Kasach Tadesee begutachtet ihren neugeborenen Sohn. Er schläft.

Leben schenken

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Geschulte Hebammen helfen Müttern

Um die medizinische Versorgung im ländlichen Äthiopien zu verbessern, renoviert Menschen für Menschen Gesundheitseinrichtungen, stattet sie mit medizinischem Material aus, schult Pfleger und Hebammen. Für Schwangere gibt es Beratungen und Untersuchungen. Ein Besuch im abgeschlossenen Projektgebiet Borena, wo Geburten heute sicherer sind.

Zu sechst sind die Männer an diesem Vormittag im Dorf aufgebrochen. Vier im Wechsel wuchteten die Trage in die Höhe, auf der Kasach Tadesee liegt. Immer wieder krümmt sie sich vor Schmerzen, stöhnt. Sie hat starke Wehen.

„Helft ihr hoch“, ruft Tigizaw Getinet den Männern zu, als die Gruppe endlich am Gesundheitszentrum in der Ortschaft Dega Dibi ankommt, und deutet auf die Liege vor sich. Über ihrem rot-weiß gestreiften Kleid trägt die zierliche 25-jährige Hebamme einen grünen Operationskittel und eine Schürze aus Kunststoff. Ihre Füße stecken in zu großen Gummistiefeln, die sie sich stets für Entbindungen überstülpt.

Ein Notfall auf der Trage: Männer aus dem Dorf trugen Kasach mit Wehen in die Klinik
Ein Notfall auf der Trage: Männer aus dem Dorf trugen Kasach mit Wehen in die Klinik.

„Presst das Baby von innen?“, fragt Tigizaw, nachdem die Männer das Zimmer verlassen haben. Ihre Stimme ist ruhig. „Ja“, seufzt Kasach. „Lass mich mal schauen“, sagt die Hebamme und leuchtet mit der Taschenlampe ihres Handys zwischen die Beine ihrer Patientin. „Ist es dein erstes Kind?“, fragt sie. „Ist einer der Männer draußen dein Ehemann? Wie lange ist es her, dass du zur Schule gegangen bist? Warst du schon einmal schwer krank? Hast du in den letzten Monaten einen Vorsorgetermin wahrgenommen?“ Wenn Tigizaw die Frauen, die zu ihr kommen, nicht kennt, versucht sie erst einmal, mehr über sie herauszufinden: ihr Alter, über den Verlauf der Schwangerschaft, die gesundheitliche Verfassung. Das hilft der Hebamme zu entscheiden, ob sie selbst entbindet oder die werdenden Mütter in das nächstgelegene Krankenhaus schickt. Wie Kasach. „Deinem Baby geht es aktuell gut. Du hast Wehen. Doch dein Muttermund ist nicht weit genug geöffnet, daher blutest du. Vielleicht brauchst du einen Kaiserschnitt“, erklärt die Hebamme ihrer Patientin. Kasach schaut ängstlich. „Aufgrund ihrer körperlichen Verfassung, ihren Antworten und ihrem Alter schätze ich sie als Risikoschwangerschaft ein“, sagt Tigizaw, nachdem sie einen Krankenwagen gerufen hat. „Darum gehe ich lieber auf Nummer sicher.”

Besser ausgestattet

Das Gesundheitszentrum, in dem Tigizaw arbeitet, liegt im äthiopischen Hochland, rund 580 Kilometer nördlich von Addis Abeba in Borena. Von 2011 bis 2023 war Menschen für Menschen hier aktiv. Damals waren die meisten Gesundheitseinrichtungen schlecht ausgerüstet, das Personal ungenügend geschult. Malaria, die Augenerkrankung Trachom, Darminfektionen und HIV/AIDS gehörten zu den häufigsten Krankheiten. Vorsorgeuntersuchungen in der Schwangerschaft nahmen viele nicht wahr, Hausgeburten in der ländlichen Region waren gängige Praxis. Um die Situation zu verbessern, hat die Stiftung seither 25 Gesundheitszentren renoviert und mit medizinischem Gerät ausgestattet. Auch in Dega Dibi. Die alten Möbel wurden ersetzt, neue Behandlungsliegen und Entbindungsbetten geliefert, das Labor ausgestattet. Einmalhandschuhe und Desinfektionsmittel stehen nun zur Verfügung. Die Anlieferung von Verhütungsmitteln und Impfstoffen hat Menschen für Menschen ebenfalls unterstützt. „Dank des Tanks, den die Stiftung uns gestellt hat, haben wir endlich sauberes Wasser“, freut sich Tigizaw.

Ihre nächste Patientin steht schon vor der Tür. „Schön, dich wiederzusehen! Wie geht es dir?“, begrüßt Tigisaw die werdende Mutter. „Soweit ganz gut“, erwidert Tirengo Tesfaw. Unter dem Kleid der 30-Jährigen wölbt sich ihr dicker Bauch. Sie ist in der 24. Schwangerschaftswoche. „Wir werden heute eine Reihe von Tests mit dir machen“, sagt Tigisaw. „Doch zuerst möchte ich deinen Bauch abtasten.“

Tigisaw Getinet hält die Hand ihrer Patientin.
Hebamme Tigisaw Getinet begleitet ihre Patientinnen einfühlsam und kompetent durch alle Phasen der Schwangerschaft.

Tirengo zieht ihr Kleid nach oben. Die Hebamme legt ihre Hände unterhalb des Nabels auf, tastet vorsichtig. „Spürst du, es bewegt sich“, ruft sie und lächelt. Seit zwei Jahren arbeitet Tigisaw in Dega Dibi. Neues Leben entstehen zu sehen und das der Mutter zu schützen, das motiviert sie dabei jeden Tag aufs Neue.

Bedarf weiterhin groß

„Denk dran, nicht mehr schwer zu heben, immer ausreichend Wasser zu trinken und dich nach dem Liegen über die Seite aufzusetzen“, erinnert Tigisaw ihre Patientin. Tirengo weiß Bescheid. Es ist ihr zweites Kind. Vor der Geburt ihres heute neunjährigen Sohnes kam sie ebenfalls in das Gesundheitszentrum in Dega Dibi und entband schließlich auch hier.

„Alles hat gut geklappt“, sagt Tirengo und freut sich: „Heute können hier noch mehr Untersuchungen gemacht werden als damals.“ Mit einem roten Überweisungsschein läuft sie zum Labor, das sich auf dem Gelände des Gesundheitszentrums befindet. Dort wird sie Blut und Urinproben abgeben, um ihre Blutgruppe zu bestimmen, sich auf HIV, Hepatitis B und andere Krankheiten testen zu lassen.

die schwangere Tirengo Tesfaw wird von Tigisaw Getinet bei einer Vorsorgeuntersuchung betreut. ihr wird blut abgenommen.
Die schwangere Tirengo Tesfaw wird von Tigisaw Getinet bei einer Vorsorgeuntersuchung betreut.

Trotz aller Verbesserungen bleibt der Weg zum Gesundheitszentrum für viele beschwerlich. Auch für Tirengo. Allein für den Hinweg zur Untersuchung waren ihr Mann und sie zu Fuß zweieinhalb Stunden unterwegs. Bis heute fehlt es im ländlichen Äthiopien an Gesundheitseinrichtungen, Krankenwägen und Ärzten, „Es gibt auch zu wenig Hebammen“, sagt Tigizaw. Damit zumindest das vorhandene Personal bestmöglich ausgebildet ist, hat Menschen für Menschen über die vergangenen Jahre Weiterbildungen angeboten: zum Thema Gesundheitsvorsorge, Familienplanung oder der Prävention von Infektionen. Je besser die Qualität der Behandlung, so die Hoffnung, desto mehr nutzen die Menschen diese auch. Sei der Weg auch noch so lang. Die werdende Mutter Tirengo kommt mit ihren Ergebnissen aus dem Labor zurück.

Tigizaw schaut auf die Blätter und lächelt: „Alles sieht sehr gut aus“, sagt sie. „Du bist gesund.“ Die Hebamme überreicht Tirengo eine Packung Eisentabletten und empfiehlt, wenn möglich, bald in einem größeren Krankenhaus ein Ultraschall anfertigen zu lassen. „Nur zur Sicherheit“, sagt sie. „Wir sehen uns dann in ein paar Wochen zum nächsten Vorsorgetermin. Und natürlich zur Geburt!

Der Laborbericht wird von Tigisaw begutachtet. Im Hintergrund wartet Tirengo geduldig auf die Ergebnisse
Der Laborbericht zeigt: Tirengo ist gesund.

Obwohl die Hebamme sicher ist, dass sich Tirengo an ihre Empfehlungen hält, betont sie den letzten Hinweis bei jeder ihrer Patientinnen. Viele kämen zwar mittlerweile regelmäßig zu ihren Vorsorgeuntersuchungen, doch nachdem sie bestätigt bekämen, dass mit ihnen und dem Baby alles in Ordnung ist, blieben sie für die Entbindung doch zuhause. Um eine riskantere Hausgeburt zu verhindern, haben sich Tigizaw und die anderen Hebammen daher etwas Ungewöhnliches einfallen lassen: Eine Art Schocktherapie, bei der sie auf die Wände des Untersuchungszimmers Zeichnungen und Hinweise malen ließen, die gefährliche Situationen erklären und darstellen. Direkt hinter Tigizaws Schreibtisch ziert eine Frau mit gespreizten Beinen die Wand. Sie verliert Blut. Geschlechtsteile so explizit zu zeigen, das ist in Äthiopien sehr ungewöhnlich. „Viele sind erst einmal verstört. Doch dann fangen sie an, Fragen zu stellen“, erklärt die Hebamme ihren Aufklärungsversuch. „Auch diejenigen, die nicht lesen und schreiben können, erreichen wir damit.“ Nach fast zwei Stunden Wartezeit poltert ein kleiner Krankenwagen auf das Gelände des Gesundheitszentrums, um die Risikopatientin Kasach Tadesee ins Klinikum in die Stadt Mekane Selam zu bringen. Hebamme Tigizaw ist erleichtert. Später wird sie erfahren, dass sie richtig entschieden hat: Noch am selben Abend bringt Kasach ihren Sohn Honolet per Kaiserschnitt zur Welt. Friedlich liegt er am nächsten Tag neben seiner erschöpften Mutter. Sie hat zwar noch Schmerzen, schläft viel – und doch ist sie überglücklich: Sie hat ihrem Kleinen das Leben geschenkt.