Endlich sauberes Trinkwasser
Sorgenfreies Durststillen
Sauberes Trinkwasser ist im ländlichen Äthiopien noch immer keine Selbstverständlichkeit: Drei von zehn Menschen mangelt es an Trinkwasser. Was sie aus Teichen, Bächen und Flüssen schöpfen, ist mit Bakterien, Parasiten und sogar Blutegeln verschmutzt. Die Folge: Viele leiden regelmäßig an Krankheiten, die sogar lebensbedrohlich werden können – vor allem für Kinder. Gemeinsam mit der Bevölkerung bauen wir daher Quellfassungen und Versorgungssysteme für ganze Dörfer und Kleinstädte. Denn sauberes Wasser ist essenziell für die Gesundheit, für regelmäßige Schulbesuche und die Kraft, die Zukunft in die eigene Hand zu nehmen.
Während das Wasser aus dem Hahn in ihren Kanister fließt, strahlt die 47-jährige Beshike Banga mit ihrem leuchtend gelben Oberteil um die Wette. Erst vor Minuten wurde das Holztor zu einer der Wasserstellen in ihrem Heimatdorf Desgale, rund 400 Kilometer südlich von Addis Abeba, aufgeschlossen. Zweimal am Tag können die Bewohnerinnen und Bewohner der zum Projektgebiet Boreda gehörenden Gemeinde hier Wasser schöpfen. Beshike und ihre zwölfköpfige Familie kochen, putzen, duschen und waschen damit. „Vor allem können wir es ohne Angst trinken“, sagt Beshike.
Das war nicht immer so. Früher diente der Fluss Meti Koro dem Dorf als Wasserquelle. Jetzt, zur Trockenzeit, plätschert er als Rinnsal in einer Senke unterhalb der Gemeinde. Die Gefahr, die in dem Flüsschen steckt, ist auf den ersten Blick nicht zu erkennen. Doch sie ist reichlich vorhanden, in Gestalt von Parasiten, die die Menschen krank machen. Mehrmals litt auch Beshike unter Magen-Darm-Beschwerden. Einmal musste sie im Klinikum behandelt werden und sich Geld für die Medikamente leihen. Doch am schlimmsten traf es sie, als sie vor etwa drei Jahren einen Blutegel verschluckte.
„Er war noch sehr klein, daher übersah ich ihn“, berichtet Beshike. Der Parasit blieb in ihrem Rachen stecken, sog sich dort mit Blut voll und wuchs immer mehr. Beshike spürte etwas Seltsames in ihrem Hals, wenig später spuckte sie Blut. „Ich war total schockiert und hatte Angst, dass ich verblute,“ erinnert sie sich. Leute aus dem Dorf eilten ihr zur Hilfe.
Während die einen ihren Mund aufhielten, führte ihr Nachbar Dera Balcha vorsichtig einen dünnen Dornenast in ihren Rachen. „Damit spießte ich den Egel auf und zog ihn heraus“, erzählt der 52-Jährige. Auch andere waren von den Blutegeln betroffen. Daher begannen die Dorfbewohnerinnen und -bewohner, ihr Trinkwasser an einer weit entfernten Quellfassung zu schöpfen, die die Regierung gebaut hatte. Rund drei Stunden brauchten sie allein für den Fußweg hin und zurück, dazu kam die Wartezeit vor Ort.
Tesfalidet Gebrekidan, Leiter des Projektgebiets Boreda, erinnert sich noch gut: „Als wir die Gemeinde das erste Mal besuchten, klagten alle darüber, wie schwer es sei, an sauberes Wasser zu kommen.“ Um die Situation zu verbessern, errichtete Menschen für Menschen schließlich ein ganzes Versorgungssystem: Eine drei Kilometer entfernte natürliche Quelle wurde eingefasst. Sie speist zwei Wasserspeicher, von denen das Wasser über Rohre zu den insgesamt drei Ausgabestellen im Dorf fließt. „Alle im Dorf fassten bei den Bauarbeiten mit an“, berichtet Dera. Sie schleppten Steine und Zement, gruben tiefe Löcher, spendeten Holz für die Zäune.
Damit die Dorfbewohnerinnen und -bewohner die Anlage selbst warten können, hat Menschen für Menschen ein Wasserkomitee ausgebildet. Die sieben Frauen und Männer, darunter auch Beshike und Dera, erhielten einen kleinen Werkzeugkoffer und lernten in einem mehrtägigen Training, wie sie kleinere Reparaturen durchführen, Einzelteile austauschen, Wasserspeicher und Ausgabestellen reinigen. Mitglieder des Komitees schließen die Ausgabestellen auf und zu, andere sammeln die geringe monatliche Nutzungsgebühr von umgerechnet rund 70 Cent pro Haushalt ein.
Nicht nur die Menschen, auch ihre Tiere leiden unter den Parasiten. Einige, darunter eine trächtige Kuh von Dera, starben daran. Jetzt setzt der Landwirt darauf, dass es auch ihnen bald besser geht: Demnächst sollen in Desgale Tränken für die Tiere angeschlossen werden.