Zwei Personen stehen an einer Handpumpe für Wasser im Grünen.

Zwischen Fluss und Hoffnung

Zwischen Fluss und Hoffnung

Sicheres Trinkwasser für Nono Benja

25.03.2026

In Nono Benja tragen vor allem Frauen die Last des Wassermangels. Sie schöpfen es aus verschmutzten Flüssen, legen mit schweren Kanistern weite Wege zurück, riskieren ihre Gesundheit. Mit dem Bau von Brunnen, Quellfassungen und Wasserversorgungssystemen stärkt Menschen für Menschen ihre Sicherheit – und schafft für sie und ihre Heimat neue Perspektiven.

Gefahrenstelle Fluss

Ganz langsam läuft Iskira Bogale die Böschung hinunter. Unten am Loko, einem kleinen Fluss am Rande des Dorfes Mato, stehen bereits einige andere Frauen im Wasser und füllen ihre gelben Kanister. Eine Gruppe Kinder wäscht sich Füße, Hände und Gesichter. Eine Mutter säubert die Kleidung ihrer Familie.

„Ich komme mindestens zweimal am Tag hierher“, sagt Iskira, als sie selbst am Flussufer ankommt. Sie balanciert über die Steine und macht einen Schritt ins Wasser. Unter ihrem gelben weiten Kleid zeichnet sich eine kleine Wölbung ab: Die 20-Jährige ist im vierten Monat schwanger. „Ich habe hier jedes Mal Angst auszurutschen.“ Vor einigen Monaten sei das einer anderen schwangeren Frau aus dem Nachbardorf passiert. „Sie ist gestürzt und hat ihr Kind verloren“, sagt Iskira und schluckt.

Eine Gruppe von Frauen die in einem Fluss ihre Wasserkanister auffüllen.
Alltagsbürde: 2 Medina (3.v.l) und Iskira (r.) holen mehrmals am Tag ihr Wasser aus dem Loko.

Auch dass sie den schweren 20-Liter-Kanister allein auf dem Rücken vom Fluss wieder hinaufschleppen muss, belastet sie. „Es wird immer anstrengender.“ Für einen kleineren 5-Liter-Kanister fehlt Iskira das Geld. Gemeinsam mit ihrem Mann und der dreijährigen Tochter lebt sie direkt am zentralen Platz von Mato. Eigene Produkte können sie auf dem Markt, der dort mehrmals die Woche stattfindet, nicht anbieten. Ackerfläche besitzen sie nicht. Iskiras Mann verdingt sich stattdessen als Arbeiter auf den Feldern anderer Landwirte – entweder gegen eine kleine Bezahlung oder einen Teil der Ernte.

Tief bohren für Wasser

„Das ist alles, was wir haben“, sagt Iskira und gibt zu, dass sie manchmal bei Nachbarn um etwas Nahrung bittet, wenn die Vorräte aufgebraucht sind. „Dabei müsste ich besonders in den kommenden Monaten darauf achten, immer genug zu essen und vor allem sauberes Wasser zu trinken.“ Um Iskira und den anderen Dorfbewohnerinnen und -bewohnern endlich einen Zugang zu Trinkwasser zu ermöglichen, plant Menschen für Menschen in Mato den Bau eines Wasserversorgungssystems.

„Ein früher von der Regierung gebauter Brunnen ist versiegt. Deswegen gehen alle zum Loko“.

Fraol Bedesa Leiter der Wasserabteilung in Nono Benja
Fraol, Leiter der Wasserabteilung Nono Benja. Porträt.

Gemeinsam mit einem Expertenteam der Stiftungszentrale aus dem rund 270 Kilometer entfernten Addis Abeba und den lokalen Behörden hat Fraol Tests an möglichen Standorten durchgeführt. Etwas außerhalb des Dorfes wird nun der Tiefbohrer eines beauftragten Bohrunternehmers in mehreren Hundert Metern Tiefe nach Wasser bohren. „Von hier aus fließt es dann zu zwei Ausgabestellen im Dorf“, erklärt Fraol. „Befördert durch solarbetriebene Pumpen.“ Mit dieser Neuerung folgt Menschen für Menschen einer Vorgabe der äthiopischen Regierung, die das Land nachhaltiger machen will und landesweit Dieselgeneratoren durch Anlagen mit erneuerbaren Energien ersetzt.

Ein Moment, auf den das ganze Dorf wartet

„Wir können es kaum erwarten, bis die Bauarbeiten losgehen“, sagt Medina Adem. Wie Iskira ist auch die 22-Jährige an diesem Morgen zum Fluss gelaufen, um Wasser zu schöpfen. „Wir nutzen es für alles“, sagt sie. „Zum Kochen und Putzen. Ich wasche damit unsere Kleidung, dusche unsere vier Kinder, und wir trinken es.“ Mit schweren Folgen: Immer wieder leiden vor allem sie und ihre Kinder an Durchfall und anderen Magen-Darm-Erkrankungen. Sie infizieren sich mit Parasiten, die sich in dem verschmutzten Gewässer tummeln. „Eine Zeit lang waren wir alle zwei Wochen in der Klinik“, sagt Medina. „Und konnten uns die verschriebenen Medikamente kaum noch leisten.“ Erst als eine Krankenschwester ihr riet, das Wasser vor dem Trinken abzukochen, besserte sich die Situation etwas.

Eine junge Frau mit ihrer Tochter auf dem Arm.
Das dreckige Wasser ist vor allem für Kinder und Schwangere wie Iskira gefährlich.

Doch nicht nur für die Menschen birgt der Loko Gefahren. Kühe und andere Tiere, die aus ihm trinken, können einen der vielen Blutegel verschlucken, die sich in dem Fluss verstecken. Setzen sich diese in ihrem Mund- oder Rachenraum fest, verursachen sie Infektionen und Entzündungen – die Tiere können qualvoll an ihnen ersticken oder verbluten. „Wir haben schon eine Kuh dadurch verloren.“ Ein schwerer Schlag für sie und ihren Mann, die sich nur mit der kleinen Ernte ihres Ackers durchschlagen. „Ich hoffe so sehr, dass es uns und unseren Tieren bald besser geht“, sagt Medina. „Dann überlege ich, wie ich selbst auch etwas Geld verdienen kann – vielleicht mit einem kleinen Café.“

Der Anfang in Nono Benja

Wie den Menschen in Mato ging es vielen in Nono Benja, als Menschen für Menschen das Projektgebiet 2020 eröffnete: Damals hatte nur etwas mehr als ein Drittel der Bevölkerung Zugang zu sauberem Trinkwasser. Seither hat die Stiftung 41 Flachbrunnen und neun Quellfassungen für rund 13.500 Menschen gebaut. Fünf Schulen haben heute einen Wasseranschluss. Die meisten Installationen wurden mit finanzieller Unterstützung von Knorr-Bremse Global Care realisiert, dem gemeinnützigen Verein des Münchner Lkw- und Zugbremsenherstellers Knorr-Bremse. Während die Versorgung Matos das nächste große Vorhaben ist, hat sich das Leben der Bewohner von Dire Lemi, einige Dutzend Kilometer entfernt, bereits grundlegend verändert. 2024 baute Menschen für Menschen im Dorf einen Brunnen.

Das Komitee kümmert sich

„Früher brauchten wir für den Weg zum nächsten Fluss dreißig Minuten“, berichtet die 20-Jährige Derartu Tamiru. „Nur für den Hinweg. Zurück mit dem schweren Kanister dauerte es noch länger.“ Hinzu kamen lange Warteschlangen. Gingen sie und ihre Freundinnen morgens, verpassten sie nicht selten den Schulunterricht. Am Abend mussten sie häufig in der Dämmerung nach Hause laufen. „Besonders dann begegneten uns Schlangen“, erinnert sich Derartu. „Das war jedes Mal ein großer Schreck.“

Heute sind all diese Strapazen vorbei. Der Brunnen liegt nur fünf Minuten von Derartus Zuhause entfernt. Zweimal am Tag, morgens und abends für jeweils zwei Stunden, schließt ein Wächter das Tor zur Ausgabestelle auf. Er ist, ebenso wie Derartus Vater und fünf weitere Frauen und Männer, Mitglied des Wasserkomitees der Gemeinde.

Eine junge Frau betätigt den Hebel an einem Brunnen und befüllt so ihre Wasserkanister.
Derartu braucht von Zuhause bis zum Brunnen nur fünf Minuten. Dort kann sie, so oft sie möchte, sauberes Wasser in ihre Kanister pumpen.

In einem zweitägigen Training erklärten Stiftungsmitarbeiter ihnen, wie die Anlage gereinigt und gewartet werden muss und welche Reparaturen anfallen könnten. Für Instandhaltung und Ersatzteile erhebt das Wasserkomitee von jeder Familie im Dorf eine geringe Nutzungsgebühr von wenigen Cents im Monat. Menschen für Menschen stellte zusätzlich einen Werkzeugkasten zur Verfügung.

„Dass die Gemeindemitglieder die Wasserstellen selbst verwalten, führt dazu, dass sie sich wirklich verantwortlich fühlen“, erklärt Fraol. „Auch dann, wenn wir einmal nicht mehr in der Region aktiv sind.“ Derartu ist stolz, dass ihr Vater eine solch wichtige Aufgabe übernommen hat. Und sie ist froh, nun endlich mehr Zeit für ihre eigenen Ziele zu haben: ihren IT-Abschluss an einem Berufsbildungszentrum, das sie in der nahegelegenen Kleinstadt Alga besucht. „Vielleicht könnte ich danach an meiner alten Schule den Kindern Computer näherbringen“, überlegt sie. „Oder sogar noch Ingenieurwesen studieren.“ Der Kampf um sauberes Wasser wird sie zumindest nicht mehr von diesen Wünschen abhalten.

„Jetzt habe ich endlich mehr Zeit, meine Träume zu verwirklichen.“

Deratu Tamiru Bewohnerin Dire Lemi
Eine junge Frau bindet sich einen vollen Wasserkanister auf den Rücken.