Gebärmuttersenkung
Wie wir helfen
Im ländlichen Äthiopien mangelt es an medizinischer Grundversorgung und Fachpersonal. Werden die Menschen krank, müssen sie zum nächsten Arzt oder Krankenhaus oft Tagesmärsche zurücklegen. Vermeidbare Krankheiten enden so manchmal tödlich. Wir renovieren daher die häufig schlecht ausgestatteten Gesundheitszentren auf dem Land, versorgen sie mit Möbeln und Material. Außerdem schulen wir das örtliche medizinische Personal, transportieren Impfstoffe, organisieren Aufklärungskampagnen und ermöglichen Operationen – zum Beispiel gynäkologische Eingriffe.
Workinesh Meskale hält einen kleinen gelben Kanister unter den Wasserhahn. Die anderen Frauen an der Wasserstelle haben viel größere dabei, 15, 20 Liter passen da hinein. In Workineshs Kanister gerade mal drei. „Ich bin einfach froh, dass ich überhaupt wieder problemlos Wasser holen kann“, sagt sie und lächelt schüchtern. Das liegt an zweierlei: Seitdem die Stiftung direkt in ihrer Nachbarschaft eine Wasserstelle errichtet hat, muss sie wie die anderen Menschen in Marea im Projektgebiet Kawo Koysha für sauberes Trinkwasser keine stundenlangen Fußmärsche mehr auf sich nehmen. Außerdem hat die Stiftung Workinesh eine Operation ermöglicht, die ihr Leben verändert hat. Die 54-Jährige litt an einem Uterusprolaps, einer Gebärmuttersenkung (UVP). Bei den betroffenen Frauen tritt die Gebärmutter aus der Vulva hervor. Kann am Anfang und zur Vorbeugung noch Beckenbodentraining helfen, löst die Erkrankung im fortgeschrittenen Stadium große Schmerzen aus. Sie kann zur Blasenschwäche führen und dann nur noch operativ behandelt werden.
„Hauptursachen sind andauernde schwere körperliche Arbeit sowie viele unbegleitete Hausgeburten“, erklärt Mulugeta Tadesse Lema. Er ist Gynäkologe und einer der Ärzte, die im Projektgebiet Kawo Koysha viele der Eingriffe durchgeführt haben. „Dass die Krankheit ein solches Tabu ist, über das keiner spricht, ist ein Problem. So leiden viele Frauen lange, bevor wir ihnen helfen können.“
Workinesh ist in Marea aufgewachsen. „Damals gab es hier kein Wasser, keinen Strom, nicht einmal eine Straße“, erinnert sie sich. Immer wieder kam es in der Gegend zu Erdrutschen, die das Bestellen der Felder erschwerten. Schon als kleines Mädchen half Workinesh den Eltern. Sie schleppte Feuerholz, kümmerte sich um die Tiere, sogar den Acker pflügte sie. Eine Schule besuchte sie nie. Mit 19 Jahren bekam Workinesh ihr erstes Kind, über die nächsten zwanzig Jahre folgten sechs weitere. Alle gebar sie zuhause. „Nur die traditionellen Hebammen im Dorf halfen“, sagt Workinesh. War ihr Leben bis dahin schon nicht einfach, wurde es vor vier Jahren noch beschwerlicher. „Ich erntete gerade Süßkartoffeln, als ich plötzlich starke Schmerzen und ein komisches Gefühl im Unterleib hatte“, sagt Workinesh. Später, beim Umziehen, sah sie was passiert war. Und schwieg.
Unsichtbares Leid: ein Tabu im Dorf
Keine ihrer Nachbarinnen hatte je über eine solche Erkrankung gesprochen. Auch Workinesh versteckte sie so gut es ging. Sie band sich ein Stück Stoff eng um den Unterleib, nahm, obwohl sie oft vor Schmerzen kaum sitzen konnte, an Hochzeiten, Beerdigungen, dem normalen Dorfleben teil. Ihrer Familie verriet sie ebenfalls nichts. „Man hat es ihr nicht angemerkt“, erzählt ihr ältester Sohn, der 35-jährige Abebe Feyisa.
Erst als eine Sozialarbeiterin von Menschen für Menschen in Marea über die Erkrankung aufklärte und von der rettenden Operation berichtete, vertraute sie sich ihr an. Die Stiftung organisierte den OP-Termin und kam für den Transport ins Krankenhaus auf. Zurück daheim musste sich Workinesh die ersten vier Wochen noch schonen. Auch weiterhin sollte sie darauf achten, nicht zu schwer zu heben. Doch sie kann heute wieder mit Freude in den Gottesdienst gehen, leichte Arbeiten auf dem Feld verrichten, Wasser holen und ohne Schmerzen mit ihren Enkelkindern spielen. „Darüber freue ich mich am meisten.“
Besonders mit den fünfjährigen Zwillingstöchtern ihres Sohnes Abebe verbringt sie viel Zeit. Wenn sie neben ihr sitzen, während sie Kaffee oder das Essen zubereitet, erzählt sie ihnen manchmal ausgedachte Geschichten von wilden Löwen und Affen. „Wenn sie bald alt genug sind, sollen sie zur Schule gehen. Später dann studieren und einen Beruf erlernen“, wünscht sich Workinesh. „Und niemals so leiden müssen wie ich.“