Die Rückkehr des Waldes
Ein Zuhause für Mensch und Tier
Im Einklang mit dem Wald
Lange profitierten sie von ihm. Sie jagten Wildtiere, pflückten Waldbeeren und hängten traditionelle Bienenkörbe in die Bäume. Um an den Honig zu gelangen, schlugen sie Äste ab. So auch Emamos Vater. Trotzdem lebten Mensch und Natur im Einklang. Erst als das Dorf wuchs, die Familien größer wurden und die Menschen daher mehr Platz zum Leben brauchten, geriet dieses Gleichgewicht ins Wanken.
Ein neues großes Schutzgebiet
Für Menschen für Menschen ist der Sirso ebenfalls sehr bedeutsam. Er fungiert als Referenzwald: „In diesem Wald sehen wir, welche Vegetation es ursprünglich mal gab “, erklärt Misaw Atalay, Leiter des Projektgebiets Gofa. Diese Informationen werden benötigt, weil die Stiftung in Gofa sowie in zwei benachbarten Regionen ein großes Wald- und Biodiversitätsschutzprojekt verwirklichen wird. Insgesamt sollen fast 10.000 Hektar Wald zurückkehren – eine Fläche von etwa 14.000 Fußballfeldern.
In dem bergigen Gebiet sind die Probleme überall ähnlich: Über Jahrzehnte haben die Menschen große Waldflächen abgeholzt, um Feuerholz und Flächen für die Landwirtschaft zu gewinnen. Ohne die Baumwurzeln verloren die steilen Hänge ihren Halt, es kam zu dramatischen Erdrutschen, Ernten wurden vernichtet. Die Wiederbewaldung, die von nationalen und lokalen Behörden unterstützt wird, hat daher einen mehrfachen Nutzen: Sie stabilisiert die Böden und stärkt die Widerstandsfähigkeit gegen Klimafolgen. Außerdem dient sie der Regeneration eines einzigartigen Ökosystems – des immergrünen afromontanen Bergwalds. Er zählt zu den weltweiten Hotspots der Biodiversität.
„Dieses Projekt ist mit seinem Anspruch, den Waldschutz mit einer Verbesserung der Lebensbedingungen der Menschen zu verbinden, die konsequente Fortsetzung unserer bisherigen Arbeit“, sagt Stiftungsvorstand Sebastian Brandis. „In dieser Größenordnung ist es für uns bislang beispiellos“. Finanziert wird das Vorhaben durch Unternehmen oder öffentliche Geber, die Projekte für hochwertige zertifizierte CO2-Senken suchen.
CO2 in der Atmosphäre lässt sich auf zwei Wegen reduzieren: durch weniger Emissionen oder durch neue Kohlenstoffspeicher wie Wälder. Der Emissionshandel bringt dies in ein marktwirtschaftliches System. Neben dem europäischen Emissionshandel, der den CO2-Ausstoß begrenzt, indem nur eine bestimmte Menge an Emissionsberechtigungen ausgegeben werden, gibt es einen freiwilligen Markt für Projekte, die nachweislich CO2 binden oder Emissionen vermeiden.Hochwertige („High-Integrity“) CO2-Zertifikate werden nur für Projekte vergeben, deren Klimawirkung wissenschaftlich belegt, unabhängig geprüft und langfristig gesichert ist. Idealerweise verbessern sie zugleich die Lebensbedingungen der Menschen vor Ort. Das Wiederbewaldungsprojekt von Menschen für Menschen im Eastern Afromontane Hotspot ist auf diesen Standard ausgerichtet; die Zertifizierung steht noch aus.
In der Baumschule in Basketo herrscht geschäftiges Treiben. Mitarbeitende tragen Körbe mit jungen Pflanzen zu Anzuchtsbeeten, andere jäten Unkraut oder bewässern die Setzlinge. „Es ist harte körperliche Arbeit“, sagt Hayimanot Ayele. Jeden Tag läuft die 20-Jährige mehrere Stunden zur Baumschule und zurück nach Hause. Trotzdem ist sie für den Job dankbar. Sehr früh, mit 14 Jahren, wurde sie schwanger und verpasste den Wechsel in das nächste Schuljahr. Seit einiger Zeit ist Hayimanot alleinerziehend. Noch vor einem Jahr verdingte sie sich als Köchin in einem Restaurant in einer größeren Stadt. „Ich habe es dort gehasst“, sagt sie. Ihr Dienst ging jeden Tag bis spät am Abend, ihre Tochter sah sie sieben Monate lang nicht.
Mehrwert auch für die Gemeinden
Waldschützer aus Überzeugung
Dass er dort bald nichts mehr anbauen kann, stört ihn nicht. Im Gegenteil: Er kann es kaum erwarten, dass die ersten Jungbäume in die Erde kommen. Menschen für Menschen unterstützt die Familien zusätzlich mit Kaffee- und Obstbaumsetzlingen und zeigt ihnen, wie sie auf ihren verbleibenden Feldern beispielsweise mithilfe von Agroforstwirtschaft oder Wurmkompost höhere Erträge erzielen können. „Wir achten schon heute darauf, dass kein weiterer Wald verschwindet“, sagt Nigus. „Wir müssen ihn schützen.“
So wie Waldwächter Emamo seinen Sirso schützt. „Die Bäume sind wie meine Kinder. Ich muss auf sie aufpassen.“ Vielleicht werden eines Tages auch viele andere Menschen in der Region so über die neuen Wälder sprechen können.