Ein Mann steht in einem braunen Feld und hält ein Baumsetzling in die kamera.

Bongales Traum

Bongales Traum

Bäume für Illu Gelan

27.05.2026

Ein Landwirt im Dorf Washemo erntet dank Menschen für Menschen nicht nur schmackhaftes Gartengemüse und produziert seinen eigenen Dünger. Er zieht auch Tausende Baumsetzlinge heran. Für sich, seine Familie und die ganze Gemeinde.

Setzlinge für morgen

Während sich andere über einen schattenspendenden Laubbaum oder frische Äpfel aus dem Garten freuen, gedeiht auf Bongale Gutemas Grundstück ein ganzer Wald. Noch stecken die 6.000 Papayabäume sowie 9.000 Silbereichen und Zypressen als kleine Setzlinge in schwarzen Folienrollen. Doch wenn der 36-Jährige sie gut pflegt, vor zu starker Sonneneinstrahlung schützt und regelmäßig bewässert, werden sie bald emporwachsen. „In einigen Monaten kann ich die ersten Exemplare verkaufen“, sagt Bongale, der für seine Mini-Baumschule einen Teil seines Ackers aufgegeben hat. Kurz habe er gezögert, erzählt er. Doch er weiß, dass ihm die Hälfte der Bäume mit Sicherheit abgenommen wird.

Menschen für Menschen wird sie kaufen und an Landwirte im umliegenden Projektgebiet Illu Gelan verteilen. Die Stiftung war es auch, die Bongale überhaupt zur Einrichtung der Baumschule ermutigte und ihn dabei unterstützt. Sie stellt die Basissetzlinge und Materialien, zweimal pro Woche besucht ihn ein Experte von Menschen für Menschen vor Ort. Mit der Förderung privater Baumschulen verfolgt die Stiftung ein langfristiges Ziel: Auch wenn sie ihre Arbeit in dem Gebiet irgendwann beendet, soll es ausreichend Bäume und Sträucher für weitere Anplanzungen geben.

Setzlinge, Saatgut, Ofen

Bereits seit 2022 arbeitet Bongale mit der Stiftung zusammen. Er nahm an einem Imkertraining teil und erhielt moderne Bienenstöcke. Entwicklungsberater zeigten ihm, wie er seine kleine Ackerfläche effizienter bewirtschaften und rund um sein Haus einen Agroforst anlegen kann. Dafür bekam er rund 500 Kaffeesetzlinge sowie Papayabäume und Saatgut für Tomaten, Kohl, Zwiebeln und Karotten. Einen Teil der Ernte verkauft seine Ehefrau Tsige auf dem Markt. Rund 160 Euro verdient sie so pro Saison. „Unser Leben hat sich in vielerlei Hinsicht verändert“, sagt die 30-Jährige. „Auch unsere Ernährung.“

Tsige kocht heute auf einem holzsparenden Ofen, den die Stiftung empfohlen hat, und kann bei den Gerichten aus vielen gesunden Zutaten aus dem Garten auswählen. „Früher war das undenkbar“, sagt sie. Damals ernährten sich das Ehepaar und ihre vier Söhne fast ausschließlich von Injera, einem säuerlichen Fladenbrot aus dem selbst angebautem Teff.

Eine Frau steht an einem nachhaltigen Kochofen und schaut lächelnd in die Kamera.

Nur gelegentlich, wenn etwas Geld übrig war, kaufte Tsige Gemüse auf dem Markt hinzu. „Ich sehe, wie gut es meinen Kindern jetzt geht“, sagt sie. „Sie haben mehr Kraft und können sich besser konzentrieren.“

Setzlinge, Saatgut, Öfen – für all das ist Bongale dankbar. Doch die größte Veränderung begann mit etwas ganz anderem: einer Holzkiste voller Ernteabfälle und Würmer. „Ich hatte davon im Fernsehen gehört“, erinnert er sich. Daher sei er offen gewesen, als ihm die Entwicklungsberater der Stiftung vor etwa einem Jahr vorschlugen, Wurmkompost herzustellen. Nach einem mehrtägigen Training baute er seine erste Kiste im Hinterhof.

Die darin produzierte Komposterde brachte er auf seinem Tefffeld aus. Während er zuvor etwa 65 Kilogramm der Zwerghirse erntete, war es nun mehr als das Dreifache. „Unglaublich!“, sagt Bongale. Er war überzeugt und baute sich eine weitere Kiste. Dann eine dritte. Heute stehen fünf davon in seinem Vorgarten, Säcke voller nährstoffreicher Erde lehnen an seiner Hauswand. „Ich dünge inzwischen alles damit“, sagt er. „Die Pflanzen sind robuster, die Blätter grüner, und der Boden speichert deutlich länger Wasser.“ In Zukunft will Bongale seine Komposterde auch verkaufen. „Und vielleicht sogar die Würmer“, fügt er hinzu. Mehrere Zehntausend von ihnen arbeiten bereits in seinen Kisten.

ein Mann und zwei Jungen bereiten Pflanzensetzlinge vor.
Nach der Schule helfen Bongales Söhne in der Baumschule des Vaters.
Ein mann sitzt auf dem Boden und arbeitet an einem Bodenkompost.
Der Bodenkompost soll weitere Kosten reduzieren.

Es sollen noch mehr werden. Dafür wagt Bongale ein Experiment: Statt eine weitere Kiste zu bauen, und Geld für Holz, Nägel und Plastikplanen auszugeben, hat er den Kompost direkt in eine Grube im Boden angelegt. „Sie ist 60 Zentimeter tief“, erklärt er. Noch etwa zwei Wochen muss er warten, bis er erste Erde entnehmen kann. „Ob sie genauso gut ist wie die aus den Kisten, wird sich zeigen. Aber ich habe ein gutes Gefühl.“

Für Menschen für Menschen sind Landwirte wie Bongale besonders wichtig: Menschen, die Neues schnell umsetzen, Gelerntes weiterentwickeln und als Vorbilder in ihrer Nachbarschaft wirken. Als sogenannter Modellfarmer gibt Bongale seine Erfahrungen an die Nachbarn weiter. Und mit seiner Baumschule übernimmt er Verantwortung.

„Wenn alles gut läuft, möchte ich mein Angebot erweitern“, sagt er. „Zum Beispiel um weitere Obstsorten.“ Die Nachfrage sei groß, seine Motivation ebenso. Denn die vergangenen Jahre hätten ihm gezeigt, was alles möglich ist. „Vielleicht kann ich mir irgendwann sogar ein Auto leisten“, überlegt er, „um meine Bäume und Produkte direkt zu den Landwirten zu liefern.“ Wurmkiste für Wurmkiste, Baum für Baum, Schritt für Schritt wird aus einem Kleinbauern ein Unternehmer – und aus einem kleinen Garten in Washemo ein Ort für große Träume.