Von Bienen und Würmern
Es kreucht und fleucht
Während Soresa Abdisa schläft oder er mit seiner Frau und den Kindern beim Essen sitzt, arbeitet in seinem Garten im Dorf Buko im Projektgebiet Illu Gelan eine Schar kleiner Helfer. In zwei großen Kompostkisten futtern sich Tausende Würmer durch Blätter, Ernteabfälle, Kuhmist und Stroh. In einigen Metern Sicherheitsabstand zu seinem Wohnhaus surren zudem Bienenkolonien um ihre Stöcke. „Ich fand es schon immer faszinierend, wie sie von Blüte zu Blüte fliegen und es am Ende leckeren Honig gibt“, erzählt Soresa begeistert. Vor rund zwei Jahren erhielt er von Menschen für Menschen ein viertägiges Imkertraining.
Schon zuvor hatte sich der 48-Jährige an der Honigproduktion probiert – „und dabei viel falsch gemacht“, wie er bekennt. So hielten seine traditionellen Bienenstöcke, geflochtene Korbröhren oder ausgehöhlte Baumstämme, nur für eine Ernte. Soresa zerschlug sie, wurde dabei meist komplett zerstochen. Bienen starben und der gewonnene Honig verschmutzte. Von der Stiftung bekam er zwei modernere Bienenstöcke aus Holz gestellt.
Zusätzlich erhielt er eine Anleitung, wie er sich die Stöcke selbst bauen und am besten säubern kann. „Mein Honig ist nun sauber und schön gelb“, schwärmt Soresa. 5.000 Birr, rund 32 Euro, hat er mit der ersten kleinen Ernte auf dem Markt verdient. Bald möchte er auch das Bienenwachs zum Verkauf anbieten. „Beides ist gerade total beliebt“, sagt er. „Und die Menschen bezahlen dafür.“ Sich darüber Gedanken zu machen, ob es für seine Produkte einen Markt gibt, war für Soresa früher nicht denkbar. „Ich erinnere mich an die Zeit, als unsere älteste Tochter zur Welt kam“, erzählt er. Damals, vor 24 Jahren, baute er lediglich Mais an. Der reichte gerade so für die Kleinfamilie. Geld, um sich auch anderes Essen zu kaufen und sich so vielseitiger zu ernähren oder um dem Baby neue Kleidung zu kaufen, gab es nicht. „Das war eine harte Zeit“, sagt Soresa.
Der heute siebenfache Vater suchte im lokalen Landwirtschaftsbüro der Region Illu Gelan rund 200 Kilometer westlich von Addis Abeba Hilfe. In den Folgejahren stellte ihm die Behörde Saatgut, beriet ihn. Soresa begann, Teile seiner Mais- und Teff-Ernte zu verkaufen. Zudem den Joghurt, den seine Frau aus der Milch seiner Kühe herstellt. Rund 650 Euro verdiente er so pro Jahr. Mehr als die Hälfte musste er allerdings direkt wieder in chemischen Dünger für seine Feldfrüchte investieren.
Wurmkompost ist hier eine ökologische Alternative, die zudem kaum Kosten verursacht. Soresa lernte von Menschen für Menschen, wie er die Wurmkisten baut, mit was er sie füllen und wie oft er sie gießen sollte. Außerdem erhielt er ein Starterset aus zwei Kilo Würmern. „Zu Beginn war ich sehr skeptisch“, gibt Soresa zu. Auf einem kleinen Teil seines Maisfeldes probierte er den Wurm-Humus aus – und ist bis heute begeistert: „Die Stängel, Blätter und Körner sehen so gesund aus!“ Bald möchte Soresa komplett auf den Kunstdünger verzichten. Auch seine Kaffeesträucher und die Papaya- und Avocadobäume, die er von der Stiftung erhielt, wird er mit der Komposterde düngen. In Zukunft plant der Landwirt, einige seiner Ochsen und Kühe zu mästen und seinen Fruchtanbau zu vergrößern. Seine Frau wird zudem bald ihre eigene kleine Hühnerzucht starten. Soresa baut ihr den Stall, von Menschen für Menschen erhält sie einige Tiere. Vielleicht, so hofft Soresa, könnte auch seine älteste Tochter mit einsteigen. Ohne Einkommen und Jobaussichten war sie nach ihrem Schulabschluss nach Saudi-Arabien gegangen. „Ich vermisse sie sehr“, sagt er, „und möchte, dass sie hier zuhause endlich eine Perspektive hat.“