Pioniere auf dem Feld
Vorbild “Modellfarmer”
Wenig später sitzen sie auf kleinen Holzschemeln unter einem der Bäume in seinem Garten: Der Kleinbauer Bekana Sirna, die schmutzige Hose in die Gummistiefel gesteckt, und Mulu Mergia in geblümter Bluse. „Ich pflanze Mais, Sorghumhirse und Teff an“, erzählt Bekana. „Doch was ich ernte, reicht gerade so für die Familie.“ Er sagt, er würde gerne etwas mehr produzieren, um Frau und Kindern mehr Sicherheit bieten zu können. „Ich weiß aber nicht, wie ich das machen soll.“
„Du solltest Kaffee und Soja anpflanzen“, rät Mulu. „Die Preise auf dem Markt sind gut.“ „Und die Einnahmen könntest du wieder investieren – zum Beispiel in eine Bienenzucht.“ Bekana überlegt einen Moment. „Früher hatte ich mal Bienen“, erinnert er sich und zeigt auf einen verwaisten Bienenstock, der in einem Baum in seinem Garten hängt. „Aber der Ertrag war immer mager.“ Mulu sagt: „Dann zeigen wir dir, wie man einen modernen Bienenkasten baut, mit dem du viel mehr Honig produzieren kannst“. Bekana schaut zu dem alten Bienenstock hinüber. „Meinst du wirklich?“
Wirtschaften am Existenzminimum
Kaffee und Soja statt Hirse und Mais: Was nach einer einfachen Umstellung klingt, ist für viele äthiopische Kleinbauern kaum realisierbar. Zwar gelten gerade Kaffee und Soja als „Cash Crops“, also Pflanzen, deren Früchte sich zu Geld machen lassen. Doch in der Regel fehlen Menschen wie Bekana die Mittel, um in Setzlinge zu investieren. Zudem dauert es einige Jahre, bis die jungen Pflanzen gewachsen sind, und gute Erträge liefern – Jahre, in denen an dieser Stelle kein Getreide wachsen kann.
Und dann ist da noch die Angst, das Experiment mit den neuen Pflanzen könnte scheitern. In diesem Fall hätte man einen Teil der Getreideernte umsonst geopfert. „Bauern wie Bekana wirtschaften am Existenzminimum“, sagt Mulu. „Sie können sich keine Verluste leisten.“ Zudem fehle es an Know-how. „Unser Ziel ist es, gemeinsam mit ihnen das landwirtschaftliche Potenzial zu heben.“ Um das Risiko der Modellfarmer und -farmerinnen zu mindern, unterstützt Mulu sie intensiv beim Umbau ihrer Landwirtschaft. Sie schenkt ihnen Setzlinge und zeigt, wie man sie erfolgreich zieht. Dabei achtet sie darauf, dass die Bauern die neuen Pflanzen nur auf einem Teil ihres Landes setzen. Zudem verteilt sie Setzlinge mit unterschiedlichen Reifezeiten: Kaffeepflanzen oder Obstbäume tragen erst nach einigen Jahren Früchte, doch Gemüse wirft bereits nach kurzer Zeit Erträge ab. „Ich begleite die Bauern so lange, bis der nachhaltige Erfolg der Umstellung gesichert ist.“
Kleinbauern produzieren 70 Prozent der Lebensmittel
Seit der Gründung der Stiftung Menschen für Menschen im Jahr 1981 hat sich die Zahl der Menschen in Äthiopien von 36 auf 106 Millionen etwa verdreifacht. Mittlerweile sinkt zwar die Geburtenrate, doch die Bevölkerung wächst weiter – und mit ihr der Bedarf an Lebensmitteln. Schon heute leben die meisten hungernden Menschen in Afrika und Asien – und die Mehrheit von ihnen auf dem Land, dabei werden gerade dort die meisten Lebensmittel hergestellt. Nach Schätzungen der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) produzieren Kleinbauern und -bäuerinnen in Afrika und Asien rund 70 Prozent der lokalen Lebensmittel. Das bedeutet auch: Sie sind der Schlüssel zur Ernährungssicherheit ihrer Länder. „Wer die wachsende Bevölkerung in Äthiopien versorgen will, muss die Kleinbauern fördern“, sagt Mulu Mergia.
Wie das gelingen kann, zeigt die Geschichte von Tesfaye Dhaba.
Auch er konnte seine Familie mehr schlecht als recht ernähren. Um zusätzlich etwas zu verdienen, half er anderen Bauern bei ihrer Ernte. Ein schlecht bezahlter Nebenjob.
Vor etwa drei Jahren traf Tesfaye zufällig bei einem Nachbarn auf Mulu Mergia. Sie hatte dem Nachbarn Kaffeesetzlinge mitgebracht und erklärte ihm, worauf man achten muss, wenn man sie pflanzt. Tesfaye fragte, ob er auch solche Setzlinge haben könne, und schon am nächsten Tag stand Mulu vor seiner Tür – mit 50 Pflänzchen. „Manche Menschen sind eher bereit, ein Risiko einzugehen“, berichtet Mulu. Als Tesfaye die Kaffeepflanzen sah, habe er sich doch ein wenig gefürchtet vor der Veränderung. „Aber ich dachte mir: Wenn sie studiert hat, wird sie schon wissen, wovon sie spricht“, sagt er. Und so machten die beiden sich an die Arbeit.
Neue Netzpflanzen für Tesfaye
Wenn Mulu Mergia heute skeptischen Bauern zeigen will, was sie mit ihrer Hilfe erreichen können, geht sie mit ihnen in Tesfayes Garten.
Sie zeigt ihnen die Beete, in denen Zwiebeln, Rote Bete und Chilis sprießen, das Elefantengras, mit dem Tesfaye das Vieh füttert. Und weiter hinten die kniehohen Kaffeepflanzen – rund 700 Stück sind es mittlerweile. „In drei Jahren werfen diese Pflanzen 20 Zentner Kaffee ab“, schätzt sie. Tesfaye muss schmunzeln, wenn er an diese Besuche denkt. „Manche Bauern, die hier waren, hatten Zweifel“, erinnert er sich. Sie seien es nicht gewohnt, dass eine Frau Anweisungen gebe. „Aber wenn sie sehen, wie Mulu auf dem Feld die Hacke schwingt, folgen sie ihrem Rat.“
Fünf Kühe hatte Tesfaye, als Mulu ihn kennenlernte. Mit Unterstützung von Menschen für Menschen stockte er seine Herde auf zwölf Tiere auf: zehn Milchkühe und zwei Ochsen. Die Ochsen kauft Tesfaye, wenn sie noch jung sind, um sie später, wenn sie größer und kräftiger sind, gewinnbringend zu verkaufen. Das gut genährte Tier, das in seinem Vorgarten grast, sei bald soweit, sagt Tesfaye. Neu sind auch zwölf Bienenkästen, ganz hinten im Garten: 14 Kilo Honig produziert Tesfaye jedes Jahr. Daneben steht ein kleiner Eukalyptushain. „Das Holz nehmen wir für den Ofen und für Reparaturen am Haus“, erzählt er. Ein neues Kornsilo aus Lehm schützt das Getreide vor Ratten und anderen Tieren.