Unterricht an der Schule in Zefano.

Zum Lernen ist es nie zu spät

Zum Lernen ist es nie zu spät

Neue Schule für Zefano

Lange fehlte es im Dorf Zefano im Projektgebiet Boreda an weiterführenden Schulen. Generationen verpassten Bildungschancen. Die Bewohner bauten sich vor einigen Jahren kurzerhand selbst eine Schule. Die Gebäude sind jedoch bereits baufällig und dunkel. Es mangelt an Möbeln, Unterrichtsmaterialien und Platz für die vielen Schülerinnen und Schüler. Menschen für Menschen errichtet nun eine neue, moderne Schule direkt nebenan.

„In den letzten Stunden haben wir viel über Nationalismus gelernt. Wollen wir mal sehen, was ihr euch gemerkt habt“, sagt der Lehrer und schaut in die konzentrierten Gesichter seiner Klasse. „Wir fangen leicht an: Wer hat Deutschland zur Zeit des Nationalsozialismus regiert?“ „Adolf Hitler“, ruft Adal Mune aus der zweiten Reihe in den Raum. Der eifrige Schüler trägt die gleiche blaue Schuluniform wie seine Klassenkameraden an der Oberstufe im Dorf Zefano. Er quetscht sich mit ihnen auf die schmalen Bänke im Unterrichtsraum, macht sich Notizen. Und doch ist er ein besonderer Zwölftklässler: Adal ist Mitte vierzig, trägt bis auf ein paar kurze graue Haarstoppeln am Hinterkopf eine Glatze.

„Vor drei Jahren habe ich wieder begonnen, zur Schule zu gehen“, erzählt Adal stolz. „Geschichte ist noch immer mein Lieblingsfach.“ Vor etwa 30 Jahren brach er die Schule nach der siebten Klasse ab. Sein Vater verstarb unerwartet. Quasi über Nacht übernahm der Jugendliche die Verantwortung für die Familie. Gemeinsam mit seiner Mutter bestellte er fortan die Felder, baute Süßkartoffeln, Bohnen, Maniok, Erbsen, Teff und Mais an, hütete die Tiere.

Adal Mune sitzt aufmerksam im Unterricht.
Schulgründer und Schüler: Adal Mune setzte sich in der Gemeinde für den Bau der Schule ein, in der er heute seinen höheren Abschluss nachholt.

„Ich hatte keine andere Wahl“, sagt Adal. Damals gab es in der Nähe seines Zuhauses ohnehin nur eine Grundschule. Wer weiterführende Schulen besuchen wollte, musste viele Kilometer zu Fuß hinter sich bringen. Die nächste Möglichkeit, die Oberstufe zu besuchen, bot sich in einer Kleinstadt – so weit entfernt, dass die Mädchen und Jungen aus Adals Nachbarschaft von zuhause auszogen und sich dort eine Unterkunft suchen mussten. Undenkbar für Alleinversorger Adal. „Ich wollte unbedingt, dass wenigstens meine kleinen Geschwister weiter lernen können“, berichtet er. Adal verkaufte einen Teil der Ernte, finanzierte Unterkunft, Verpflegung und Schulmaterial für seinen jüngeren Bruder, der später studierte, und eine Schwester, die heute als Gesundheitsmitarbeiterin bei der Regierung arbeitet. „Ich war stolz, was aus ihnen geworden ist“, sagt Adal. Gleichzeitig bedauerte er nahezu täglich, dass seine eigene Schullaufbahn ein solch jähes Ende fand. „Meine ehemaligen Schulfreunde sind heute Anwälte oder arbeiten im Finanzwesen. Da habe ich mich oft gefragt, was aus mir hätte werden können“, sagt er. „Für mich ist Bildung der Schlüssel für Entwicklung.“

Schulbau in Eigenregie

Vor einigen Jahren begann Adal, sich für eine Oberstufe in seinem Heimatdorf einzusetzen. Zusammen mit den Vorsitzenden aus fünf Nachbargemeinden einigten sie sich auf einen Standort. Sie sprachen mit den Behörden und sammelten Geld für den Schulbau. 300 Birr, damals rund neun Euro, musste jeder Haushalt aufbringen. Allein aus Adals Gemeinde kamen etwa 60.000 Birr, knapp 1.800 Euro, zusammen.

„Wer es sich nicht leisten konnte, gab weniger oder spendete Materialien“, erklärt Adal. Sieben Klassenräume, eine Bibliothek, ein Lehrerzimmer, zwei Toiletten entstanden. Alle halfen beim Bau mit. „Jeder hier wusste, wie dringend wir diese Schule brauchten. Aus eigener Erfahrung oder durch die Kinder“, sagt Adal.

Adal Mune und seine Tochter Kidist lernen gemeinsam und helfen sich bei den Hausaufgaben.
Zeit für Hausaufgaben: Vater Adal und Tochter Kidist helfen sich gegenseitig.

Seine älteste Tochter, die 16-jährige Kidist, besucht hier heute die elfte Klasse. Jeden Morgen laufen sie gemeinsam zur Schule. Adal hilft ihr bei den Hausaufgaben in Geschichte, Kidist gibt ihm Nachhilfe in Mathe und Englisch. Sie freut sich über die gemeinsame Zeit mit ihrem Vater und darüber, wie sie sich gegenseitig unterstützen können. Der selbstbewussten Jugendlichen ist es daher egal, dass sich in der Vergangenheit immer wieder Mitschüler über ihren Vater lustig gemacht haben, dass sie johlten, wenn er sich im Unterricht meldete, oder provozierten, was ein „alter Mann wie er“ denn noch an einer Schule lernen wolle. Auch Adal selbst musste zunächst gegen die Skepsis einiger Freunde und Nachbarn kämpfen. „Ich habe mich aber nicht abbringen lassen“, sagt er. „Man ist nie zu alt zum Lernen!“ Seine Haltung zeigte Wirkung: Mittlerweile besuchen neben ihm einige weitere erwachsene Frauen und Männer die Schule. „Ich bewundere meinen Vater. Er ist mein größtes Vorbild“, sagt Kidist. „Er hat uns eine Schule geschenkt und ich werde alles dafür tun, das Beste daraus zu machen.“ Im Alltag ist das nicht immer einfach. Das Lernen in den dunklen Hütten aus Lehm, Stroh und Holz ist beschwerlich. Es mangelt an Stühlen und Tischen und im Staub der bröckelnden Böden und Wände lauern Sandflöhe: „Sie befallen unsere Füße“, klagt die Schülerin. Die Weibchen, einen halben bis einen Millimeter winzig, bohren sich mit Vorliebe an den Zehennägeln unter die Haut. Sie saugen Blut und schwellen nach mehreren Tagen auf bis zu drei Millimeter an. Bei den betroffenen Personen verursacht der Parasit unangenehme Hautentzündungen, starken Juckreiz und Schmerzen.

Fundament für die Bildung

„Die Anzahl und Größe der Klassenräume reicht lange nicht für die über 650 Schülerinnen und Schüler“, fügt Tesfalidet Gebrekidan hinzu. Er ist Leiter des Projektgebiets Boreda im Süden Äthiopiens, in dem Zefano liegt. Menschen für Menschen baut daher auf der freien Fläche direkt neben den aktuellen Gebäuden eine moderne Schule – mitsamt zwölf Klassenräumen, einem Lehrerzimmer, einer neuen Bibliothek. Diese stattet die Stiftung mit Büchern, Stühlen, Tischen und Tafeln aus. Auch Toilettenhäuschen mit Wasserversorgung aus einem neu installierten Tank werden errichtet. „Dass die Bevölkerung so eine starke Eigeninitiative gezeigt hat, bestärkt uns in dem Vorhaben“, sagt Tesfalidet. „Denn wir sind sicher, dass sie sich in Zukunft gut um die Räumlichkeiten und Materialien kümmern werden.“

Während die Schülerinnen und Schüler in den alten Klassenräumen büffeln, lassen erste Stahlbetonstützen bereits die Wände der neuen Gebäude erahnen. Auf der Baustelle tragen Frauen Erde auf einen Haufen, Männer graben die Löcher für das Betonfundament. „So ist‘s gut“, ruft ihnen Amanuel Tito Ayele zu und blickt auf das Maßband, das er in einen der Gräben hält.

Die Grundpfeiler für die neuen Klassenräume ragen aus dem Boden heraus.
Die ersten Grundpfeiler stehen: direkt neben den aktuellen Klassenzimmern errichtet die Stiftung neue Gebäude.

Menschen für Menschen hat den Bauingenieur für den Schulneubau als Vorarbeiter und Baustellenleiter eingestellt. Eine Entwicklungschance für den 24-Jährigen: Er koordiniert die Aufgaben der zwanzig Arbeiter des Bauunternehmers und Tagelöhner, kontrolliert den Baufortschritt und neu angelieferte Materialien. „Wenn ich sehe, unter welchen Bedingungen die Schüler hier bisher lernen mussten, weiß ich, warum das Projekt so wichtig ist“, sagt er. Er ist ebenfalls im Bezirk Boreda aufgewachsen. „Dass meine Arbeit dabei hilft, dass die Menschen in meiner Heimat bessere Bildungsmöglichkeiten bekommen, macht mich sehr stolz.“ Adal und Tochter Kidist können es kaum erwarten, die neuen Klassenräume zu sehen. „Dann macht das Lernen bestimmt noch mehr Spaß“, prophezeit das Mädchen fröhlich. Später möchte sie einmal Pilotin werden, um genug Geld für sich und ihre Familie zu verdienen und andere Länder zu sehen. „Ich gebe zu, mir wird mulmig zumute bei der Vorstellung, dass sie ein Flugzeug in Tausenden Kilometern Höhe steuert“, sagt Vater Adal. Und doch ist er sicher, dass sie sich ihre Träume erfüllen kann. Er selbst würde gerne noch studieren. „Am liebsten Landwirtschaft“, sagt er. Um zu lernen, wie die Bauern in seiner Gemeinde ihren Ackerbau und die Tierzucht weiter modernisieren und damit endlich ausreichend Geld verdienen können. „Ich will unser Leben stetig verbessern – mit Wissen!“

Ein lächelnder älterer Mann hält ein aufgeschlagenes Notizbuch in der Hand.
Tesfalidet Gebrekidan ist Leiter des neuen Projektgebiets Boreda.
Ein junger Mann misst die Tiefe eines Grabens auf einer Baustelle.
Baustellenleiter Amanuel Tito Ayele freut sich, den Menschen eine neue Schule zu bauen.