Hoffnung aus der Tiefe
Ein mobiles Tiefbohrgerät erschließt neue Wasserquellen
Die Frauen und Männer wippen auf und ab, klatschen im Takt, singen. Es sind Zeichen der Freude, denn ihre größte Sorge soll bald ein Ende haben. Vor ihnen rattert ein Generator, während sich viele Meter unter ihnen ein Bohrkopf durch Erde und Gestein kämpft. Hier in Jarre, ganz im Osten Äthiopiens, in der Region Somali, bohrt Menschen für Menschen in der Tiefe nach Grundwasser. Insgesamt rund 4.500 Menschen sollen in Zukunft endlich ausreichend sauberes Wasser haben: Zum Trinken, zum Kochen, um sich und ihre Wäsche zu waschen.
Hoffnungsquelle Wasser
Wasser ist in Jarre kostbarer als Gold. „Trinken ist das Allerwichtigste“, sagt Dorfbewohnerin Ugasa Nur. „Aber selbst da müssen wir uns einschränken.“ Zu Zehnt steht ihnen ein 20-Liter-Kanister für zwei Tage zur Verfügung. Um den zu füllen, ist Ugasa bislang viele Stunden unterwegs: Die nächstgelegene Wasserquelle liegt 40 Kilometer entfernt. Das Wasser ist verdreckt. Bakterien und Parasiten lassen die Familie regelmäßig erkranken. „Nur zur Regenzeit ist es etwas besser“, erklärt Ugasa.
Aber der Osten und der Süden Äthiopiens sind 2022 von einer der schwersten Dürren der letzten 40 Jahre betroffen. Die Felder sind vertrocknet, Hunger ist ein ständiger Begleiter. Auch den Tieren setzt die Trockenheit zu: „Zuvor haben wir die Milch unserer Kühe und Kamele getrunken“, berichtet Ugasa. „Doch unsere Tiere, die überlebt haben, sind zu schwach, um Milch zu geben.“ Dadurch entfällt eine wichtige Nahrungsquelle für die Kinder, denen das unreine Wasser am meisten zusetzt. Umso größer ist heute Ugasas Erleichterung: „Ich freue mich, ihnen bald sauberes Wasser geben zu können. Direkt aus der Nachbarschaft!“
„In sauberes Wasser zu investieren, verändert so viel. Wir tun gleichzeitig etwas für die Gesundheit der Menschen sowie für die Bildung und Produktivität der ganzen Gemeinde.“
Ein mobiles Tiefbohrgerät schafft neue Perspektiven
Gemeinden wie Jarre mit Trinkwasser zu versorgen, gehört seit jeher zu den Hauptaufgaben der Stiftung. Brunnen werden gebaut, natürliche Quellen eingefasst – für größere Wasserversorgungssysteme erschloss Menschen für Menschen bereits in den vergangenen Jahren tiefes Grundwasser.
Die Bohrungen erledigten bisher Fremdfirmen. „Es war aber schwer, Unternehmen zu finden, die in unseren entlegenen Projektgebieten arbeiten“, sagt Bezabih Alem, Leiter der Abteilung Wasser aus der Stiftungszentrale in Addis Abeba. Zudem zeigt sich erst nach der Bohrung, wie ergiebig eine Quelle ist – bezahlt werden mussten die Firmen trotzdem.
„Ich habe mich lange dafür eingesetzt, ein eigenes mobiles Tiefbohrgerät anzuschaffen“, so Bezabih. „Auf Dauer spart das Kosten und wir sind schneller und flexibler.“ Dank einer großzügigen Spende an die österreichische Landesorganisation von Menschen für Menschen wurde dies möglich. In Jarre kam der neue Tiefbohrer erstmals zum Einsatz – bald fördert dort eine Pumpe sechs Liter pro Sekunde aus 222 Metern Tiefe in ein Wasserreservoir.
Das schwere Gerät aus Europa nach Äthiopien zu transportieren, war eine logistische Herausforderung. Zudem musste Menschen für Menschen Fachpersonal einstellen und Mitarbeiter schulen – so wie Yosef Abate. Seit zwölf Jahren arbeitet der 35-Jährige für die Stiftung – zunächst als Ladearbeiter und Schlosser.
Die Festanstellung war für ihn damals ein großer Schritt: „Meine Eltern waren sehr arm“, erzählt er. „Ich musste nach der achten Klasse abbrechen, damit auch meine Geschwister in die Schule gehen konnten.“ Zuletzt arbeitete Yosef einige Monate als Lkw-Fahrer für die Stiftung und ist nun Assistent in dem Team, das mit dem Bohrer quer durch Äthiopien unterwegs ist. „Diese Arbeit erfordert viel technisches Verständnis und ist definitiv eine Herausforderung“, sagt Yosef. Doch der Aufwand lohnt sich: Was das Team aus der Tiefe holt, spendet große Hoffnung – und ist schlicht überlebensnotwendig.