Neue Kraft für alte Felder
Nachhaltige Landwirtschaft fördern
Wie Wissen Ernten verändert
Doch irgendwann änderte sich ihr Leben. Nicht abrupt durch eine Katastrophe, eine Dürre oder einen Konflikt, sondern schleichend. „Alles wurde teurer“, sagt Getachew. Gleichzeitig wuchs die Familie stetig. Die vielen Menschen zu versorgen, wurde zu einer Herausforderung. Um sie zu bewältigen, intensivierten Getachew und seine Geschwister ihren Ackerbau.
„Diese Entwicklung ist typisch für viele Familien hier“, erklärt Tadesse Adele, Monitoring- und Evaluationsbeauftragter von Menschen für Menschen. Seit 2020 ist er im Projektgebiet Nono Benja aktiv, zu dem auch Konej gehört. Obwohl den Menschen vergleichsweise große Flächen zur Verfügung stünden, führt der Experte aus, blieben die Erträge spärlich. „Die extremen Monokulturen laugen die Böden aus“, sagt Tadesse. Zudem fehle es den Menschen an Wissen und geeignetem Saatgut, um die Landwirtschaft zu diversifizieren. „Bis vor Kurzem baute auch ich ausschließlich Teff und Mais an“, sagt Birhanu Hintukina. Er ist Getachews Enkelsohn. Gemeinsam mit seiner Mutter und einem Cousin bewirtschaftet der 30-Jährige die insgesamt 17 Hektar Land. „Ich kannte nichts anderes.“
Vor allem die Zwiebeln brachten der Familie schnell zusätzliche Einnahmen. Allein im ersten Jahr kamen so umgerechnet 380 Euro zusammen. „Ich konnte es kaum erwarten, weitere Flächen neu zu bepflanzen“, sagt Birhanu. So erweiterte sich sein Garten nach und nach um Kaffee- und Avocadosetzlinge, Bananenstauden und Papayabäume, die Menschen für Menschen ihm zur Verfügung stellte.
Nachahmen erwünscht
Menschen für Menschen arbeitet nicht nur in Nono Benja, sondern aktuell in insgesamt 13 Projektgebieten in ganz Äthiopien. Die Bedingungen unterscheiden sich je nach Region: Während im Westen fruchtbare Böden durch intensive Nutzung ausgelaugt sind, kämpfen Landwirte im Hochland zusätzlich mit steilen Hängen, Erosion und unregelmäßigem Regen.
Eines dieser Gebiete ist Kawo Koysha, mehr als 250 Kilometer südlich von Konej. Es liegt auf durchschnittlich 2.450 Metern Höhe und ist deutlich bergiger. Schon die Topografie begrenzt hier die nutzbaren Ackerflächen. So wie bei Silas Lawrato, der im Dorf Zamo lebt. Seine Familie besitzt hier seit Generationen Ackerflächen. Einst waren diese größer, doch wie überall in Äthiopien wird der Besitz an den männlichen Nachwuchs verteilt. Gibt es viele Söhne, minimiert sich die Fläche pro Person. Silas bleiben heute nur 0,3 Hektar – verteilt über die Hänge hinter seinem Haus. Bis vor wenigen Jahren baute er darauf ausschließlich Mais, Süßkartoffel und die lokale „Taro“-Knolle an.
Doch das wurde zunehmend mühsamer. Durch häufigere Dürreperioden trocknete die Erde aus. Regnete es dann, wusch der Niederschlag den Boden aus und spülte wichtige Nährstoffe davon. Um trotzdem seine achtköpfige Familie zu ernähren, konnte Silas seinem Acker keine Ruhe mehr gönnen, er musste ihn stattdessen ständig mit den immer gleichen Feldfrüchten bewirtschaften.
Wertvolle Früchte
Auf dem Markt erzielen die Äpfel zudem gute Preise. „Das ist gerade für Landwirte mit wenig Land wichtig“, sagt Zerihun. Mit den sogenannten „Cash-Crops“, zu denen auch Kaffee und Avocados gehören, generieren Familien Einkommen, das sie in wichtige Alltagsprodukte wie Speiseöl, Hygieneartikel oder auch zusätzliches Gemüse investieren können. Oder sie stecken es in die Bildung des Nachwuchses. „Ich möchte, dass alle meine Kinder zur Schule gehen“, sagt Silas, „Sie sollen studieren und sich ihre Berufswünsche erfüllen können.“
Ob große oder kleine Flächen, ob Tief- oder Hochland. Menschen für Menschen passt die Unterstützung der Bevölkerung an die Gegebenheiten vor Ort an. Denn mit Wissen und angepassten Methoden können Landwirte überall in Äthiopien ihre Familien nachhaltig ernähren. Silas und Birhanu blicken nun hoffnungsvoller in die Zukunft.
Und Getachew Tekola? Der sitzt häufig im Schatten der neuen Bäume oder pflückt eine Banane von der Staude. „Ich bin so stolz, was hier auf unserem Land entstanden ist.“