaktusfrucht

21
Mai 2026

Aktuelles

Es gibt Früchte, die sind für Menschen so wichtig, dass über sie gesungen wird: „Oh mein Beles, du rettest mich durch diesen Sommer, bis die Gerste fröhlich heranwächst und mich erlöst“, heißt es in einem traditionellen Lied aus Tigray. Wer durch den nördlichsten Bundesstaat Äthiopiens fährt, entdeckt sie am Straßenrand, auf Hügelkuppen, an Berghängen und Flussufern. In Grün, Gelb oder Rot und übersät mit winzigen, piekenden Härchen thronen die Beles auf den Blättern des Feigenkaktus.

 

In der kargen Region ist die süßlich schmeckende Frucht für viele ein großer Bestandteil des Speiseplans. Zwischen Juni und November, wenn die Vorräte schrumpfen und die nächste Getreideernte noch nicht begonnen hat, werden die Beles reif. Sie sind reich an Vitaminen, Ballaststoffen und Antioxidantien und werden roh verzehrt – oder zu Saft gepresst und zu Marmelade eingekocht.

„Nicht nur die Beles, auch der Rest des Feigenkaktus ist wertvoll“, sagt Mitiku Haile. Seit Jahrzehnten beschäftigt sich der 74-jährige Professor für Bodenkunde mit dem Opuntia ficus-indica. Die Blätter dienen als Viehfutter. Sind sie noch jung und weicher, bereiten Menschen aus ihnen Salate zu. Tee aus den getrockneten Blüten soll gegen Prostata-Leiden helfen. Das Öl aus den Kaktusfeigenkernen gilt als Anti-Aging-Mittel.

Mann in grauem Anzug der vor einer Kaktuspflanze steht.
Er kennt sich aus mit dem Kaktus: Professor Mitiku Haile.
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Süß und stachelig ist die Kaktusfrucht.

Ursprünglich stammt der Kaktus aus Mexiko, wo er bis heute verbreitet ist. Spanische Missionare brachten ihn nach Europa, von wo aus er vor mehr als 150 Jahren nach Äthiopien gelangte. Vor allem in den Norden. Während die Kakteen vielerorts wild wachsen, pflanzen einige Landwirte sie gezielt an. Mit dem Erlös aus dem Verkauf der Früchte kaufen sie Kaffee, Zucker oder Speiseöl. Am Rand ihrer Felder dienen die stacheligen Pflanzen als Barrieren gegen wilde Tiere. „Der Kaktus gedeiht zudem an Orten, die für andere Feldfrüchte ungeeignet sind“, erklärt Mitiku. „Und seine Wurzeln helfen, degradierte Böden zu stabilisieren.“

Die Farbe der Laus

Auch der intensiv rote Farbstoff Karmin wird indirekt aus dem Kaktus gewonnen – genauer gesagt aus den Weibchen der Cochenilleschildlaus, die auf seinen Blättern leben. Die Insekten werden gewaschen, getrocknet und ausgekocht. Der pink- bis purpurrote Farbstoff färbt Textilien, steckt in Malerfarben und Lippenstiften – und gibt Campari seine Farbe.

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Doch die Ausbreitung der Laus hat auch eine Schattenseite: Ist sie zu stark, wie im Süden Tigrays, schwächt sie die Pflanze und kann ihre Bestände dezimieren. Professor Mitiku Haile hofft, dass es den Kakteen noch lange gut geht in Tigray. Damit auch künftig Beles an Straßenrändern, Berghängen und Gärten reifen – und die Menschen weiter über sie singen.

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