Späte Chance auf Bildung
Abgeschlossenes Projektgebiet Borena (2011 - 2023)
„Unsere Eltern hätten mich und meine Geschwister gerne zur Schule geschickt. Aber wir waren sehr arm. Wir mussten arbeiten“, erzählt sie. Anfangs sei sie neidisch gewesen, dass andere Kinder im Dorf mit Heften und Büchern unterm Arm zur Schule marschierten, während sie mit einer Rute in der Hand die Herde antrieb oder schwere Kanister schleppte. „Irgendwann habe ich das akzeptiert.“
Den Teufelskreis durchbrechen
Biografien wie die von Tiringo Maschaw sind in Äthiopien und anderen Entwicklungsländern keine Seltenheit. Der Weltbildungsbericht der UNESCO 2016 zeigt: Etwa 758 Millionen Menschen auf der Welt sind Analphabeten, fast zwei Drittel von ihnen sind Frauen. Bereits 1966 haben die Vereinten Nationen mit der Einführung des „Weltalphabetisierungstags“, der jährlich am 8. September stattfindet, auf das globale Problem hingewiesen. Seither hat sich die Situation verbessert, doch bis heute ist mangelnde Bildung ein Problem in Entwicklungsländern.
Der größte Anteil der Analphabeten verteilt sich auf nur zehn Länder, zu denen auch Äthiopien gehört: Rund 50 Prozent aller Menschen im Land, die 15 Jahre oder älter sind, können weder lesen noch schreiben. Viele Kinder müssen auf dem Feld mit anpacken, andere sind zu schwach für den weiten Fußmarsch zur nächsten Schule. Eine Folge von Mangelernährung. Viele Mädchen verpassen während ihrer Menstruation den Unterricht. Sie bleiben zu Hause, weil ihnen Wechselwäsche und Binden fehlen.
Auch Traditionen können ein Bildungshemmnis sein: In ländlichen Regionen, wo die Menschen das Überleben ihrer Familien seit Generationen mit den bloßen Händen sichern, gilt Schulbildung zum Teil als überflüssig. Warum die Zeit mit Büchern verschwenden, wenn das Getreide reif ist? Auf diese Weise pflanzt sich der Mangel an Bildung immer weiter fort.
Die rund 70 Schüler sind hoch konzentriert, nur ihre kratzenden Bleistiftminen durchbrechen die Stille im Raum. Auch Tiringo Maschaw müht sich, die Worte aufs Papier zu bringen. Sie gehört zu den jüngeren Schülern hier. Viele Frauen und Männer sind weit über 60 Jahre alt. Manche sitzen zum ersten Mal auf einer Schulbank.
Wie Adamasu Ali: Der 68-Jährige mit dem silbergrauen Haar ist der älteste Schüler im Alphabetisierungskurs von Menejeba. Aufmerksam folgt er den Lektionen an diesem Tag. Was die Schule für ihn bedeute? “Ich lerne die Welt noch einmal neu kennen”, sagt Adamasu. Seit er ein wenig lesen und schreiben kann, spüre er eine nicht gekannte Unabhängigkeit, vor allem auf dem Wochenmarkt: Als Verkäufer von Getreide und Eiern an seinem eigenen Stand – und als Kunde an anderen Ständen.
“Früher musste ich mir alles von Freunden und Bekannten vorlesen und vorrechnen lassen”, sagt er. Welcher Preis ist fair? Wer gibt Rabatte? Als Analphabet ohne Kenntnisse im Umgang mit Zahlen habe er ständig Angst gehabt, betrogen zu werden. “Das ist jetzt vorbei.”
Anfangs verzweifeln viele
Teil der Gesellschaft werden