Neue Linse, großes Glück
Licht ins Dunkel
Im ländlichen Äthiopien sind es häufig viele Tagesmärsche bis zum nächsten Krankenhaus. Gesundheitszentren in der Nähe sind zudem meist schlecht ausgestattet, medizinische Fachkräfte fehlen. Dadurch werden Krankheiten, die sich einfach behandeln ließen, verschleppt und verursachen großes Leid. Um dem entgegenzuwirken, renovieren wir Gesundheitszentren auf dem Land und statten sie mit Möbeln und medizinischem Material aus. Wir schulen Fachpersonal und führen kleinere Eingriffe zur Behandlung der Augeninfektion Trachom selbst durch. Zudem organisieren wir Operationen des Grauen Stars und stellen deren Finanzierung sicher.
Zurück ins Licht
Tayitu Hasan liegt auf einer Liege. Die 67-Jährige atmet tief ein und aus, als wollte sie sich selbst beruhigen. „Dreh deinen Kopf noch ein kleines Stückchen zu mir“, sagt Said Adbu. Der Augenarzt wird in wenigen Momenten den Grauen Star in Tayitus linkem Auge operieren. Sie ist daran nach und nach erblindet. „Stopp, das reicht schon“, sagt er, umfasst ihr Gesicht sanft mit beiden Händen und legt ein Tuch mit einer kleinen Aussparung für das Auge über ihr Gesicht. Bis auf das Summen der Geräte ist es in dem Behandlungszimmer still. Said Adbu arbeitet hoch konzentriert. Nur etwa 15 bis 20 Minuten dauert der Routineeingriff, bei dem der Arzt die getrübte Linse durch eine neue aus Kunststoff ersetzt. Wenige Minuten, die Tayitus Leben verändern. Sie wird danach wieder auf beiden Augen sehen und ein selbstständigeres Leben führen können – Bohnen und Weizen anbauen, ihrer Tochter im Haushalt helfen und wie früher mit ihren drei Enkelkindern spielen.
All das war nicht mehr möglich, da sie infolge der einseitigen Erblindung Schwierigkeiten mit dem Gleichgewicht bekam. „Ich freue mich so sehr für sie“, sagt Ali Umar, der vor dem Operationsaal wartet. Er begleitet seine Schwiegermutter. Zuletzt mussten seine Frau und er Tayitu jeden Tag versorgen. Sie kochten für sie, wuschen sie, gingen mit ihr in die Moschee.
Tayitu ist nicht die einzige Patientin, die der Arzt Said und sein sechsköpfiges Team aus Krankenschwestern und Pflegern sowie einem Optiker untersuchen und behandeln. Für eine Woche sind sie aus der nahgelegenen Stadt Dessie in das Projektgebiet Borena gekommen, um die Menschen kostenlos zu operieren. Laut der WHO ist ein Augenarzt oder eine Augenärztin in Afrika statistisch gesehen für eine Million Menschen zuständig. In den großen Ballungszentren ist die medizinische Versorgung besser, in den ländlichen Gebieten sind Ärzte oft unerreichbar. Unerschwinglich sind der Transport, die Unterkunft in der Stadt und die Kosten für den Eingriff. Menschen für Menschen organisiert daher Operationswochen, bezahlt dem medizinischen Team ein Tagegeld, die Kunstlinsen und Material wie Nadeln, Watte und Desinfektionsmittel. Für Transport und Logistik kommen die Regierung und das Krankenhaus auf, an dem die Ärzte und Krankenschwester arbeiten. Eigentlich finden solche Kampagnen alle paar Monate statt. Doch über die vergangenen zwei Jahre mussten sie aufgrund der Coronapandemie und des Bürgerkrieges ausfallen.
Der Andrang in der kurzfristig zur Augenklinik umfunktionierten Projektzentrale von Menschen für Menschen in Mekane Selam ist daher groß: Rund 2.000 Menschen sind zur Voruntersuchung gekommen. Stiftungsmitarbeiterinnen und -mitarbeiter kontrollieren dabei, ob die Patienten tatsächlich am Grauen Star leiden oder eine andere Erkrankung vorliegt.
Am Ende ihres Besuchs werden der Augenarzt und sein Team über 250 Menschen operiert haben. Mehr als doppelt so viele wie bei den letzten Einsätzen. Auch Tayitu hat sehnsüchtig auf die Behandlung gewartet. Vor drei Jahren wurde bereits ihr rechtes Auge operiert. Im linken war die Trübung damals noch nicht ausreichend fortgeschritten für eine Behandlung. „Als ich das erste Mal hierherkam, war ich überzeugt, dass man mir nicht helfen kann“, erinnert sich Tayitu. Sie glaubte damals, Allah hätte ihr das Augenlicht genommen. „Doch es kam anders. Und so betete ich täglich, dass die Ärzte zurückkommen und mein zweites Auge heilen“, sagt Tayitu. Nach dem Eingriff verlässt sie den Operationssaal, mit Augenbinde und noch etwas wackelig auf den Beinen. Ali nimmt sie in Empfang. Seine Schwiegermutter soll sich ausruhen. Am nächsten Morgen warten Tayitu und rund 40 weitere Patientinnen und Patienten dicht gedrängt auf schmalen Holzbänken vor der Projektzentrale. Der Arzt Said Abdu tritt vor Tayitu, zieht vorsichtig das Pflaster ab und leuchtet mit der Taschenlampe seines Handys in ihr Auge. „Das sieht sehr gut aus“, sagt er und hält ihr seinen Zeigefinger vor das Gesicht. „Wie viele Finger zeige ich dir?“ Tayitu blinzelt kurz und ruft: „Einen!“ Said lächelt zufrieden.