Billys Business-Lady
Mit Mut und Mikrokredit zum eigenen Restaurant
Frauen sind in Äthiopien noch immer auf vielfältige Weise benachteiligt. Auf dem Land leisten sie Schwerstarbeit. Sie schleppen Wasserkanister und Feuerholz, kochen und erziehen die Kinder. Nur selten verfügen sie über ein eigenes Einkommen. Sie sind oft von ihren Familien oder Ehemännern abhängig. Um ihre Lebensbedingungen zu verbessern, ihre Rolle in der Gemeinschaft zu stärken und ihnen eine Perspektive zu geben, bieten wir handwerkliche Ausbildungskurse, Gründerinnentrainings und Mikrokreditprogramme speziell für Frauen an. So fördern wir die Entwicklung und den Zusammenhalt in der ganzen Gesellschaft.
Der Schritt ins Unternehmertum
Almaz Getachew bekommt Nachschub: Bierkiste für Bierkiste hievt ein Mann mit Schwung aus einem Kleinbus und von dort hinter den Tresen ihres Restaurants. Almaz kontrolliert die Ware, zählt mit flinken Fingern die Scheine: 10.000 Birr, rund 160 Euro erhält der Lieferant. „Bis bald“, ruft sie ihm nach, und schaut zufrieden zu ihren Gästen. Sie sitzen auf bunten Plastikstühlen in dem hellen Essensraum. Außer Bier und Softdrinks serviert Almaz kleine Speisen: zum Frühstück Eier sowie Firfir, ein typisches Gericht aus klein gehacktem Injera-Fladenbrot, Gewürzen und Butter. Mittags gibt es Injera mit einer Auswahl aus Weißkohl, Kartoffeln, Tomaten, Linsen oder mit Shiro, einer Soße aus Kichererbsen.
Das Restaurant der 32-Jährigen liegt an der Hauptstraße der Kleinstadt Billy, etwa 580 Kilometer nördlich von Addis Abeba im Projektgebiet Borena. Almaz ist in der Nähe geboren, wuchs als älteste Tochter von Kleinbauern auf. Mit zwölf Jahren nahm ihre Kindheit ein jähes Ende: Ihre Eltern stimmten der Hochzeit mit einem vier Jahre älteren Jungen zu. Mit ihrem Ehemann bezog sie ein kleines Zimmer in Billy.
„Wir mussten plötzlich erwachsen sein und selbst Verantwortung übernehmen“, erzählt sie. Wichtig war es ihr, weiter zur Schule zu gehen. Um die Miete und andere Lebenshaltungskosten zu finanzieren, begann Almaz nach dem Unterricht Araki, einen lokalen Schnaps, zu brennen. Den verkaufte sie an Barbesitzer in der Umgebung. Rund zehn Euro verdiente sie so in der Woche.
Ihr Mann verkaufte Eier. „Es reichte uns gerade zum Überleben“, erinnert sich Almaz. Erst recht, als sie nach ihrem Schulabschluss ihren ersten Sohn bekam. „Ich träumte immer schon von einem eigenen Restaurant“, sagt Almaz. Doch ihr fehlte das Startkapital. Genau für solche Fälle hat Menschen für Menschen vor rund zehn Jahren in Billy ein Mikrokreditprogramm ins Leben gerufen. Als Almaz davon hörte, war sie begeistert. In einem fünftägigen Training lernte sie, wie sie Geld spart, einen Businessplan schreibt, Geschäftsideen entwickelt. Zunächst lieh sich Almaz 4.000 Birr. Davon kaufte sie Gläser und Utensilien zur Produktion des Araki und begann, ihn von zuhause aus zu verkaufen. Ihr wöchentliches Einkommen steigerte sich so um einige Euro. Nachdem sie ihre ersten Schulden zurückgezahlt hatte, nahm sie einen doppelt so hohen Kredit auf. Vier weitere folgten. Der letzte umfasste 100.000 Birr, umgerechnet mehr als 1.600 Euro. Almaz erweiterte über die Jahre ihr Getränke- und Essensangebot, kaufte einen Kühlschrank und Regale. Sie ließ das große Haus errichten, in dem sie ihr Restaurant betreibt, und im Hinterhof zwei Wohnungen. In einer lebt Almaz heute mit ihrer Familie, die andere vermietet sie. Sorgen, ihre Schulden nicht zurückzahlen zu können, hat sie nicht.
„Im Training haben wir gelernt, wie wir Geld sinnvoll einsetzen“, sagt Almaz. „Die meiste Zuversicht geben mir aber meine Kunden. Sind sie zufrieden und kommen wieder, weiß ich, dass ich alles richtig mache.“ Dank ihres Geschäftssinns konnte ihr Mann ohne finanzielle Sorgen seinen Hochschulabschluss machen. Mittlerweile arbeitet er in der Finanzbehörde der Bezirkshauptstadt.
13 Jahre nach ihrem ersten Kind bekamen sie im vergangenen Jahr ihren zweiten Sohn. „Wir haben gewartet, bis wir uns weiteren Nachwuchs leisten können“, erklärt Almaz. Nach den vielen Jahren der Zusammenarbeit zog sich Menschen für Menschen Ende 2023 aus Borena zurück. Die Grundlagen für eine nachhaltige Entwicklung sind gelegt. Geschäftsfrau Almaz hat für die Zukunft bereits eine nächste Businessidee: „Ich möchte eine kleine Schlachterei eröffnen“, erklärt sie. Die Voraussetzung dafür ist durch ein Wasserversorgungssystem gegeben, das Menschen für Menschen in Billy errichtet hat. Es gibt mehrere öffentliche Entnahmestellen, Almaz hat sogar einen eigenen Wasseranschluss zuhause. Die Metzgerei ließe sich so ohne Probleme sauber halten. Und schon heute bekommt jeder Gast zum Essen sauberes Trinkwasser aus dem Hahn. „Ich habe der Stiftung so viel zu verdanken“, sagt Almaz. „Sie ist wie eine Mutter für mich.“