Wissen schafft Perspektiven
Ein Klassenzimmer voller Zukunft
Entwicklung auf Augenhöhe braucht Bildung. Im ländlichen Äthiopien bleibt diese jedoch vielen Kindern verwehrt. Mädchen und Jungen übernehmen früh Verantwortung in ihren Familien: Sie helfen auf den Feldern und hüten Vieh. Dazu kommt: Schulen sind häufig schlecht erreichbar, vor allem weiterführende Schulen. Um sie zu besuchen, müssen Schülerinnen und Schüler oft lange Wege auf sich nehmen, um dann in meist alten, baufälligen Gebäuden zu lernen. Wir bauen daher in entlegenen Dörfern moderne Schulen und statten sie mit Möbeln und Unterrichtsmaterialien aus.
Der Traum vom Lernen
Zefano, im Projektgebiet Boreda, 10.15 Uhr morgens: Für die 11. Klasse steht die menschliche Fortpflanzung auf dem Stundenplan. „Letzte Woche haben wir über die männlichen Sexualorgane und Hormone gesprochen“, sagt der Biologielehrer Ayza Hota. „Heute sind die der Frauen dran.“ Obwohl die meisten der Schülerinnen und Schüler mitten in der Pubertät stecken, kichert niemand. Alle hören aufmerksam zu, schreiben mit. „Das weibliche Sexualhormon Östrogen sorgt dafür, dass sich die Schleimhaut in der Gebärmutter verdickt und löst den Eisprung aus“, erklärt Lehrer Ayza weiter.
Der 38-Jährige stammt selbst aus Zefano. Während seiner Kindheit gab es in der Gemeinde nur eine Grundschule. Wer auf eine weiterführende Schule gehen wollte, musste viele Kilometer bis in die nächste Kleinstadt laufen – oder wie Ayza ganz dort hin ziehen. „Viele Familien konnten sich das nicht leisten“, erinnert er sich. „Einige meiner Freunde brachen die Schule ab.“ Um ihren Kindern Schulbildung in der Nähe zu ermöglichen, setzten sich Bewohner Zefanos und umliegender Gemeinden schließlich für eine Oberstufe im Dorf ein. Sie sprachen mit Behörden und sammelten Geld für den Bau. Wer nichts spenden konnte, half mit Materialien und Arbeitskraft. So entstanden Klassenräume, eine Bibliothek und ein Lehrerzimmer.
Mehr als 650 Neunt- bis Zwölftklässler lernten darin fortan. Sogar einige Eltern kehrten zurück, um ihren Abschluss nachzuholen. „Das war natürlich ein großer Erfolg“, erinnert sich Ayza. Doch die dunklen Hütten aus Lehm, Stroh und Holz hielten nicht lange. In bröckelnden Böden und Wänden lauerten Sandflöhe, außerdem fehlten Möbel und Unterrichtsmaterialien. Vor drei Jahren begann Menschen für Menschen deshalb mit Mitteln von Sportler gegen Hunger e.V. mit dem Neubau der Schule. Entstanden sind zwölf Klassenzimmer, eine Bibliothek, ein Computerraum und ein Lehrerzimmer. Die Stiftung stattete die Schule außerdem mit Büchern, Stühlen, Tischen und Tafeln aus. Auch Toiletten und Waschbecken wurden gebaut.
„Wir können uns heute viel besser konzentrieren“, sagt Medamit Ayika, eine der Schülerinnen im Biologie-Kurs von Ayza. Das zeigt sich auch in ihren Noten. „Die neuen Schulgebäude motivieren mich, weiterzulernen“, sagt die 19 Jährige. Sie ist die erste Tochter ihrer Familie, die die Oberstufe besucht. Ihre beiden älteren Schwestern brachen die Schule ab und heirateten früh. „Ich möchte vor allem meiner jüngeren Schwester zeigen, dass es anders geht.“
Hat Medamit noch etwas mehr als ein Jahr an der Schule in Zefano vor sich, steht der Abschluss für Cherinet Fankasho, einen Klassenraum weiter, kurz bevor. „Dafür lerne ich jeden Tag mehrere Stunden nach der Schule“, sagt der 24-Jährige. Er möchte Arzt werden. Dieser Wunsch hat mit seiner eigenen Geschichte zu tun: Als Kind und Jugendlicher erkrankte er mehrfach an Malaria.
Oft verpasste er deshalb Unterricht und musste den Stoff mühsam nachholen. Als er später für die Oberstufe hätte wegziehen müssen, gab er auf. Stattdessen arbeitete er auf den Feldern seiner Eltern und als Tagelöhner in einer Fabrik in Addis Abeba. „Ich habe versucht, Geld anzusparen, um mir die letzten Schuljahre selbst zu finanzieren“, sagt er. „Als ich zurückkam und die neue Schule mitten in Zefano sah, konnte ich mein Glück kaum fassen.“ Schicksale wie diese, aber vor allem die Hoffnung und der Wille seiner Schülerinnen und Schüler bestärken Lehrer Ayza jeden Tag aufs Neue. „Ich möchte jungen Menschen das Wissen mitgeben, damit sie ihre Zukunft selbst in die Hand nehmen können“, sagt er. Heute ist das in Zefano deutlich einfacher.
„Ich glaube, dass diese Schule das Dorf verändern wird. Motivierte Lehrer unterrichten Kinder, die später studieren und Berufe erlernen – und der Region etwas zurückgeben.“