Shiworke lebt in einem Vorort von Gorbela, der Hauptstadt des Bezirks Ankober, rund 170 Kilometer nordöstlich von Addis Abeba. Aus dem Mehl wird sie Brot backen und Injera. Die säuerlichen Fladen bietet sie in ihrem Café, das Brot im Kiosk an, der Teil ihres kleinen Wohnhauses ist. In den Regalen des Ladens liegen außerdem Waschmittel, Streichhölzer, ein paar Bonbons. „Eine große Auswahl habe ich nicht“, sagt Shiworke und beißt sich auf die Unterlippe. „Mir fehlt das Geld, um mehr Produkte einzukaufen.“ Im Schnitt verdient sie umgerechnet etwa elf Euro am Tag, abzüglich der Investitionen. Ihr Mann Kifle verdingt sich als Tagelöhner. Das kleine Einkommen muss für die beiden, Bereket und für Shiworkes Mutter reichen, die bei ihnen lebt. Eigenes Ackerland hat das Ehepaar nicht. Dass sich Shiworke überhaupt selbstständig machen konnte, liegt an der Unterstützung anderer Frauen – und an drei Schafen. Als Teenager erhielt Shiworke die Tiere von einer lokalen Hilfsorganisation. Die Lämmer, die ihr die Schafe schenkten, verkaufte sie und verdiente so ihr erstes eigenes Geld. Ihre Familie hatte es bitter nötig. Vier ihrer sechs Geschwister waren innerhalb kürzester Zeit schwer erkrankt, sie starben. Ebenso ihr Vater. Neben dem Schulunterricht und ihrer kleinen Schafzucht verkaufte Shiworke Tee auf der Straße. So unterstützte sie ihre Mutter und einen ihrer älteren Brüder, der eine weiterführende Schule besuchte. „Meine eigenen Noten litten“, erinnert sich Shiworke. Nach der achten Klasse brach sie die Schule ab.