Neues Leben sichern, neues Denken fördern
Abgeschlossenes Projektgebiet Borena (2011 - 2023)
Die Gesundheitsstation von Galemot in der Projektregion Borena besteht aus vier einfachen grauen Bungalows. Die äthiopische Regierung hat sie vor etwa sechs Jahren am Dorfrand errichtet, um die wachsende Bevölkerung rund um die Bezirkshauptstadt Mekane Selam besser medizinisch zu versorgen. Doch es mangelt den Mitarbeitern an medizinischem Gerät, Medikamenten und zum Teil auch Knowhow.
Deshalb unterstützt die Stiftung Menschen für Menschen sie mit Material, Fortbildungen und Fachkräften. Ein Schwerpunkt der Hilfe stellen die Angebote rund um Verhütung und Geburt dar. „Bis vor ein paar Jahren brachten die Frauen aus den Dörfern ihre Kinder zu Hause zur Welt“, sagt Mastebal Alebachew. „Jede kleine Komplikation drohte zu einer ernsten Gefahr für Mutter und Kind zu werden.“
Doch mittlerweile haben sich die Vorteile der Hilfsangebote herumgesprochen, und die Menschen suchen Hilfe in der Station. Junge Paare, die eine Familie planvoll gründen wollen, informieren sich über Verhütungsmethoden wie die Dreimonatsspritze oder Hormonstäbchen. Schwangere lassen sich untersuchen und bringen ihre Kinder in der Gesundheitsstation zur Welt. Ein bis zwei Kinder pro Tag werden mittlerweile hier geboren. Menschen für Menschen fördert die Arbeit der Station mit medizinischem Gerät, Impfstoffen und Medikamenten. Mitarbeiter der Stiftung schulen das Personal der Station und betreuen Mütter und Babys, damit Probleme frühzeitig erkannt werden können.
Im Behandlungsraum nebenan hat Mekka Deresse, die im dritten Monat schwanger ist, Platz genommen. Die 18-Jährige ist bereits zum zweiten Mal hier. Ein Mitarbeiter der Gesundheitsstation stellt ihr eine Reihe von Routinefragen und notiert die Antworten auf einem Aktenblatt. Er misst Mekkas Größe, ihr Gewicht und ihren Blutdruck. Dann folgen eine Tetanus-Impfung, ein HIV-Schnelltest. Abschließend nimmt er ihr ein wenig Blut für weitere Untersuchungen ab.
Familienplanung für eine bessere Zukunft
Es ist kompliziert, mit jungen Paaren in Äthiopien über Verhütung oder Geburtenplanung zu sprechen. Sexualität ist insbesondere auf dem Land stark tabuisiert. Die Folge ist ein weit verbreitetes Unwissen über die biologischen Prozesse rund um die Fortpflanzung, was eine effektive Familienplanung erschwert. Die Zahl der Kinder, die äthiopische Frauen im Durchschnitt zur Welt bringen, lag 2017 bei 4,99. Ein Fortschritt: 1981, im Gründungsjahr von Menschen für Menschen, lag die Geburtenrate noch bei etwa 7 Kindern pro Frau. Zum Vergleich: In Deutschland wurden 2017 durchschnittlich 1,45 Kinder pro Frau geboren.
Der Mangel an Aufklärung hat auch zur Folge, dass viele Schwangere schwere körperliche Arbeit leisten und sich einseitig ernähren, was die Frauen und ihre ungeborenen Kinder gefährdet. Zwar ist die Säuglingssterblichkeit ebenfalls stark rückläufig – 1981 starben in Äthiopien etwa 140 von 1.000 Neugeborenen im Laufe ihres ersten Lebensjahres, 2017 waren es noch 49,6. In Deutschland lag die Rate im Jahr 2017 bei 3,4. Vor allem in den ländlichen Regionen Äthiopiens sind Schwangere und Neugeborene aber noch immer gefährdet.
Hausbesuche bei Müttern mit Neugeborenen
Der Junge, Mohammed, wurde vor 24 Tagen in der Gesundheitsstation geboren. Ihre ersten beiden Kinder, erzählt Itu, kamen vor 17 beziehungsweise 13 Jahren zur Welt, beide als Hausgeburten. „Bei meinem zweiten Kind litt ich unter extremen Blutungen nach der Geburt“, erzählt Itu Abebe. Sie hatte große Angst, denn sie weiß von den Müttern, die die Geburt ihres Kindes nicht überlebten. „Ich hatte wohl Glück“, sagt sie.
Bei ihrem dritten Kind wollte sie nichts riskieren, und suchte die Gesundheitsstation auf, als sie im dritten Monat schwanger war. Meaza, die die Frauen im Dorf auch in Fragen rund um Hauswirtschaft und Hygiene berät, hatte ihr damals dazu geraten. Als die Wehen einsetzten, brachten einige Nachbarn sie auf einer Trage in die Station. „Ich kannte die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter schon von meinen Besuchen und hatte keine Angst“, sagt Itu. „Im Gegenteil, ich habe mich sehr sicher gefühlt.“ So war es auch diesmal, als Mohammed zur Welt kam.
"Auf keinen Fall auf dem Feld arbeiten"