Mütter und Kinder schützen
Schwerpunkt: Gesundheit
Kamaria ist 35 Jahre alt. Obsa sagt „Mama“ zu ihr. Doch tatsächlich ist sie seine Großmutter. Kamarias Tochter Wordi war erst 13 Jahre alt, als sie Obsa zur Welt brachte. Wordi verblutete eine Stunde nach der Geburt. „Als meine Tochter tot vor mir lag, verlor ich fast das Bewusstsein“, sagt Kamaria. Der Schmerz und die Schuld waren unerträglich. „Ich hätte mich am liebsten selbst getötet.“ Doch da waren ihre beiden anderen Kinder, zwei Söhne, fünf und elf Jahre alt, um die sie sich kümmern musste.
Und da war Obsa, das neugeborene Baby, ihr erstes Enkelkind: Kamaria konnte sich nicht gehen lassen, sie kämpfte sich durch den Alltag, und sie brachte Obsa mit der Milch ihrer einzigen Kuh durch.
Opfer des Unwissens
Aber auch schädliche Traditionen wie sehr frühe Heiraten tragen zu der schockierenden Müttersterblichkeit bei. Menschen für Menschen weist in Aufklärungsveranstaltungen in den Dörfern immer wieder darauf hin: Die Körper der Teenager sind noch nicht auf Geburten vorbereitet: 15-jährige Mädchen verlieren durch eine Entbindung fünf Mal häufiger ihr Leben als Frauen zwischen 20 und 30 Jahren.
Hinzu kommt, dass die Frauen in armen Ländern viele Kinder gebären – in Äthiopien im Durchschnitt fünf. Der harte Alltag und die vielen Schwangerschaften laugen die Frauen aus. So stirbt in Afrika südlich der Sahara eine von 38 Frauen an den Folgen einer Schwangerschaft oder einer Geburt. Abgesehen von der Trauer und dem Schmerz, den die betroffenen Familien durchleiden, wird auch Armut zementiert: Halbwüchsige Töchter müssen den Platz der Mütter einnehmen, sich um jüngere Geschwister kümmern – und ihre Schulbildung aufgeben. In öffentlichen Versammlungen und bei Besuchen auf den Höfen der armen Bauernfamilien informieren die Entwicklungsexperten von Menschen für Menschen deshalb immer wieder über die Gefahren von Hausgeburten ohne professionelle Helfer. Gleichzeitig warnen sie vor den Folgen von Frühehen und damit vor frühen Schwangerschaften für die jungen Frauen. Die Äthiopienhilfe baut außerdem Gesundheitszentren auf, rüstet sie mit Gerät aus und unterstützt sie mit Medikamenten.
In Fortbildungskursen von Menschen für Menschen haben sie und ihre 23-jährige Kollegin Bantschi Jehune ihre Kenntnisse vertieft. „Vor allem haben wir gelernt, Risiken einzuschätzen und entsprechend zu reagieren“, betont Bantschi. „Wenn sich beispielsweise bei der Geburt der Muttermund lange nicht öffnet, dann warten wir nicht, sondern entscheiden sofort, die Gebärende in die Stadt Bedele zu überführen.“
Früher mussten Angehörige die Patienten mit selbstgebauten Bahren zu Fuß nach Bedele tragen. Für die 70 Kilometer brauchten sie rund 18 Stunden. Oft kam dann jede Hilfe für die Mutter und ihr ungeborenes Baby zu spät. Heute bringt in Notfällen ein von Menschen für Menschen gestifteter Kranken-Geländewagen die Patienten in zweieinhalb Stunden zu den Ärzten im Hospital.“
Enat-Hospital rettet Leben
Zukunft mit Familienplanung
Die ersten sechs Kinder brachte Beletu ganz allein in ihrer Hütte zur Welt. Sie deutet auf ihren Bauch und sagt leise: „Dieses ist das letzte, das ich bekommen werde.“ Sie will künftig an dem von Menschen für Menschen initiierten und seit einigen Jahren vom öffentlichen Gesundheitssystem weitergeführten Familienplanungsprogramm teilnehmen und sich ein Verhütungsstäbchen unter die Haut des Oberarms applizieren lassen, das durch Hormonabgabe drei Jahre lang einer Schwangerschaft vorbeugt.
Ein Zimmer weiter streichelt Mekdes Biru das Gesichtchen ihrer erstgeborenen Tochter. Am Vorabend brachte sie das Mädchen zur Welt, ganz ohne Komplikationen. Mekdes lebt mit ihrem Mann in der Hauptstadt Addis Abeba. Aber für die Geburt kam sie extra in ihre entlegene Heimatstadt zurück: „Ich wollte unbesorgt sein, und dieses Krankenhaus ist das beste.“ Leider bekam ihr Mann keinen Urlaub. Aber sie konnte ihn telefonisch erreichen und berichten, dass alles gut gegangen sei. „Er war so aufgeregt und glücklich“, sagt Mekdes und betrachtet ihre Tochter mit langen Blicken: ein kleines Wunder, an dem sie sich nicht satt – sehen kann.