Früher saßen Abdulaziz Hussien (2.v.l. hockend) und Bisrate Gebriel Tesfaye (2.v.l. stehend) wie auch ihre Freunde regelmäßig im Gefängnis, heute kämpfen sie für die Umwelt

Aus Plastik erbaut: Ein neues Leben im Zeichen des Umweltschutzes

26
Jan. 2026

Aktuelles

Es war der Müll, der ihr Leben veränderte. Als Abdulaziz Hussien und Bisrate Gebriel Tesfaye merkten, dass ihr Stadtteil Akaki Kallity im Süden von Addis Abeba verdreckte, sich überall Plastikabfall häufte, entschieden sie sich, etwas dagegen zu tun. Sie fingen an, den Müll zu sammeln und gründeten mit 14 anderen jungen Männern eine Umweltschutzgruppe.

 

Damit ließen sie auch ihre bewegte Vergangenheit hinter sich: Als Jugendliche gerieten sie auf die schiefe Bahn. Sie schwänzten Schule, lungerten tagein, tagaus auf der Straße herum, berauscht von den Blättern des Khatstrauchs. Regelmäßig zettelten sie Schlägereien an, begingen kleinere Straftaten. Alle 16 saßen mehrmals im Gefängnis. Wieder auf freiem Fuß verdienten sie zunächst mit Gelegenheitsjobs ihr Geld. Auf ihrem Arbeitsweg kamen sie an einem zugemüllten Hügel an einer unbefestigten, sandigen Straße in Akaki Kallity vorbei. Die Männer säuberten das Areal, zimmerten aus dem gesammelten Plastikabfall Bänke, bastelten Stühle, pflanzten Blumen in aufgeschnittene Kanister oder fertigten aus bunten Plastikdeckeln Kunstwerke an. Wer in ihr Refugium möchte, tritt durch ein Eingangstor aus Plastikflaschen. Es ist so niedrig, dass man sich bücken muss, um es zu durchschreiten. „So verbeugt sich jeder, der unseren Garten besucht. Vor dem Ort und der Natur“, erklärt der 25­jährige Abdulaziz und grinst.

Gegenüber, auf der anderen Straßenseite, türmen sich Berge aus Plastikflaschen. Müllsammler bringen sie der Gruppe, die ihnen für ein Kilo vier Birr gibt, umgerechnet etwas weniger als zehn Cent, und sie mit kleinem Gewinn an Recycling­ Unternehmen weiterverkauft. Viel Geld kommt dabei nicht zusammen, doch die Männer haben noch ein weiteres Projekt:

Müllsammler bringen der Umweltschutzgruppe säckeweise Plastikmüll, den die Männer an Recycling unternehmen weiterverkaufen.
Müllsammler bringen der Umweltschutzgruppe säckeweise Plastikmüll, den die Männer an Recyclingunternehmen weiterverkaufen.

Nicht weit von ihrem Hügel hat ihnen die Stadtverwaltung eine knapp 3.500 Quadratmeter große Fläche zugesprochen. Einst wuchs dort ein dichter Wald, in dem die Männer als Kinder spielten. Um Holz für die Bauindustrie zu gewinnen, wurde er gerodet, das gesamte Gelände umgegraben. Die Gruppe möchte es aufforsten. „Wenn dort wieder Bäume wachsen, kehren die Tiere zurück und die Menschen können sich an der Natur erfreuen“, träumt der 28­-jährige Bisrate. Doch zunächst muss die Fläche begradigt werden. Firmen laden dafür ihren Bauschutt in den tiefen Gräben ab, umgerechnet 1,10 Euro pro Truck erhalten die Männer dafür von den Unternehmen. An guten Tagen kommen 20 Ladungen an. Anschließend bereiten sie den Boden für die Bepflanzung vor. Von ihrem Verdienst können Abdulaziz, Bisrate und die anderen Essen und Miete bezahlen. Außerdem unterstützen sie acht Waisenkinder, kaufen ihnen neue Kleidung und Schulmaterial und laden sie zu sich in den Garten ein. „Sie sollen einen besseren Start ins Leben haben und nicht dieselben Fehler machen wie wir“, sagt Abdulaziz. „Wir wollen ihnen gute Vorbilder sein.“

Mann im Gras neben einer Karte in Form eines afrikanischen Flaschenverschlusses, im Hintergrund aufgereihte Plastikflaschen.
Die Gruppe hat nicht zur Stühle und Bänke, sondern auch Kunstwerke aus Plastikmüll gezaubert: Hier etwa ein Abbild Äthiopiens, geklebt aus Plastikdeckeln.
Eine Gruppe von Menschen lächelt im Freien in der Nähe von bunten Strukturen und gestapelten Lieferungen.
Wer in das Refugium der Gruppe möchte, tritt durch ein Eingangstor aus Plastikfaschen.

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