Endlich versorgt
Neue Gesundheitszentren
„Keine Sorge, ihrer Lunge geht es gut. Das Blut kommt vom Husten, der ihren Hals verletzt hat“, erklärt der Arzt, vor dem Mutter und Tochter nun sitzen. Er blickt auf die Laborergebnisse. „Aber sie hat Malaria“, sagt er. „Ich verschreibe ihr Medikamente. Wenn es ihr nicht besser geht, kommt ihr bitte in fünf Tagen wieder, in Ordnung?“ Yadesi nickt. Sie nimmt das Rezept entgegen und quetscht sich mit Bilise an den anderen Patientinnen und Patienten vorbei, die vor dem Arztzimmer warten.
Alga und die umliegenden Gemeinden liegen im äthiopischen Tiefland, rund 270 Kilometer südwestlich von Addis Abeba. Hier ist Malaria weit verbreitet – besonders während der Regenzeit oder, wie jetzt, kurz danach. Aus den Eiern, die weibliche Moskitos in den zahlreichen Pfützen, Tümpeln und Überschwemmungsflächen gelegt haben, schlüpfen neue Stechmücken. „Aktuell ist es besonders schlimm“, sagt Regea Feyissa, stellvertretender Direktor des Gesundheitszentrums. „Es gibt einen lokalen Ausbruch und die Betroffenen stehen jeden Tag bei uns Schlange.“
Hinzu kommen häufig Mangelernährung bei Kindern, Lungenentzündungen, Augeninfektionen, Tuberkulose sowie Verletzungen nach Verkehrsunfällen. Auf den unbefestigten Straßen der Region sind Motorräder das wichtigste Verkehrsmittel. Oft transportieren sie gleichzeitig mehrere Fahrgäste oder schwere Lasten. Besonders an Markttagen, wenn ohnehin viele Bewohnerinnen und Bewohner der umliegenden Dörfer nach Alga kommen, füllt sich das Gesundheitszentrum. „Für diese Anzahl an Patientinnen und Patienten ist es nicht ausgelegt“, sagt Vizedirektor Regea. Vor 18 Jahren wurde es erbaut. Seither ist die Bevölkerung in seinem Einzugsgebiet auf rund 34.000 Menschen angewachsen.
Es fehlt an adäquaten Räumlichkeiten. Patientinnen und Patienten mit akuten und ansteckenden Beschwerden müssen neben Menschen mit chronischen Erkrankungen wie Diabetes oder Bluthochdruck behandelt werden. Im Labor fehlt es an Platz, an Materialien für Blut-, Urin- und Stuhlproben sowie an Kühlmöglichkeiten. „Zudem teilen sich alle unsere einzige Toilette, inklusive der Angestellten“, erklärt Regea. „So steigt die Gefahr, dass sich Krankheiten verbreiten.“ Diese schlechten Bedingungen hätten in den vergangenen Jahren immer wieder dazu geführt, dass gut ausgebildetes Personal gekündigt habe.
„Sobald wir den Bau abgeschlossen haben, können Menschen in Alga viel besser medizinisch versorgt werden.“
Großer Bedarf
Nun baut die Stiftung in Alga, finanziert durch einen privaten Großspender, ein komplett neues Gesundheitszentrum und stattet dieses mit den wichtigsten Möbeln sowie medizinischer Ausstattung aus. Auf dem 45 Hektar großen Grundstück entstehen vier Gebäudekomplexe mit einem Empfangsgebäude, einer Ambulanz mit Labor und Apotheke, einer Entbindungsstation mit Räumen für Hochschwangere und für Mütter, die sich nach der Entbindung gemeinsam mit ihrem Nachwuchs von der Geburt erholen können wie auch für stationär behandelte Kranke. Und außerdem ein Verwaltungsgebäude.
In Nono Benja ist der Bau erst in einigen Monaten abgeschlossen. Im rund 80 Kilometer entfernten Projektgebiet Illu Gelan profitieren die Menschen bereits heute von einer deutlich verbesserten medizinischen Versorgung. Zwei Jahre renovierte und er weiterte Menschen für Menschen das bestehende Zentrum in der Kleinstadt Ijaji und ergänzte es um zwei Behandlungstrakte.
In einem davon sucht der winzige Ifa die Brust seiner Mutter. „Wenn ich Fragen zum Stillen habe, kann ich die Krankenschwestern fragen“, freut sich Meskele Bacha. Obwohl die 18-Jährige rund zwei Stunden zu Fuß von zu Hause bis zum Gesundheitszentrum braucht, kam sie bereits während der Schwangerschaft regelmäßig zur Vorsorge. „Es ist alles neu und sauber hier, und ich fühlte mich immer gut betreut“, sagt sie. Daher stand für sie früh fest, dass sie ihr Baby in dem Gesundheitszentrum zur Welt bringen möchte. „Wie schön, dass das für sie geklappt hat“, freut sich Tafeni Itansa, die ihre Tochter zur Geburt begleitet hat. Sie selbst hat Meskele und ihre anderen Kinder zu Hause entbunden. Jedes Mal habe sie schreckliche Angst gehabt, dass etwas schiefgeht, sie zu viel Blut verliert oder ihre Säuglinge medizinische Hilfe benötigen. „Doch damals gab es keine medizinische Einrichtung in meiner Nähe.“
Neues Equipment, neue Räume
Nicht nur Schwangeren und Säuglingen wird in der neuen Gesundheitsstation geholfen. Einige Türen neben dem Kreißsaal hält Berhanu Leta Sprechstunde. Der 34-jährige Gesundheitsexperte ist bei Menschen für Menschen angestellt. Schon in den Räumlichkeiten des alten Gesundheitszentrums führte er mehrmals pro Woche Augenuntersuchungen durch. Einer der häufigsten Befunde: die bakterielle Augeninfektion Trachom. Noch immer ist Äthiopien das weltweit am stärksten von dieser Erkrankung betroffene Land. Übertragen wird sie vor allem dort, wo es an sauberem Wasser, Seife und damit an ausreichender Hygiene mangelt. Bleibt die Erkrankung unbehandelt, dreht sich das Augenlid nach innen. Bei jedem Blinzeln reiben die Wimpern auf der Hornhaut, was schließlich zu einer langsamen und schmerzhaften Erblindung führt. Im Anfangsstadium hilft meist noch eine antibiotische Salbe. Ist die Infektion jedoch weiter fortgeschritten und hat sich bereits eine sogenannte Trichiasis entwickelt, hilft nur noch eine Operation.
Ein kurzer Eingriff, der für geschultes Fachpersonal nicht kompliziert ist. „Sie durchzuführen war hier allerdings bisher eine echte Herausforderung“, erinnert sich Berhanu. „Die alten Räume waren staubig, dunkel und viel zu klein.“ Seit der Anbau fertiggestellt wurde, verfügt Berhanu in den hellen Behandlungsräumen über ausreichend Platz. Zudem ist das Gesundheitszentrum mittlerweile an das städtische Wasserversorgungssystem Ijajis angeschlossen, das die Stiftung in der Stadt errichtet hat. „So können wir die Behandlungsräume und alle Operationsinstrumente jederzeit reinigen.“
Gegen die Blindheit
Zeleke schluckt. Er hat Angst, seine Arbeit zu verlieren. Der Familienvater arbeitet als Wächter an einer privaten Schule und finanziert so die Ausbildung seiner Kinder. Da er im Dunkeln noch schlechter sieht als tagsüber, mussten Kollegen in den Nachtschichten bereits für ihn einspringen. „Was ist, wenn es tagsüber auch nicht mehr funktioniert?“, fragt er besorgt.
„Soweit wird es nicht kommen“, beruhigt ihn Berhanu. Er gibt Zeleke eine Augensalbe gegen die Entzündung mit und vereinbart, dass er in einem Monat zur Kontrolle des Grauen Stars zurückkehrt. Ist dieser weit genug fortgeschritten, wird Berhanu ihn in die nächste Operationskampagne auf nehmen, die Menschen für Menschen regelmäßig in den Projektgebieten organisiert.
„Ich bin so froh, dass wir nun endlich besser behandelt werden können – und das direkt in unserer Nachbarschaft“, sagt Zeleke. Nicht nur er, sondern viele weitere große und kleine Patientinnen und Patienten hoffen auf eine schnelle Genesung. In Ijaji und Alga rückt die Erfüllung dieses Wunsches ein gutes Stück näher.