Ein Mann und sein Sohn tragen eine bananenstaude gemeinsam.

Neue Kraft für alte Felder

Neue Kraft für alte Felder

Nachhaltige Landwirtschaft fördern

27.05.2026

Ausgelaugte Böden, kaum Saatgut, steigende Preise und immer mehr Menschen: Viele Bauern in Äthiopien stehen unter Druck. In 13 Projektgebieten unterstützt sie Menschen für Menschen dabei, Felder wieder fruchtbar zu machen und Perspektiven zu schaffen – angepasst an die Bedingungen vor Ort.

Wie Wissen Ernten verändert

Wie alt er ist, weiß Getachew Tekole nicht genau. Sicher über 90, vielleicht sogar über 100 Jahre alt. „Was ich weiß, ist, dass es uns früher gut ging“, sagt er. Der hagere Mann stammt aus dem Dorf Konej in Westäthiopien. Die Region liegt im Tiefland und ist geprägt von weiten Weideflächen und großen Äckern. Getachews Familie baute hier seit Generationen Teff und Mais an und hielt eine kleine Viehherde. Die Tiere waren damals auf dem Markt sehr günstig. Nur wenige Birr kostete eine Ziege oder Kuh. „Wir hatten stets genug zu essen“, erinnert sich Getachew und fügt sein Rezept für ein langes Leben hinzu: „Jeden Tag ein Glas Milch.“

Doch irgendwann änderte sich ihr Leben. Nicht abrupt durch eine Katastrophe, eine Dürre oder einen Konflikt, sondern schleichend. „Alles wurde teurer“, sagt Getachew. Gleichzeitig wuchs die Familie stetig. Die vielen Menschen zu versorgen, wurde zu einer Herausforderung. Um sie zu bewältigen, intensivierten Getachew und seine Geschwister ihren Ackerbau.

„Diese Entwicklung ist typisch für viele Familien hier“, erklärt Tadesse Adele, Monitoring- und Evaluationsbeauftragter von Menschen für Menschen. Seit 2020 ist er im Projektgebiet Nono Benja aktiv, zu dem auch Konej gehört. Obwohl den Menschen vergleichsweise große Flächen zur Verfügung stünden, führt der Experte aus, blieben die Erträge spärlich. „Die extremen Monokulturen laugen die Böden aus“, sagt Tadesse. Zudem fehle es den Menschen an Wissen und geeignetem Saatgut, um die Landwirtschaft zu diversifizieren. „Bis vor Kurzem baute auch ich ausschließlich Teff und Mais an“, sagt Birhanu Hintukina. Er ist Getachews Enkelsohn. Gemeinsam mit seiner Mutter und einem Cousin bewirtschaftet der 30-Jährige die insgesamt 17 Hektar Land. „Ich kannte nichts anderes.“

Ein Mann der in die Kamera lächelt und eine bananenstaude anfasst.
Vielfältiger Acker: Erntete Birhanu Hintukina früher hauptsächlich Getreide, kamen über die letzten Jahre Bananen, …
Zwei Männer und ein Junge stehen im Bananenfeld.
Stiftungsexperte Tadesse Adele (o. r.) begleitet die Bauern bei ihrem Wandel.

Als Mitarbeitende von Menschen für Menschen Birhanu ansprachen und ihn fragten, ob er an einem Landwirtschaftstraining teilnehmen möchte, beschloss er, es zu probieren. Zunächst erhielten er und andere Bauern theoretisches Wissen über moderne Anbaumethoden oder zur Bewässerung und dem Anlegen eines Agroforsts. „Ich habe zum Beispiel gelernt, welche Pflanzen in welchem Abstand wachsen sollten, damit sie voneinander profitieren“, sagt Birhanu. Dann ging es aufs Feld: Auf einem Teil seines Landes legte er unter Anleitung der Entwicklungsberater und mit bereit gestelltem Saatgut einen Gemüsegarten an – unter anderem mit Zwiebeln, Tomaten, Kohl. Aus einem nahegelegenen Fluss leitet er seitdem Wasser auf seine Felder und kann so mehrmals im Jahr frisches Gemüse ernten.

Vor allem die Zwiebeln brachten der Familie schnell zusätzliche Einnahmen. Allein im ersten Jahr kamen so umgerechnet 380 Euro zusammen. „Ich konnte es kaum erwarten, weitere Flächen neu zu bepflanzen“, sagt Birhanu. So erweiterte sich sein Garten nach und nach um Kaffee- und Avocadosetzlinge, Bananenstauden und Papayabäume, die Menschen für Menschen ihm zur Verfügung stellte.

Nachahmen erwünscht

Birhanus grüne Oase ist heute ein Vorbild für viele. Nachbarn holen sich bei ihm Tipps, und selbst Behördenvertreter und Besucher aus entfernten Gemeinden besuchten ihn bereits, um mehr über seine Methoden zu erfahren. „Das freut uns und war Teil des Plans“, sagt Tadesse Adele. Da Birhanus Hof in der Nähe der Hauptstraße liegt, kommen viele daran vorbei. „Ein erfolgreicher Modellfarmer ist die beste Werbung für unsere Arbeit.“

Menschen für Menschen arbeitet nicht nur in Nono Benja, sondern aktuell in insgesamt 13 Projektgebieten in ganz Äthiopien. Die Bedingungen unterscheiden sich je nach Region: Während im Westen fruchtbare Böden durch intensive Nutzung ausgelaugt sind, kämpfen Landwirte im Hochland zusätzlich mit steilen Hängen, Erosion und unregelmäßigem Regen.

Eines dieser Gebiete ist Kawo Koysha, mehr als 250 Kilometer südlich von Konej. Es liegt auf durchschnittlich 2.450 Metern Höhe und ist deutlich bergiger. Schon die Topografie begrenzt hier die nutzbaren Ackerflächen. So wie bei Silas Lawrato, der im Dorf Zamo lebt. Seine Familie besitzt hier seit Generationen Ackerflächen. Einst waren diese größer, doch wie überall in Äthiopien wird der Besitz an den männlichen Nachwuchs verteilt. Gibt es viele Söhne, minimiert sich die Fläche pro Person. Silas bleiben heute nur 0,3 Hektar – verteilt über die Hänge hinter seinem Haus. Bis vor wenigen Jahren baute er darauf ausschließlich Mais, Süßkartoffel und die lokale „Taro“-Knolle an.

Doch das wurde zunehmend mühsamer. Durch häufigere Dürreperioden trocknete die Erde aus. Regnete es dann, wusch der Niederschlag den Boden aus und spülte wichtige Nährstoffe davon. Um trotzdem seine achtköpfige Familie zu ernähren, konnte Silas seinem Acker keine Ruhe mehr gönnen, er musste ihn stattdessen ständig mit den immer gleichen Feldfrüchten bewirtschaften.

Menschen für Menschen zeigte Silas, wie er aus Ernteresten, Blättern, Gräsern, Küchenabfällen und Kuhmist einen Kompost anlegen kann, um seine Pflanzen damit zu düngen. „Früher habe ich all das einfach weggeworfen“, sagt Silas und lacht ungläubig. „Während ich viel Geld für Kunstdünger ausgab.“ Dessen Preis hatte sich zuletzt mehr als verdoppelt. „Der Kompost hält den Boden langfristig fruchtbarer als die chemischen Düngemittel“, erklärt Zerihun Gezahegn, Leiter des Projektgebiets Kawo Koysha.

Ein Mann steht in einem Staudenfeld mit Säcken voll Erde.
Säcke voller Glück: Dank seines Komposts spart Silas Lawrato Geld und seine Felder sind fruchtbarer.

Wertvolle Früchte

Zusätzlich zur Kompostschulung erhielt Silas neues Saatgut: eine ertragreichere Maissorte sowie Bohnen, Rote Bete, Zwiebeln, Kohl, Kartoffeln und Karotten. Nach dem Prinzip der Agroforstwirtschaft baut er diese nun zwischen Kaffeesträuchern und Avocadobäumen an, die ebenfalls von der Stiftung stammen. „In ein bis zwei Jahren kann ich sie das erste Mal ernten”, freut er sich. So wie auch die ersten Äpfel. „Hier ist ein ideales Anbaugebiet für sie“, erklärt Zerihun Gezahegn. „Das gemäßigte Klima ist perfekt.“

Auf dem Markt erzielen die Äpfel zudem gute Preise. „Das ist gerade für Landwirte mit wenig Land wichtig“, sagt Zerihun. Mit den sogenannten „Cash-Crops“, zu denen auch Kaffee und Avocados gehören, generieren Familien Einkommen, das sie in wichtige Alltagsprodukte wie Speiseöl, Hygieneartikel oder auch zusätzliches Gemüse investieren können. Oder sie stecken es in die Bildung des Nachwuchses. „Ich möchte, dass alle meine Kinder zur Schule gehen“, sagt Silas, „Sie sollen studieren und sich ihre Berufswünsche erfüllen können.“

Ob große oder kleine Flächen, ob Tief- oder Hochland. Menschen für Menschen passt die Unterstützung der Bevölkerung an die Gegebenheiten vor Ort an. Denn mit Wissen und angepassten Methoden können Landwirte überall in Äthiopien ihre Familien nachhaltig ernähren. Silas und Birhanu blicken nun hoffnungsvoller in die Zukunft.

Und Getachew Tekola? Der sitzt häufig im Schatten der neuen Bäume oder pflückt eine Banane von der Staude. „Ich bin so stolz, was hier auf unserem Land entstanden ist.“

eine Frau in gelbem Tshirt vor einer brauen Wand, die zwei Erdknollen in Die Kamera hält.
Silas Frau Workinesh präsentiert einige Taro-Wurzeln, eine lokal angebaute Knolle.
Zwei Frauen die zusammen am Tisch kleine Tüten mit Samen befüllen.
Hat die Familie Samen übrig, verkauft sie diese an Nachbarinnen und Nachbarn.