Eine Mutter denkt um
Kampf gegen schädliche Traditionen
Weibliche Genitalverstümmelung ist in Äthiopien verboten – und wird doch auf dem Land immer noch sehr oft durchgeführt. Menschen für Menschen klärt auf und erreicht, dass die Bevölkerung in den Projektgebieten der Stiftung umdenkt und heute dafür kämpft, ihre Töchter vor schädlichen Traditionen wie dieser zu schützen.
Umdenken durch Frauengruppen
Gott ist denen nahe, die leiden. Er hört sie, sieht sie und lässt ihr Leid nicht das letzte Wort haben – so steht es sinn gemäß im Alten Testament. Und so hat es die kleine Hiwot Abraham an diesem Vormittag im Bibelkurs für Kinder gelernt. „Mama, hör mal, was wir geübt haben“, ruft sie, als sie nach dem Unterricht nach Hause kommt. In der Hand hält sie einen kleinen Zettel mit der Bibelstelle. Psalm 34. Dann trägt die Fünfjährige vor:
„Ich will den Herrn loben allezeit; sein Lob soll immerdar in meinem Munde sein … Lass ab vom Bösen und tue Gutes; suche Frieden und jage ihm nach …“
„Toll gemacht“, sagt Meselech Teka und küsst ihre schmächtige Tochter sanft auf die Stirn. Sie selbst leitet einen Bibelkreis für Frauen in ihrer Gemeinde und ist von der Kraft Gottes überzeugt. Täglich betet sie vor allem dafür, dass er ihre sieben Kinder schützt. Ganz besonders Hiwot, ihre Jüngste. Bei ihr möchte Meselech alles richtig machen und nicht die gleichen Fehler begehen, wie bei ihrer älteren Tochter. Diese ließen sie und ihr Mann beschneiden. „Das hat jeder so gemacht“, sagt die 40-Jährige leise. Auch ihre Eltern bei ihr.
Es passiert im Verborgenen
Bei der Beschneidung von Mädchen und Frauen, der weiblichen Genitalverstümmelung, werden die Klitoris sowie die äußeren und inneren Schamlippen teilweise oder vollständig entfernt. In Extremfällen wird die Vagina anschließend bis auf eine kleine Öffnung für Urin und Menstruationsblut zugenäht. Meist geschieht das ab dem Säuglingsalter bis zur Pubertät ohne Betäubung, unter unhygienischen Bedingungen und mit einfachen Hilfsmitteln wie Rasierklingen oder Glasscherben. Obwohl die schreckliche Praxis in Äthiopien bereits seit 2004 verboten ist, sind laut Unicef noch immer knapp die Hälfte der 15- bis 19-jährigen Mädchen betroffen. Vor allem in den ländlichen Gebieten, wie Meselechs Heimat Lasho, rund 370 Kilometer südlich von Addis Abeba, werden die Rituale bis heute durchgeführt.
„Es passiert im Verborgenen. Denn am Ende gilt nur, wer beschnitten ist, als rein“, erklärt Zerihun Gezahegn. Er ist Leiter des Projektgebiets Kawo Koysha, das Menschen für Menschen seit 2023 betreibt und in dessen Zentrum Lasho liegt. Nach der Vorstellung vieler Bewohnerinnen und Bewohner der Kleinstadt und der umliegenden Dörfer sei eine Frau erst danach bereit zu heiraten und Kinder zu bekommen. Der Eingriff soll zudem, so der Glaube, Emotionen wie Wut oder Eifersucht dämpfen. Die eigenen Töchter nicht beschneiden zu lassen, war lange undenkbar. Offene Gespräche darüber ebenfalls. Vielen, vor allem den Frauen, fehlte es an Wissen und Aufklärung. „Wie gefährlich das Ritual ist, wusste ich nicht“, sagt Meselech. „Heute schon…“.
Wandel durch Aufklärung
Vor einigen Monaten nahm sie an einem Workshop teil, den Menschen für Menschen vierteljährlich in Kawo Koysha organisiert, um gemeinsam mit Vertretern der lokalen Behörden über weibliche Genitalverstümmelung und andere schädliche Traditionen zu informieren. Die Stiftung erstellt das Programm, schult die Trainer und stellt das Schulungsmaterial. „Wir laden einflussreiche Personen aus der Kirche oder den Gemeinden in die Kurse ein, die Lesen und Schreiben können“, erklärt Manager Zerihun. „Sie tragen das Gelernte dann weiter.“
Meselech und die anderen erfuhren dort, welche gesundheitlichen Folgen weibliche Genitalverstümmelung haben kann: vaginale Infektionen, Komplikationen bei Geburten, Traumata und schwere psychische Belastungen. Viele Frauen können später kaum schmerzfrei Sex haben, oder ihn gar genießen. „Das endet häufig in Eheproblemen“, sagt Zerihun. „Und nicht selten in Polygamie.“ Polizeibeamte klären während des mehrtägigen Kurses über rechtliche Konsequenzen auf. Für eine Beschneidung drohen in Äthiopien Haftstrafen und Geldbußen. „Früher wurde das in meinem Dorf kaum verfolgt“, sagt Mekibeb Arka. Die 26-Jährige, die über ihrem traditionell bestickten Kleid eine moderne gelbe Jacke trägt, ist Leiterin des Kirchenchors ihrer Gemeinde und für das Seminar nach Lasho gereist. „Wenn ich heute mitbekäme, dass eine Familie es ihren Töchtern antut, würde ich sie sofort anzeigen.“
Neben den Frauen sitzen auch Männer im Seminar. „Das ist entscheidend“, sagt Zerihun. „Die Gesellschaft hier ist bis heute stark patriarchal.“ Einer von ihnen ist Tilahun Tite. Der knapp 70-Jährige ist im Vorstand einer sogenannten Idir-Gruppe. In diesen traditionellen Solidargemeinschaften schließen sich Familien zusammen, zahlen einen geringen Monatsbeitrag und unterstützen sich im Notfall oder bei Beerdigungen finanziell. Gleichzeitig dienen ihre Treffen dem Austausch über soziale Probleme. „Ich moderiere, schlichte Streit und lege die Themen fest“, sagt Tilahun und rückt das Sakko seines Anzugs zurecht. Dazu gehören inzwischen auch schädliche traditionelle Praktiken. Früher seien neben der Beschneidung junger Mädchen auch andere verbreitet gewesen: Kinderehen etwa oder Brautentführungen, bei denen Frauen gegen ihren Willen verschleppt und vergewaltigt wurden, um sie als entjungferte Frau an sich zu binden. „Wer viele Ehefrauen und Kinder hat, der glaubt, im Alter abgesichert zu sein“, erklärt Tilahun – obwohl das Ackerland in der Region klein ist und Ernte sowie Arbeit kaum für alle reichen. „Nach unseren Gesprächen denken viele um“, sagt er und freut sich darüber, dass seine Gemeindearbeit Wirkung zeigt.
„Nach unseren Gesprächen über schädliche Traditionen denken viele um.“
Umfassende Unterstützung
Diesen Eindruck teilt auch Genet Gamia, Leiterin des Bezirksbüros für Frauen, Kinder und Jugendliche in Lasho, das eng mit Menschen für Menschen zusammenarbeitet. „Die Aufklärung hilft“, sagt sie. Auch weil die Bevölkerung die Unterstützung der Stiftung in vielen anderen Lebensbereichen spürt: Kinder sind dank sauberen Trinkwassers gesünder und besuchen regelmäßiger die Schule. Mehr Frauen entbinden in renovierten Gesundheitszentren, haben Zugang zu Familienplanung und medizinischer Versorgung und damit auch mehr Vertrauen, sich bei gynäkologischen Problemen an Fachpersonal zu wenden. Landwirte erzielen durch verbesserte Anbaumethoden höhere Erträge, junge Arbeitslose sehen erstmals wieder Perspektiven, sobald sie in einer von der Stiftung organisierten Kooperative arbeiten, Ziegelsteine oder Seife produzieren oder ihr eigenes kleines Restaurant führen. „Das hält die Männer von Alkohol, Gewalt und dummen Gedanken ab“, sagt Genet und fügt hinzu „Wer Samen und Jobs erhält, ist offener gegenüber Veränderung der alten Traditionen.“ Trotzdem sei der Weg noch weit. „Frauen spielen in unseren Gemeinden noch immer eine untergeordnete Rolle, ihr Leid wird oft überhört.“ Die Behördenmitarbeiterin möchte daran etwas ändern.
So auch Meselech – auf ihre Weise. Dreimal pro Woche trifft sie sich mit Frauen aus ihrer Kirche. „Ich bereite Bibelstellen vor“ erzählt sie. „Wir lesen und interpretieren sie und suchen nach Parallelen zu unserem Leben.“ Sie sprechen über Kindererziehung, Partnerschaft, über Vielehen und weibliche Beschneidung. „Von dem Ritual steht nichts in der Bibel“, sagt sie. Vor Feiertagen, an denen es besonders häufig durchgeführt wird, warnt sie eindringlich. Sie erklärt Risiken und die Gesetzeslage und spricht über ihre Entscheidung dagegen. „Ich habe meine Fehler erkannt“, sagt sie. „Es wäre eine Sünde, andere nicht davor zu bewahren.“
In einigen ostafrikanischen Ländern, darunter Äthiopien, werden Säuglingen ihre Milchzähne gewaltsam aus dem Zahnfleisch entfernt. Der Eingriff erfolgt häufig noch vor dem Durchbruch der Zähne, ohne Betäubung mithilfe von heißen Nägeln, Radspeichen oder normalen Messern. Wenn beim Zahnen das Zahnfleisch anschwillt und sich das Kind unwohl fühlt, werden Zahnwürmer und -keime als Ursache vermutet. Ihnen werden auch fälschlicherweise Krankheiten wie Fieber, Durchfall oder Erbrechen zugeschrieben. Das Ziehen der Zähne soll vor Zahnwürmern schützen. Orale Verstümmelung wird von Organisationen wie der World Health Organization verurteilt. Die gesundheitlichen Folgen reichen von starken Blutungen bis zu Infektionen, darunter HIV, Hepatitis und Tetanus, genauso wie bleibenden Zahnschäden.