Neue Wege
Projektarbeit im Umbruch
Viele Äthiopierinnen und Äthiopier beschreiten mit Menschen für Menschen neue Wege: sie testen Innovationen auf ihren Feldern und in ihren Gärten, wagen sich an Unbekanntes und verändern damit ihr Leben und das der ganzen Gemeinde zum Positiven.
Pimp die Avocados
Nach der Veredelung werden die Bäume an Landwirte verteilt. Dank der Avocado-Früchte können sich die Familien ausgewogener ernähren und verdienen ein wenig Geld: Umgerechnet rund 30 Cent bekommen sie pro Kilo. Für die Bauern, die bisher zumeist ihr angebautes Getreide zu sich nahmen und kaum eigenes Einkommen generierten, sind die Marktfrüchte eine Chance – genauso wie die Bananenableger und Kaffeesetzlinge, die sie ebenfalls aus der Koleti Baumschule erhalten.
Kleine Helfer, gesunde Böden
Doch nicht nur der hohe Preis ist das Problem des künstlichen Stickstoff-Düngers. Während bei der energieintensiven Herstellung immense Treibhausgas-Emissionen entstehen, belastet er vor allem bei Überdüngung die Umwelt und Gewässer. Spätestens durch den Ukraine-Krieg und die Sanktionen gegen Russland, woher viele chemische Düngemittel kommen, sind diese zudem schwerer zu erhalten. Seit 2024 setzt Menschen für Menschen daher verstärkt auf ein organisches Hilfsmittel: den Kompostwurm.
Landwirte erhalten ein Starterset von zwei Kilo Würmern, rund 3.000 Tiere, ein mehrtägiges Training und Baumaterialien für zwei Wurmkisten. So auch der 52-Jährige Ermias Langano. Bei ihm stehen sie ein paar Schritte von seinem Wohnhaus entfernt. Regelmäßig befüllt er sie mit dem Wurmfutter: Blättern, Kuhmist, Gras und Stroh. Er durchmengt das Wurm-Abfall-Humus-Gemisch und gießt es. Am Anfang war Ermias skeptisch und startete deshalb ein Experiment. Auf einem kleinen Teil seines Teff-Feldes verteilte er den Wurm-Humus, den Rest behandelte er mit herkömmlichem Dünger. Das Ergebnis ist sehr eindrücklich: Während sich auf der linken Seite der Tür die herkömmlich gedüngte Zwerghirse stapelt, türmt sich auf der anderen Seite der Wurmkompost-Teff fast doppelt so hoch.
Die Würmer sind nicht nur fleißige Humusproduzenten, sie vermehren sich auch rasant: nach sieben Monaten leben in Ermias Kisten heute geschätzt 20.000 Würmer. Ein paar Tausend mehr sollen es noch werden. Dann kann Ermias beginnen, neben ihrem Öko-Humus auch die Würmer zu verkaufen. An andere Landwirte in der Gemeinde oder als Tierfutter.
Jeden Tag ein Ei
Seit Ende 2023 führen die fünf ihre Hühnerfarm in der Gemeinde Goshe Zele. Von den lokalen Behörden bekamen sie ein Grundstück, von Menschen für Menschen Hühner gestellt. Die Stiftung organisierte zudem für sie eine Schulung. Darin lernten sie viel über die Tiere, ihre angemessene Haltung, sie analysierten den Absatzmarkt für ihre Eier und schrieben einen Business-Plan. Mit solchen Workshops und der Unterstützung bei der Gründung von Mikro-Unternehmen möchte die Stiftung der hohen Arbeitslosigkeit unter jungen Äthiopierinnen und Äthiopiern etwas entgegensetzen. Über die letzten Jahre ist die Jobsuche zu einer Herausforderung für das ostafrikanische Land geworden. Der steigenden Anzahl gut ausgebildeter und qualifizierter Menschen mangelt es an Beschäftigung, vor allem abseits der größeren Ballungszentren.
Mekibib studierte Tierwissenschaften. Nach ihrem Abschluss fand sie zwei Jahre keine Anstellung, half stattdessen ihrer Mutter im Haushalt. Dank der Hühnerfarm ist sie nun die erste in der Familie, die außerhalb der eigenen kleinen Landwirtschaft arbeitet und Geld verdient. Und sie kann das Gelernte in ihrem Alltag anwenden.
