Mimi und die anderen Kinder des Abdii-Borii Kinderheims sind draußen am Seilspringen. Sie haben Spaß.

Kindern eine Kindheit schenken

Kindern eine Kindheit schenken

Im Abdii-Borii-Kinderheim

Bevor Mädchen und Jungen ins Kinderheim Abdii Borii einziehen, wuchsen sie oft in zerrütteten Familien auf, wurden als Säuglinge ausgesetzt oder verloren früh ihre Eltern. Im Heim von Menschen für Menschen können sie dank Fürsorge, Förderung und Freundschaft endlich Kinder sein – und Pläne für ihre Zukunft schmieden.

Nach ein paar Mal üben klappt es: Ohne, dass jemand stolpert, hüpfen alle vier Kinder gleichzeitig über das Seil. „Hopp“, schreit jemand. „Hopp, Hopp.“ Die siebenjährige Mimi Getachew Adema lacht laut auf, ihre Zahnlücke blitzt hervor. „Du bist dran“, ruft sie einem Jungen zu und lässt sich außer Atem auf den Bordstein des schattigen Weges fallen. Jetzt, unmittelbar nach dem Mittagessen, tummeln sich die Mädchen und Jungen, die im Abdii-Borii-Kinderheim eine Bleibe gefunden haben, auf dem weitläufigen Außengelände. Einige spielen Fußball, die Jüngeren zwischen den Büschen Fangen, eine Gruppe Jugendlicher hockt kichernd zusammen. Mehr als 100 Kinder leben aktuell in der Einrichtung, die Menschen für Menschen vor knapp 30 Jahren in der Kleinstadt Mettu im Westen Äthiopiens gegründet hatte. Bis heute bietet sie den Bewohnerinnen und Bewohnern ein liebevolles Zuhause, das ihnen höchstwahrscheinlich sonst verwehrt geblieben wäre. Die Eltern vieler Kinder sind gestorben oder können sich aufgrund chronischer Krankheit oder schwieriger Lebensumstände nicht um sie kümmern. Andere wurden als Babys vor den Toren des Heimes abgelegt. Ohne Hinweise auf ihre Herkunft.

Mimi kam mit gerade einmal fünf Tagen ins Heim. Ihre noch sehr junge Mutter ließ sie nach der Geburt im Krankenhaus zurück. Zuvor hatte sie den Krankenschwestern erzählt, dass sie vergewaltigt worden war und nicht für ihre Tochter sorgen könne. „Als sie bei uns ankam, weinte Mimi sehr viel“, erinnert sich Aminat Jemal. „Doch schon nach ein paar Tagen ging es ihr viel besser.“

Mimi Getachew hat im Abdii-Borii Heim ihr Zuhause gefunden
Mimi hat im Abdii-Borii Heim ihr Zuhause gefunden.

Aminat ist eine der „Mütter“ in Abdii Borii, wie die Erzieherinnen hier genannt werden. Immer vier von ihnen betreuen bis zu 40 Kinder. Gemeinsam leben sie als „Familien“ in vier separaten Wohnhäusern. Wenn Kinder wie Mimi als Säuglinge nach Abdii Borii kommen, ist es einfacher, sie an das Leben im Heim zu gewöhnen: Die Mütter kuscheln mit ihnen, singen sie in den Schlaf, waschen, wickeln und füttern sie. Später wachsen sie ganz selbstverständlich mit ihren Geschwistern auf, den anderen Heimkindern. An ihre Eltern erinnern sie sich nicht mehr. Kommen jedoch ältere Kinder, gliedern sie sich schwerer ein. Plötzlich gibt es geregelte Essens- und Schlafenszeiten, neue Verhaltensregeln fordern sie heraus, die Traumata ihres bisherigen Lebens belasten sie. „Eigentlich nehmen wir daher kein Kind auf, das älter als sechs Jahre alt ist“, erklärt Heimleiter Abebe Wolde. „Nur manchmal machen wir eine Ausnahme.“

Mit den Geschwistern ins Heim

So wie bei Gemechu Bekele. Mit sieben kam er ins Heim, mit seiner sechsjährigen Schwester und dem damals einjährigen Bruder. Sie wuchsen in einem Dorf in der Nähe von Mettu auf. Als ihre alleinerziehende Mutter schwer krank wurde, brach Gemechu die Schule ab: Er holte Feuerholz und Wasser, fütterte und wusch seine Geschwister und versuchte, die Familie ohne das Einkommen der Mutter durchzubringen. Als sich ihr Zustand verschlechterte, brachten Nachbarn sie und die Kinder in das Krankenhaus in Mettu. „Ich besuchte meine ältere Schwester in der Klinik. Da fielen mir die stark unterernährten Kinder im Garten auf“, erinnert sich Abebe Wolde. Er erkundigte sich beim Personal und erfuhr, das bei der jungen Frau Leberkrebs im fortgeschrittenen Stadium diagnostiziert wurde. Wenig später starb sie. „Keine ihrer Verwandten konnte für die drei Waisenkinder sorgen“, berichtet Abebe Wolde. Vor allem Jungs in Gemechus Alter würden andere Gemeindemitglieder meist nicht bei sich aufnehmen wollen.

Der Heimleiter kümmerte sich um die Versorgung der mangelernährten Kinder, die Mütter befreiten Gemechu von Sandflöhen an Händen und Füßen. Die Parasiten hatten sich unter den schlechten hygienischen Bedingungen, in denen der Junge bisher lebte, ausgebreitet und Hautentzündungen sowie Schmerzen verursacht. „Ich freue mich, dass wir endlich genug Essen, sauberes Wasser und Klamotten haben“, sagt der heute Achtjährige.

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Drei Kinder, dasselbe Schicksal: Ihre Mutter starb an Krebs.

Er und seine Geschwister kamen zu verschiedenen Familien im Heim. „Sie sollen so neue Freunde finden und sich nicht ständig gegenseitig an ihr Trauma erinnern“, erklärt Abebe Wolde. Obwohl er seine Schwester und den Bruder stets im Blick hat, kann Gemechu die Verantwortung für sie heute viel besser abgeben. Er ist noch immer etwas nachdenklicher und ruhiger als andere im Heim, doch der Kontakt zu Gleichaltrigen hilft ihm. Ist er traurig, hören sie ihm zu, trösten oder lenken ihn ab. „Alle Kinder hier haben ähnliche Schicksale“, erklärt Aminat Jemal. „Sie wissen viel besser als wir Erzieherinnen, was in welcher Situation am besten hilft.“ Gemechu, der am liebsten Lkw-Fahrer werden möchte, geht in Mettu mittlerweile wieder zur Schule. Er besucht die erste Klasse. So wie Mimi. „Sie hat Spaß, auch wenn sie nicht die fleißigste ist“, erklärt Aminat und schmunzelt. Die Mütter kennen ihre Zöglinge: „Wir sehen ihre Stärken und was sie gerne mögen. Manchmal malen wir uns aus, was sie einmal werden.“ Mimi binde sich zum Beispiel oft aus ein paar Kleidungstücken ein Stoffknäul-Baby, das sie untersucht und mit Verbänden und Impfungen versorgt. „Wer weiß, vielleicht wird sie einmal Ärztin?

Perspektiven aufzeigen

Andere entdecken über ihre Aufgaben und das Angebot im Heim ihre Leidenschaft. Jedes Kind ab 13 Jahren hat regelmäßig Küchendienst, sie lernen auf dem heimeigenen Acker viel über Gemüsezucht oder helfen im Hühnerstall. Es gibt Tanzkurse und eine Wellblechhütte beherbergt einen kleinen Frisörsalon und eine Tischlerei. Jeden Samstag findet hier ein Schreiner Workshop statt. Erst vor wenigen Minuten hat der Unterricht begonnen. Da greifen kleine Hände nach Handsägen auf einer Werkbank. „Langsam, langsam. Jeder kommt an die Reihe“, mahnt Tadesse Tefera seine jungen Kursteilnehmer. Der gelernte Tischler gibt das Training seit vielen Jahren ehrenamtlich. Die Kinder sollen lernen, sicher mit Werkzeug und größeren Maschinen umzugehen. „Gleichzeitig möchte ich ihnen Berufsperspektiven aufzeigen“, sagt der 42-Jährige. Mit Erfolg: Einige der früheren Teilnehmerinnen und Teilnehmer haben sich nach ihrem Auszug aus dem Heim selbständig gemacht, führen kleine Werkstätten in der Nachbarschaft. Dinkayehu Karl möchte denselben Weg einschlagen. Bereits als Neunjähriger nahm er an dem Kurs von Tadesse teil.

Wir haben seither vieles im Heim repariert: Stühle, Tische, Schränke“, sagt der 16-Jährige stolz. „Und sogar aufwendige Sofas und Betten für unsere Mütter gebaut.“ In einem Jahr ist Dinkayehu mit der Schule fertig. Dann möchte er eine technische Berufsschule besuchen und sich zum Schreiner ausbilden lassen. Menschen für Menschen wird ihn, wie alle Abdii-Borii-Kinder, für die Zeit seiner Ausbildung finanziell unterstützen.

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Vom Schüler zum Lehrer: Dinkayehu zeigt den Jüngsten wie sie richtig sägen.

Doch bis es soweit ist, unterstützt Dinkayehu als Assistenzlehrer jede Woche den Unterricht der nächsten Handwerkergeneration. „Stell deine Beine etwas breiter auseinander, damit du sicher stehst“, sagt er und zieht sanft an Mimis hinterem Fuß. Sie setzt die Handsäge auf das Stück Holz und legt los. Ihr Schnitt ist schief und ausgefranst, trotzdem klatschen alle, als sie fertig ist. „So war das bei mir am Anfang auch“, sagt Dinkayehu und tätschelt seiner kleinen Heimschwester den Kopf. Er ist sich wie alle hier sicher: Mimi wird ihren Weg gehen. Dank der glücklichen Kindheit, die ihr hier in Abdii Borii geschenkt wird.

Die Kinder bekommen in der Tischlerei von Tadesse Tefera eine Einführung
Immer samstags findet im Heim ein Tischler-Workshop statt: Die Kinder erlernen dabei Fähigkeiten und erkennen Berufsperspektiven.
Kinder im Abdii Borii Kinderheim
Die Seelen des Heimes: Dank der Mütter fühlen sich die Kinder geborgen.