Das Wunder von Agamisa
Auf der anderen Seite des staubigen Tisches steht, im weißen Kittel, Berhanu Workneh, 38, der Lehrer von Jemal und Hawa. An diesem Vormittag steht Englisch auf dem Stundenplan, also hat Berhanu eine Reihe von Worten an eine Tafel geschrieben, die er laut vorliest: „mother“, „father“, „brother“, „sister“. Während er spricht, macht er die passenden Zeichen in Gebärdensprache. So können ihm beide folgen: Hawa, die Lippen liest, Gesten folgt und sie imitiert. Und Jemal, der die Worte hört und nachspricht. Später nimmt er eine Punktschrift-Tafel und einen speziellen Griffel zur Hand und stanzt die Worte – von Hawas wachen Augen beobachtet – in Brailleschrift auf Papier. Jemal ist ein schüchterner Junge, aber auf Berhanus Frage nach seinen Lieblingsfächern weiß er sofort eine Antwort: „Englisch und Amharisch natürlich!“
Behinderungen sind tabu
Studien der Weltgesundheitsorganisation zufolge leiden mehr als 17 Prozent der Menschen in Äthiopien an körperlichen oder geistigen Einschränkungen – oft als Folge von Krankheiten, Unternährung, Krieg, Naturkatastrophen oder Unfällen. 85 Prozent dieser Menschen leben auf dem Land, 95 Prozent in Armut. Die Zahl der Schulkinder mit besonderem Unterstützungsbedarf soll zwischen anderthalb und drei Millionen liegen. Die Zahlen beruhen auf Schätzungen, denn offizielle Statistiken sind kaum zu erstellen: Behinderungen und manche Krankheiten sind in den von Traditionen geprägten ländlichen Regionen Äthiopiens tabuisiert. Nicht selten werden die Betroffenen von den eigenen Familienmitgliedern versteckt. Es ist ein Leben im Umkreis des Elternhauses ohne Teilhabe an der Dorfgemeinschaft. Ohne Freundschaften. Viele der Betroffenen landen irgendwann als Bettler auf der Straße.
Marode Schulgebäude
“Viele Bauernfamilien stellen den Wert von Schulbildung leider immer wieder in Frage”, erklärt Belete Assefa, 31. Er ist seit drei Jahren Rektor der Dorfschule von Agamisa und musste schon viele Gespräche mit Eltern führen, die ihre Kinder lieber auf dem Feld als weiter auf der Schulbank sähen. Nach der 8. Klasse sowieso, am liebsten aber schon früher. Belete kennt ihre Argumente, seine eigenen Eltern wollten auch nicht, dass er eine weiterführende Schule, rund 30 Kilometer entfernt von zu Hause, besucht. “Sie sagten mir Papier und Stifte kannst du nicht essen!” Mit der Unterstützung eines Onkels setzte er sich durch. “Heute sind meine Eltern froh darüber, denn ich kann sie finanziell unterstützen.” Mit seiner Geschichte hat Belete schon so manchen Bauern überzeugt, seine Kinder zur Schule zu schicken. “Natürlich kann nicht jedes Kind Schulrektor werden”, sagt Belete. “Aber Bildung trägt zur Persönlichkeitsentwicklung bei. Sie hilft Menschen, ihre Wünsche und Ziele zu erkennen und für sie einzutreten. Deshalb ist Bildung zentral für Entwicklung.”
Ein Schulplatz für jedes Kind
Früher war Jemal isoliert
Dann, vor zwei Jahren kam die Nachricht, dass er in Agamisa speziellen Unterricht erhalten kann. Dass die Schule Jemals Leben völlig verändern würde, hätte die Familie nicht für möglich gehalten. „Früher war er sehr isoliert“, erinnert sich die Mutter. Die anderen Kinder sprachen kaum mit ihm, dem Sonderling, der stets am Rockzipfel hing. „Doch seit er zur Schule geht, spielen sie mit ihm und helfen ihm, wo sie können. Er wirkt jetzt wirklich glücklich.“
Manchmal bleibt Jemal dennoch lieber im Haus. Dann beugt er sich über Bücher aus der Bibliothek und fährt stundenlang mit den Fingern über die Texte in Brailleschrift, liest einfache Geschichten auf Englisch oder Amharisch, probiert sich an Sachtexten über Biologie oder Geschichte. „Er weiß jetzt schon mehr als seine Eltern“, sagt Zinet und lächelt. Als sie ihren Sohn Jemal neulich fragte, was er einmal werden will, kam die Antwort prompt: „Lehrer“. Denkbar, dass Jemal eines Tages sehbehinderte Kinder in der Schule von Agamisa unterrichten wird. Dann würde ausgerechnet der Junge, der keine Feldarbeit leisten kann, seine Familie unterstützen können. Das wäre das nächste kleine Wunder von Agamisa.