Junge Frau hält lächelnd einen großen Flaschenkürbis im Freien, im Hintergrund sind runde Hütten zu sehen.

Butterfass, Rassel, Becher - die vielfältige Nutzung des Flaschenkürbisses

12
Jan. 2026

Aktuelles

Genet Lelisa sitzt auf einem kleinen Holzschemel im Garten ihrer Familie. In ihrem Schoß liegt ein großer, hellbrauner Flaschenkürbis. Sie wippt ihn von einem Bein aufs andere. Die hohle Kalebasse ist gefüllt mit einigen Litern Dickmilch, sie gluckert hin und her. Die 18-Jährige hebt das Kürbisgefäß an, schüttelt, bis ihre Arme müde werden. Sie muss geduldig sein.

Mehrere Stunden kann es dauern, bis aus der Milch auf diese Weise Butter entsteht. Diese nutzen Frauen in Äthiopien zum Kochen und zur Haarpflege. Gewürzt ist sie fester Bestandteil des äthiopischen Nationalgerichts Doro Wot. Bevor Genet den Kürbis als Butterfass nutzen kann, schabt sie ihn aus, säubert das Gehäuse und lässt ihn in der Sonne trocknen. Fast überall in Äthiopien gedeiht die Kletterpflanze. „Wir haben den Kürbis nicht selbst gepflanzt“, sagt Genets Mutter Tamire. „Als wir ihn in unserem Garten entdeckten, waren wir sehr glücklich.“ Die Familie hat die Ranken am Zaun ihres Grundstücks befestigt. Im November sprießen dort die ersten weißen Blüten, drei bis vier Monate später können sie die Kürbisse ernten.

Eine Frau gießt Milch zwischen Kürbissen vor einer rustikalen Mauer ein.
Tamire Lelisa gießt die Milch zwischen Kürbissen, bis auf diese Weise Butter entsteht.

Weit gereist, viel genutzt

Flaschenkürbisse sind ein Geschenk der Natur. Vielen Äthiopiern dienen sie als nachwachsende „Haushaltsabteilung“. Größe und Form bestimmen ihre Verwendung: Aus kleinen, runden Kürbissen entstehen Schöpfkellen, Schälchen für Gewürze oder Becher, die die Frauen kunstvoll mit bunten Fäden oder Schnitzereien verzieren. Die größeren verwenden Genet und ihre Mutter als Schüsseln. Einige Kinder lernen mit der Kalebasse sogar schwimmen. Mit einem Seil binden sie sich einen aufgeschnittenen Kürbis auf den Rücken, damit sie nicht untergehen.

Nicht nur in Äthiopien, sondern in vielen Ländern Afrikas und der ganzen Welt findet der Flaschenkürbis als eine der ältesten Nutzpflanzen im Alltag Verwendung. Südamerikaner trinken Mate-Tee aus ihm, in Westafrika, Indien oder dem Balkan musizieren Menschen mit Kalebasse-Instrumenten.

Wie sich der Kürbis ausgebreitet hat, darüber rätselten Wissenschaftler lange. Sie fanden heraus, dass die amerikanischen Arten aus Afrika stammen. Doch wie haben die Kürbisse den weiten Weg zurückgelegt? Die Vermutung der Forscher: Samen, die über ein Jahr keimfähig sind, trieben über den Atlantik an die Küsten Mittel- und Südamerikas und wurden dort von den Menschen ebenfalls genutzt und verbreitet.

Während Genet ihr Kürbisbutterfass hin und her wippt, singt und summt sie. Ihr Gesang lenkt sie ab von der monotonen Arbeit und lockt ihren kleinen Sohn an. Er setzt sich neben sie und lauscht verträumt.

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