Eine Gruppe von Menschen hört einem Vortrag zu.

Arbeiten im Konfliktgebiet

Arbeiten im Konfliktgebiet

Psychosoziale Unterstützung in North Wollo, Amhara

Gemeinsam mit der äthiopischen Organisation Family Guidance Association of Ethiopia (FGAE) unterstützt Menschen für Menschen seit 2023 Überlebende sexualisierter Gewalt in der North Wollo Zone des Bundesstaats Amhara. Die Region ist bis heute geprägt von den Auswirkungen des bewaffneten Konflikts zwischen der äthiopischen Zentralregierung und ethnischen Milizen aus Tigray und Amhara, der viele Familien entwurzelt und das lokale Gesundheits- und Sozialsystem geschwächt hat. 

FGAE arbeitet seit fast fünf Jahrzehnten im Bereich Gesundheitsversorgung, Familienplanung und Prävention. „Wir führen Projekte überall im Land durch und betreiben eigene Kliniken – auch in Regionen, die zuletzt vom Krieg betroffen waren“, berichtet der FGAE-Projektkoordinator Difabachew Setegn. Bei ihrer Arbeit stellten die Teams fest, dass es nicht nur an Wasser, Lebensmitteln und medizinischer Versorgung mangelte – vielen Menschen fehlte vor allem Zugang zu psychosozialer Unterstützung.

Zwei Männer der Organisation FGAE geben ein Interview über das Projekt zur psychosozialen Unterstützung von kriegsgeschädigten Frauen.
FGAE-Projektleiter Adinew Husien (r.) und Projektkoordinator Difabachew Setegn (l.).

„Über 60 Prozent litten unter schweren mentalen Belastungen“, beschreibt Projektleiter Adinew Husien. „Viele konnten nicht schlafen, hatten Albträume oder liefen ziellos umher. Besonders Frauen und Mädchen waren stark betroffen.“ 

Um dieser Not zu begegnen, entwickelte FGAE gemeinsam mit Menschen für Menschen ein Projekt zur psychosozialen Unterstützung, das vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) gefördert wird. Menschen für Menschen kooperiert in bestimmten Kontexten mit lokalen äthiopischen Nichtregierungsorganisationen. Dabei wird die äthiopische Zivilgesellschaft gestärkt und die sich komplementierenden Stärken beider Organisationen genutzt. Ein Schwerpunkt liegt auf der Identifikation und Begleitung von Menschen mit mentalen Problemen. Schwere Fälle werden in die wenigen noch funktionierenden Kliniken überwiesen. Dort unterstützt das Projekt mit medizinischem Material, Schulungen für Gesundheitspersonal und spezifischen Angeboten für Betroffene von geschlechtsspezifischer Gewalt.

Stärkung von Gemeinschaften

Ein weiteres wichtiges Element des Projekts ist die Stärkung von Gemeinschaften: in moderierten Austauschgruppen finden Frauen einen sicheren Raum, um über ihre Erfahrungen zu sprechen. „Sie trinken gemeinsam Kaffee, beginnen miteinander zu reden und unterstützen sich gegenseitig“, erzählt Husien. 

Auch die lokale Infrastruktur wird wiederaufgebaut. Sechs beschädigte Gesundheitsstationen konnten bereits renoviert werden. Zusätzlich wurden 20 Freiwillige zu psychosozialen Berater:innen ausgebildet, um entlegene Gemeinden zu erreichen, in denen es nach dem Konflikt kaum mehr medizinisches Personal gibt. „Unsere Freiwilligen spielen eine große Rolle – sie leben in den Dörfern und unterstützen uns auch dann, wenn die Lage angespannt ist“, so Setegn. 

Zu den wichtigsten Erfolgen zählen für das Team die Wiedervereinigung von Familien, die während des Konflikts den Kontakt verloren hatten. Über lokale Radiosender und soziale Medien konnten Angehörige wieder zusammengeführt werden – für viele ein zutiefst emotionaler Moment. 

Ein weiterer Schwerpunkt ist die Stärkung der wirtschaftlichen Perspektiven für Frauen und Mädchen. Viele Teilnehmerinnen erhielten Trainings zur Existenzgründung und können nun für sich und ihre Kinder sorgen. „Dank der renovierten Kliniken erhalten Menschen wieder Zugang zu Gesundheitsdiensten – und viele Frauen haben eine neue Perspektive gefunden“, resümiert Husien. 

Ausbau des Engagements in Tigray

Die Arbeit im Konfliktkontext bleibt herausfordernd. Doch FGAE bringt jahrzehntelange Erfahrung, ein starkes Netzwerk an Freiwilligen und große Nähe zur Bevölkerung mit. Gemeinsam setzen wir uns dafür ein, dass Menschen in North Wollo wieder Hoffnung fassen und Zugang zu medizinischer sowie psychosozialer Unterstützung erhalten. Umso mehr freuen wir uns, unser Engagement im Bereich Konfliktbewältigung und sexualisierte Gewalt in einem weiteren, neuen Projekt umsetzen zu können: Zusammen mit der lokalen Organisation „Mums for Mums setzen wir seit November 2025 und noch bis Oktober 2028 ähnliche Aktivitäten in Tigray um – eine Region, die jahrelang Konflikten ausgesetzt war. Auch dieses Projekt wird zum größten Teil durch das BMZ gefördert, und trägt somit zu einer erfolgreichen deutschen Entwicklungszusammenarbeit bei. Erfreulich ist bei diesem neuen Projekt zusätzlich, dass unser langjähriger Partner nuruWomen e.V. einen Teil des Projekts finanziert.